The Ponzi Economy

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Vor ungefähr zwei Jahren habe ich – damals noch in Diensten von BCG – ein Paper geschrieben mit dem Titel „Ending the Era of Ponzi Financing“. Darin habe ich dargelegt, wie wir in der westlichen Welt in jeder Hinsicht Konsum vor Investition stellen, heillos überschuldet sind und die Grundlagen für künftiges Wachstum durch Unterinvestition, schlechte Bildung und fehlende Antworten auf den demografischen Wandel unterminieren. Ein 10-Punkte-Programm was zu tun wäre, habe ich damals gleich mitgeliefert, ohne Anspruch auf politische Correctness und Vollständigkeit. Die Thesen haben dann auch Eingang in die „Billionen Schuldenbombe“ gefunden.

Interessant waren die Reaktionen auf das Paper. Obwohl erst im Dezember erschienen, gehörte es zu den zehn der am meisten gelesen Publikationen von BCG im Jahre 2012. Führende Manager, wie der CEO von Unilever, beriefen sich darauf und wollten es sogar zum Gegenstand der Diskussionen in Davos machen. Andere, vor allem auch damalige Kollegen, störten und stören sich daran, dass es eine negative Sicht der Dinge darstellen würde. Es sei doch gar nicht so schlecht. Nun, ich denke, wenn es um Fakten geht, hilft es nicht, diese zu verdrängen. Besser wäre es, wenn wir uns den Herausforderungen stellen. Gerade der Branche der Berater würde es gut anstehen, dass Feld der Mahner nicht nur den Wirtschaftswissenschaftlern, wie zuletzt Marcel Fratzscher vom DIW, zu überlassen.

Doch zurück zum Thema, der Ponzi-Ökonomie. Also jenes Schema, welches darauf basiert, dass immer neue Einzahler mitmachen, um das System und dessen Betreiber am Leben zu erhalten. John Hussman – den ich schon mehrfach verlinkt habe –, beschreibt den Zustand der Ponzi-Ökonomie in den USA. Wie immer ein paar Highlights in Bullet-Form:

  • Zunächst erinnert Hussman daran, dass der Lebensstandard eines Landes eng mit der Entwicklung der Produktivität verbunden ist.
  • Produktivität ist das Ergebnis von Kapitalausstattung (in Folge von Investitionen) und Erwerbsbevölkerung (Menge und Qualität). Die Akkumulation dieser Produktivfaktoren treibt das langfristige Wachstum.
  • Wenn die Politik jedoch Sparen unattraktiv macht, Verschuldung ermutigt und dazu beiträgt, dass Ersparnisse eher zur Spekulation als für Investitionen in der Realwirtschaft verwendet werden, zerstört sie damit die Grundlage für künftigen Wohlstand. (Ich habe damals auch die unzureichende Bildung moniert.)
  • Seit 1999 wachsen die Investitionen in Kapitalstock in den USA nur noch um 1,4 Prozent pro Jahr. In den 50 Jahren zuvor waren es dagegen 4,9 Prozent pro Jahr.
  • Im selben Zeitraum fiel die Erwerbsbeteiligung auf einen Tiefststand und das mittlere Haushaltseinkommen ist um 9 Prozent gesunken.
  • Der ausgewiesene Produktivitätszuwachs widerspiegelt vor allem den gestiegenen Anteil von Importen aus China, der zu einer statistischen Verzerrung führt.
  • Seit Beginn der Krise haben tiefe Zinsen und weiter steigende Schulden die Illusion von Wohlstand aufrechterhalten.
  • Zugleich profitiert von der Entwicklung vor allem eine kleine Gruppe von Leuten, vor allem aus dem Finanzsektor und einigen Bereichen der Industrie. Hussman spricht vom „winner takes it all“-Effekt.
  • Neben diesen „winner-takes it all“-Gruppen gibt es zudem noch die „too big to fail“-Gruppen. Letztlich also eine Wirtschaft von Gewinnern dank leichtem Zugang zu Geld, Oligopol-Strukturen und Institutionen mit Drohpotential. (Und das schreiben mit Hussman und mir glühende Verfechter einer freien Marktwirtschaft!)
  • Diese Monokultur und Größe von Unternehmenseinheiten macht das System insgesamt übrigens nicht sicher, sondern erhöht die Krisenanfälligkeit, wie man aus der Systemtheorie gut weiß.
  • Letztlich können Schulden aber nur durch eine Mehrleistung bedient werden, also eine wachsende Wirtschaft. Immer wenn die Wirtschaft schwächelt, wird deshalb versucht, mit neuen Programmen das Wachstum zu fördern. Hussman nutzt das Bild der vielen kleinen Feuer, die gelöscht werden und letztlich den Großbrand erst ermöglichen. Genau dies ist nämlich die Ursache für die häufigen Großbrände in Kalifornien und anderswo auf der Welt. Übrigens: Das gilt natürlich nicht nur in den USA. In Europa genauso, wo wieder einmal Schulden helfen sollen, aus Schulden herauszuwachsen. So zumindest die Herren Hollande und Renzi, unterstützt von den Kommentatoren in den Medien.
  • Die USA sind eine Wirtschaft, in der statt Produktivitätszuwächsen immer neue Schulden die Bedienung der Schulden ermöglichen sollen. Eine Ponzi-Wirtschaft. (Wir sind nicht besser!)
  • Eine Ponzi-Wirtschaft, in der Arbeitnehmer unterbeschäftigt sind und über ihre Verhältnisse konsumieren, bezahlt durch private und staatliche Schulden. Unternehmen weisen derweil Rekordmargen aus. Investieren tun diese Unternehmen, wenn überhaupt, im Ausland. Lieber werden die Mittel für Akquisitionen, Aktienrückkäufe und Dividenden verwendet. Billiges Notenbankgeld befeuert weitere Spekulation, und die großen Handelspartner werden auch die größten Gläubiger. Alles geht gut, solange keiner wirklich bezahlt werden will.
  • Letztlich wird nichts anderes übrig bleiben, als die Schulden durch (massive) Inflation zu entwerten. Vermutlich aber erst in Folge des nächsten Absturzes –, der aber unweigerlich kommt.

