Deutschlands prekäre Wachstums- und Produktivitätsentwicklung

Immer wieder war die unzureichende Produktivitätsentwicklung Thema bei bto:

Jobmaschine Deutschland – Rückgang der Produktivität

Produktivitätswachstum auf dem Stand von 1840

Kommt der große Produktivitätsschub?

McKinsey ist optimistisch, dass die Produktivität wächst

Eng damit verbunden ist das Thema der Zombifizierung:

Die Zombies von Europa

BIZ warnt vor Zombies

„Beware the zombies behind the world’s productivity problem“

Herr Prof. Dr. Dietram Schneider kam als Leser von bto auf mich zu, weil er sich die Gründe für den Rückgang der Produktivitätssteigerung genauer angesehen und dazu sogar ein Buch veröffentlicht hat: Deutschland – Produktivitätswüste und Zombie-Land“. Ich fand das so interessant, dass ich ihn gebeten habe, seine Erkenntnisse in einem Gastbeitrag zu veröffentlichen. Hier ist er:

Wachstum bildet die Basis, um Produktivitätsfortschritte zu erreichen. Und beide, Wachstum und Produktivität, sind zentrale Hebel für den Wohlstand eines Landes. Der Niederländer Petrus Johannes Verdoorn (1911-1982) hat sich als einer der ersten Ökonomen in fundierten empirischen Studien dem Zusammenhang zwischen Wachstums- und Produktivitätsentwicklung gewidmet. Wendet man Verdoorns Überlegungen von für Deutschland an, zeigt sich eine äußerst beklagenswerte Entwicklung – und zwar sowohl im Zeitverlauf als auch im Vergleich mit den EU-Mitgliedstaaten. Dieser Blog zeigt einige ausgewählte Ergebnisse aus einer umfassenderen Studie, die der Autor kürzlich unter dem Titel „Deutschland – Produktivitätswüste und Zombieland“ publiziert hat.

Die deutsche Wachstums- und Produktivitätsmisere

Bild 1 skizziert zunächst den Niedergang der Wachstums- und Produktivitätsentwicklung über einen Zeitraum von fast 50 Jahren anhand gleitender Zehner-Durchschnitte.

Eine ähnliche Korrespondenz ergibt sich bei der Gegenüberstellung des Produktivitäts- und Wachstumsverlaufs in vier gleichen Zeitabschnitten (Bild 2). Hier fällt der Niedergang der Produktivitätsraten noch weit stärker aus als derjenige der Wachstumsraten. Die Wachstumsraten sinken zwar, aber sie scheinen sich von T3 und T4 bei einem Wert von rund 1,4 % zu stabilisieren, während die Produktivitätsraten entlang der Zeitabschnitte deutlich bis auf 0,4 % in T4 und schließlich 0,1 % (2018) weiter abfallen. Die folgenden Ausführungen in Anlehnung an Verdoorn können hier zu einer Klarstellung beitragen und interessante – für Deutschland jedoch wenig erfreuliche – Einsichten liefern. Aber schon jetzt lässt sich durch das abnehmende Verhältnis zwischen Produktivitäts- und Wachstumsveränderung (z. B. 1,9 % zu 2,6 % in T2 versus 0,4 % zu 1,4 % in T4) vermuten, dass in Deutschland aus dem Wachstum leider immer weniger Produktivitätsfortschritte erzielt werden können.

 

Bild 2: Entwicklung der Wachstums- und Produktivitätsraten (Deutschland, 1971 – 2018)

Bild 3 zeigt nach dem Vorbild von Verdoorn die Regressionskurve, die sich aus der Gegenüberstellung der Wachstums- und Produktivitätsraten für Deutschland über die letzten knapp 50 Jahre ergibt. Außerdem sind darin verschiedene Verdoorn-spezifische Benchmarks eingetragen.

  • Basisproduktivität:Deutschland erreicht ohne Wachstum keine Produktivitätsfortschritte (Basisproduktivität = -0,01). In rezessiven Zeiten ist sogar mit einem Rückgang der Produktivität zu rechnen.
  • Kritische Wachstumsschwelle:Die kritische Wachstumsschwelle, also das Wachstum, ab dem überhaupt Produktivitätsfortschritte erzielbar sind, liegt ebenfalls bei 0 (+0,01).
  • Abstand zur kritischen Wachstumsschwelle:Im Durchschnitt über knapp 50 Jahre konnte Deutschland ein Wachstum von 2 % verzeichnen. Daraus ergibt sich ein Abstand zur kritischen Wachstumsschwelle von knapp 2 % (+1,99 %).
  • Wachstumsausschöpfungsgrad:Über den gesamten Zeitraum ergab sich ein durchschnittliches Wachstum von 2 % und eine durchschnittliche Produktivität von knapp 1,4 %. Der Wachstumsausschöpfungsgrad liegt daher bei knapp 70 % (rechnerisch 67 %).
  • Wachstumsbedarf:Der Wachstumsbedarf, um 1 % Produktivität zu erreichen, liegt bei knapp 1,5 %.

 

Bild 3: Verdoorn-Kurve und Benchmarks für Deutschland (1971 – 2018)

Über den Gesamtzeitraum mag die Entwicklung Deutschlands noch erträglich erscheinen. Anhand der oben eingeführten Zeitabschnitte ergeben sich jedoch deutliche Hinweise für die deutsche Produktivitätsmisere. Mit Ausnahme des zweiten Zeitabschnitts hat sich die Situation bis zum aktuellen Zeitraum (2007–2018) kontinuierlich verschlechtert. Dieser Abwärtstrend ist (trotz der durch die fünf übereinandergelegten Kurven entstehenden Komplexität) bereits durch einen groben Blick auf die jeweiligen zeitabschnittsbezogenen Verdoorn-Kurven erkennbar (Bild 4).

 

Bild 4: Verdoorn-Kurven für Deutschland – verschiedene Zeitabschnitte

Vom ersten (T1: 1971–1982) auf den zweiten Zeitabschnitt (T2: 1983–1994) konnte Deutschland die Verdoorn-Kurve zwar auf ein höheres Niveau heben. Dies ist jedoch vor allem auf die Sondereffekte in den Jahren 1989 bis 1992 durch die Wiedervereinigung zurückzuführen. Seitdem hat sich das Niveau der Verdoorn-Kurven stark nach unten verschoben. Die Verdoorn-Kurve für den jüngsten Zeitraum (T4) von 2007 bis 2018 liegt sowohl weit schlechter als diejenigen der vorhergehenden Zeitabschnitte als auch deutlich unterhalb der Verdoorn-Kurve, die sich über den gesamten Betrachtungszeitraum von 1971 bis 2018 ergibt. Bereinigt man nachrichtlich und aus Gründen der Reduzierung der Komplexität Bild 4 derart, dass nur noch der beste Zeitabschnitt (T2) mit dem jüngsten Zeitabschnitt (T4) verglichen wird, so zeigt sich, wie eklatant der Niedergang war (Bild 5):

Bild 5: Verdoorn-Kurven für Deutschland – T4 versus T2

Die prekäre Entwicklung der Produktivität verdeutlichen auch die für Verdoorn-Studien typischen Benchmarks (Bild 6):

 

Bild 6: Verdoorn-Benchmarks für Deutschland – die schleichende Prekarisierung der Produktivität

Ab dem zweiten Zeitabschnitt und im Vergleich zum gesamten Betrachtungszeitraum von T1 bis T4 offenbaren sich jeweils sehr deutliche Verschlechterungen. Zwischen T2 und T4 ist die Basisproduktivität fast um zwei Prozentpunkte abgesackt. Verdoorn-analytisch interpretiert ist dies ebenso als „Drama“ zu qualifizieren, wie der extreme Anstieg der kritischen Wachstumsschwelle. Im Verbund mit rückläufigen Wachstumsraten hat dies zu einem Schrumpfen des Abstands zur kritischen Wachstumsschwelle von derzeit nur noch kläglichen 0,44 % geführt. Außerdem braucht Deutschland inzwischen mindestens ein Wachstum von +1 %, um überhaupt Produktivitätsfortschritte zu erreichen. Liegt es darunter, so ist mit Produktivitätsverlusten zu rechnen. Diese Situation ist angesichts der sich eintrübenden Konjunktur (das Wachstum in den nächsten zwei Jahren wird diese 1 %-Marke nicht erreichen) zu erwarten.

Überdies sollte man annehmen, dass die Verantwortlichen im Management von Unternehmen und in der Politik bei sinkenden Wachstumsraten alle Anstrengungen darauf richten, die anfallenden „Wachstumskrümel“ umso stärker für die Gewinnung von Produktivitätsfortschritten umzusetzen. Schließlich sollte niedriges Wachstum „Leidensdruck“ generieren, um verstärkt an der Produktivität zu arbeiten. Aber offensichtlich ist genau das Gegenteil der Fall. Der Wachstumsausschöpfungsgrad befindet sich sogar in einem Sinkflug. Wenn man allerdings bei Wachstumsraten von 1,4 % weithin hörbar und eingelullt von Illusionen und euphorisiert durch den Rückgang der Arbeitslosenzahlen (freilich unter Inkaufnahme einer Zunahme prekärer bzw. atypischer Beschäftigung) sich nicht scheut, von einem Konjunkturboom zu sprechen, so darf man sich als kritischer Beobachter darüber nicht wundern. 

Die längsschnittanalytischen Ergebnisse geben weder Anlass zur Freude noch Anlass für zukünftigen Optimismus. Eher ist das krasse Gegenteil der Fall. Frei von jedem Pessimismus muss man angesichts der Fakten von einer über Jahre anhaltenden Prekarisierung sprechen. Diese unerfreuliche Situations- und Entwicklungsdiagnose wird durch den Vergleich mit den 28 EU-Mitgliedstaaten noch weiter eingetrübt. Um den verschiedenen ökonomischen und politischen Verhältnissen gerecht zu werden sowie die Dauer der EU-Mitgliedschaft zu berücksichtigen, ist für ein Benchmarking auf EU-Ebene eine Trennung in „ältere“ und „neuere“ EU-Länder erforderlich (Bild 7):

Bild 7: Segmentierung in ältere und neuere EU-Mitgliedstaaten

Die für die folgenden Verdoorn-Analysen erforderlichen Daten bietet EUROSTAT ab dem Jahr 2007. Der für die Verdoorn-Analysen der EU-28-Mitgliedstaaten heranziehbare Zeitraum reicht inzwischen von 2007 bis 2018. Er entspricht damit genau der vierten Zeitspanne (T4), die für die Konstruktion der Verdoorn-Kurven und die Ableitung der einzelnen Benchmarks für Deutschland gebildet wurde.

