„What’s Wrong With the 2 Percent Inflation Target“

Dieser Kommentar des ehemaligen US-Notenbank-Präsidenten Paul Volker erschien schon im letzten Herbst bei Bloomberg. Er blickt kritisch auf die Geldpolitik der letzten Jahre und zeigt damit deutlich, dass es weniger ein Problem des Wissens ist als des Wollens, wenn die Notenbanken eisern am Kurs der völligen Monetarisierung festhalten:

  • „(…) recently, a remarkable consensus has developed among central bankers that there’s a new ‘red line’ for policy: A 2 percent rate of increase in some carefully designed consumer price index is acceptable, even desirable, and at the same time provides a limit.“ – bto: Das ist bekanntlich auch für die EZB das offizielle Ziel ihrer Handlungen.
  • „A 2 percent target, or limit, was not in my textbooks years ago. I know of no theoretical justification. It’s difficult to be both a target and a limit at the same time. And a 2 percent inflation rate, successfully maintained, would mean the price level doubles in little more than a generation.“ – bto: Natürlich gibt e seine Logik. In unserer Geldordnung hilft Inflation schon, die Wirkung von Schulden, Zins und Zinseszins abzuschwächen und erleichtert die Anpassungen von realen Löhnen in einem ansonsten deflationären Umfeld.
  • „(…) with economic growth rising and the unemployment rate near historic lows, concerns are being voiced that consumer prices are growing too slowly — just because they’re a quarter percent or so below the 2 percent target! Could that be a signal to ‘ease’ monetary policy, or at least to delay restraint, even with the economy at full employment? Certainly, that would be nonsense. How did central bankers fall into the trap of assigning such weight to tiny changes in a single statistic, with all of its inherent weakness?“ – bto: Das ist eine sehr gute und berechtigte Frage! Es ist nur mit den Schulden zu erklären, denke ich.
  • „(…) in 1987 (…) New Zealand economic policy was undergoing radical change. Years of high inflation, slow growth, and increasing foreign debt culminated in a sharp swing toward support for free markets and a strong attack on inflation (…) The new government set an annual inflation rate of zero to 2 percent as the central bank’s key objective. The simplicity of the target was seen as part of its appeal — no excuses, no hedging about, one policy, one instrument. Within a year or so the inflation rate fell to about 2 percent.“ – bto: Und der Chef der Notenbank ist dann um die Welt gereist und hat diese Politik verbreitet. Sie war schließlich erfolgreich.
  • „(…) such seeming numerical precision suggests it is possible to fine-tune policy with more flexible targeting as conditions change. Perhaps an increase to 3 percent to provide a slight stimulus if the economy seems too sluggish? And, if 3 percent isn’t enough, why not 4 percent? (…) I read such ideas voiced occasionally by Fed officials or economists at the International Monetary Fund, and more frequently from economics professors. In Japan, it seems to be the new gospel.“ – bto: In dieselbe Kategorie fallen die Überlegungen, höhere Inflation zuzulassen, um Jahre mit zu tiefer Inflation zu kompensieren.
  • „The fact is, even if it would be desirable, the tools of monetary and fiscal policy simply don’t permit that degree of precision. Yielding to the temptation to ‘test the waters’ can only undercut the commitment to stability that sound monetary policy requires. The old belief that a little inflation is a good thing for employment (…) lingers on even though Nobel Prize–winning research and experience over decades suggests otherwise. In its new, more sophisticated form it seems to be fear of deflation that drives the argument.“ – bto: was vorgeschoben ist, geht es doch ausschließlich um die Schulden und das Finanzsystem.
  • „Deflation (…) has not been a reality in this country for more than eighty years. It is true that interest rates can’t fall significantly below zero in nominal terms. So, the argument runs, let’s keep ‘a little inflation’ — even in a recession — as a kind of safeguard, a backdoor way of keeping ‘real’ interest rates negative. Consumers will then have an incentive to buy today what might cost more tomorrow; borrowers will be enticed to borrow at zero or low interest rates, to invest before prices rise further.“ – bto: Argumente, an denen aber auch etwas dran ist. Es ist leichter bei etwas Inflation.
  • „Yet that fear can, in fact, easily lead to policies that inadvertently increase the risk. History tells the story. (…) Only once in the past century, in the 1930s, have we had deflation, serious deflation. In 2008–2009 there was cause for concern. The common characteristic of those two incidents was collapse of the financial system.“ – bto: Genauso ist es! Es hängt mit Schulden zusammen.
  • „Deflation is a threat posed by a critical breakdown of the financial system. (…) The real danger comes from encouraging or inadvertently tolerating (…) extreme speculation and risk taking, in effect standing by while bubbles and excesses threaten financial markets. Ironically, the ‘easy money’, striving for a ‘little inflation’ as a means of forestalling deflation, could, in the end, be what brings it about.“ – bto: und zwar viel schlimmer bei jedem Anlauf. Heute sind wir demnach gefährdeter als 2009. Und die Notenbanken ahnen das und bereiten intellektuell und kommunikativ die nächsten, noch extremeren Maßnahmen vor.

→ bloomberg.com: „What’s Wrong With the 2 Percent Inflation Target“, 24. Oktober 2018

41 Kommentare
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    Eva Maria Palmer sagte:

    Mein Gott, was für ein Wunschdenken, die Kaufkraft des inkompatiblen Euro permanent zu inflationieren.

    Davon abgesehen, daß dieses Wahnsinns-Konstrukt Eurowährung voraussichtlich (nach Meining der meisten kompetenten Volkswirte) sowieso keine Zukunft hat, kann sich so etwas nur der wünschen, der als überversorgter Beamter ohne eigene Zahlung in das Renten-System, mit einer mehrfach so hohen Pension, wie das gemeine Volk nach einem „arbeitsreichen“ Leben ausgesorgt hat.