Er schließt mit dem Appell, das Ponzi-Schema lieber früher als später zu beenden. (Ich denke, er weiß nur zu gut, dass dies illusorisch ist. Wer wird sich schon trauen?)

Er wirft dann noch einen Blick auf die Finanzmärkte mit der einfachen Feststellung: Die Unternehmen kaufen – wie immer – am Höhepunkt des Marktes Aktien zurück. Ein Fehler mit Blick auf die zu erwartenden Aktienrenditen von diesem Niveau ausgehend. Technisch zeigt der Markt zudem einige Anzeichen von Schwäche. Er ruft zwar nicht zum völligen Ausstieg auf, dennoch sind seine Worte eine deutliche Mahnung.

John Hussman: The Ponzi Economy, 22. September 2014

4 Kommentare
  1. Hartmut G. says:

    Guten Morgen,
    ich lese Ihren Blog seit nunmehr über einem(?) Jahr, eine wirkliche Perle in den Perspektiven&Analysen, die sich so nur selten findet.
    Was mich jedoch immer wieder schockiert, sind Ihre „Empfehlungen“, unabhängig ob nun im Rahmen der BCG oder von Ihnen hier.
    Wie wäre es eigentlich mal mit der Empfehlung von freier Marktwirtschaft? Wenn jemand Pleite ist, dann ist er Pleite. Hier endet dann das Versprechen und auch das Ponzi-Schema. Die einfachste und natürlichste Art, wie Schulden bzw. Versprechen exklusiv zwischen den Beteiligten „restruktiert“ und Bilanzen gerade gezogen werden, eine Forderung nach einem eindeutigeren unverrückbaren Insolvenzrecht unter einem realen Rechtsstaat wäre hier hilfreich.
    Stattdessen wird darüber referiert, welcher dritten Partei was wie „auszubuchen“ ist und wer wie welche Zwangshypothek bekommt, damit das Ponzi-System weiter funktioniert (natürlich immer unter dem populären Mäntelchen der „Gerechtigkeit“). Etatistische Planwirtschaft vom feinsten in meinen Augen, oder trivial mit Maggie’s Worten formuliert: „The problem with socialism is that eventually you run out of other people’s money“. Und daran wird auch die hunderste „Restruktuierung“ nichts ändern, auch wenn Zentralplaner und ihre ihnen zuarbeitenden Ökonomen uns erzählen, diesmal wäre es aber wirklich anders.
    mfG