Für den Zeitabschnitt T4 (2007 – 2018) gibt Bild 8 jeweils unterteilt in die zwei EU-Segmente sowie im Vergleich zu Deutschland einen Überblick über die fünf bereits genutzten Benchmarks. Insgesamt schneiden die neueren Mitgliedstaaten stets besser als die älteren EU-Länder ab. Die Basisproduktivität ist bei den neueren Mitgliedstaaten mit +0,5 % weit höher als diejenige der älteren Mitgliedstaaten, die sogar einen negativen Wert aufweisen (-0,29 %). Die kritische Wachstumsschwelle liegt mit einem Wert von rund -1,5 % um mehr als 2 %-Punkte besser als diejenige der älteren Mitgliedstaaten (+0,7 %). Die neueren Beitrittsländer erzielen folglich selbst dann noch Produktivitätsfortschritte, wenn die Konjunktur einbrechen sollte. Die älteren Mitgliedstaaten brauchen dagegen mindestens ein Wachstum von +0,7 %, um überhaupt positive Produktivitätseffekte zu erreichen, was angesichts der Wachstumsprognosen für viele der älteren Länder eine Gratwanderung sein dürfte.

Ähnlich Ergebnisse ergibt der Vergleich der neueren EU-Länder mit der Entwicklung Deutschlands. Angesichts der bisherigen Ausführungen zur (prekären) deutschen Produktivitätsentwicklung und der Zugehörigkeit Deutschlands zu den älteren Mitgliedstaaten war dieser Befund zu erwarten. Allerdings erscheint es doch überraschend, dass Deutschland bei drei der fünf Benchmarks sogar im Vergleich mit den älteren Mitgliedstaaten klar schlechter abschneidet. Nur beim Abstand zur kritischen Wachstumsschwelle besteht ein minimaler Vorteil gegenüber den älteren Mitgliedstaaten (+0,44 % versus +0,42 %). Einen ebenso kaum nennenswerten Vorteil hat Deutschland beim Wachstumsbedarf gegenüber den älteren EU-Ländern (+2,12 % versus 2,39 %), der jedoch mit Blick auf die gegenwärtigen und zukünftigen Wachstumsraten sowieso obsolet geworden ist:

Bild 8: Verdoorn-Benchmarks für Deutschland im Vergleich mit EU-Mitgliedstaaten (2007 – 2018)

Um einen möglichst ganzheitlichen Überblick über die Positionierung Deutschlands im Reigen der EU-Mitgliedstaaten zu erreichen, baut das Ranking in Bild 9 auf insgesamt sieben produktivitätsrelevanten Kriterien auf: Basisproduktivität, kritische Wachstumsschwelle, Abstand zur kritischen Wachstumsschwelle, Wachstumsausschöpfungsgrad, Wachstumsbedarf, durchschnittliches Wachstum und durchschnittliche Produktivitätsrate (T4, 2007 – 2018).

 


Bild 9
: Gesamtranking der EU-28-Mitgliedstaaten

Trotz Berücksichtigung aller genannten Benchmarks bleibt es dabei: Die Position Deutschlands verbessert sich kaum. Mit Rang 22 bleibt Deutschland im letzten Viertel der EU-28-Mitgliedstaaten. Die neueren EU-Staaten profitieren bei diesem Ranking vor allem von ihrem i. d. R. höheren Wachstum, der höheren Basisproduktivität und vom höheren Wachstumsausschöpfungsgrad. Sie bilden ihrerseits gute Grundlagen für eine vordere Ranking-Platzierung bei der kritischen Wachstumsschwelle sowie beim Abstand zur kritischen Wachstumsschwelle. Insofern korrelieren die oben genannten sieben Kriterien miteinander positiv, wodurch die neueren EU-Mitgliedstaaten insgesamt begünstigt werden. Für die beklagenswerte deutsche Positionierung sollte dies jedoch keine Entschuldigung sein. Schließlich gibt es mehrere ältere EU-Mitgliedstaaten, die weit besser abschneiden als Deutschland. Andererseits bescheinigen die Ergebnisse den neueren EU-Mitgliedstaaten einen eindrucksvollen Aufholprozess gegenüber den älteren EU-Ländern.

Kritisch anzumerken ist allerdings die bisherige Vernachlässigung des Produktivitätsniveaus. Aus einer ökonomischen Perspektive ist davon auszugehen, dass es bei einem geringeren Niveau leichter fällt, höhere Zuwachsraten beim Wachstum und bei der Produktivität zu erzielen, was sich auch bei Verdoorn-spezifischen Benchmarks positiv bemerkbar macht – und umgekehrt bei höherem Produktivitätsniveau, wodurch die Verdoorn-Benchmarks eher restriktioniert werden. Insofern ist eine analytische Integration des Produktivitätsniveaus erforderlich. Bild 10 zeigt hierfür an der Abszisse die Positionierung der EU-Länder im obigen Gesamtranking und an der Ordinate das Produktivitätsniveau.

  

Bild 10: Positionierung der 28 EU-Mitgliedstaaten im Portfolio aus Gesamtranking (Abszisse) und Produktivitätsniveau (Ordinate)

Deutschland liegt klar erkennbar unter der Winkelhalbierenden. Die nächsten Nachbarn sind das Vereinigte Königreich, Österreich, Italien und Finnland. Deutlich besser positioniert ist der „Ausreißer“ Irland. Auch die älteren EU-Mitgliedstaaten Dänemark, Frankreich, Schweden und die Niederlande weisen eine günstigere Position als das EU-Gründungsland Deutschland auf. Mit einem nur minimal schlechteren Ranking schneidet Belgien angesichts des vergleichsweise höheren Produktivitätsniveaus ebenfalls besser als Deutschland ab. Bulgarien, die Vierergruppe um Lettland und die Fünfergruppe um Kroatien, die bis auf Portugal alle den neueren EU-Mitgliedstaaten angehören, liegen beim Produktivitätsniveau zwischen 20 und knapp 60 (Bulgarien) Indexpunkte schlechter als Deutschland. Allerdings haben diese neuen EU-Mitglieder beim Ranking einen Vorsprung vor Deutschland von immerhin 50 bis fast 120 Punkten.

Die Botschaft an die Verantwortlichen in Deutschland fällt damit insgesamt sehr klar und nachdrücklich aus: Ein leichter Anflug einer gezügelten Freude über das derzeitige Produktivitätsniveau ist vielleicht noch gestattet. Eine ernste Miene sollte jedoch unverzüglich auf dem Fuße folgen. Denn selbst beim Produktivitätsniveau nimmt Deutschland mit dem elften Platz inzwischen nur noch eine mittelklassige Position ein. Das Produktivitätsniveau ist überdies extrem gefährdet und stellt letztlich nur eine Errungenschaft der Vergangenheit dar. Ein Ausruhen auf dem erreichten Niveau käme einem weiteren Abstieg Deutschlands gleich. Das verlaufsorientierte und für die Zukunft entscheidende Ranking zeigt schonungslos, dass ein nachhaltiges Gegensteuern erforderlich ist, will Deutschland in Europa nicht die Zukunft verlieren und nach unten durchgereicht werden.

Dass damit Nachteile für die Wettbewerbsfähigkeit verbunden sind und unser Wohlstand bedroht wird, liegt auf der Hand – von der Bewältigung der vielen anstehenden Probleme und Herausforderungen, vor denen Deutschland (aber letztlich ganz Europa) steht, ganz zu schweigen. Die Liste reicht von Handels- und Zollkonflikten, der Dekonstruktion und Rekonstruktion der Weltordnung mit zum Teil militärischen und paramilitärischen Interventionen und Auseinandersetzungen, über das Erstarken politisch extremer Randgruppen sowie der Integration von Flüchtlingen und Migranten bis zum klimafreundlichen Umbau der Industriestrukturen und der Energieversorgung sowie der Bewältigung des demografischen Wandels mit seinen Gefährdungen für die sozialen Sicherungssysteme.

Schon in einer Wachstumsphase und in Zeiten einer erfolgreichen Produktivitätsentwicklung wäre die „Lösung“ dieser Probleme eine Mammutaufgabe und ambitioniert genug. Von einer wirklichen „Lösung“ dieser Probleme kann ehrlicherweise vermutlich keine Rede mehr sein, wenn es „Lösungen“ überhaupt je gab. Neben einem zu befürchtenden Crash ist bestenfalls von einer – irgendwie und höchstwahrscheinlich inkrementalistisch gearteten – „Handhabung“ auszugehen, die an Lindbloms Durchwursteln erinnert. Denn die Liste der Probleme droht nun in ein stagnativ-rezessives Stadium der Wachstums- und Produktivitätsentwicklung zu fallen. Sie entzieht Deutschland schon heute – und zukünftig noch mehr – die Kraft und die Mittel, um erfolgreich und vorausschauend sowie aus einer Position der Stärke heraus agieren zu können.

Ursachen des Niedergangs der Produktivitätsentwicklung

Die Ursachen für die Prekarisierung der Produktivitätsentwicklung sind vielfältig und komplex. Zunächst gibt es drei Effekte, die zwangsläufig schon rein rechentechnisch-statistisch zu einer Absenkung von Wachstum und Produktivität führen:

  • Auf- und Ausbau der Low-Level-Dienstleistung
  • Mobilisierung „letzter“ Arbeitskräftereserven und sinkende Grenzproduktivitäten
  • Migration (Flüchtlinge, Asylsuchende)

Der u. a. aufgrund des demografischen Wandels nötige und gesellschaftlich begrüßenswerte Ausbau des Dienstleistungssektors im Low-Level-Bereich (z. B. Pflege, Betreuung) führt zu einer rechnerisch-statistischen Absenkung der Produktivität. Denn in diesen Beschäftigungsbereichen bleibt die Produktivität in aller Regel hinter dem volkswirtschaftlichen Gesamtdurchschnitt (gemessen beispielsweise mittels Wertschöpfung pro Erwerbstätigen). Daher sinkt mit zunehmendem Ausbau dieses Sektors die durchschnittliche Produktivität.

Andererseits ist die verstärkte Mobilisierung „letzter“ Arbeitskräftereserven zu nennen. Die damit ermöglichte Abmilderung des Fach- und sonstigen Arbeitskräftemangels ist zwar ebenso gesellschaftlich und besonders hinsichtlich der Absenkung von Arbeitslosenzahlen zu begrüßen wie der Ausbau des genannten Low-Level-Dienstleistungssektors. Gemessen an den dadurch erreichbaren Wachstumsraten des BIP oder bezogen auf die Produktivität (Wertschöpfung pro Erwerbstätigen) stellen sich hierdurch jedoch im Vergleich zum volkswirtschaftlichen Gesamtdurchschnitt klare (rechnerisch-statistische) Nachteile ein. Aus einer wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive handelt es sich um sinkende Grenzproduktivitäten, wie sie aus dem sogenannten faktortheoretischen Ansatz der Ökonomie bekannt sind.

Ein weiterer Effekt, der eine Bewegung in die gleiche Richtung bewirkt, ergibt sich durch die Zuwanderung. Die Migrationsströme in den letzten Jahren speisten sich kaum durch qualifizierte Zuwanderung. Sondern es handelte sich überwiegend um Asylsuchende und Flüchtlinge aus den Krisenherden dieser Welt. Ihre schrittweise Integration in den Arbeitsmarkt und die Integrationsleistungen Deutschlands sind trotz der vielfachen Kritik anzuerkennen; und sie haben Deutschland viel Sympathie eingebracht. Andererseits muss man angesichts des durchschnittlich relativ geringen Qualifikationsniveaus und der überwiegenden Beschäftigung im Niedriglohnbereich konzedieren, dass die Arbeitsproduktivität der in den letzten Jahren zugewanderten Menschen relativ gering ist. Dadurch ergibt sich im Durchschnitt über alle Erwerbstätigen in Deutschland wiederum eine weitere Reduktion der Produktivität. Überdies ist bekannt, dass eher schlecht qualifizierte Arbeitnehmer im Vergleich zu besser und höher qualifizierten Arbeitnehmern in stagnativ-rezessiven Zeiten besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dadurch könnten bereits weitgehend als gelöst angesehene Integrationsprobleme wiederbelebt und zusätzliche Belastungen für die sozialen Sicherungssysteme provoziert werden.

Daneben gibt es ein tiefer liegendes Ursachenbündel:

a) Illusionen auf hohem Niveau und latente Dekadenz

b) Lohnzurückhaltung und fehlender Investitionsleidensdruck

c) Mängel in der Infrastruktur und Investitionsstau

d) Wegfall von Auf- und Abwertung und Erosion der Produktivitätsanstrengungen

e) billiges Geld und Zombie-Unternehmen

a)  Trotz der vielen negativen Signale, die den Standort Deutschland und seine Wettbewerbsfähigkeit in ein kritisches Licht stellen, halten sich mit hoher Hartnäckigkeit immer noch die Meta-Erzählungen vom „reichen Land“ (zu einer Kritik vergleiche die vielen Hinweise von Daniel Stelter), von der ökologischen „Vorbild- und Vorreiterrolle“ sowie von der „Lokomotivfunktion“ Deutschlands für die europäische und für die weltweite Wirtschaft. Sie werden besonders von den politischen Eliten gepflegt, um u. a. das Erreichen ihrer eigenen (politischen) Ziele zu befördern und die Bevölkerung zu beschwichtigen. Hinzu kommen die – sicherlich begründbaren – Verweise auf die erbende Generation. In Deutschland wird jährlich ein Vermögen von rund 400 Mrd. Euro vererbt. Dass solche Botschaften (Selbst-) Überschätzungen und Anflüge von Dekadenz – gerade auch beim Nachwuchs – provozieren, unter denen Effizienz-, Leistungs- und Produktivitätsgedanken aus dem Blick geraten, versteht sich von selbst. Die auf hohem Niveau oft erkennbaren Sättigungs- und Degressionseffekte für die Produktivität stehen daher insoweit in der Gefahr, durch derart geschürte Illusionen zusätzlich befeuert zu werden.

b)  Ein Gutteil der Illusionen und der mitunter sehr selbstbewusst vorgetragenen Meta-Erzählungen beruht auf dem erfreulichen und sogar häufig euphorisierend wirkenden Rückgang der Arbeitslosigkeit in den letzten rund 15 Jahren. Arbeitsmarktpolitisch waren es die erfolgreichen – wenn-gleich bis heute umstrittenen – Weichenstellungen der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder und den nach Peter Hartz benannten Arbeitsmarktreformen (Hartz-Reformen), denen es zu verdanken ist, dass die Arbeitslosenzahl von rund fünf Millionen (2005) auf inzwischen ca. 2,3 Millionen gesenkt werden konnte. Wo viel Licht ist, ist aber auch viel Schatten. Dazu gehört der anhaltende Anstieg der atypischen Beschäftigung (Mini- und Midi-Jobber, Ich-AG, befristet Beschäftigte etc.). Während der Anteil dieser Beschäftigten 1991 bei den Frauen mit 3,2 Mio. noch rund 24 % ausmachte, lag er 2018 mit ca. 5,1 Mio. bei knapp 32 %. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil bei den Männern von 1,2 Mio. (7 %) auf 2,4 Mio. (14 %). Mit dem Aufkommen und dem Ausbau dieser Beschäftigungsverhältnisse geriet auch das Normalarbeitsverhältnis unter Druck. Zusammen mit dem willkommenen und dem vor jeder Tarifrunde von der Arbeitgeberseite stets bemühten Verweis auf die Wettbewerbsverhältnisse, denen die deutsche Industrienation (mit seiner auf den Export fixierten Industrie) ausgesetzt ist, wirkte dies auf der Arbeitnehmerseite im Zuge von Tarifverhandlungen wie ein dämpfender Disziplinierungsmechanismus. Trotzdem wurden auch von Vertretern der Gewerkschaften die Abschlüsse gerne als Erfolge dargestellt – und in opportunistischer Manier bei der Verkündung der Verhandlungsergebnisse häufig verschwiegen, dass durch die Laufzeitverlängerungen über ein Jahr hinaus (z. B. 14, 15 oder 16 Monate) die jährliche Steigerung geringer ausfielen als die vollmundig verkündeten Prozentzahlen. Die induzierte Lohnzurückhaltung hat zwar zum Erhalt und zur Schaffung von Beschäftigung beigetragen. Aber die Lohnzurückhaltung hat gleichzeitig die betriebswirtschaftlichen Anreize bzw. den „mentalen Leidensdruck“ in den Managementetagen verringert, in Maschinen, Roboter oder neue digitale Technologien zu investieren. Diese wären jedoch für die Gewinnung von Produktivitätsfortschritten – vor allem für die Steigerung der Basisproduktivität – so wichtig gewesen.

c)  Die durch den Investitionsstau in Unternehmen ausgelösten Wachstums- und Produktivitätsbarrieren erfahren in den häufig thematisierten Mängeln in der deutschen Infrastruktur eine Flankierung. Dafür trägt vor allem die Politik Verantwortung. Betroffen vom Investitionsstau sind z. B. Straßen- und Bahnverkehr, Brücken, Bildung, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Internet. Hinzu kommen die besonders anlässlich der Klagen über die Miet- und Wohnungssituation als nicht ausreichend erachteten Wohnungsbauaktivitäten. Dafür werden jedoch oft nicht die fehlenden finanziellen Mittel als Ursachen genannt, sondern das fehlende Personal in den Bauämtern und die u. a. dadurch und im Verbund mit dem Dickicht an Bauvorschriften ausgelösten Verzögerungen bei der Planung und Beantragung der Projekte. Klagen über den Investitionsstau auf den verschiedenen Gebieten sind sowohl aus der Bevölkerung als auch von Unternehmensvertretern, und Forschungs- und Beratungsinstituten gegenüber den politisch Verantwortlichen immer wieder zu vernehmen. Denn sie befürchten berechtigterweise negative Folgen für die Produktivität und das Wachstum. Beispielsweise soll allein der Investitionsstau der Deutschen Bahn bei 57 Mrd. Euro liegen, während sich die überfälligen Investitionen der deutschen Städte und Gemeinden auf rund 160 Mrd. Euro belaufen sollen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind die investiven Ausgaben in Deutschland in den letzten Jahren auf nur noch rund 2,2 % gefallen. Dagegen haben die Staaten der Industrieländerorganisation OECD mehr als 3 % des Bruttoinlandsprodukts für Investitionen ausgegeben.

d)  Für die Abschmelzung des „Leidensdrucks“ – bei den politischen wie bei den wirtschaftlichen Führungseliten – hat außerdem die Ablösung der Deutschen Mark durch den Euro gesorgt. Der Euro hat es weniger wettbewerbsfähigen Ländern im Euro-Raum verwehrt, eine Abwertung ihrer Landeswährungen vorzunehmen, um gegebenenfalls hierdurch ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern zu erhöhen. Im Gegenzug konnte bzw. musste Deutschland im Vergleich zu DM-Zeiten gegenüber diesen Ländern keine Aufwertungen betreiben. Seit fast 20 Jahren werden dadurch deutsche Unternehmen der Exportindustrie und ihre Zulieferer gegenüber ausländischen Anbietern (indirekt währungspolitisch) unterstützt. Es liegt also eine ähnliche subventionierende Wirkung für die deutsche Exportindustrie vor, wie durch die Lohnzurückhaltung. Damit unterblieben Anstrengungen, durch Investitionen in neue Technologien und/oder durch Programme zur Effizienzsteigerung die Produktivität (und dabei vor allem die Basisproduktivität) anzuheben. Durch das Ausbleiben des Aufwertungsdrucks und das „billige Geld“ sank auf politischer wie auf unternehmerischer Seite die Motivation (bzw. der „Leidensdruck“), Investitionen in neue Technologien oder Infrastruktur zu leisten oder sonstige Maßnahmen zur Steigerung von Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit oder des Wachstums einzuleiten.

e)  In enger Verbindung mit der Einführung des Euro und der hoch verschuldeten Staaten – sowie den späteren Euro-Rettungsorgien – stehen die seit Jahren anhaltende Zinsflaute und die damit ausgelöste Politik des „billigen Geldes“ der Europäischen Zentralbank. Dies hat einerseits dazu geführt, dass der realwirtschaftliche Bereich gegenüber dem Finanzbereich in den Hintergrund rückte. Dass damit Effizienz- und Produktivitätsaspekte aus dem Blickfeld geraten, liegt auf der Hand. Andererseits ist damit eine Zombifizierung der Wirtschaft und schließlich der gesamten Gesellschaft eingetreten. Sie erweist sich u. a. für die Erhaltung und Ausweitung der Innovationsfähigkeit, für die Gewinnung von Produktivitätsfortschritten und für die dadurch intendierte Erzielung höherer Wachstumsraten nicht nur als Hemmschuh. Vielmehr scheint sie sich zu einer kaum noch zu bändigenden Abwärtsspirale auszuwachsen, wodurch die Angst vor einem bevorstehenden Crash geschürt wird.

Soweit Professor Dietram Schneider, dem ich für diesen Beitrag sehr danke. Ich finde es interessant, dass es eben doch eine Möglichkeit gibt, sich dem Thema analytisch und erklärend zu nähern. Es zeigt allerdings auch, dass wir uns keine großen Hoffnungen auf ein Produktivitätswunder machen können – zumindest nicht ohne einen grundlegenden Politikwandel.

 

 

 

 

Kommentare (38) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Joerg sagte:

    @Wie etwas aendern?

    Was haltet ihr von folgender konzertierten Aktion?