    Für den normal Sterblichen, den eine Armutsrente erwartet, sind diese Vorstellungen so absurd und verantwortungslos für die nachfolgende Generation, daß man sich fragen muß, was in den Köpfen dieser Leute votgeht, die diese Ideen äußern.

    Das Einzige, was ich ,mir vorstellen kann, ist die absolute Gefolgschaft und Alimentierung der „Fachleute“ durch das bürgerfeindliche EZB-System, dem sie als Arbeitnehmer oder als bezahlter „Super-Europäer“ hündisch ergeben sind.

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    Alexander sagte:

    Wenn Geldsozialisten sich nicht mehr zu helfen wissen, schaffen sie Deflation bei Ersparnissen um die Deflation von Pfandpreisen fauler Kredite zu bekämpfen. (Faule Kredite aus Konjunkturprogrammen, z.B. Rüstung, Mondlandung)

    Um keinen Verlust aus Ersparnis zu erleiden, muss der Anleger nun Vermögenspreise (Kreditpfänder) steigern. Steigende Vermögenspreise wirken sich negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen aus, wenn Gemeinkosten schneller steigen als Preise = Notwendigkeit von Globalisierung, Deindustrialisierung.

    Stichwort „Competition for loosers“.

    Dem Verlust von Arbeitsplätzen und Einkommenqualität begegnet der Sozialist mit Mindestlöhnen, Kapitalverkehrskontrollen und Gesetzen zum Schutz von Arbeitslätzen…= Jugensarbeitslosigkeit.

    Wenn die Menschen dann bemerken, dass sich Arbeit gar nicht mehr lohnt, folgt Arbeitszwang – oder „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (vgl. Hitler, Stalin, Müntefering zum Bibelzitat)

    Stichwort „Competition for loosers“.

    Ein System kann sich nicht verbessern, wenn permanent Ursache und Wirkung vertauscht werden. Erst kommt die faule Schuld -> daraus entstehen „faule“ Vermögen. Die Vermögen bestehen übrigens meist auf Vermögenspreisassets…

    Aber für jedes Problem gibt es ein Gesetz!
    Haben wir ein Glück, dass die Gesetzgeber so schlaue Leute sind.

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    Wolfgang Selig sagte:

    Das eigentliche Thema ist Massenpsychologie. Wie schaffe ich es, möglichst viel Inflation zu tolerieren, ohne die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer überborden zu lassen? Da sind die zwei Prozent offenbar so nah an der Null, dass es keine Proteste gibt. Beim nächsten mal, d.h. bei der nächsten Vertrauenskrise, werden wir wohl auf 4-6% gehen müssen, um die erneute Schuldenmonetarisierung stemmen zu können.

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Selig

      Den Eindruck habe ich auch. Einen triftigen Grund dafür, wieso das Ziel ausgerechnet 2% ist und nichts anderes, scheint es nicht zu geben. Aber „2%“ sieht irgendwie gut aus.

      Das erinnert mich ein bisschen an das große Rettungspaket „TARP“ für die Banken und Versicherungen in den USA, das im Oktober 2008 beschlossen wurde. Keiner hatte damals eine Anhung davon, welches Volumen das Programm eigentlich mindestens haben müsste, aber beschlossen wurde ein maximales Finanzvolumen von 700 Milliarden US-Dollar, einfach weil es so eine schöne runde Zahl ist.

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    Michael Stöcker sagte:

    Nichts ist falsch an diesem Ziel. Es soll verhindern, dass Geld zu einem eigenständigen Asset wird und somit zum Zweck an sich. Damit wird der alten Erkenntnis von Aristoteles Rechnung getragen. Warum es gerade 2 % sein sollen, das hatte ich 2013 in meinem ersten Blogbeitrag dargelegt:

    „Geld ist letztlich nichts anderes als ein unspezifischer Anspruch auf Güter und Dienstleistungen. Und gerade deshalb muss die Kaufkraft des Geldes inflationär entwertet werden. Warum? Weil Bargeldhortung im Kreditgeldkapitalismus nichts anderes als fehlende Nachfrage ist. Und alle Dinge auf dieser Welt unterliegen einem Verfallsprozess, der zwischen wenigen Stunden (Fisch…), mehreren Tagen (viele Lebensmittel…), mehreren Jahren (Autos…), vielen Jahren (solide Immobilien…) oder eben Jahrmillionen (Gold…) liegt. Wer hierbei an Silvio Gesell denkt, liegt richtig, denn inflationäres Geld ist Schwundgeld, nur eben etwas anders.

    Da wir für unser tägliches Leben vor allem die ersten 4 Kategorien benötigen, ist mir unerklärlich, weshalb ein unspezifischer Anspruch auf solche Güter nicht der Entwertung unterliegen sollte. Nicht umsonst gibt es seitens der EZB das von der Bundesbank übernommene Inflationsziel von unter, aber nahe 2 Prozent (auch Immobilien werden mit 2 Prozent abgeschrieben). Maßvolle Inflation ist also kein Systembug, für den der Sparer eine Zinsentschädigung zu erhalten hätte, sondern das notwendige Feature in einem modernen Kreditgeldstandard. Wie und ob man eine solche Inflationierung mit den klassischen geldpolitischen Instrumenten hinbekommt, ist allerding eine sehr fragliche Geschichte.“ https://zinsfehler.com/2013/08/21/zinsmythen/

    LG Michael Stöcker

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      Horst sagte:

      Die AfA für Immobilien sind geregelt in §7 EStG. Diese beträgt im langfristigen Mittel 2% p.a., die jeweiligen Anfangswerte hingegen fallen höher aus. Dies ist vor allem für gewerbliche Investoren von besonderem Wert.

      https://www.gesetze-im-internet.de/estg/__7.html

      Darüber hinaus: Herr Stöcker, eine der wenigen Stimmen der Vernunft auf diesem Blog.

      p.s.: Zur Debatte Grunderwerbsteuer (Verbot von Share-Deals); auch diese ist für gewerbliche Investoren vollständig abbschreibbar mit 3% p.a. (bei einer Haltedauer der Immobilie von 33,3 Jahren).

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        Michael Stöcker sagte:

        @ Richard Ott

        „Was genau soll daran eine „Begründung“ dafür sein, dass das Inflationsziel ausgerechnet 2% und nicht 5% ist?“

        Es ist eine Begründung dafür, dass die Inflation nicht UNTER 2 % liegen sollte. Die Begründung, warum sie nicht höher liegen sollte, ist ebenfalls nicht so schwer zu verstehen, sofern Sie meinen gestrigen Kommentar hierzu gelesen haben: https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/wenn-sich-eine-heuschrecke-sorgen-um-zu-hohe-schulden-macht/#comment-70202

        LG Michael Stöcker

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        Michael Stöcker sagte:

        Auch eine solide Immobilie mit über 70 Jahren Lebensdauer hat neben den Abschreibungen laufende Instandhaltungskosten, Herr Ott: https://immobilien.sparkasse.de/baufinanzierung/hausbau-kosten/instandhaltungsruecklage.html. Insofern sollte unser Geld ähnlich stabil sein wie eine solide Immobilie. Die 2 Prozent scheinen mir hier sehr gut begründet zu sein, auch wenn ich kein Immobilienfachmann bin. Aber vielleicht gibt es ja kompetente Mitleser aus der Immobilienbranche, die sich hierzu äußern können/möchten.

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        Michael Stöcker sagte:

        Davon unabhängig hätte man sich selbstverständlich auch auf 4 oder 6 Prozent einigen können. Hauptsache man hat ein Ziel kommuniziert, auf das sich LANGFRISTIG alle verlassen können und somit langfristige Planungssicherheit besteht. Der realwirtschaftliche Vorteil höherer Inflationsraten läge darin, dass sich die Menschen wieder mehr Gedanken um die Geldanlage machen müssten.

        Da wir uns aber auf 2 Prozent geeinigt haben (die Bundesbank war hier in den 70er Jahren Vorreiter), sollten wir es auch dabei belassen. Hier nochmals der Link zur Rede von Weidmann: https://www.bundesbank.de/de/presse/reden/geldpolitik-in-einem-sich-wandelnden-umfeld-744774#tar-3

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        Michael Stöcker sagte:

        Die zwei Prozent gelten übrigens aus gutem Grund in der mittleren Frist. Nach einer Phase der Unterschreitung kann es also durchaus auch zu einer Phase der Überschreitung kommen, ohne dass die EZB gleich eine Vollbremsung hinlegen muss.

        Und zur Meinungsbildung empfehle ich Ihnen diesen alten Beitrag aus dem Herdentrieb, als dort noch auf hohem Niveau diskutiert wurde (insb. Kaspar, weissgarnix/Strobl, Lübberding). DT wird sich hieran sicherlich noch erinnern: https://blog.zeit.de/herdentrieb/2008/04/17/ohne-neues-inflationsziel-scheitert-die-ezb_306

        LG Michael Stöcker

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        Horst sagte:

        „Auch eine solide Immobilie mit über 70 Jahren Lebensdauer hat neben den Abschreibungen laufende Instandhaltungskosten…“

        Die AfA ist nur auf die Herstellungskosten (ohne Planungskosten) anwendbar, nicht auf Instandhaltungen.

        Das Inflationsziel von 2% mit notwendigen Instandhaltungskosten zu begründen, führt am Ziel vorbei.

        Übrigens: Sind 2% Inflation „gesetzt“, die Abschreibungen nach §7 EStG in den Anfangsjahren nach (Wieder-)Herstellung wesentlich höher, ergibt sich ein zusätzlicher, stabil erhöhter ROI, d.h. der Leverage-Effekt zur Finanzierung des Vorhabens kann umso höher ausfallen, da dieser eingepreist werden kann zur Tilgung des Darlehens.

        Wenn ich Ihre Position richtig verstehe: Ein höher EK-Anteil ist nicht nur für Banken erstrebenswert, sondern auch für private oder gewerbliche Vorhaben (gleich, ob Investitions- oder Organisationsprojekte).

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        Michael Stöcker sagte:

        @ Horst

        „Die AfA ist nur auf die Herstellungskosten (ohne Planungskosten) anwendbar, nicht auf Instandhaltungen.“

        Planungskosten (Architekt, Statik etc.) sind Bestandteil der Herstellungskosten und werden somit steuerrechtlich mit abgeschrieben; Gewöhnliche Instandhaltungen sind ZUSÄTZLICHE Aufwendungen, die in der Regel sofort zu 100 % angesetzt werden können. Somit ist man auch bei einer sehr langlebigen Immobilie, die einen geringeren Werteverlust hat als die steuerlichen 2 % doch wieder in Summe bei 2 % oder mehr.

        Nur der Grundstücksanteil wird nicht mit abgeschrieben; und der hat je nach Lage einen sehr hohen Wert. In Zürich liegen die Kosten einer Eigentumswohnung pro qm bei ca. 12.000 CHF (je nach Lage auch deutlich höher). Die Baukosten sind ein wenig höher als in Deutschland (ca. 3.000 CHF). Damit machen Grund und Boden ca. ¾ der Gesamtkosten aus. Ganz soweit sind wir in Deutschland noch nicht.

        „Wenn ich Ihre Position richtig verstehe: Ein höher EK-Anteil ist nicht nur für Banken erstrebenswert, sondern auch für private oder gewerbliche Vorhaben (gleich, ob Investitions- oder Organisationsprojekte).“

        So ist es, lieber Horst. Dazu empfehle ich Ihnen den ganz ausgezeichneten Beitrag von Dr. Renée Menéndez: https://soffisticated.wordpress.com/schulden/

        LG Michael Stöcker

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        ikkyu sagte:

        Ich denke die Begründung für ein Inflationsziel von 2% liegt in der exponentiellen Natur des Geldmengenwachstums.

        Soweit ich es richtig in Erinnerung habe, liegt der Zielbereich der EZB für ein „nachhaltiges“ Geldmengenwachstum bei 4%, das sich aus 2% realem Wachstum und 2% Inflation zusammensetzt.

        Ein Geldmengenwachstum von 4% entspricht einer Erhöhung der Geldmenge in 60 Jahren um den Faktor 10,5 – bei einem Wachstum von 6% (z.B. mit 4% Inflation) beträgt dieser Faktor bereits 33.

        Bei einem derart hohen Wachstumsfaktor in nur 60 Jahren wäre die Geldentwertung für jedermann offensichtlich und könnte nicht mehr mit statistischen Tricks klein gerechnet werden.

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        Michael Stöcker sagte:

        @ ikkyu

        „Ich denke die Begründung für ein Inflationsziel von 2% liegt in der exponentiellen Natur des Geldmengenwachstums.“

        Denken allein reicht nicht. Versuchen Sie es mit Nachdenken. Kleiner Hinweis: Es gibt keine exponentielle NATUR des Geldmengenwachstum; sehr wohl aber wäre es wünschenswert und könnte kulturell realisiert werden.

        „Soweit ich es richtig in Erinnerung habe, liegt der Zielbereich der EZB für ein „nachhaltiges“ Geldmengenwachstum bei 4%, das sich aus 2% realem Wachstum und 2% Inflation zusammensetzt.“

        Das war mal das alte Ziel der Bundesbank auf Basis eines naiven Monetarismus. Es lag allerdings bei 4,5 %. Da man aber schon seit längerem ein Wachstum von 8 % und mehr beobachtet hatte, hat man sich dann klamm heimlich hiervon verabschiedet. Die Fed hatte sich von diesem Misskonzept schon Mitte der 80er Jahre verabschiedet (siehe hierzu das späte Geständnis von Ottmar Issing: https://zinsfehler.com/2017/06/14/die-spaeten-bekenntnisse-des-ottmar-issing/)

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        Michael Stöcker sagte:

        Es gibt also keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflation. Solange das fiktive Kapital nicht zu realer Nachfrage führt werden die Inflationsraten niedrig bleiben. Das wird sich erst dann ändern, wenn die geburtenstarken Jahrgänge dieses weitgehend fiktive Kapital (aka private Lebensversicherungen) in reale Leistungen tauschen möchten/müssen.

        „Bei einem derart hohen Wachstumsfaktor in nur 60 Jahren wäre die Geldentwertung für jedermann offensichtlich und könnte nicht mehr mit statistischen Tricks klein gerechnet werden.“

        Da wird nicht getrickst, sondern ganz offenen kommuniziert:

        „Wie die Grafik zeigt, sind 100 Euro bei einer jährlichen Inflationsrate von 4 % in zehn Jahren real (das heißt in Gütereinheiten) nur noch so viel wert wie 66 Euro heute. Nach 50 Jahren erhält man nur noch Güter im heutigen Gegenwert von 13 Euro.“ https://www.bundesbank.de/de/service/schule-und-bildung/schuelerbuch-geld-und-geldpolitik-digital/preisstabilitaet-614288

        LG Michael Stöcker

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        ikkyu sagte:

        @ M. Stöcker

        Zitat:
        „Es gibt keine exponentielle NATUR des Geldmengenwachstum;“

        Dann integrieren Sie doch mal diese Differentialgleichung und lösen nach N auf:

        dN = c x N x dt

        mit N als Geldmenge, t als Zeit in Jahren und c als „rate constant“ (c entspricht mit 100 multipliziert dem prozentualen jährlichen Wachstum)

        Offensichtlich fehlen bei Ihnen die fundamentalen mathematischen Kenntnisse.

        Nur so ist auch Ihre seltsame Bullshit-Theorie alá „Wohlstand durch unendliches Gelddrucken“ zu verstehen.

        Sie betreiben Volksverdummung in Reinform.

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        Michael Stöcker sagte:

        @ ikkyu

        „Offensichtlich fehlen bei Ihnen die fundamentalen mathematischen Kenntnisse.“

        Nein, die fehlen nicht. Aber offensichtlich fehlen Ihnen die fundamentalen ökologischen und soziologischen Kenntnisse. Mit Mathturbation kommen Sie hier nicht weiter: https://merton-magazin.de/die-%C3%B6konomie-als-wissenschaft-publish-or-perish-peer-review-mathturbation-und-freakonomics?tags=Mathturbation .

        „Übrigens, bei einem jährlichen Geldmengenwachstum von 8% erhöht sich die Geldmenge in 60 Jahren um das 101-fache.

        Aber die Preise bleiben langfristig stabil. Schon klar. :-)“

        Nein, das bleiben sie nicht und habe ich auch nicht behauptet. Es handelt sich aber überwiegend um Asset-Inflation, was die Sache allerdings nicht besser macht. Das Ganze geht so lange „gut“, bis die Kapitalakkumulation ihrem revolutionären Höhepunkt zustrebt. Wer keine Revolution möchte, der sollte sich für die Erbschaftssteuer einsetzen.

        Danke für den Link zu Walz, sind allerdings für mich olle Kamellen.

        LG Michael Stöcker

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      Robert Nitsch sagte:

      Warum soll Geldhorten ein Problem sein?

      Wenn ich dem Kreislauf Geld entziehe, indem ich das Geld unter meinem Kopfkissen horte, anstatt es auszugeben, dann steigert das die Kaufkraft des verbliebenen Geldes. Es ändert sich im Endeffekt also gar nichts. Für das Geld unter dem Kopfkissen kriege ich übrigens keine Zinsen; es kann daher auch kein Zinsdruck o.ä. entstehen.

      Zinsen bekomme ich erst, wenn ich das Geld verleihe. Dann ist es aber per Definition nicht dem Kreislauf entzogen, sondern bloß an jemand anderen verliehen.

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        Christian Anders sagte:

        Wenn Sie meinen, dass die Kaufkraft des verbliebenen Geldes steigt, sofern Geld unterm Kopfkissen verbleibt, muss das logischerweise heißen, dass die Preise sinken.
        Dann gibt es mehrere Möglichkeiten, wie das geht:

        1) Die Unternehmer verzichten auf Gewinne und geben in Folge weniger aus
        2) Die Unternehmer reduzieren ihre Kosten indem sie Löhne kürzen, Arbeiter entlassen oder Investitionen zurückstellen. Die Arbeiter geben in Folge weniger aus, und auch die Investitionsgüterproduzenten verkaufen in Folge weniger.

        Sie sehen die Spirale, die sich anbahnt? In Wahrheit müssen Geldhortungen durch neue Kredite gekontert werden, damit der Wirtschaftskreislauf nicht schrumpft.
        Und Kredite sind eben gerade nicht die Ausleihe ihrer Ersparnisse, sondern werden geschöpft, ohne dass ihre Ersparnis dafür notwendig gewesen ist.

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        Horst sagte:

        „In Wahrheit müssen Geldhortungen durch neue Kredite gekontert werden, damit der Wirtschaftskreislauf nicht schrumpft.“

        So ist es. Und da dieses Geld tendenziell teurer ist als das ersparte (sofern es in Nachfrage fließt, und nicht als EK für weitere Kredite verwendet wird), steigen die Preise und die Inflation erhöht sich damit tendenziell (in Perioden eines gewohnten Zinsumfeldes).

        Daher (auch):
        https://www.zeit.de/2019/22/peer-steinbrueck-vermoegensverteilung-erbschaftssteuer-ungleichheit

        Steinbrück zum Trilemma der SPD und zu Vermögens- Erbschaftssteuern.
        Ein Offenbarungseid m.A.n., der zugleich einen interessanten historischen Rückblick erlaubt.

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        Michael Stöcker sagte:

        @ Robert Nitsch

        Was Sie bei Ihren Überlegungen übersehen ist die Tatsache, dass alle Schuldverhältnisse in Geld bemessen werden. Ein Euro ist und bleibt ein Euro. Somit erhöht sich in einem deflationären Umfeld die Schuldenlast auch dann, wenn keine neuen Schulden hinzukommen. Schulden werden mit Euro getilgt und nicht mit Kartoffeln. Die neoklassische Tauschwirtschaft mit ihren Relativpreisen führt hier leider völlig in die Irre.

        Unter dem Strich ändert sich also sehr viel.

        @ Horst

        Danke für den Link. Immerhin gibt Steinbrück mittlerweile seine Irrtümer zu. Mal schauen, wann dies auch für die schwarze Null geschieht. Die Diskussion dazu wird jedenfalls geführt; wenn auch auf jämmerlichem Niveau: https://blog.zeit.de/herdentrieb/2019/05/22/schuldenbremse-keine-gute-idee_11294. Kleine Lichtblicke gibt es immerhin bei Hüther und Bofinger.

        LG Michael Stöcker

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        Robert Nitsch sagte:

        @Michael Stöcker: Damit haben Sie natürlich teilweise Recht. Der Schuldendienst wird bei Deflation erschwert. Dazu zwei Einwände.

        Erstens ist das Horten unter dem Kopfkissen ein spezielles Randphänomen, das in der Realität fast nicht praktiziert wird. Normalerweise bringen die Leute das Geld auf die Bank o.ä. damit sie Zinsen bekommen und somit bleibt es über Kreditvergabe etc. im Umlauf. Und: Je wohlhabender die Leute sind, desto größer ist auch der Anteil ihres Vermögens, der aus Sachanlagen besteht wie Aktien oder Immobilien. Also gerade die, die am meisten „gehortet“ haben, stecken das meiste von ihrem Geld in Sachanlagen. Sie behalten es keineswegs unter dem Kopfkissen. Der Entzug von Geld aus dem Kreislauf durch Horten ist im Großen und Ganzen ein Fantasiegespinst.

        (Kleiner Einschub am Rande: Jegliche Inflation trifft übrigens überproportional die kleinen Leute, weil die kleinen Leute einen überproportionalen Anteil ihres Vermögens liquide in Form von Cash vorhalten müssen. Es macht schließlich einen gewaltigen Unterschied, ob ich reich bin und die Inflation nur 10% meines Vermögens trifft oder ob ich ein kleiner Schlucker bin mit 10000€ auf dem Konto und kaum Sachvermögen.)

        Zweitens betrifft die Erschwerung des Schuldendienstes „nur“ die bestehenden Schuldverhältnisse. In einem deflationären Umfeld werden aber auch niedrigere Zinsen verlangt. Die Deflation, die in dem Beispiel auftritt, führt zu (infinitesimal) niedrigeren Zinsen. Viele Schuldner können thereotisch eine Anschlussfinanzierung vornehmen und den für sie günstigeren Zins übernehmen.

        Entscheidend ist aber auch in Verbindung mit dem vorangegangenen Argument, dass dies ohnehin nur ein Randthema ist und auf die Gesamtwirtschaft in der Regel überhaupt keine messbare Auswirkung hat. Dafür ist der Anteil des Geldes, der tatsächlich unter dem Kopfkissen gehortet wird – anstatt auf dem Bankkonto -, viel zu klein. Der Löwenanteil von gehortetem Kapital besteht ja gerade nicht in Form von Geldvermögen.

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        Michael Stöcker sagte:

        Lieber Herr Nitsch,

        Ihre Antwort zeigt, dass Sie falsche Vorstellungen über die Funktionsweise unseres Geldsystems haben. Daran trägt nicht zuletzt auch die Bundesbank ihren Anteil, die bis zum Jahre 2007 den Geldschöpfungsprozess falsch dargestellt hat.

        Letztlich ist es egal, ob das Geld unter dem Kopfkissen oder auf dem Girokonto gehortet wird. Warum? Weil Banken kein Geld verleihen, sondern Banken erzeugen mit der Kreditvergabe IMMER neues/zusätzliches Geld.

        Mehr dazu mit aktuellen Links und Filmbeiträgen der Bundesbank finden Sie im Beitrag <>. Zum Einstieg empfehle ich Ihnen aber einen Beitrag, in dem ich erläutere, warum wir uns so schwer tun mit dem richtigen Verständnis über die Funktionsweise unseres Geldsystems: https://zinsfehler.com/2019/01/23/warum-konnen-wir-unser-geldsystem-nicht-richtig-verstehen/ .

        Wo Sie selbstverständlich recht haben, ist die Tatsache, dass die Inflation in der Tat überproportional die kleinen Leute trifft; insbesondere dann, wenn Löhne und Renten nicht Schritt halten (können).

        LG Michael Stöcker

      • Avatar
        Robert Nitsch sagte:

        Es macht selbstverständlich sehr wohl einen Unterschied, ob ich das Geld unter dem Kopfkissen horte oder auf dem Girokonto. Mir ist die Geldschöpfung per Kreditvergabe durchaus bekannt.

        Sie übersehen, dass die Kreditvergabe der Geschäftsbanken an eine Mindest-Reserve von Zentralbankgeld geknüpft ist. Bargeld ist aber gerade die physische (ausgezahlte) Version von Zentralbankgeld. Wenn ich das Bargeld unter meinem Kopfkissen horte, dann fehlt es im Bankensektor und kann nicht verliehen werden. Noch nicht einmal bei einer Mindest-Reserve von 100% könnte die Bank dann einen Kredit vergeben, weil sie das Geld, das unter meinem Kopfkissen liegt, schlicht und ergreifend nicht hat. Die Bank kann natürlich mit dem Geld anderer (!) Leute weiterhin Kredite vergeben, aber das ist sowieso selbstverständlich und stellt auch keinerlei Widerspruch zu meiner These dar.

        Wenn ich das Bargeld hingegen auf meinem Girokonto einzahle, dann kann die Bank dieses Geld verleihen. In einem System mit einer Mindest-Reserve unterhalb von 100% kann dieses Verleihen natürlich auch gehebelt erfolgen.

        Zitat: „Weil Banken kein Geld verleihen, sondern Banken erzeugen mit der Kreditvergabe IMMER neues/zusätzliches Geld.“

        Das ist eben nur die halbe Wahrheit. Es wird nur neues Giralgeld erzeugt. Die Geschäftsbanken können jedoch kein neues Zentralbankgeld erzeugen; das ist der Zentralbank vorbehalten. Giralgeld ist lediglich ein Anspruch auf Zentralbankgeld. Die Bank kann mehr Giralgeld erzeugen, als sie tatsächlich an Zentralbankgeld hat (bei einer Mindest-Reserve unter 100%). Sie kann das Giralgeld aber nicht völlig aus dem Nichts erzeugen. Es braucht eine Basis an Zentralbankgeld.

        Merke: Die Geldschöpfung der Geschäftsbanken erfolgt nicht (!) aus dem Nichts. Es handelt sich tatsächlich „nur“ um das gehebelte Verleihen von Zentralbankgeld.

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        Michael Stöcker sagte:

        „Merke: Die Geldschöpfung der Geschäftsbanken erfolgt nicht (!) aus dem Nichts.“

        Dem stimme ich ausdrücklich zu, Herr Nitsch: (Giral)Geldschöpfung geschieht durch einen zweiseitigen Vertrag zwischen einer Geschäftsbank und einer Nichtbank. Auf diesen schnöden Umstand weise ich immer mal wieder die Kreationisten/Fiat-Geld Apologeten hin.

        „Es handelt sich tatsächlich „nur“ um das gehebelte Verleihen von Zentralbankgeld.“

        Dieser These muss ich allerdings ganz entschieden widersprechen. Ich hatte hierzu vor ein paar Monaten eine längere Diskussion mit Herrn Bernhard-Albrecht Roth vom Inflationsschutzbrief: https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/rising-recession-risk-leaves-europe-acutely-vulnerable-to-no-deal-brexit-shock/#comment-54423

        LG Michael Stöcker

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        Robert Nitsch sagte:

        Danke, das war mir tatsächlich unbekannt.

        Es ist mir aber etwas zu steil, wenn man daraus schlussfolgert, dass das Zentralbankgeld überhaupt nicht mehr erforderlich und die Mindestreserve sozusagen bedeutungslos ist. Es scheint vielmehr einfach so zu sein, dass kurzfristige Unterschreitungen der Mindestreserve zulässig sind. Die Bank muss jedoch „schnell“ – das heißt: zeitnah – dafür sorgen, dass die Mindestreserve wieder erfüllt ist.

        Der Hintergrund dieser flexiblen Herangehensweise ist vermutlich darin begründet, dass man den Zahlungsverkehr möglichst flüssig halten möchte. Im Gegenzug ist man offenbar bereit, es zu akzeptieren, wenn die Mindestreserve kurzweilig unterschritten wird. Die Bank muss die Beschaffung des nötigen Zentralbankgelds jedoch zeitig nachholen.

        Zitat: „Die Mindestreserve hat NULL KOMMA NULL Einfluss auf die Kreditvergabe.“

        Diese Behauptung halte ich daher für maßlos übertrieben.

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        Robert Nitsch sagte:

        Ich habe zwei weitere wertvolle Informationen dazu aufgetrieben und erlaube mir daher einen Nachtrag: „Banken müssen sicherstellen, dass sie das Mindestreserve-Soll im Durchschnitt innerhalb der Mindestreserveperiode erfüllen. Sie müssen den Gesamtbetrag also nicht täglich auf ihrem Zentralbankkonto vorhalten.“ Quelle: EZB, Was ist die Mindestreservepflicht?, 11. August 2016 – Link: https://www.ecb.europa.eu/explainers/tell-me/html/minimum_reserve_req.de.html

        Es ist also exakt so, wie ich vermutete: Kurzfristige Unterschreitungen sind erlaubt.

        Andererseits steht auf derselben Webseite auch, dass die Zentralbanken einiger Länder tatsächlich überhaupt keine Mindestreserve mehr verlangen. Darunter: Australien, Kanada, Schweden.

        Darauf kann ich mir spontan keinen Reim machen. Möglicherweise haben diese Notenbanken dann schlicht andere Regularien, die letztlich ähnlich wie eine Mindestreservepflicht wirken.

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        Michael Stöcker sagte:

        Zum Thema Abschaffung der Mindestreserven gab es bereits in der 80er Jahren eine intensive Diskussion: „Mindestreserven: Ein überflüssiges Instrument der Geldpolitik?“ https://www.econstor.eu/bitstream/10419/136188/1/wd_v66_i08_pp404-410.pdf

        Und 1997 schrieb Ulrich Bindseil in einem Diskussionspapier der Bundesbank:

        „Abzuschätzen, wie hoch der in diesem Sinne optimale Mindestreservesatz ist, fällt jedoch schwer, und es spricht (bezüglich dieser Mindestreservefunktion) apriori auch wenig dafür, daß ein positiver Mindestreservesatz in jedem Fall besser ist als einer von null.“

        Letztlich ist die Mindestreserve mAn ein Relikt der (Bundesbank)Multiplikator-Irrlehre. Insofern könnte man heute bei dem Artikel aus den 80er Jahren statt eines Fragezeichens auch ein Ausrufezeichen setzen.

        Aber es bleibt Ihnen selbstverständlich unbelassen, meine Behauptung für „maßlos übertrieben“ einzuschätzen.

        LG Michael Stöcker

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        Robert Nitsch sagte:

        Vielen Dank für die äußerst aufschlussreichen Quellen. Das Papier von Armin Rodhe et al. ist Gold wert. Ohne Sie hätte ich wahrscheinlich noch lange nach solchen bzw. vergleichbar hochwertigen Quellen suchen müssen.

        Allerdings sehe ich mich dadurch eher bestätigt als widerlegt. Zitat:
        „„Die­ser mit der Zunahme der mindestreservepflichtigen Ver­bindlichkeiten der Kreditinstitute einhergehende Zen­tralbankgeldbedarf für die Erfüllung des wachsenden Reserve-Solls ist zusammen mit dem Anstieg des Bargeldumlaufs der ,Hebel‘, mit dem die Notenbank das Ausmaß der Geldschöpfung unter Kontrolle halten kann.“ Nur die Bundesbank kann nämlich den im Zuge einer monetären Expansion zur Erfüllung der Mindestreservepflicht und den infolge von Bargeldabzügen ent­stehenden Zentralbankgeldbedarf decken, da die Bun­desbank der alleinige Emittent von Zentralbankgeld ist. Die grundsätzliche Bedeutung des Mindestreserve­instruments liegt deswegen darin, daß es die Geld- und Kreditschöpfung der Kreditinstitute so stark wie bei sonst keinem anderen Instrument an das Mitgehen der Bundesbank bindet.“ Quelle: Mindestreserven – Ein überflüssiges Instrument der Geldpolitik?, Armin Rodhe et al., 1986 (PDF-Seite 3)

        Das deckt sich exakt mit meiner Beschreibung des Zusammenhangs. Der originäre Zweck der Mindestreserve ist die Begrenzung bzw. die Steuerung der Geldschöpfungsmöglichkeiten der Geschäftsbanken.

        Dank des Papiers ist mir jetzt aber auch die Position der Gegner der Mindestreserve klar. In Kanada, Schweden und Australien ist die Mindestreserve ja abgeschafft. Ich war zunächst ratlos, wie das funktionieren soll. Das Papier geht jedoch treffend darauf ein, dass die Banken selbst ohne gesetzliche Mindestreserve immer einen gewissen Zentralbankgeld-Bedarf haben, weil sie die alltäglichen Bargeldauszahlungen gegenüber ihren Kunden gewährleisten müssen etc.

        Zitat: „Die Mindestreserve hat NULL KOMMA NULL Einfluss auf die Kreditvergabe.“

        Diese Behauptung halte ich daher weiterhin für maßlos übertrieben. Ihre eigenen Quellen beweisen, dass Ihre Sichtweise schlicht falsch ist.

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        Michael Stöcker sagte:

        „Das Papier von Armin Rodhe et al. ist Gold wert.“

        Vorsicht vor der kognitiven Dissonanz. Ich hatte damit eigentlich nur zeigen wollen, dass die Diskussion um die Mindestreserve schon ein wenig älter ist. Die Mindestreserve stammt zudem aus einer Zeit, in der es noch den Goldstandard gab. Bei einer zu starken Kreditausweitung, in deren Folge die Leistungsbilanz meist negativ wurde, wären Notenbanken schnell illiquide geworden, da die Salden zwischen Zentralbanken im Goldstandard mit Gold auszugleichen waren.