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Guten Morgen! Zunächst vielen Dank für das Kompliment am Anfang. Was die inhaltliche Kritik betrifft: Ich denke, wir sind näher beieinander, als Sie es nach der Lektüre meiner Schriften denken. Das 10-Punkte-Programm beinhaltet die Schuldenrestrukturierung (und da geht es dann um das Wie, nicht um das Wo wir uns beide unterscheiden), ein Kassieren der Versprechen (da haben wir auch Konsens) und bei den acht anderen Punkten um alle Dinge, die die Marktwirtschaft stärken (Bildung, Innovation, geringerer Staatsanteil …). Was also als Dissenz bleibt: Insolvenz oder geordnete Abwicklung. Ich fürchte die Insolvenz wäre zu ungeordnet und bin wie bei Unternehmenspleiten dafür, es in einem geordneten Verfahren zu machen, um etwas Substanz zu erhalten. Ich bin übrigens glühender Befürworter der Marktwirtschaft!!!

      Vielen Dank,

      Daniel Stelter

      Antworten
  2. Hartmut G. says:

    „alle Dinge, die die Marktwirtschaft stärken (Bildung, Innovation, geringerer Staatsanteil…).“

    Bildung und Innovation entstehen von Menschen, die sich anstrengen um etwas zu erreichen, mit eigener Anstregung, mit eigenem Risikokapital, im realen Leben, in der realen Wirtschaft, nicht weil Mutti sich an’s Rednerpult stellt und Manna regnen läßt. Folglich braucht da kein Etatist irgendwas zwangsweise stärken. Im Gegenteil, wenn man den Menschen die Früchte ihrer Arbeit wegnimmt, dann ist das eine ganz klare Ansage, wofür man sich anstrengen sollte und wofür eben nicht.

    „Was also als Dissenz bleibt: Insolvenz oder geordnete Abwicklung.“

    Eine Insolvenz ist eine geordnete Abwicklung, das liegt ja gerade in der Natur der Sache (=die Beendung von Kredit und Liquidation). Stattdessen denkt man sich lustige Buzzworte aus, z.B. „soft default“. Oder nehmen wir Zypern, das 100%ige Gegenteil von rechtstaatlichem Insolvenzrecht. „Not kennt kein Gebot“, diese etatistische Maxime ist anstelle von Rechtstaatlichkeit und freie Marktwirtschaft getreten und hat diese mittlerweile komplett ersetzt.

    Hmmm, Sie glauben das wäre „zu ungeordnet“? Mag durchaus so sein, aber dann werden einigen Menschen endlich die Augen geöffnet, welche Gesetze mittlerweile bereits in der Schublade liegen, bloß noch nicht schlagend geworden sind: §89VAG, Einlagensicherung (Stichwort…MAXIMAL(!) 100K), Zwangsbewirtschaftungen (Wohnungssicherunggesetz, Wirtschaftssicherstellungsgesetz). Dann werden nämlich die Piketties dieser Welt aufwachen und feststellen, dass wir schon lange, sehr lange, überhaupt keinen Kapitalismus mehr haben (falls wir diesen überhaupt jemals hatten). Dann wird der Sozialismus sein wahres brutales Gesicht der Zerstörung und Gewalt zeigen, die Frage ist, möchte man diesen Anblick den Leuten ersparen, könnte es doch sein, dass die Menschen sich von diesem abwenden?

    Auch wenn ich Ihren Analysen idR immer zu 99,99% folgen kann, ich glaube wir unterscheiden uns diametral darin, wer die Lösung übernehmen soll. Sie glauben Staat/Politik können irgendetwas zum „Besseren“ verändern (Hayek hätte hier von „Anmaßung von Wissen“ gesprochen), meine Sicht wird eher von Ronald auf den Punkt gebracht: „Government is not the solution to our problem, government is the problem.“
    mfG

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Herr Geisel,

      Der Staat ist das Problem. Die Politik hat über Jahre hinweg die Schuldenwirtschaft gefördert. Leider werden wir aber einen geordneten Prozess brauchen, wenn wir den Schaden begrenzen wollen. Sie haben recht. Insolvenz ist geordnet, ich hätte besser Pleiten und einseitige Zahlungseinstellungen sagen sollen. Damit meine ich, dass Staaten einfach erklären, ihren Verpflichtungen nachzukommen oder bei Banken einfach die Gläubiger – von denen viele gar nicht mal verstehen, dass sie Gläubiger sind ! – zur Kasse bitten. Zypern fand ich nicht wirklich geordnet. Letztlich ist es ein gesellschaftliches Problem. Als Gesellschaft konsumieren wir zu viel und investieren zu wenig. