Bleibt die deutsche Wirtschaft fit?

Nach meinem Blick auf die USA in der vergangenen Woche erreichten mich nicht wenige Zuschriften mit der Frage, wie es denn angesichts der schlechten Nachrichten aus der Industrie um die deutsche Wirtschaft stehe. Hier meine kritische Sicht auf die Lage hierzulande. Auch mit Hinblick auf die Corona-Epedemie ist CORONOMICS  Thema in der neuesten Ausgabe des bto-Podcasts.

Zehn tolle Jahre

Wenn wir auf die wirtschaftliche Entwicklung der letzten zehn Jahre blicken, können wir uns auf die Schultern klopfen. Keinem anderen der größeren Industrieländer erging es besser als Deutschland. Egal, auf welchen Indikator man blickt, Deutschland steht hervorragend da.

Das reale Wirtschaftswachstum lag über dem Durchschnitt der OECD Länder, der EU und der Eurozone – Tab.: Reales Wirtschaftswachstum 2009-2018:

Land
China 96 %
Indien 84 %
Irland 71 %
Korea 34 %
Zentral Europa und das Baltikum 29 %
Neuseeland 29 %
Australien 27 %
Schweden 26 %
USA 22 %
Kanada 22 %
Deutschland 21 %
OECD-Staaten 20 %
Schweiz 19 %
Großbritannien 19 %
Russland 18 %
Dänemark 17 %
Europäische Union 15 %
Österreich 15 %
Norwegen 15 %
Niederlande 13 %
Eurozone 13 %
Japan 13 %
Frankreich 13 %
Finnland 11 %
Spanien 9 %
Italien 2 %
Griechenland -20 %

Quelle: Weltbank, The World Bank Data, Berechnung: bto

Für ein Land mit einer so reifen Wirtschaft wie Deutschland ein durchaus erfreuliches Ergebnis. Lediglich Schweden weist ebenfalls ein deutlich höheres Wachstum auf und spielt in einer ähnlichen Liga wie Deutschland.

Kein Wunder, dass die Beschäftigungsentwicklung ebenso erfreulich war. Die Zahl der im Inland beschäftigten Menschen stieg von 40.842.000 im Januar 2010 auf 45.363.000 im Januar 2020 (+11 Prozent):

Quelle: Statistisches Bundesamt

Spiegelbildlich dazu fiel die Arbeitslosenquote auf 3,2 Prozent, lediglich Tschechien wies mit 2 Prozent eine noch tiefere Arbeitslosenquote in der EU auf. Selbst in den USA liegt die Arbeitslosenquote im Januar 2020 über dem deutschen Niveau. Im EU-Durchschnitt sind 6,2 Prozent Arbeitslosigkeit zu messen, besonders schlimm ist es in Griechenland (16,6 Prozent), Spanien (13,7 Prozent), Italien (9,8 Prozent) und Frankreich (8,4 Prozent).

Die gute Lage der Wirtschaft schlägt sich auch in der finanziellen Lage der öffentlichen Haushalte nieder. So sank die Verschuldung des Staates relativ zum BIP seit 2009 bis heute von 73,6 Prozent des BIP auf unter 60 Prozent. Dies als Folge der guten Konjunktur und der deutlich gesunkenen Zinsausgaben des Staates auf den ausstehenden Schulden, nicht zuletzt als Folge von Eurokrise und Geldpolitik der EZB.

Nun könnte man angesichts dieser Zahlen zu folgenden Schlüssen kommen:
Die erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung

  • ist Folge guter Politik hierzulande.
  • hat den Wohlstand der Deutschen gemehrt.
  • ist ein guter Indikator für die Zukunft.
  • wurde genutzt, um die Grundlagen für künftigen Wohlstand zu legen.

Leider stimmt keine dieser Annahmen, wie wir im Folgenden sehen werden. Ausführlich habe ich das im Märchen vom reichen Land“ erklärt.

Boom dank externer Faktoren

Deutschland ist in hohem Maße vom Außenhandel abhängig. Die sogenannte Außenhandelsquote, die sich aus der Summe von Exporten und Importen relativ zum BIP ergibt, ist seit 2009 von 59,7 Prozent bis heute auf 71,1 Prozent (2018) des BIP gestiegen. Dabei stiegen die Exporte schneller als die Importe, was uns den wenig nützlichen Titel des Exportweltmeisters einbrachte. Damit liegen wir an der Spitze der großen Industrieländer. Nur kleinere Länder wie die Schweiz weisen relativ zur Bevölkerung eine noch größere Abhängigkeit vom Außenhandel auf.

Besonders wichtig für unseren Exporterfolg sind die traditionellen Industrien, namentlich Kraftfahrzeuge und -teile, Maschinen und Anlagen sowie Erzeugnisse der chemischen Industrie. Dies sind allesamt Industrien, in denen Deutschland schon vor über 100 Jahren eine gute Position hatte. Schwach sind wir hingegen bei den neueren Technologien, bei denen wir auf Importe vom Ausland angewiesen sind. Dies unterstreicht bereits, dass wir uns nicht nur vom Export sehr abhängig gemacht haben, sondern auch von wenigen Schlüsselbranchen, die angesichts des technologischen Umbruchs und der Verschlechterungen der Rahmenbedingungen hierzulande vor erheblichen Herausforderungen stehen.

Die größten Kunden Deutschlands 2018 waren (in Milliarden Euro):

  • USA:                                        113,5
  • Frankreich:                           105,3
  • Volksrepublik China:            93,1
  • Niederlande:                           91,3
  • Großbritannien:                     82,0

Diese Zahlen weisen bereits auf die Risiken hin, die sich aus einer solchen Exportabhängigkeit ergeben. Kommt es zu einer Rezession in China – die übrigens für den größten Anteil des Exportwachstums der letzten zehn Jahre steht – so trifft dies die deutsche Wirtschaft hart. Einen Vorgeschmack davon hatten wir schon im Herbst 2019, als wir nur knapp an einer Rezession vorbeikamen und haben ihn derzeit wieder angesichts der Coronavirus-Epidemie. Es zeigt aber auch, wie gefährlich zunehmender Protektionismus direkt und indirekt sein kann, weshalb entsprechende Überlegungen der Regierung Trump, Deutschland stark treffen könnten. Letztlich bleibt das Risiko eines harten Brexits, der für die deutschen Exporteure ebenfalls deutliche Einbußen bedeuten würde.

Unsere Industrie hat überproportional von der Globalisierung der letzten Jahrzehnte profitiert. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt die Lohnzurückhaltung seit Einführung des Euro. Zunächst verlor Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit und durchlebte eine Rezession Anfang der 2000er-Jahre. In der Folge kam es zu den Hartz-IV-Reformen, die letztlich zum Ziel hatten, das Lohnniveau zu senken und so an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Mit Erfolg: Die Lohnstückkosten sind bis 2007 deutlich gesunken. Damit wurde es attraktiver, in Deutschland zu produzieren. Spiegelbildlich dazu stagnierten die Reallöhne. Erst seit 2010 legen diese mit real 1,2 Prozent pro Jahr wieder zu, wobei ein Teil des Lohnzuwachses von einer steigenden Steuer- und Abgabenquote aufgefressen wurde. Diese stieg von 38,4 Prozent im Jahr 2010 auf 41,4 Prozent im Jahr 2019. Der Staat nimmt den Bürgern also rund drei Prozentpunkte vom BIP mehr ab.

Neben der Lohnzurückhaltung ist vor allem die Geldpolitik der EZB für die gute konjunkturelle Entwicklung hierzulande verantwortlich. Diese wirkt über zwei Kanäle: Die tiefen Zinsen stabilisieren die Eurozone und damit die Nachfrage aus den anderen Mitgliedsländern. Zwar stagnieren die Exporte in die Eurozone seit Jahren, aber ohne die Eingriffe der EZB wäre es dort zu einem noch stärkeren Rückgang der Konjunktur und damit der Nachfrage nach deutschen Waren gekommen. Den Preis dafür zahlen unter anderem die deutschen Sparer, die – vor allem wegen ihrer Vorliebe für vermeintlich risikoarme Anlageformen wie Konto, Sparbuch, Anleihe und Lebensversicherung – keine Zinsen mehr erhalten und nicht am Wertzuwachs von Sachwerten wie Aktien und Immobilien partizipieren.

Die größere stimulierende Wirkung auf die Exporte dürfte die deutliche Abschwächung des Euro gehabt haben. Musste man im Jahr 2010 noch 1,50 USD für einen Euro bezahlen, näherte sich der Euro im Frühjahr 2020 der Parität. Nach Berechnungen des britischen Economist war der Euro damit rund 19 Prozent unterbewertet. Von der starken Abwertung des Euro profitieren naturgemäß exportstarke Nationen wie Deutschland besonders. Dies umso mehr, als wir bezüglich des Euro mit wirtschaftlich deutlichen schwächeren Nationen in einem Boot sitzen. Einen Eindruck, wie es aussähe, wenn wir noch die Deutsche Mark hätten, gibt der Schweizer Franken, der nach den Berechnungen des Economist 18 Prozent gegenüber dem US-Dollar überbewertet ist. Der schwache Euro ist damit gerade für Deutschland besonders schwach.

Hinter dem starken Boom des Exports steht außerdem eine immer höhere Verschuldung in der Welt. Seit Jahrzehnten wachsen die Schulden deutlich schneller als die Wirtschaftsleistung und nur mit immer tieferen Zinsen ist diese Verschuldung weiter tragfähig. Nebenwirkung der sinkenden Zinsen ist allerdings eine immer weitergehende Verschuldung, die sich unter anderem in höherer Nachfrage nach Gütern aus Deutschland niederschlägt. Hinter den Exporterfolgen steht also eine Schuldenwirtschaft, die nicht auf Dauer fortgesetzt werden kann.

Wie abhängig die Welt mittlerweile von steigenden Schulden ist, zeigt auch diese Darstellung:

Quelle: Hoisington

Vor allem wird deutlich, dass die Wirkung der neuen Schulden auf die Realwirtschaft abnimmt, weil ein immer größerer Teil dazu dient, die Illusion der Bedienung vergangener Schulden aufrechtzuerhalten, zu konsumieren und zu spekulieren. Damit wächst die Anfälligkeit für sogenannte „externe Schocks“ und eine Wiederholung der Finanzkrise kann entgegen allen Beteuerungen von Politikern und Notenbankern nicht ausgeschlossen werden. So oder so ist es eine fragile Lage, die besonders für eine vom Außenhandel stark abhängige Wirtschaft wie die Deutsche sehr gefährlich ist.

Die guten zehn Jahre sind folglich nicht das Ergebnis überlegener deutscher Wirtschaftspolitik. Sie sind die Folge von außergewöhnlichen Faktoren, von denen wir nicht annehmen dürfen und sollten, dass sie noch länger Bestand haben. Im Gegenteil, es zeichnen sich Trendbrüche ab. Die Welt ist immer weniger gewillt, anhaltend hohe Handelsüberschüsse zu tolerieren, entziehen wir doch so anderen Ländern Kaufkraft. Die Abwertung des Euro wird sich angesichts schon bestehender Negativzinsen und sich abzeichnender expansiver Geldpolitik in den USA ebenfalls nicht beliebig fortsetzen lassen.  Nicht zuletzt belastet der technologische Umbruch in der Automobilindustrie unsere Schlüsselbranche erheblich und dürfte ebenfalls zu einer Abschwächung der Wirtschaft beitragen.

Deutschland: fleißig, aber arm

Wir wissen aber auch, dass die gute Konjunkturentwicklung der letzten Jahre unseren Wohlstand nicht deutlich erhöht hat. Zwar ist das Vermögen der Deutschen relativ zum BIP seit 2010 gestiegen, dennoch liegen wir noch immer weit hinter Ländern wie Japan und den USA. Und in Europa rangieren wir hinter Frankreich, Großbritannien, Spanien, der Schweiz und Italien. Die deutschen Privathaushalte gehören zu den Ärmsten in Europa, und zwar egal, aus welchem Blickwinkel man darauf blickt:

Quelle: EZB, Berechnung: bto

Die Tabelle zeigt neben dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und der Sparquote das Haushaltsvermögen in den jeweiligen Ländern, und zwar einmal im Durchschnitt und dann im Median. Der Durchschnitt ist das gesamte Vermögen in einem Land, geteilt auf alle Haushalte, während der Median der Wert ist, bei dem der „mittlere“ Bürger gleich viele ärmere wie reichere Mitbürger hat.

Schon der Durchschnittswert kann für Deutschland nur enttäuschen. Mit 241.300 Euro liegen wir im unteren Mittelfeld.

Beim Medianvermögen sind die Unterschiede noch eklatanter. Mit 60.800 Euro liegen wir Deutschen deutlich am Ende. Selbst der mittlere griechische Haushalt verfügt über mehr Vermögen. Nach neueren Zahlen der Bundesbank ist das Medianvermögen in Deutschland auf 70.800 Euro gestiegen, wir haben also relativ etwas aufgeholt, vor allem dank der stark gestiegenen Immobilienpreise in den letzten Jahren.

Die Fitness nimmt ab

Wohlstand ist – wie wir gesehen haben – deutlich mehr als das BIP. Auf der anderen Seite ist das BIP pro Kopf ein wesentlicher Faktor, wenn es um die Schaffung von Wohlstand und Glück geht. Und hier zeigt sich, dass die letzten zehn Jahre vor allem davon profitiert haben, dass mehr Menschen gearbeitet haben, nicht so sehr von einem Anstieg der Wirtschaftsleistung pro Kopf. Nehmen wir erneut die Daten der Weltbank.

Tab.: Reales Wirtschaftswachstum pro Erwerbstätigen 2009 – 2018

Land

China 93 %
Indien 69 %
Zentral Europa und das Baltikum 22 %
Korea 21 %
Russland 17 %
Schweden 17 %
Niederlande 15 %
Dänemark 12 %
Australien 11 %
Kanada 11 %
Europäische Union 11 %
Japan 11 %
OECD-Staaten 10 %
Frankreich 10 %
Deutschland 10 %
USA 10 %
Eurozone 10 %
Neuseeland 10 %
Finnland 9 %
Spanien 9 %
Norwegen 8 %
Österreich 8 %
Großbritannien 7 %
Portugal 7 %
Schweiz 7 %
Italien 4 %
Griechenland -7 %

Quelle: Weltbank, The World Bank Data, Berechnung: bto

Dieser Blick auf die Entwicklung in Deutschland fällt immer noch positiv aus, aber nicht mehr so positiv wie die einfache Analyse des realen Wirtschaftswachstums, das wir in Tabelle 1 gesehen haben. Nun liegen wir mit 10 Prozent im Schnitt der Eurozone und unterhalb der EU und der OECD und nicht mehr darüber. Dies kann man auf zwei Weisen deuten:

  • Positiv: Es ist uns gelungen, mehr Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren – was auch die sinkenden Arbeitslosenzahlen zeigen – und damit den Wohlstand des Landes zu heben.
  • Negativ: Wir arbeiten mehr, aber nicht hinreichend produktiv.

Das Positive ist für die Beurteilung der Vergangenheit relevant, dass Negative leider für die Zukunft. Denn ganz entscheidend für die Sicherung des Wohlstands ist, dass es uns gelingt, die Produktivität pro Erwerbstätigen zu steigern. Denn nur so sind die Kosten des Sozialstaates ansatzweise zu bewältigen angesichts einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und stark wachsender Rentnerzahlen. Schon seit 2010 lässt sich ein Rückgang der Produktivitätsfortschritte feststellen und in einigen Schlüsselbereichen der Wirtschaft dürfte die Produktivität sogar gesunken sein. Das bedeutet, dass wir weniger Güter und Dienstleistungen mit dem gleichen Einsatz von Maschinen und Arbeit erzeugen. Eigentlich sollte es umgekehrt sein: Wir müssten jedes Jahr ein bisschen besser werden und mit gleichem Einsatz mehr erzeugen als Basis für steigende Löhne, Gehälter, Gewinne und auch Sozialleistungen.

Konnten wir in den vergangenen Jahrzehnten noch deutliche Fortschritte erzielen, so wuchs der Output, gemessen am Arbeits- und Kapitaleinsatz im Jahr 2019, nur noch um 0,1 Prozent. In den 90er-Jahren lagen die jährlichen Produktivitätszuwächse bei über zwei Prozent.

Die Wirtschaftswissenschaft rätselt über die Ursachen dieser Entwicklung. Ein möglicher Grund könnte die noch nicht ausgestandene Finanzkrise sein. Hohe Schulden, unterkapitalisierte Banken und die sich auch daraus ergebenden tiefen Realzinsen tragen zu einer „Zombifizierung“ der Wirtschaft bei. Unternehmen, die eigentlich nicht mehr wettbewerbsfähig sind, bleiben nur dank der günstigen Finanzierungsmöglichkeiten im Markt. Diese Unternehmen haben nicht genug Kraft für Investitionen und Innovation, erschweren aber zugleich innovativeren Unternehmen den Markteintritt. In der Folge sinkt das Produktivitätswachstum gesamthaft.

Dennoch müsste man angesichts des für uns alle sichtbaren technischen Fortschritts – ein Smartphone ersetzt heute Telefon, Computer, Kamera und vieles weitere – deutliche Produktivitätsfortschritte sehen. Schon vor der Finanzkrise stellte sich die Frage, warum wir diese Fortschritte zwar erleben, aber nicht in den volkswirtschaftlichen Zahlen wiederfinden. Die Theorien gehen aus

  • von der fehlenden Messbarkeit (wir bekommen Güter „umsonst“, wie beispielsweise Facebook, wo wir mit unseren Daten „bezahlen“),
  • von Verzögerungseffekten (es dauert nur länger, bis sich der technische Fortschritt breit in der Wirtschaft bemerkbar macht) und
  • von Skeptikern, die sagen, dass die Innovationen nicht mehr so grundlegend sind wie die Erfindungen vor 100 Jahren und deshalb weniger Auswirkung haben.

Es gibt noch einen weiteren Indikator für die abnehmende Fitness und dies lässt sich an den Finanzierungssalden der einzelnen Sektoren der Wirtschaft ablesen.