        Die Beispiele Schweden und Kanada zeigen, dass Industrieländer mit entwickelten Finanzmärkten keine Mindestreserve benötigen. Zudem ist die Kreditvergabe dort auch nicht mehr aus dem Ruder gelaufen als in Ländern mit MR.

        Rohde et al. irren, wenn sie der Meinung sind/waren, dass die MR ein Hebel sei, mit dem die Notenbanken das Ausmaß der Geldschöpfung unter Kontrolle halten können. Sie hätten besser auf Alan Holmes gehört, Federal Reserve Bank of New York, der schon vor der Aufhebung des Goldstandards im Jahre 1969 feststellte:

        „In the real world, banks extend credit, creating deposits in the process, and look for the reserves later. The question then becomes one of whether and how the Federal Reserve will accommodate the demand for reserves. In the very short run, the Federal Reserve has little or no choice about accommodating that demand.”

        Auf die Kreditvergabe hat die Mindestreserve in unserem aktuellen Geldsystem KEINEN Einfluss. Wenn Sie einen Einfluss haben sollte, dann müssten wir zu einem echten 100 % Reservesystem übergehen, in dem die Zentralbank ex ante die Geldmengenexpansion vorgibt und somit letztlich eine Obergrenze für die Kreditexpansion festlegt ist. Inwiefern eine solche Begrenzung mit den Prinzipien einer Marktwirtschaft vereinbar ist, darf durchaus bezweifelt werden. Zudem würde es vermutlich in kurzer Zeit zu Ausweichreaktionen im nicht regulierten Markt kommen.

        LG Michael Stöcker

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        Robert Nitsch sagte:

        Ihre wiederholte Behauptung, die Mindestreserve hätte nichts mit der Geldschöpfung zu tun, ist für mich einfach nicht plausibel.

        „looking for reserves later“ ist doch gar kein Widerspruch zu dem grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Mindestreserve und Geldschöpfung. Die einschlägige Regelung bei der EZB habe ich ja bereits dargestellt: Die Mindestreserve muss im EZB-System innerhalb eines Zeitraums durchschnittlich (!) eingehalten werden. Daraus resultiert eine höhere Flexibilität, weil kurzfristige Unterschreitungen der Deckung erlaubt sind. So ähnlich wird es wohl im Fed-System laufen, d.h. „looking for reserves later“ ist kein zwingender Widerspruch.

        Sie leiten daraus jedoch fälschlicherweise ab, dass die Mindestreserve vollkommen irrelevant ist, weil die Banken ja tatsächlich mehr Geld schöpfen können, als ihre Zentralbankgeldreserven hergeben. Sie übersehen, dass diese „Über-Geldschöpfung“ eben nicht grundsätzlich, sondern nur kurzfristig zulässig ist. Die fehlenden Reserven müssen zeitnah herangeschafft werden, um die Lücke zu füllen. Denn nur so können die Banken das Durchschnitts-Mindestreserve-Kriterium einhalten.

        „Wenn Sie einen Einfluss haben sollte, dann müssten wir zu einem echten 100 % Reservesystem übergehen, in dem die Zentralbank ex ante die Geldmengenexpansion vorgibt und somit letztlich eine Obergrenze für die Kreditexpansion festlegt ist.“

        Da kann ich Ihnen auch nicht folgen. Auch mit einer Mindestreserve unterhalb von 100% legt die Zentralbank doch eine Obergrenze für die Kreditexpansion fest. Liegt die Mindestreserve zum Beispiel bei 10%, so bedeutet das, dass die Geschäftsbanken ihr Zentralbankgeld maximal 10fach verleihen dürfen. Würden sie darüber hinaus noch mehr Geld schöpfen, so wäre die Mindestreserve von 10% nicht mehr gedeckt.

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        Michael Stöcker sagte:

        „Die fehlenden Reserven müssen zeitnah herangeschafft werden, um die Lücke zu füllen. Denn nur so können die Banken das Durchschnitts-Mindestreserve-Kriterium einhalten.“

        Wenn sich eine Geschäftsbank ex post JEDE BELIEBIGE Menge an Reserven besorgen kann, dann spielt es eben ex ante KEINE Rolle und die Kreditvergabe ist NICHT beschränkt; jedenfalls nicht durch eine Mindestreserve. Beschränkt ist eine Geschäftsbank durch gute Schuldner (Bonität), die Eigenkapitalanforderungen sowie die Liquidity Coverage Ratio (LCR) in Verbindung mit den High-Quality Liquid Assets (HQLA) nach Basel III (siehe hierzu Punkt 3. meiner Replik auf Makroskop: https://makroskop.eu/2017/07/banken-im-schlaraffenland/

        „Würden sie darüber hinaus noch mehr Geld schöpfen, so wäre die Mindestreserve von 10% nicht mehr gedeckt.“

        Das ist nicht korrekt! Eine Bank kann sich immer im Nachhinein die nötige Liquidität besorgen. Wenn es eng wird, über die Spitzenrefinanzierungsfazilität.

        Merke: Die Mindestreserve begrenzt die Geldschöpfung nicht. Der sogenannte Geldschöpfungsmultiplikator ist und bleibt ein theoretisches Hirngespinst des naiven Monetarismus 1.0.

        LG Michael Stöcker

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        Robert Nitsch sagte:

        Vielen Dank, Herr Stöcker.

        So gesehen hätten Sie natürlich völlig Recht. Falls es tatsächlich stimmt, dass die Geschäftsbanken im Grunde problemlos das nötige Zentralbankgeld besorgen können – praktisch unbeschränkt – dann kann natürlich auch die Mindestreserve keine begrenzende Wirkung entfalten.

        Ob das aber tatsächlich so ist, wie Sie behaupten … da bin ich noch skeptisch. Sehen Sie es mir bitte nach. Ich werde mich, wenn ich Gelegenheit dazu finde, mit den von Ihnen genannten Instrumenten auseinandersetzen.

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