    Private (Ziel: 10-20% leitender Angestellter/Beamter):
    – Ansparen eines pers. Polsters
    – Verabredet auf Teilzeit/Sabbatical/unbezahlter Urlaub wechseln (so 3-6 Monate muesste genuegen)
    – Prinzip: Steuer- und Abgabenfluss vermindert sich drastisch

    Selbstaendige (hier reichen ggfls 5-10% der Firmen)
    – allen Vollzeitlern anbieten nur noch minimal Teilzeit zu arbeiten
    – Herunterfahren der Geschaeftstaetigkeit auf ein Minimum (so 3-6 Monate muessten genuegen)
    – Prinzip: Steuer- und Abgabenfluss vermindert sich drastisch

    Egal, wer regiert, muesste einknicken, und etwas aendern, oder?
    LG Joerg

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    • Avatar
      Dietram Schneider sagte:

      Sehr geehrter Jörg,
      dazu sollte meine Studie keinen Anlass bieten. Außerdem glaube ich kaum, dass sich da viel ändert – und viele können und werden sich kaum anpassen. Außerdem gibt es da das Trittbrettfahrerproblem. Aber jeder Beteiligte/Betroffene sollte sich selbstverständlich in seiner eigenen Zelle optimieren. In der aktuellen Situation – in der der institutionelle Überbau wie auch seine Repräsentanten bzw. die Eliten in weiten Teilen versagen (und das ist für mich einer der Hauptgründe für die Produktivitäts-, Wachstums- und andere Miseren) findet sich der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen. Er wird sich nicht mehr für ein übergeordnetes Kollektiv interessieren, sondern sich selbst optimieren – auch zum Schaden des Kollektivs. Man spricht ja auch von der „Opportunismusdominanz“, die sämtliche Institutionen überwuchert.

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      • Avatar
        Joerg sagte:

        Sehr geehrter Dietram,
        vielen Dank.
        „In der aktuellen Situation – in der der institutionelle Überbau wie auch seine Repräsentanten bzw. die Eliten in weiten Teilen versagen“
        Das sieht von aussen (also von meiner unwissenden Milchmaedchen Position) so aus.
        Deshalb die Frage, aus der Gefangenen-Lager-Analogie (viele sind eingesperrt, wenig Waechter, eigentlich koennte ein Teil bei Zusammenschluss erfolgreich revoltieren, aber aus Angst selbst zu Schaden zu kommen, macht keiner was – alle sterben):
        – viele finden sich heute in einer Situation, die ihrer Meinung nach unschoen ist
        – wenige (Politiker/Parteien) scheinen alles zu kontrollieren (nicht im Sinne der Unzufriedenen)
        – durch Mehrheiten laesst sich nichts aendern (die meisten waehlen „falsch“?) bzw vielleicht ist Politik einfach zu komplex geworden?
        wir braeuchten mehr spezifische Experten in Regierungsverantwortung oder die Politiker muessten oefters machen, was ein Expertenrat vorschlaegt (tun sie aber nicht?!)
        – nun gibt es individuelle Reaktionen (Wegzug), Leistungs-Anpassung (nach unten) aber eigentlich ist es ja schade um die Gesellschaft, das Land
        – wie also kaempfen/Aenderungen erzwingen?
        – die Eliten tragen weit ueberproportional zur System-Veranstaltung bei (Steuern, Sozialabgaben), da bestuende ein Hebel: wenn man sich auf private Kosten als Kollektiv zu (voruebergehenden) Einschraenkungen (Teilzeit-Arbeit, unbez. Urlaub, Pflege Angehoeriger …) durchringen koennte.
        Es kostet ein bisschen etwas, aber v.a. es gibt keine Garantie, dass es „ausserhalb des Lagers“ (System-Aenderung, neue Politiker) besser wuerde …?
        Andere Ideen fuer „Change“?
        LG Joerg

      • Avatar
        JürgenP sagte:

        „ (…) vielleicht ist Politik einfach zu komplex geworden? wir braeuchten mehr spezifische Experten in Regierungsverantwortung (…)“

        Richtig,

        Komplexitätsentwicklung ist das Kernproblem des Systems „Politik“ – genauer des Regelsystems zur Lenkung von Prozessen, die dem Erhalt der Gemeinschaft von Menschen innerhalb von definierten Grenzen dienen. Mehr Experten, die mit diesem Phänomen wirklich umgehen können, gehören in Regierungsverantwortung – auf allen Ebenen. Wenn uns schon Klempner und Installateure für die sog. Energiewende fehlen, so gilt das in besonderem Maße für „Fachkräfte“ des Komplexitätsmanagements auf allen Ebenen.

        Wird DAS Problem nicht gelöst, so wird gar kein Problem gelöst und es zombifiziert Wirtschaft und Gesellschaft weiter vor sich hin. Die Wirkungen werden hier und an anderer Stelle in die Tiefe gehend seziert und kommentiert, während ein entscheidendes Phänomen, welches die Vielzahl der dargestellten Probleme auslöst, nicht diskutiert wird.

      • Avatar
        JürgenP sagte:

        @ Joerg,
        gemeint ist das Phänomen „Komplexität“. Um sich diesem anzunähern, hier drei Quellen:

        https://www.youtube.com/watch?v=m3QqDOeSahU [Prof. Kruse, Univ. Bremen]
        https://www.mariapruckner.com/ [Pruckner]
        https://www.malik-management.com/de/die-grosse-transformation21/ [Malik St. Gallen]

        Eine sehr gute Aufarbeitung findet sich auch hier:
        https://blog-conny-dethloff.de/?tag=komplexitat [Dethloff]

        Ich hoffe, die vier Quellen genügen, um zu verstehen, dass wir es zurzeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit den Wirkungen der Komplexitätsentwicklung der letzten 10-15 Jahre (?) zu tun haben, ausgelöst durch die Vernetzung von Alles mit Allem. Ausgehend von diesem Gedanken, liegt die Lösung von vielen Probleme zunächst im Verständnis von Komplexität, dann in der methodisch richtigen Herangehensweise *).

        Dass der hier zitierte Prof. Straubhaar als ehem. Leiter des Hamburger Instituts für Wirtschaft (Hauptsponsor Hamburger Sparkasse …) nicht so sehr viel Ahnung von Komplexität hat, fiel mir auf, als es um Erklärungen der Geschehnisse um die Krise 2008 ging. Viel Wissen scheint nicht hinzu gekommen zu sein, wie der aktuelle Artikel zeigt.

        P.S. @ Herr Ott: ich weiss wovon ich Rede. Ein konkretes Beispiel bekommen Sie aber immer noch nicht.

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        JürgenP sagte:

        Pardon: Prof. Straubhaar wurde an anderer Stelle behandelt. Trotzdem passt die Aussage.

      • Avatar
        Dietram Schneider sagte:

        Sehr geehrter Bender (und auch Jörg),
        das ist tatsächlich überhaupt nicht abwegig. Wenn Menschen versagen und es zu Katastrophen, Krieg, Krisen oder einem Crash etc. kommt, dann haben diese in Anlehnung an die postmoderne Philosophie ein reflexives Potenzial. Der Mensch besinnt sich dann, trennt zwischen (lebens-) wichtig und unwichtig usw.; ökonomisch interpretiert bedeutet dies, dass dann Selektion und Allokation (die uns u. a. aufgrund der Nullzinspolitik, der Liquiditätsschwemme, den vielfältigen Zombies usw. abhanden gekommen sind und die Produktivitäts- und Wachstumsmisere befeuern) wieder ihre ökonomische Kraft entfalten können. Freilich dürfen Katastrophen, Krieg, Krisen usw. nicht derart lange anhalten und brachial ausfallen, dass sie jeden gedeihlichen Bodensatz zerstören. Insofern ist beispielsweise auch ein früherer Crash einem späteren und sich noch stärker auswachsenden Crash vorzuziehen.

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      Tobias W. sagte:

      Diesen „pseudo Generalstreik“ bezahlen die Teilnehmer dann aber mit massiven Verdienstausfällen und unter Umständen mit einem Karriereknick.

      Es geht doch besser. Raus aus Deutschland. Auswandern – und wenn es nur vorrübergehend ist!

      Antworten
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      Marco sagte:

      Das mach ich setzt schon, 10-20% Gehaltsverzicht gegen mehr Urlaub. Netto merkt man das bei weiterm nicht so wie brutto. Dafür viel mehr Lebensfreizeit.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Bereichernder Beitrag mit der Betrachtung zweiter signifikanter ökonomischer Bestimmungsgrößen:

    >… beide, Wachstum und Produktivität, sind zentrale Hebel für den Wohlstand eines Landes.>

    Anhand von insgesamt sieben produktivitätsrelevanten Kriterien ist der Befund für unser Land klar und ernüchternd.

    >Trotz Berücksichtigung aller genannten Benchmarks bleibt es dabei: Die Position Deutschlands verbessert sich kaum. Mit Rang 22 bleibt Deutschland im letzten Viertel der EU-28-Mitgliedstaaten.>

    und

    >… selbst beim Produktivitätsniveau nimmt Deutschland mit dem elften Platz inzwischen nur noch eine mittelklassige Position ein.>

    Schlussfolgerung:

    >Dass damit Nachteile für die Wettbewerbsfähigkeit verbunden sind und unser Wohlstand bedroht wird, liegt auf der Hand …>

    Zu den Ursachen:

    – Auf- und Ausbau der Low-Level-Dienstleistung
    – Mobilisierung „letzter“ Arbeitskräftereserven und sinkende Grenzproduktivitäten
    – Migration (Flüchtlinge, Asylsuchende)

    Diese sind nachvollziehbar und sich damit ergebende Wirkungen mit ökonomischen Kategorien zu erfassen.

    Soweit finde ich, dass die Darlegungen gelungen und schlüssig sind.

    >Daneben gibt es ein tiefer liegendes Ursachenbündel:>

    a) Illusionen auf hohem Niveau und latente Dekadenz
    b) Lohnzurückhaltung und fehlender Investitionsleidensdruck
    c) Mängel in der Infrastruktur und Investitionsstau
    d) Wegfall von Auf- und Abwertung und Erosion der Produktivitätsanstrengungen
    e) billiges Geld und Zombie-Unternehmen

    Dieser Ursachenbestimmung stimme ich in Teilen nicht zu, weil sie m. A. n. METHODISCHE Probleme aufwirft, die auch Rolf Peter angesprochen hat:

    „latente Dekadenz“ und – wie vom Autor kommentierend spezifiziert – u. a. auf die Generationen Y und Z, die erbende Generation zurückgeführt, ist KEINE ökonomische Kategorie.

    „Zombie-Belegschaften“ und „Zombie-Haushalten“ „Zombie-Eliten“ und „Zombie-Nachahmern“, die unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder gefährden sind ebenfalls KEINE ökonomischen Kategorien.

    Oder hat irgendjemand GEFÄHRDER in irgendeine RELATION zu ökonomischen Kategorien gesetzt, die anhand MESSBARER Kriterien bestimmbar wäre?

    Ich bestreite überhaupt nicht, dass es die angesprochenen Phänomene gibt und dass DARAUS resultierendes Verhalten die Malaise mitbestimmt.

    Das FATALE an einer derartigen Ursachenbestimmung, wie sie der Autor hier vornimmt, liegt in den IMPLIZITEN Schlussfolgerungen, die aus Sätzen wie diesem zu ziehen sind:

    >Er (der Mühlstein, der der gesamten deutschen Volkswirtschaft um den Hals hängt, D. T.) umfasst auch das Versagen der Eliten, die in den vielfältigen Widersprüchen der Postmoderne gefangen sind>

    Soll das etwa heißen, dass die Eliten nicht versagt hätten, wenn sie die Generationen Y und Z sowie die unterschiedlichen Adressaten für die Zombie-Probleme BELEHRT hätten oder gar GEGEN deren Interessen AGIERT hätten?

    Der Autor versteht offensichtlich nicht das System, in dem die Akteure agieren, wenn er eine derartige Ursachenzuordnung betreibt.

    Die Schlussfolgerung von Dr. Stelter mit Blick auf den Beitrag:

    >Es zeigt allerdings auch, dass wir uns keine großen Hoffnungen auf ein Produktivitätswunder machen können – zumindest nicht ohne einen grundlegenden Politikwandel.>

    Man muss kein Produktivitätswunder beschwören, sondern sich nur einen Wandel zur deutlich höheren Produktivitätssteigerungen wünschen, um zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass er nicht möglich ist.

    Der dafür erforderliche grundlegende Politikwandel müsste GEGEN eine Mehrheit der Bevölkerung stattfinden, was Konflikte schaffen würde, die ihn schwächten und damit vermutlich sogar das schwache Produktivitätswachstum infrage stellten.

    Unsere Wettbewerbsfähigkeit wird sich verschlechtern und unser Wohlstand erodieren.

    Es ist zur Kenntnis nehmen, dass es KEINE realistischen Wirkmechanismen gibt, die das aufhalten können.

    Der Strohhalm normativer Beschwörungsformeln ist lediglich ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

    Antworten
    • Avatar
      Dietram Schneider sagte:

      Sehr geehrter Dietmar Tischer,

      Sie entgegnen, dass das von mir genannte „tiefere“ Ursachenbündel keine ökonomische Kategorie darstellt. Das ist nun wirklich – je nach Standpunkt – höchst relevant oder völlig unrelevant. Sie setzen mit Ihrer Argumentation an einem alten Problem der Wirtschaftswissenschaften an. Ist man Anhänger eines weiten Ökonomiebegriffs, der auch die sozial- und verhaltenswissenschaften für die Erklärung von Phänomenen integriert (z. B. Edmund Heinen oder Cyert und March usw.), dann wären Kategorien wie „Leidensdruck“, „Dekadenz“ usw. auch ökonomische Kategorien. In einem engeren Sinne (wie etwa Erich Gutenberg, z.T. Dieter Schneider) wären dies keine ökonomischen Kategorien und somit aus einer wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtung auszuschließen (wenn ich Sie richtig verstehen, wäre das Ihre Sichtweise). Dann vergibt man sich jedoch die Chance auf weitergehende Beschreibung, Erklärung, Prognose usw.; außerdem muss man sehen, dass Ökonomie von Menschen (mit allen ihren Unzulänglichkeiten) betrieben wird, und genau diese Menschen (auch im Sinne der von mir genannten Zombie-Eliten und -Nachahmer, die Generationen X und Y zusammen was noch nachkommt, vgl. auch die Ausführung des Psychologen Winterhoff: „Deutschland verdummt“, die Gefangenheit der Eliten in den Postmodernen Widersprüchen, die uns lähmt usw.; wenn Sie über meine Studie verfügen S. 114-143), sind es doch, die dann Wirtschaft betreiben. Wenn wir das aus der Betrachtung ausschließen und uns nur auf ökonomische Kategorien im engeren Sinne konzentrieren, dann könnten wir uns manche wichtige Hinweise der Foristen – und auch meine Studie – „fast“ sparen. Wir würden aus der Betrachtung auch ausschließen, dass natürlich die Eliten (eher soziologische Kategorie), die an den Schalthebeln sitzen, einen Großteil der Misere zu verantworten haben – der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Eine der wichtigsten – aber letztlich banalsten – Erkenntnisse meiner Studie ist, dass die ganze Produktivitäts- und Wachstumsmisere (und all das, was damit zusammen hängt) letztlich der alten ökonomischen Weisheit geschuldet ist: „Wo die Selektion nicht funktioniert, ist die Fehlallokation vorprogrammiert“! Und die Fehlallokation betrifft materielle, finanzielle und personelle Ressourcen – und unter diese ökonomischen (!) Tenor lassen sich alle Elemente des besagten Ursachenbündels einreihen.

      Antworten
      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Dietram Schneider

        Ich danke Ihnen für die Antwort.

        Ihre Entgegnung befriedigt mich nicht und verlangt m. A. n. weitere Klärung.

        Mein Beitrag dazu:

        1. Zur Relevanz des „tieferen“ Ursachenbündels

        Ihre Auffassung, dass die Relevanz vom Wissenschaftsverständnis abhängt, teile ich.

        Ich bin daher der Meinung, dass es so etwas wie eine ZWINGENDE a priori-Begründung, das Ursachenbündel als relevant – also einbeziehend – oder es gegenteilig als nicht relevant anzusehen, nicht gibt.

        Kurzum:

        Es spricht ERST einmal nichts dagegen, es einzubeziehen.

        2. Die Konsequenz, es nicht einzubeziehen

        Sie sagen dazu:

        >Dann vergibt man sich jedoch die Chance auf weitergehende Beschreibung, Erklärung, Prognose usw.; …>

        Diese Aussage ist richtig, ich teile sie.

        3. Das Problem bei Einbeziehung des „tieferen“ Ursachenbündels:

        Wenn man Wissenschaft betreibt, sich damit u. a. METHODISCHEN Standards verschreibt, MUSS man diese durchgängig einhalten – hier: bei Beschreibungen, Erklärungen, Prognosen bezüglich des „tieferen“ Untersachenbündels.

        Konkretes Beispiel:

        Eine Ihrer Aussagen lautet

        >In Deutschland wird jährlich ein Vermögen von rund 400 Mrd. Euro vererbt. Dass solche Botschaften (Selbst-) Überschätzungen und Anflüge von Dekadenz – gerade auch beim Nachwuchs – provozieren, unter denen Effizienz-, Leistungs- und Produktivitätsgedanken aus dem Blick geraten, versteht sich von selbst.>

        Ich halte sie für richtig, was das „aus dem Blick geraten“ betrifft.

        Unabhängig von einer solchen Einschätzung genügt diese Aussage NICHT dem wissenschaftlichen Anspruch, mit dem Sie auf – DATEN basierend – Feststellungen zur Produktivitätsentwicklung treffen.

        Um ihm zu genügen, müssten Sie darlegen können, dass sich angesichts der herrschenden Umstände beim angegebenen Vererbungsvolumen die Neigung der Erbengeneration produktiv tätig zu sein, in einem Maß x verringert, was den Effekt hat, die Produktivitätssteigerung um y zu vermindern.

        Das wäre eine Aussage bezüglich einer ERKENNTNIS, die Ihrem erkennbaren Wissenschaftsverständnis entsprechen würde und damit als ERKLÄRUNG mit wissenschaftlicher Gültigkeit anzusehen wäre.

        Wenn Sie eine derartige Aussage nicht treffen können, weil Sie nicht die dafür erforderliche Erkenntnis (Daten) haben, argumentierten Sie inkonsistent, d. h. unwissenschaftlich (Ihrem Anspruch nach).

        4. Das Dilemma, sich für eine Alternative entscheiden zu MÜSSEN

        Ich stelle fest:

        Wenn man Erklärungen wie diejenigen, die unter das „tiefere Ursachbündel“ fallen, einbeziehen UND seiner wissenschaftlichen Methodik gerecht werden will, muss man sich weitreichender Komplexität stellen, einen enormen Forschungsaufwand betreiben und sieht sich auch noch dem Problem gegenüber, die Interdependenzen unterschiedlicher Wirkmechanismen in stimmigen Einklang zu bringen.

        Das überfordert in aller Regel den Wissenschaftsbetrieb.

        Die Alternative besteht darin, derartige Erklärungen nicht mit aufzunehmen und damit auf die Ursachenbestimmung zu verzichten.

        Das hieße auf der Makroebene:

        Man begnügt sich auf Wenn, dann – Aussagen.

        Das ist zwar sehr unbefriedigend, weil wir natürlich nicht nur wissen wollen, dass mit hinreichender Geschwindigkeit gegen Fensterscheiben fliegende Bälle die Scheiben zerstören, sondern auch WER sie wirft oder tritt.

        Diesem Defizit steht ein Gewinn gegenüber:

        Es ist der Verzicht auf Pseudoerklärungen, d. h. solche, die – selbst bei einiger Plausibilität – letztlich Ermessenssache sind und zu großen Missverständnissen mit fatalen Folgen führen können.

        Ich zähle Ihre Aussage von „Versagen der Eliten“ dazu.

        Damit widerspreche ich nicht, dass Eliten verantwortliche Akteure sind, die auch Rechenschaft ablegen müssten für ihr Handeln, sondern ich behaupte lediglich, dass ihnen im Systemzusammenhang nicht ausschließlich URSÄCHLICHES Handeln zuzuweisen ist, weil sie Wirkmechanismen unterliegen, die originär nicht von ihnen geschaffene wurden.

        Ihnen muss ich nicht erzählen, mit welchen Folgen landauf, landab jeden Tag von MARKTVERSAGEN geredet wird.

        Wissenschaft kann derartige Auffassungen nicht verhindern, sollte sie aber auch nicht befördern – selbst als Nebeneffekt nicht.

        Das ist m. A. n. eine STARKE Begründung dafür, im Zweifelsfall für die Alternative einer sich beschränkenden, aber konsistenten Wissenschaft zu votieren.

      • Avatar
        Dietram Schneider sagte:

        Sehr geehrter Herr Tischer,
        super dargestellt. Nach Ihrem (durchaus richtigen, aber äußerst idealen/anspruchsvollen), aber nicht meinem Wissenschaftsverständnis folgend, bin ich im Sinne Ihres Punktes 3 tatsächlich inkonsequent. Da stimme ich Ihnen voll zu. Aber dann müssten wir vermutlich sämtliche Geisteswissenschaften und einen Großteil der Realwissenschaften als nicht wissenschaftlich qualifizieren. Dann bleiben uns nur noch die Idealwissenschaften und diejenigen Realwissenschaften, die einen sehr hohen idealwissenschaftlichen Durchdringungsgrad haben. Wenn wir dann daran denken, auf wie viel Erkenntnis (auch wenn diese nicht zu 100% abgesichert ist) wir verzichten müssten …denken Sie an die großen Denker – Freud mit seinen Spekulationen, Weber mit seinen inspirierenden soziologischen Ausführungen – alles wissenschaftlich (in Ihrem Sinne) nicht haltbar; außerdem hat Wissenschaft auch eine heuristische Funktion, eine utopische Funktion, eine hermeneutische Funktion und schließlich auch die Funktion, Hypothesen zu generieren. Außerdem: wenn wir den von Ihnen formulierten Ansprüchen gerecht werden wollen, dann wird es äußerst schwierig, gerade für die vorliegende Produktivitäts-, Wachstums- und zahlreiche andere Miseren Verantwortlich/Schuldige zu entdecken, zu identifizieren, anzuklagen usw.; und ich möchte nicht, dass diese – insbesondere die Eliten – so einfach davon kommen. In meinem Buch schiebe ich dafür noch viele Argumente nach – die aber aus Ihrer Wissenschaftsperspektive selbstverständlich alle nicht wissenschaftlich wären. Natürlich degeneriert das andere Ende „unseres“ wissenschaftlichen Kontinuums dazu, dass die Wahrheit letztlich zur Abhängigen von Deutungshoheit, von Ressourceneinsatz für die Wahrheitsverkündigung, von der geschickten Argumentation, von der Beherrschung der Informations- und Kommunikationskanäle und letztlich zur Abhängigen der puren Macht degeneriert, wie das schon Ulrich Bech (Soziologe) angedeutet und schließlich die postmodernen Philosophen durchgehend vertreten haben. Und genau in diese Richtung scheint mir der (wirtschafts-) politische Diskurs abzurutschen. Wenn man sich vor diesem Hintergrund Ihrem Wissenschaftsverständnis verschriebe (und dafür habe ich viel Verständnis und ich bemühe mich, diesem auch so weit wie möglich – aber nicht stets und völlig, weil unmöglich – gerecht zu werden), dann ist man denen, die derartige Prinzipien längst über Bord geworfen haben und Wahrheit auf Macht etc. begründen, wehrlos ausgeliefert. Meine gesamten Aussagen mache ich nicht leichtfertig, sondern sie sind tiefgehend begründet – wenn auch in Ihrem sehr idealtypischen Sinne nicht wissenschaftlich. Noch etwas: gefährlich ist m.E. Ihr Hinweis in Punkt 4, wonach die Eliten im Systemzusammenhang bestimmten Wirkmechanismen unterlägen, denen sie quasi ausgeliefert wären. Dies eröffnet einem oft geübten und beobachtbaren Mechanismus Tür und Tor, um sich von Verantwortung zu exkulpieren: „ich bin selbst Opfer und kann nicht anders“ … „in meiner Rolle als CEO muss ich einfach“ … „ich bin auch nur ein unschuldiges Rädchen im System“ … „mir sind die Hände gebunden“. Ja, Menschen (auch Wissenschaftler/Profs) verschanzen sich allzu oft hinter ihren Rollen, die sie in einem System einnehmen; Ottomeyer (ehemals Sozialpsychologe, Uni Klagenfurt) hat diese exkulpierende Immunisierungsstrategie mehrfach überzeugend – aber in Ihrem Sinne nicht wissenschaftlich – entlarvt. Und zum Thema „Marktversagen“ – wo gibt es tatsächlich reine bzw. vollkommene Märkte im Sinne der Neoklassik? Auch hier versagen m.E. immer Menschen, die meist versuchen, die Marktkräfte (und auch Selektion und rationale Allokation) zu verhindern.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Dietram Schneider

        Schön, dass Sie nochmals geantwortet haben – und schön auch, dass Sie dies mit einer souveränen Selbsteinschätzung, die in akademischen Kreisen nicht selbstverständlich ist, tun.

        Was mich betrifft:

        Völlig richtig, es ist ein idealistischer Standpunkt, für den ich plädiere, ohne allerdings den alternativen als unannehmbar zu diskreditieren.

        Die „idealistische“ Wissenschaft verliert den Wettbewerb um pragmatische Relevanz.

        Das ist schon sehr beachtenswert, denn Wissenschaft ist – von einigen Nischendisziplinen, wie reine Mathematik oder theoretische Philosophie abgesehen – keine Veranstaltung l’art pour l’art.

        Hinzugefügt werden sollte allerdings, dass auch diese Disziplinen in aller Regel Wirkungen haben, die pragmatische Relevanz aufweisen.

        Insoweit stimme ich Ihrer Verortung meines Standpunkts zu.

        Sie sagen:

        >Wenn wir dann daran denken, auf wie viel Erkenntnis (auch wenn diese nicht zu 100% abgesichert ist) wir verzichten müssten …denken Sie an die großen Denker – Freud mit seinen Spekulationen, Weber mit seinen inspirierenden soziologischen Ausführungen – alles wissenschaftlich (in Ihrem Sinne) nicht haltbar>

        Ich stimme Ihnen zu, dass wir auf ERKENNTNISSE verzichten müssten.

        Wir müssten aber nicht auf „inspirierende soziologische, ökonomische, politische … AUSFÜHRUNGEN“ verzichten.

        Wir sollten auch nicht auf sie verzichten, weil sie Anstöße für notwendige, weiterreichende Fragen geben, die beantwortet werden sollten.

        Da Sie Weber nennen:

        M. Weber hat die protestantische Ethik als Ursache dafür angesehen, dass Menschen, die von ihr geprägt werden, – platt gesagt – produktiver sind „im Geist des Kapitalismus“ und daher das ökonomische Wachstum beschleunigt haben.

        Ohne ihn wäre vielleicht die Frage nach der Ursache einer zivilisatorisch immens prägenden Entwicklung nicht gestellt worden oder sie hätte nicht die Beachtung erlangt, die sie hat.

        Es gibt mittlerweile eine Anzahl von EMPIRISCHEN Studien, die Weber widerlegen, u. a. eine mit der ERKENNTNIS, dass es nicht der Glaube, sondern Lesen und Schreiben gewesen ist, also „human capital“ unabhängig von einer bestimmten religiösen Orientierung, das die wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt hat.

        Was ich anhand dieses Beispiels sagen will:

        Ich würde das von mir als nicht wissenschaftlich Angesehene, aber Inspirierende als HYPOTHESE für die Erkenntnisgewinnung akzeptieren, aber nicht schon als Erkenntnis werten.

        Das ist eine differenzierende Form der Einbeziehung.

        Sie sagen:

        >… gefährlich ist m.E. Ihr Hinweis in Punkt 4, wonach die Eliten im Systemzusammenhang bestimmten Wirkmechanismen unterlägen, denen sie quasi ausgeliefert wären. Dies eröffnet einem oft geübten und beobachtbaren Mechanismus Tür und Tor, um sich von Verantwortung zu exkulpieren: „ich bin selbst Opfer und kann nicht anders“ … „in meiner Rolle als CEO muss ich einfach“ … „ich bin auch nur ein unschuldiges Rädchen im System“ … „mir sind die Hände gebunden“. Ja, Menschen (auch Wissenschaftler/Profs) verschanzen sich allzu oft hinter ihren Rollen, die sie in einem System einnehmen; Ottomeyer (ehemals Sozialpsychologe, Uni Klagenfurt) hat diese exkulpierende Immunisierungsstrategie mehrfach überzeugend – aber in Ihrem Sinne nicht wissenschaftlich – entlarvt.>

        Ihre Feststellungen und die Besorgnis sind angebracht und ich teile sie.

        Ich plädiere für das Prinzip „Freiheit und Verantwortung“ bzw. „eigenverantwortliche Wahrnehmung von Optionen und Haftung für die Folgen“.

        Es gibt Freiheit diesem Sinne nach ganz sicher in einem bestimmten „Korridor“.

        Insofern würde ich Verantwortung zuschreiben und Rechtfertigung dafür verlangen, WARUM sie WIE und nicht anders wahrgenommen wurde.

        Dies würde eine Immunisierungsstrategie verhindern bzw. sie nicht wirksam werden lassen.

        So kann man etwa wie Dr. Stelter im Untertitel seines Buches durchaus sagen:

        „Wie die Politik uns ruiniert“.

        Die Frage bleibt dennoch, ob und in welchem Ausmaß für die Eliten (wie für alle anderen) „Freiheit“ bzw. „Handlungsoptionen“ bestehen.

        Oder so gefragt:

        Der institutionelle Rahmen gegeben, dem speziell Politiker ihrer Bestellung verdanken (von SUBJEKTIVEN Interessen geleitetes Wahlverhalten einer Mehrheit von Menschen im Lande) und die operativen Regeln, denen sie folgen müssen (parlamentarische Gesetzgebung aufgrund von Mehrheitsverhältnissen), KÖNNTE – sagen wir in den letzten 10 Jahren in Deutschland – eine GRUNDSÄTZLICH andere Politik betrieben worden sein?

        Meine Meinung: nein.

        Ich erinnere an den Kanzler Schröder, der eine ANDERE Politik durchgeführt hatte und eben nicht Jahre weiter machen durfte, um sich die Ergebnisse ans Revers zu stecken, sondern sehr schnell aufgrund dieser Politik aus dem Amt gejagt wurde.

        Einen derartigen, beispielhaften Sanktionsmechanismus sehe ich als Begründung dafür an, dass den Eliten nur über begrenzte Handlungsoptionen verfügen, wenn sie Sanktionen entgehen, etwa ihr Mandat für Handeln nicht verlieren wollen.

        Daher würde ich sagen:

        Eliten sind verantwortlich und haben sich zu rechtfertigen.

        Man kann ihnen daraufhin MÖGLICHERWEISE auch Versagen attestieren.

        Man kann ihnen aber nicht AUTOMATISCH Versagen zuschreiben, wenn die Ergebnisse ihres Handelns nicht so sind, wie sie „theoretisch“ hätten sein können, WEIL sie aufgrund der ihnen offenstehenden Handlungsoptionen möglicherweise keine besseren sein konnten.

        Letzter Punkt:

        Was den Markt anlangt, wissen Sie besser als ich:

        Er ist ein Organisationsprinzip, das sich keine Ziele setzen, daher keine verfehlen und auch nicht versagen kann.

        Er ist GEEIGNET, bestimmte Ziele effizient zu erreichen.

        Er ist UNGEEIGNET, andere zu erreichen.

        Der wichtige Unterschied für die Praxis:

        Wer von MARKTVERSAGEN redet, KANN die umstandslose ABLÖSUNG verlangen, weil Versager nichts taugen für die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe. Also: weg mit dem Markt und damit weg mit dem Kapitalismus, für den der Markt konstitutiv ist.

        Wer hingegen UNGEEIGNET sagt, MUSS eine ALTERNATIVE anbieten, die besser als der Markt ist, BEVOR er den Markt ablöst.

        Das ist für einen Bereich unseres Wirtschaftens geschehen, nämlich für das Soziale.

        Der Markt insgesamt musste dafür nicht abgelöst werden.

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      ruby sagte:

      @Herren Dietmar & Dietram
      Bezüglich Max Weber und dem Kapitalismus ist sein Weltzeitpunkt zu beachten.
      Wenn Sie Herr Tischer folgendes schreiben:
      „Es gibt mittlerweile eine Anzahl von EMPIRISCHEN Studien, die Weber widerlegen, u. a. eine mit der ERKENNTNIS, dass es nicht der Glaube, sondern Lesen und Schreiben gewesen ist, also „human capital“ unabhängig von einer bestimmten religiösen Orientierung, das die wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt hat.“
      muss geantwortet werden, schon der Titel nennt protestantische E t h i k und G e i s t des Kapitalismus. Dazu verweise ich auf die kausale Wirkungskette seiner Arbeit und Argumente, die nicht am Glauben hängen bleiben sondern vom Unternehmer zum Betrieb bis zur Unternehmensfinanzierung ursächliche praktisch erkennbare Zusammenhänge erklären.
      Ein guter Beitrag aus 2019
      https://www.deutschlandfunk.de/max-weber-das-stahlharte-gehaeuse-des-kapitalismus.2540.de.html?dram:article_id=445856 läßt uns in seine Zeit und Welt eintauchen.

      Antworten
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        Dietram Schneider sagte:

        Sehr geehrter Ruby,
        ja, Max Weber, einer der viel zu wenigen großen Denker; habe viel aus seinen Werken gelernt und habe mehrere seiner Werke mehrmals gelesen. Man findet immer wieder neue Gedanken darin (die man vorher überlesen hat …). Danke für den Quellenhinweis.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ ruby

        Aus dem von Ihnen verlinkten Text:

        >Weber hat ein fertiges Bild von Religion, Wirtschaftsgesinnung, Wirtschaftsethik, Sekten und Kirchen schon mitgebracht in die USA.>

        „FERTIGES Bild“ liest sich so wie „ich WEISS, was die Zusammenhänge sind und suche nach einer BESTÄTIGUNG und nicht, mal sehen, ob mein Bild richtig ist.

        Anscheinend hat er die Bestätigung auch gefunden, wenn richtig ist, was ebenfalls im Link zu lesen ist:

        >Er will erforschen, wie sich die „protestantische Ethik“ der Immigranten auf den „Geist des Kapitalismus“ ausgewirkt hat … Und er hat seine Thesen der puritanischen Sekten und ihrer besonderen Wirtschaftsgesinnung – er hat sie bestätigt gefunden“.

        IMMIGRANTEN haben als Neuankömmlinge möglicherweise eine ganz ANDERE Wirtschaftsgesinnung, wenngleich sie auch Sekten und Kirchen angehören können.

        Er scheint NICHT hinreichend differenzierend in USA NUR Bestätigung gesucht zu haben.

        Man kann M. Weber natürlich nicht vorwerfen, dass er Popper nicht gekannt hat.

        Aber heute würde man sagen:

        Weber hätte besser daran getan, zu versuchen, seine Thesen zu FALSIFIZIEREN.

        Ich bin kein Weber-Experte, sondern will nur sagen, dass er als Anreger sehr wichtig ist.

        Ob man glauben kann, was er behauptet hat, ist eine ganz andere Sache.

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    Dieter Krause sagte:

    @ Daniel Stelter
    Trotz Berücksichtigung aller genannten Benchmarks bleibt es dabei: Die Position Deutschlands verbessert sich kaum. Mit Rang 22 bleibt Deutschland im letzten Viertel der EU-28-Mitgliedstaaten. Die neueren EU-Staaten profitieren bei diesem Ranking vor allem von ihrem i. d. R. höheren Wachstum, der höheren Basisproduktivität und vom höheren Wachstumsausschöpfungsgrad.

    Bevölkerungsentwicklung des angeblichen EU-Produktivitätsspitzenreiters Lettland (von 1992 bis 2019) von 2,68 Millionen auf 1,93 Millionen (minus 30%)! So sehen EU-Produktivitätssieger aus oder, Herr Stelter? Welche Erklärung haben Sie dafür?

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    • Avatar
      Dietram Schneider sagte:

      Sehr geehrter Dieter Krause,
      zunächst: das Benchmarking auf EU-Länder-Basis bezieht sich nicht auf den von Ihnen genannten Zeitraum von 1992 bis 2019, sondern von 2007 auf 2018 (bzw. auf den Zeitraum T4 in der Studie). Außerdem ist die Entwicklung der Bevölkerung nicht entscheidend, sondern für die in der Studie im Mittelpunkt stehenden Produktivitätsfrage (bzw. letztlich auch die Wachstumsfrage) ist die Zahl der Erwerbstätigen heranzuziehen. Die Entwicklung der Bevölkerungszahl kann relevant für das Wachstum des BIPs wichtig sein – vereinfacht: steigt die Bevölkerung, steigt das BIP. Vor diesem Hintergrund ist sowohl das Wachstum Lettlands (trotz der von Ihnen genannten Reduktion der Bevölkerung im Zeitraum T4 1,5% pro Jahr!) als auch die Entwicklung der Verdoorn`schen Pro-Bench-Reg-Marks hervorragend (z. B. Basisproduktivität, also Produktivitätswachstum ohne Wirtschaftswachstum +2% versus Deutschland -0,9%; Wachstumsausschöpfungsgrad 163% versus Deurtschland 27% usw.). Andererseits ist klar, dass es bei geringerem Produktivitätsniveau, wie es bei Lettland (EU-Index ca. 74) im Vergleich zu Deutschland (ca. 105) der Fall ist, leichter fällt, bei den Pro-Bench-Reg-Marks besser abzuschneiden. Man beachte dazu auch die Positionierungen in Bild 10.

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        Dieter Krause sagte:

        @ Dietram Schneider
        Sehr geehrter Herr Schneider, ich glaube, dass man Produktivitätszuwächse in solch kleinen Staaten wie Lettland – mitten im gesellschaftlichen Transformationsprozeß und fast ohne Industrie – gar nicht vernünftig messen kann. Auch dürfte die Datenbasis dafür viel zu klein sein! Es ginge vielleicht noch bei Hongkong oder Singapur (wobei dort auch ganz andere Prozesse eine Rolle mit spielen dürften – in Singapur z.B. der Einfluß riesiger Staatsfonds) – aber nicht bei Lettland, Estland und Litauen!

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        Dietram Schneider sagte:

        Sehr geehrter Herr Krause,
        ja, der Transformationsprozess (häufig Transformationsschock), den u.a. die kleinen jungen EU-Länder hinter sich bringen mussten und der natürlich immer noch partiell anhält, ist sicherlich ein Problem für derartige Analysen – volle Zustimmung. und in der Studie problematisiere ich dies auch ausführlich. Vor die Wahl gestellt, ob ich nur einen Teil der EU-28-Länder oder alle EU-28-Länder analysiere, habe ich mich für das volle Programm entschieden. Und ich wollte explizit die Trennung in „neuere“ und „ältere“ Länder betreiben, um auch den Aufholprozess der „neueren“ Länder aufzuzeigen. Andererseits werden durch die Betrachtung von immerhin zwölf Jahren durch die regressionsanalytische Vorgehensweise nach Verdoorn sowohl singuläre jahresbedingte Besonderheiten eingeebnet als auch Probleme durch Größen- und Niveauunterschiede durch die Verlaufsbetrachtung (Achtung, die Verdoorn-Kurven basieren auf Veränderungsraten) ausgeschaltet. Wenn Sie bei Verdoorn oder bei mir nachlesen, ist das einer der vielen Vorteile der Produktivitäts- und Wachstumsanalysen auf Basis von Verdoorn. Natürlich könnte man an diesen zwölf Jahren Kritik auch üben, aber über einen längeren Zeitraum gibt es insbesondere für die neueren EU-Länder keine verlässlichen bzw. „halb verlässlichen“ Daten. Aber ich werde die Entwicklung natürlich weiter beobachten und meine empirischen Analysen weiterhin betreiben. Ab ca. Mai gibt es die Zahlen für 2019, die dann die einzelnen Länder schrittweise an Eurostat melden. Trotzdem stimme ich Ihnen zu – vor allem auch deshalb, weil die von Eurostat veröffentlichten Werte, die ich aus Vergleichsgründen herangezogen habe, besonders aus diesen Ländern durchaus auch mit Vorsicht zu genießen sind (statistische Misere). Noch im Oktober und z.T. noch später werden (wenn auch nur in geringem Ausmaß) die Zahlen der einzelnen Länder der Vorjahre von Eurostat immer wieder leicht angepasst. Wir kennen das Problem aus China – wahrscheinlich sind die Wachstumsraten Chinas in letzter Zeit ziemlich geschönt (2019 und 2020 wird besonders interessant …). Andererseits sind auch bei uns BIP-Anpassungen vorgenommen worden (2013/14). Vgl. dazu MFK im Kommentar gestern. Wenn ich mich richtig erinnere, dann differieren in Deutschland alleine für 2013 die BIP-Zahlen nach neuer und alter BIP-Berechnungsmethode um 130 Mrd., das sind rund 2,5 des damaligen BIPs.

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Krause

        „ich glaube, dass man Produktivitätszuwächse in solch kleinen Staaten wie Lettland – mitten im gesellschaftlichen Transformationsprozeß und fast ohne Industrie – gar nicht vernünftig messen kann“

        Aber klar geht das. Sie können auch die Produktivität einer einzelnen Fabrik oder einer einzelnen Maschine messen, je kleiner und überschaubarer das System ist, desto einfacher ist es sogar.

        Gefällt Ihnen etwa das Ergebnis nicht? ;)

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    JürgenP sagte:

    Ansätze, um die Produktivität von Unternehmen und letztlich der Volkswirtschaft zu steigern:

    Investitionen in
    1. „neue Technologien“ oder
    2. „Infrastruktur [zu] leisten“ oder
    3. „sonstige Maßnahmen“
    zur Steigerung von Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit oder des Wachstums ein[zu]leiten.

    Umsetzung konventionell:
    1. viel Zeit einplanen, denn sie wird für alle Vorschläge benötigt, bis sie Früchte tragen;
    2. auf „die Politik“ warten, die es nicht einmal schafft, sich zu einigen, um eine Regierung in einem Bundesland zu bilden.

    Umsetzung als Unternehmer:
    3. das Wort „oder“ durch „und“ ersetzen;

    und die sich bietenden Chancen nutzen. Denn: dort wo ein „zu schlecht, zu wenig oder gar nicht“ existiert, bieten sie sich zuhauf die Optionen.

    Doch sobald ein Mutiger in Aktion treten würde, kommen die Reichsbedenkenträger und Claimschützer aus ihren Löchern, die es leider im Übermaß in diesem Lande gibt.

    Geschützt durch allerlei Verordnungen, Normen und sonstigen Haftungs-Hindernissen, wird das Unternehmertum von etablierten Institutionen so weit abgewürgt, dass fehlende Investitionen in „Technologien, Infrastruktur und sonst. Maßnahmen“ doch kein Wunder ist.

    Toller Artikel, der die Misere genau aufzeigt, doch was hilft’s wenn die Strukturen nicht nur „in der Politik“ verfettet sind.

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      Dietram Schneider sagte:

      Sehr geehrter JürgenP,
      richtig, „Verfettung“ wäre eine gute Metapher. In meiner Studie sind es vor allem die „Zombies“, die an der Verfettung leiden und ihrerseits die Verfettung vorantreiben – ausgehend von den Zombie-Staaten, -Banken, -Unternehmen, -Belegschaften reicht die Zombie-Kaskade bis zu den Zombie-Eliten und -Nachahmern. Und wer hat die Zombies womit gefüttert? Richtig, Sie wissen es …

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        JürgenP sagte:

        Sehr geehrter Herr Schneider,

        den Begriff „Zombie“ würde ich wertneutral anwenden auf „Systeme“ (wie es jedes Unternehmen, jeder Staat darstellt), die aus einer anfänglichen Findungsphase über stürmisches Wachstum in den Zustand der zunehmenden Stagnation übergehen. Die Verfettung ist Teil dieses Prozesses, „Zombies“ sind demnach Unternehmen in der Speckschwarte eines Unternehmens/Staates, die der Gesundheit schaden und zu nichts positives beitragen. Solche Entwicklungen finden Sie zu jeder Zeit, immer und überall in der belebten Umwelt, genauso wie in sozio-technischen Systemen. Dieser Prozess endet bspw. mit Kahlfraß (wie bei Heuschrecken) und unausweichlichem Niedergang, was sich im wirtschaftlichen Kontext mit Produktivitäten darstellen lässt, die eben zwangsläufig in den Keller gehen.

        Es sei denn, es gelänge der „normativen“ Führung des Systems eine komplexitätsgerechte Weiterentwicklung auf ein höheres Organisationsniveau. Wir halten alle „die Politiker“ für die normative Führungsebene des Systems, in dem wir leben. Ein paar wenige davon gehören sicherlich dazu. Die aber haben momentan operativ so viele Sorgen – müssen sich um durch Unfähigkeit gescheiterte Regierungsbildungen in einem Bundesland und das eigene sinkende Schiff kümmern – so dass der Anspruch an sie, sich um „Produktivitätsentwicklung“ zu kümmern, ins Leere geht.

        Wenn es um ein höheres Organisationsniveau geht, sollte weniger an noch mehr IT gedacht werden. Die kommt zuletzt ins Spiel und ist nicht mehr als Mittel zum Zweck.

        Wo können wir (schnell) lernen, wie das funktioniert? Na, bei den Leuten, die „Systeme“ in besonders kritischen Situationen durch zweckgerichtete normative, strategische und operative Führung im Modus „Notfall“ vor dem Absturz bewahren.

        So einen Notfall scheinen wir im Lande zu haben, wenn ich Dr. Stelter richtig verstehe. Die meisten ahnen nur nichts davon und laufen daher im falschen Modus.

        Das lässt sich aber ändern.

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    Rolf Peter sagte:

    Man wuerde erwarten dass Produktivitätsfortschritte zu Wachstum führen, nicht umgekehrt. Es scheint aber diese Sichtweise zu geben; eine genauere Beschreibung des Wirkungszusammenhangs wäre wünschenswert, ansonsten ist das nicht plausibel.
    Man kann eine solche Studie nicht mit grober Kritik “abschiessen”, aber dennoch erlaube ich mir einige kritische Anmerkungen.

    Die Schaubilder sind etwas verwirrend. In Bild 2 wird “Wachstumsveraenderung” (was eigentlich die Veränderung des Wachstums bezeichnet) erwähnt, die Bildunterschrift spricht von “Wachstumsrate”. Ich nehme an, Letzteres ist gemeint.

    Lt. einer Tabelle auf Wikipedia betrug das pro-Kopf BIP (kaufkraftbereinigt) in Deutschland 1980 11 Tsd. USD, 2017 waren es 50 Tsd. USD. 2% Wachstum bezogen auf USD 11 Tsd. entsprechen USD 220; 1% Wachstum bezogen auf USD 50 Tsd. entsprechen USD 500, also in absolutem Zuwachs fast doppelt soviel. Das sollte man beachten. Die Idee, die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft könne mit einer konstanten Wachstumsrate unbegrenzt wachsen (also gegen Unendlich streben), ist absurd.

    Bei “reifen” Volkswirtschaften sind abnehmende Wachstumsraten zu erwarten. Erst kürzlich wurden hier die Ursachen langfristig abnehmender Zinssätze diskutiert. Dabei war ein hoher Kapitalstock (also abnehmende Grenzproduktivität des Kapitals) ein Kandidat. Das führt zu sinkendem Wachstum. Die im Text genannten Ursachen (Dienstleistungen, Migration) erscheinen zumindest plausibel, aber nur fuer relative kurzfristige Erklärungen.

    Das “tiefer liegende Ursachenbündel” entzieht sich wohl einer sachlichen Kritik. Es gehört allerdings Mut dazu, sinkende Wachstumsraten am Anfang des 21. Jahrhunderts mit “latenter Dekadenz” und “fehlendem Investitionsleidensdruck” zu erklären.
    Was die “Lohnzurueckhaltung” betrifft, so merke ich hier nur an, dass in einer offenen Volkswirtschaft mit freiem Kapitalverkehr sich die Faktorpreise angleichen.

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      Dietram Schneider sagte:

      Sehr geehrter Rolf Peter,
      zum kausalen Zusammenhang von Wachstum und Produktivität vgl. den Urheber (Verdoorn) oder die Gesamtstudie. Beides korreliert natürlich positiv. Zu Ihren anderen Einwendungen:
      – Bild 2: „Wachstumsveränderung gg. VJ“ entspricht der „Wachstumsrate in %“.
      – Dass eine Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft mit einer konstanten Wachstumsrate unbegrenzt wachsen könnte, wird nirgends behauptet (???)
      – Bei reifen (?) Volkswirtschaften (hier interpretiert als VWn mit hohem Produktivitätsniveau) werden sich Produktivitätsdegressionen einstellen; das ist richtig; daher nimmt die Studie (und vgl. dazu u. a. Bild 10) u. a. auch das Produktivitätsniveau in den Blick und macht überdies von einer Trennung („ältere“ EU-Länder versus „neuere“ EU-Länder) Gebrauch. Und genau hier liegt eben auch ein zentrales Problem darin, dass Deutschland auch im Vergleich mit den „älteren“ EU-Ländern klar schlechter abschneidet.
      – Dass Migration und der schrittweise Übergang bzw. die Schwerpunktverschiebung Richtung Low-Level(!!)-Dienstleistung und die aktuelle spezifische Migration (wie ausgeführt) nur eine kurzfristige Erklärung sei, wäre zu schön, um wahr zu sein. Ich gehe leider von einer langfristigen Produktivitätsbremse aus.
      – Eher handelt es sich bei der Lohnzurückhaltung um einen kurz- bis mittelfristigen Aspekt. Ähnliches gilt für den „Investitionsleidensdruck“, weil man mittelfristig (und die ersten Signale gibt es ja schon) am Bodensatz ankommt und der Druck so hoch wird, wieder zu investieren (man kann nur hoffen, dass die finanziellen Mittel dafür vorhanden sind, aber auch hier trübt sich das Bild ein). Die von mir im Artikel nur kurz ausgeführte „latente Dekadenz“ sehe ich als langfristigen Faktor; er basiert u. a. auf den (in der Gesamtstudie weiter ausgeführten) Generationen Y und Z, die erbende Generation (rd. 400 Mrd. werden jährlich an die nächste Generation vererbt) sowie den Bildungssektor (beginnend im Kindergarten über Grundschule bis zum Studium) sowie das Zombie-Problem, das „gesunden“ Unternehmen (je nach Schätzung in Deutschland zwischen 234.000 und 515.000 Unternehmen an denen 2,7 bis 5,9 Mio. Arbeitsplätze und 2,5 bis 5,4 Mio. Haushalte hängen) wie der gesamten deutschen Volkswirtschaft für die Gewinnung von Wachstum und Produktivität wie ein Mühlstein um den Hals hängt. Er umfasst auch das Versagen der Eliten, die in den vielfältigen Widersprüchen der Postmoderne gefangen sind; in der Studie spreche ich nach „Zombie-Unternehmen“, „Zombie-Belegschaften“ und „Zombie-Haushalten“ schließlich von „Zombie-Eliten“ und „Zombie-Nachahmern“, die unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder gefährden. Hier kann ich in der Kürze nicht mehr ausführen, aber in Anlehnung an den Philosophen Baumann könnte man sagen – Retrotopia (der Hoffnungsraum liegt in der Vergangenheit, frei nach dem Motto „Make America great again“) siegt über Utopia (der Hoffnungsraum liegt in der Zukunft „Yes we can“). Wir sind also auf dem „besten“ Weg, unsere Zukunft zu verspielen. Dass ich mir mit der Studie insgesamt keine Freunde mache und dafür Mut erforderlich ist bzw. war, ist mir klar.

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    Susanne Finke-Röpke sagte:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    den von Ihnen gewünschten Politikwandel wird es nicht geben, weil es sich um einen politischen Alleingang Deutschlands innerhalb der EU handeln würde. Das wäre die Schweizer bzw. Britische Strategie, die insbesondere die großen Staaten Europas (v.a. Frankreich) bei einem so großen, aber atomwaffenlosen Land wie Deutschland mit seiner kriegerischen Vergangenheit nicht dulden würden. Selbst Russland sähe dies wohl skeptisch. Und das Ganze ist politisch abgesehen von einigen Leuten in der AFD so auch von keiner politisch nennenswerten Partei gewollt. Nur bei einer Rückkehr zu nationalen Währungen nach dem Scheitern des Euro aufgrund des Vertrauensverlustes in die Währung ergäbe sich eventuell zeitlich ein kleines politisches Fenster für eine halbe Kehrtwende.

    Sollte Deutschland allerdings ein Einwanderungsrecht á la Kanada oder Australien einführen, werde ich für meine Fehleinschätzung um Entschuldigung bitten.

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    MFK sagte:

    Die Berechnungsweise des BIP ist in der Vergangenheit mehrfach geändert worden. Ist das bereingt worden? Falls nicht, fällt das Bild noch düsterer aus.

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      Dietram Schneider sagte:

      Sie liegen völlig richtig. Allerdings wollte ich die „offiziellen“ Werte nicht verändern, weil mir sonst eine „passende“ Berichtigung vorgeworfen werden könnte. Die Zahlen sind auch so bedrückend und prekär genug.

      Antworten

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