Abb.: Finanzierungssalden der Wirtschaftssektoren

 

Diese Abbildung zeigt, welche Sektoren der Wirtschaft netto gespart und welche sich netto verschuldet haben. Die Summe der Ersparnis entspricht dem Kapitalexport ins Ausland und dem Handelsüberschuss. Wenn man einen Handelsüberschuss erwirtschaftet, geht das also immer mit einem entsprechenden Export von inländischer Ersparnis in das Ausland einher. Dies ist in der Theorie gut, weil man damit Vermögenswerte im Ausland aufbaut, von denen man zu einem späteren Zeitpunkt, zum Beispiel, wenn die alternde Bevölkerung in Rente geht, zehren kann.

Das Problem in unserem Fall ist jedoch, dass die Verschuldung weltweit immer weiter steigt und damit die Gefahr von Zahlungsausfällen, Schuldenschnitten und hoher Inflation. In einer überschuldeten Welt ist es keine gute Idee, Gläubiger zu sein.

Analysen der Commerzbank deuten darauf hin, dass dies kein Zufall ist, sondern ein Trend, der daraufhin deutet, dass der Standort Deutschland deutlich an Attraktivität verliert. So hat die deutsche Automobilindustrie ihre Produktion im Inland seit 2015 bis Ende 2019 um rund 10 Prozent reduziert und im europäischen Ausland erhöht, was für einen Verlust an Standortqualität spricht. Die Bank spricht denn auch von der „Rückkehr des kranken Manns Europas“, so wurde Deutschland zur Jahrtausendwende schon mal bezeichnet.

Der Unterschied zu damals: Heute haben wir es mit einer Strukturkrise zu tun, die sich nicht durch Lohnzurückhaltung korrigieren lässt. Die Ursachen sind viel weitergehender: relativ hohe Steuern, zunehmende Bürokratie, die höchsten Energiepreise Europas, zunehmende Zweifel an der Versorgungssicherheit mit Strom angesichts der unausgegorenen Energiewende, deutlich verschlechterte Infrastruktur, ein für jeden sichtbarer Rückstand bei der Digitalisierung und zunehmende Probleme bei der Umsetzung von Investitionen und Innovation. Man blicke nur auf das Theater um den Bau einer Tesla-Fabrik in Brandenburg.

In Unternehmen ist langfristiges Denken und Benchmarking Pflicht. Deshalb kann es nicht überraschen, dass die Zukunft bei den heutigen Rahmenbedingungen, den Schwerpunkten der politischen Diskussion – Umverteilung, Eingriffe in Eigentumsrechte (siehe Enteignungsüberlegungen für Immobilien in Berlin), Klimapolitik ohne Rücksicht auf die ökonomischen Folgen, um nur einige Beispiele zu nennen – und der absehbaren demografischen Entwicklung zunehmend im Ausland gesehen wird. Dies unterstreicht auch der 22. Platz im „Ease of doing business Index“ der Weltbank nach Ländern wie Schweden und Finnland. Blickt man genauer auf die Daten, so sieht man, dass Deutschland nur bei zwei Punkten einen Platz unter den Top Ten belegt: bei der Abwicklung von Insolvenzen und beim Zugang zu Elektrizität. Beim letzten Punkt ist eine dramatische Verschlechterung in den kommenden Jahren zu befürchten.

Dies auch deshalb, weil es sich aus finanzieller Sicht der Unternehmen weniger lohnt, in Deutschland zu investieren. So zumindest das Ergebnis einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, die vorrechnet, dass die Rendite für Direktinvestitionen der Unternehmen im Ausland über jener liegt, die in Deutschland erzielbar ist.[i] Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand – und wird uns im weiteren Verlauf des Buches noch beschäftigen: Wie erhöhen wir die Attraktivität des Standorts Deutschland für Investitionen? Letztlich muss es sich für die Unternehmen lohnen. Das hat nicht nur was mit Lohnniveau, Produktivität, Steuern und Abgaben zu tun, sondern ebenso mit der Qualität der Infrastruktur, des Bildungswesens sowie der Zuverlässigkeit und den Kosten der Energieversorgung.

So müssen wir nach zehn Jahren guter Konjunktur konstatieren, dass die Fitness Deutschlands gelitten hat: Die Produktivität pro Erwerbstätigen ist langsamer gestiegen als in anderen Ländern der OECD und der EU. Die Produktivitätszuwächse sind dabei – wie auch in anderen Ländern der westlichen Welt – deutlich zurückgegangen. Die Unternehmen haben trotz guter Ertragslage lieber im Ausland als im Inland investiert und haben damit erheblich dazu beigetragen, dass unsere Ersparnisse in das Ausland geflossen sind. Eine gefährliche Strategie angesichts der weltweit immer höheren Verschuldung.

Konsum statt Investition

Bleibt der Blick auf den Staat. Hat dieser die gute Konjunktur wenigstens dazu genutzt, die Grundlagen für künftigen Wohlstand zu legen? Sie ahnen es schon: Davon kann nicht die Rede sein. Wir haben bereits im Podcast zur schwarzen Null anhand des Bundeshaushalts aufgezeigt, dass die Politik eine falsche Strategie verfolgt hat. So wurde zum einen im kameralistischen Haushalt eine „schwarze Null“ angestrebt und gleichzeitig im nachhaltigen Haushalt, also jenem mit ordentlicher Buchführung, den es eben aus politischen Gründen bisher nicht gibt, die Verschuldung durch alle Arten von Leistungsversprechen von der Rente mit 63 bis zur Grundrente deutlich erhöht.

In der Sprache der Bilanz: Die Politik der letzten Jahre hat nichts dafür getan, dass die Aktiva unserer Gesellschaft wertvoller geworden sind. Im Gegenteil, sie hat dabei zugesehen, wie vorhandene Aktiva an Wert verloren, zum Beispiel das Straßennetz, wo nach einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft „vorliegende Daten zeigen, dass von etwa 13.000 Kilometern Autobahn 17,5 Prozent der Streckenkilometer in einem Zustand sind, der Sanierungsbedarf anzeigt. Bei den Bundesstraßen sind es 33,9 Prozent von gut 39.000 Streckenkilometern. Mehr als 10 Prozent der Autobahnen und fast 19 Prozent der Bundesstraßen müssten sogar umgehend saniert werden. Dabei ist davon auszugehen, dass der Zustand der Bundesfernstraßen noch spürbar besser ist als der der Landes- oder Kommunalstraßen. So ergab beispielsweise die letzte Erfassung der Landesstraßen in NRW, dass fast 50 Prozent der Streckenkilometer in den kritischen Kategorien anzusiedeln waren. Die auf den Erhaltungsausgaben des Landes basierenden Prognosen gehen davon aus, dass besonders der Anteil der sehr schlechten Straßen bis 2028 drastisch steigen wird“. [ii] Ähnlich schlimm sieht es bei Brücken und anderen Bauwerken aus. Wir leben seit Jahren von der Substanz, die zusehends verfällt. Dies passt zu der bereits in Kapitel XX mit Blick auf eine Studie des Internationalen Währungsfonds getroffenen Aussage, dass Deutschland einer der ärmeren Staaten der Welt ist.

Das Traurige dabei ist, dass es nicht an den Einnahmen des Staates liegt, die seit Jahren boomen. Wie aufgezeigt, nimmt der Staat nicht nur mit der wachsenden Wirtschaft mehr ein, sondern hat auch die Abgabenquote seit 2009 um rund drei Prozentpunkte vom BIP erhöht. Da gleichzeitig die Aufwendungen für Zinsen und Arbeitslosigkeit deutlich gesunken sind, müsste man eigentlich erwarten, in einem Land mit bester Infrastruktur, funktionierender Bahn, schnellem Internet, herausragenden Schulen und einsatzbereiter Bundeswehr zu leben. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Womit ich zum Fazit mit Blick auf Deutschland komme:

  • Wir haben in den letzten zehn Jahren eine Illusion von Wohlstand erlebt,
  • quasi als letzte Party eines Landes, das mit alten Industrien noch einmal die Vorzüge der Globalisierung in voller Blüte nutzen konnte.
  • Hinter der Fassade dieses Aufschwungs, basierend auf dem billigen Geld der EZB und dem schwachen Außenwert des Euro, verschlechterten sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und damit unsere Fähigkeit, auch künftig wohlhabend zu sein.
  • Unsere Politiker setzten derweil auf Konsum statt auf Investitionen. Bei wichtigen Themen – von Bildung bis Infrastruktur – besteht ein erheblicher Investitionsrückstau, während die ungedeckten Versprechen zugunsten der immer älter werdenden Bevölkerung deutlich zugenommen haben.
  • Wenn wir jetzt nicht deutlich und entschieden gegensteuern, drohen uns Jahre heftiger Verteilungskonflikte, sozialer und politischer Spannungen und relativen wirtschaftlichen Niedergangs.
Kommentare (21) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Michael Stöcker sagte:

    @ troodon

    Ich antworte Ihnen wegen der Bloghygiene mal hier oben, damit neue Leser nicht gleich durch die geistigen Ergüsse unseres bto-Trottels abgeschreckt werden.

    Die bestehende Definition von „Kapitalexport“ ist einem fundamentalen Missverständnis über die Funktionsweise des Geldsystems geschuldet. Dazu gab es 2015 ein schönes BIS-Paper von Claudio Borio und Piti Disyatat: http://www.bis.org/publ/work525.pdf. Beide Autoren sind eher den Austrians zuzuordnen und somit unverdächtig, falls irgendjemand glaubt, dies sei ausschließlich keynesianisches Gedankengut.

    Peter Bofinger hatte die kopernikanische Wende ausgerufen. Jetzt muss sie nur noch in den Köpfen der anderen Ökonomen stattfinden.

    LG Michael Stöcker

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    • Avatar
      troodon sagte:

      @Michael Stöcker
      Sorry, habe keine Lust mich da durchzuarbeiten…
      Deshalb nochmal anders gefragt, wenn man den Begriff „Kapitalexport“ als „Anstieg von Forderungen an das Ausland“ definiert, ist es doch immer noch richtig, oder ?
      Oder geht es Ihnen einfach darum, dass der Begriff „Kapitalexport“ nicht mehr genutzt werden sollte ?
      Das kein „Kapital“ im Sinne von „Kapital befindet sich auf der Passivseite einer Bilanz (EK und FK). Die Passivseite einer Bilanz konnte noch nie exportiert … werden“ ist mir (inzwischen) klar.

      Antworten
    • Avatar
      Wolf Palmer sagte:

      @ Zins-Mystiker MS

      Mit bto-Trottel meinen Sie wohl die Fiat-Geld-Trottel, die hier im System-Auftrag und als Honorar-Schreiberlinge das kaputte System am Laufen halten sollen?

      Wäre ich ein Volkswirt würde ich mich schämen für solche Kollegen.

      Antworten
  2. Avatar
    Wolf Palmer sagte:

    Und immer wieder grüßt Wolf Palmer die einzig aufgeklärten Zins-Mystiker und besten Freunde des Merkel-Regimes und seiner verfehlten Politik.

    Alles, was es zu diesem Thema zu sagen gibt, hat Herr Dr.Stelter in kompetenter und verständlicher Form dargelegt.

    Deswegen sind einige Beiträge ohne Wert, weil sie lediglich auf den Theorien des Geldsystems aufbauen und nicht Fakten und Ursachen der katastrophalen Politik unserer Polit-Trottel nennen.

    Für Leute, die einer ernsthaften Beschäftigung nachgehen, ist das Lesen des Geschwurbels reine Zeitverschwendung.

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  3. Avatar
    Michael Stöcker sagte:

    @ Jens Happel und trodoon

    Ihre Kritik ist vollkommen berechtigt, Herr Happel. Es ist dem fundamentalen Missverständnis über die Funktionsweise eines zweistufigen Kreditgeldsystems geschuldet. Ich möchte es an einem ganz einfachen Beispiel erläutern. 2 Länder: USA/Joe und Deutschland/Porsche. In der Vergangenheit möge immer gegolten haben: Ex = Im.

    Wie entsteht Geld? Durch einen Bankkredit auf der zweiten Stufe des Geldsystems.

    Der notorisch klamme Joe geht zu seiner amerikanischen Bank in Nebraska und nimmt einen Kredit in Höhe von 160.000 USD auf, um einen Porsche zu kaufen, der in Deutschland hergestellt wurde. Die Bank schreibt ihm den Betrag gut und Joe überweist das Geld an den Autohändler, der wiederum diese Dollar auf das Fremdwährungskonto von Porsche bei der Sparkasse Stuttgart überweist. D hat nun einen LB-Überschuss in Höhe von 160.000 USD und die USA das korrespondierende LB-Defizit.

    Hat hierfür irgendjemand zuvor Geld/Kapital exportieren müssen?

    Nein!

    Ist Porsche nun Gläubiger?

    Ebenfalls nein, da Porsche ja das Geld bereits auf dem Konto hat.

    Porsche ist lediglich Gläubiger gegenüber der Sparkasse Stuttgart und kann von dieser Barauszahlung der Dollar verlangen oder aber diese anweisen, eine Überweisung im Rahmen des Girovertrags auf ein anderes Konto zu tätigen.

    Gläubiger UND Schuldner sitzen beide in den USA. Gläubiger ist die First National Bank in Omaha, die dem Joe die 160.000 kreditiert hat. Der Schuldner ist der Joe.

    Was lernen wir daraus?

    Ist Geld eine Forderung?

    Nein!

    Geld/Bargeld ist immer das Geforderte.

    Das gilt auch für Devisen und TARGET-Salden.

    Und ja: Wer etwas gegen diese Salden tun möchte, der sollte einfach seine Dollar nehmen und eine Runde in den USA shoppen gehen. Das stimmt dann auch den Donald wieder etwas freundlicher.

    Merke: Geld/Zentralbankgeld ist der Standard, mit dem Salden ausgeglichen werden, ohne selbst noch Forderung oder Verbindlichkeit zu sein, da wir ja keinen Goldstandard mehr haben.

    Und noch etwas: Kapital befindet sich auf der Passivseite einer Bilanz (EK und FK). Die Passivseite einer Bilanz konnte noch nie exportiert und/oder „verliehen“ werden. Das geht immer nur mit Aktiva.

    LG Michael Stöcker

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    • Avatar
      troodon sagte:

      @ Michael Stöcker
      Die bestehende Definition von „Kapitalexport“ als „Anstieg von Forderungen an das Ausland“ ist nun einmal etwas missverständlich.
      Oder habe ich etwas verpasst und es wird inzwischen anders definiert ?

      Antworten
  4. Avatar
    Jens Happel sagte:

    Diese Abbildung zeigt, welche Sektoren der Wirtschaft netto gespart und welche sich netto verschuldet haben. Die Summe der Ersparnis entspricht dem Kapitalexport ins Ausland und dem Handelsüberschuss. Wenn man einen Handelsüberschuss erwirtschaftet, geht das also immer mit einem entsprechenden Export von inländischer Ersparnis in das Ausland einher. Dies ist in der Theorie gut, weil man damit Vermögenswerte im Ausland aufbaut, von denen man zu einem späteren Zeitpunkt, zum Beispiel, wenn die alternde Bevölkerung in Rente geht, zehren kann.

    Ich lese ihre Beiträge/Artikel wirklich gerne, aber das mit dem Kapitalexport und später davon zehren funktioniert so meiner Meinung nach grundsätzlich nicht. Die Gretchenfrage ist doch wer der Gläubiger ist? Ich habe ein kleines Unternehmen mit extrem hohen Exportanteil. Ich kann Ihnen versichern meine Firma vergibt keine Darlehn an das Ausland um die Aufträge zu finanzieren. Ich sehr schon sehr gerne, wenn auch meine ausländischen Kunden zahlen ;-)
    Auch meine Hausbank gibt kein Darlehn an meine Kunden. Die einzige deutsche Institution die eine Forderung gegenüber dem Ausland aufbaut ist die Buba. Innerhalb der EU ist das ein Darlehn an die EZB (Target2). Bei Ländern außerhalb der EU ist es auch die Buba, die entweder eine Forderung aufbaut oder ihre Währungsreseven erhöht.

    Kurz, im wesentlichen baut die Buba und evt. ein paar Großbanken eine Forderung gegenüber dem Ausland auf. Wie soll den ganz praktisch der deutsche Bürger oder Unternehmer von diesen Forderungen „später“ „im Alter“ profitieren. Sie gehören im doch gar nicht. Bei dieser Betrachtung wird deutlich, dass es einen Kapitalexport in der Form wir geben eine Darlehn und zufällig kaufen die Ausländer damit deustche Waren gar nicht gibt.

    Diese Forderungen können meines Erachtens nur abgebaut werden indem deutsche Unternehmer z.B. Direktinvestitionen im Ausland machen oder deutsche Bürger/Unternehmen Waren und/oder Vermögenswerte im Ausland KAUFEN. Irgendein Darlehn, das an Bürger oder Unternehmer zurückgezahlt wird gibt es ganz einfach nicht! Und so ist das Gejammer über den Kapitalexport eine Schimäre.

    Hätten die deutschen Unternehmen die Waren anstelle an das Ausland direkt an die Buba verkauft und hätte diese die Waren anschließend an deutsche Bürger/Unternehmen verschenkt, stünde sie bilanziell exakt gleich da. Der Unterschied, in Deutschland wäre der Wohlstand größer (mehr Waren bei deustchen Bürgern). Diesed natürlich illusorische Gedenkenkonstrukt zeigt, wie dämlich es ist ExportÜBERschuss Weltmeister zu sein. Man verkauft unter dem Strich zu billig und bekommt nichtsgleichwertiges zurück, auch nicht „später“.

    Wie wir diese ExportÜBERschüsse nur durch Investitionen abbauen können OHNE gleichzeitig die Löhne zu erhöhen ist auch erläuterungsbedürftig. Typischerweise steigt mit Investitionen die Produktivität, wenn dann die Löhne nicht mit steigen produziert man etwder auf Halde oder wieder für den Export. Wenn die Löhne nur gleichstark wie die Produktivität steigen bleibt der alte ExportÜberschuss erhalten. Auch wenn er auf Grund des dann höhren BIP prozentual zu diesem etwas geringer sein kann.

    Das ist einfach nicht schlüssig für mich.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jens Happel

    Antworten
      • Avatar
        Jens Happel sagte:

        Danke für den Link. Der ist aber irreführend. Natürlich haben Deutsche Vermögen im Ausland. Das sind aber nicht die Target2 Salden und die Währunsgreserven und Forderungen der Buba, die durch die Handelsbilanzüberschüsse entstanden sind.

        Diese „Werte“ gehören der Buba. Da hat kein Bürger oder Unternehmer einen Anspruch darauf erworben indem er Waren ins Ausland verkauft hat. Folglich ist es nicht ersichtlich, wie Bürger an Hand dieser Forderungen „später“ eine Auszahlung erhalten sollte.

        Diese Forderungen der Buba können meines Wissens nur abgebaut werden, indem wir mehr im Ausland einkaufen als umgekehrt oder mehr im Ausland investieren als umgekehrt. Dabei fließt aber Geld von Bürgern und Unternehmen ins Ausland im Gegenzug baut sich die Position bei der Buba ab. Es ist somit nicht so, dass man „spart“ uns später Geld zurück erhält.

        Folglich gibt es bei ExportÜBERschüssen keinen Kapitalexport in der Form, dass ein BÜRGER oder ein UNTERNEHMEN ein Darlehn ins Ausland gegeben hat. Und „später“ auf eine Rückzahlung hoffen kann. Die Unternehmen bekommen ihre exportieren Waren bezahlt. Mit diesem Geld könnten Sie theoretisch zukünftig im Ausland einkaufen. Das tun sie offenbar aber nicht.

        Mich stört, dass bei dieser Argumentation so getan wird, als ob uns die Exporüberschüsse bei der Rentenproblematik auf Grund der Überalterung helfen würden. Dafür müßten aber die im Exportüberschuss erwirtschaften Gelder nenneswert Guthaben bei denjenigen aufbauen die von Altersarmut bedroht sind. Das sind die unteren 40% der Lohnempfänger. Da kommt es aber gerade nicht an, den die haben durch Lohnzurückhaltung die Exportüberschüsse erst möglich gemacht. Folglich sind die Exportüberschüsse eher die Ursache für zukünftige Altersarmut (der unteren 40%) als deren Lösung.

        Die Argumentation, dass die Ersparnisse „sinnvoll“ sind auf Grund unser Überalterung ist allenfalls hypotetisch richtig. Sie würden dann helfen, wenn man die Gelder von den derzeitgen Empfängern der Exportüberschüsse (Unternehmen und deren Anteilseigner) umverteilt zu den unteren 40 %. Ob sofort oder erst „später“ im Alter ist da jetzt mal egal. Mein Punkt ist, dass diese Argumentation nur sinning ist, wenn man für mehr Umverteilung ist, das ist hier im Forum eher nicht so der Mainstream.

        Ist man für weniger Umverteilung, wäre es in meinen Augen wesentlich sinniger, die Senkung der ExportÜBERschüsse durch höhere Löhne und somit einer Stärkung des Binnenmarktes zu erreichen. Höhere Löhne bei den unteren 40% würden es auch erlauben die derzeitige Umverteilung zu reduzieren und Raum für Steuersenkungen oder einer Senkung der Sozialbeiträge zu schaffen.

        Mfg Jens Happel

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        troodon sagte:

        @ Jens Happel
        Ich bin sicher nicht der Richtige, um auf jeden ihrer Sätze etwas sinnvolles zu erwidern.

        Trotzdem:
        „Diese Forderungen der Buba können meines Wissens nur abgebaut werden, indem wir mehr im Ausland einkaufen als umgekehrt oder mehr im Ausland investieren als umgekehrt.“
        Oder z.B. deutsche Banken könnten auch anderen Eurozonen Banken mehr Kredite geben. Auch dann würde der Target2 Saldo sinken. Die hinter den Exportüberschüssen stehenden Risiken würden dadurch aber nicht verschwinden, sie würden anders verteilt. Deutsche Anleger könnten auch vorhandene Assets (z.B. Aktien,Immobilien) von Eurozonen Anlegern kaufen. Auch dann würde der Target2 Saldo sinken (wenn der Verkäufer seinen Verkaufserlös bei seiner Bank im Heimatland lässt). Gilt also auch wenn der Italiener sein Aktiendepot (auch z.B. mit deutschen Aktien) bei der italienischen Bank verkauft und ein deutscher Anleger die Werte erwirbt und sein Kontoguthaben reduziert.

        „Folglich gibt es bei ExportÜBERschüssen keinen Kapitalexport in der Form, dass ein BÜRGER oder ein UNTERNEHMEN ein Darlehn ins Ausland gegeben hat.“
        Direkt ist dies eher selten, aber indirekt eben schon. Entweder über die heimischen Banken oder es zeigt sich eben im Target2 Saldo.
        Immer hier wieder diskutiert, dass der € eine Subvention der Exportunternehmen, deren Eigentümer und Beschäftigten darstellt. Die haben ihr Geld bekommen, die Allgemeinheit hat im Falle eines Falles evtl. den Nachteil.

        „wenn man die Gelder von den derzeitgen Empfängern der Exportüberschüsse (Unternehmen und deren Anteilseigner) umverteilt zu den unteren 40 %. Ob sofort oder erst „später“ im Alter ist da jetzt mal egal. “
        Tja, niemand hindert Sie daran, in ihrem Unternehmen mit gutem Beispiel voranzugehen. Allerdings ist es eben auch keine Lösung den Export generell durch stark steigende Löhne an die Wand zu fahren. Das hilft dann der Gesamtwirtschaft mittelfristig auch nicht. Wenn Ihr Unternehmen pleite ist, hilft es ihren Angestellten eben auch nicht, dass sich diese kurzfristig über deutlich höhere Löhne freuen durften. Deshalb der Weg über mehr Investitionen im Inland, um so mehr Nachfrage an das Ausland anzuregen. Ist langfristig besser für beide Seiten.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Aussagefähige, signifikante Daten auf den Punkt gebracht.

    Mit der Interpretation („Fazit“) bin ich nicht ganz einverstanden.

    > Wir haben in den letzten 10 Jahren eine Illusion von Wohlstand erlebt, quasi als letzte Party eines Landes, das mit alten Industrien noch einmal die Vorzüge der Globalisierung in voller Blüte nutzen konnte.>

    Dem ersten Halbsatz widerspreche ich:

    Wenn wir die letzten 10 Jahre ein reales Wirtschaftswachstum von 21% UND ein reales Wirtschaftswachstum pro Erwerbstätigen von 10% (bei Einbeziehung von einer ansehnlichen Zahl gering Qualifizierter in den Arbeitsmarkt) UND der Finanzierungssaldo ALLER Sektoren durchweg positiv ist, kann von einer ERLEBTEN Wohlstandsillusion keine Rede sein.

    Wir KONNTEN uns leisten, was wir uns leisten WOLLTEN.

    Die Zufriedenheitswerte der Umfragen bestätigen das.

    Dass wir beim Haushaltsvermögen abgeschlagen sind, und insbesondere hinsichtlich des Median in einer geradezu grotesk aberwitzigen Situation sind mit Blick auf ärmere Länder, ändert nichts daran.

    Denn die deutsche Bevölkerung versteht unter „Wohlstand“ NICHT „Vermögen“ bzw. „Haushaltsvermögen“.

    Das übersieht eine Feststellung wie diese, die zwar richtig ist, aber für das WOHLSTANDSVERSTÄNDNIS der Bevölkerung als IRRELEVANT angesehen werden muss:

    >Wir wissen aber auch, dass die gute Konjunkturentwicklung der letzten Jahre unseren Wohlstand nicht deutlich erhöht hat. Zwar ist das Vermögen der Deutschen relativ zum BIP seit 2010 gestiegen, dennoch liegen wir noch immer weit hinter Ländern wie Japan und den USA. Und in Europa rangieren wir hinter Frankreich, Großbritannien, Spanien, der Schweiz und Italien. Die deutschen Privathaushalte gehören zu den Ärmsten in Europa, und zwar egal, aus welchem Blickwinkel man darauf blickt>

    Dem zweiten Halbsatz stimme ich zu.

    WEIL wir Wohlstand so verstehen, wie wir ihn verstehen, also vor allem an „INSTANT-KONSUM“ gemessen, konnten wir 10 Jahre lang eine Party feiern.

    Nur als Nebenbemerkung:

    Einem immerhin ansehnlichen Teil der Partyteilnehmer gefällt die Party nicht mehr, weil sie der Meinung sind, dass zu viele auf der Party auftauchen, die nicht eingeladen waren.

    Also keine Illusion?

    Natürlich unterliegen wir einer Illusion, der folgenden:

    Eine große Mehrheit der Deutschen glaubt, dass sie weiterhin Partys feiern kann und allenfalls das Arrangement etwas geändert werden müsse (Energiewende).

    Falls doch einmal „Störungen“ auftreten würden, können wir uns auf einen starken Staat verlassen, der es dann richten wird.

    Dieser Illusion kann man zwar wie hier die Fakten der VERGANGENHEIT entgegenhalten, aber platzen wird sie erst dann, wenn die nächste Party wegen Finanzierungsschwierigkeiten abgesagt werden muss.

    Das wird irgendwann der Fall sein.

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    foxxly sagte:

    die deutsche wirtschaft im besonderen, aber auch die weltwirtschaft unterliegt einem mechanismus: aufbau und zerstörung; – und dies zum wiederholten male! aufbau und zerstöreung, ja, menschen geben sich und akzeptieren ein schuldgeldsystem in dessen unsere Arbeitsleistung, eine Kreditschuld entspricht. dümmer gehts nimmer!!!!!! kann man da nur feststellen.
    in den letzten jahren wurden mit stets fallenden zinsen produktioskapazitäten aufgebaut, welche der verbraucher mangels geld in der höhe nicht mehr nachfragen kann. und dies wiederum weltweit. ja, der unnatürliche wachstumszwang als folge des schuldgeldsystems ist hierzu ursächlich. auch dir umweltbelastungen und ressourcenverschwendung ist diesen wachstumszwang geschuldet.
    Hinzu kommt in deutschland eine politik der destruktion von ganz oben. deutschland dürfte in den nächsten jahren mit viel größeren problemen zu kämpfen haben, als viele andere, dank merkl-politik!

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    ruby sagte:

    Die Sprache der Bilanz ergänzt durch die Finanzierungsrechnung, gerade im Zeitalter des Credit Money Banking, welche nach Mittelherkunft sowie anschliessender Verwendung darstellt, neben der klassischen Erfolgsrechnung, zeigt die Ebenen von Sektoren sowie Nationalitäten und Internationalitäten. Dabei haben über diese die US Accounting und Law Rahnengebungen mit ihrer Festlegung auf tägliche, wöchentliche, monatliche… Zeitabschnittsbewertungen und Wertorientierung bei Fractional Reserve Standard die Hegemonie. Und Herr Stöcker, das IdW von Hüther mit seinen Experten stellen die Wirkungen im 2015 Bericht sehr gelungen dar bezüglich Fristigkeiten und Rechtskonstruktionen in Vergleich der Banken, Versicherungen, Kapitalfonds…sowie den Komplikationen der Gesetz- und Rechnungslegungsfindung.
    Was können die Regulierungen dieser bei Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts vorweisen?
    Die EZB ist ein Anhängsel der USFed und Deutschland mit seiner Bundesbank nicht mal eine rudimentäre dritte Stufe eines Geldsystems von Foreward Guidance.
    Hier im Blog sind verschiedene Experten ihrer Professionen und Ideen, die auf den Zustand in unserem Staat bezogen wie im Beitrag oben, ihre Stärken und Schwächen zusammenführen können. Denn das Ganze ergibt zusammen mehr als die Summe der Einzelfunktionalitäten.
    Das alles ist aber nur Abstraktion konkret geht es um eingemachte Lösungen, Vorschriiften, Verwaltungen, Prüfungen sowie Durchsetzungen.

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    asisi1 sagte:

    Bleibt die Wirtschaft fit?
    Was für eine Frage, dümmer kann sie nicht gestellt werden. Schauen sie sich einmal das Volk an. Hier wird gearbeitet , um als Rentner Flaschen zu sammeln. Die Faulen haben mittlerweile das Sagen und holen immer mehr Parasiten ins Land. Wer heute hier noch seine Arbeitskraft und seine Gesundheit ruiniert, sollte schleunigst zum Psycho Klempner!

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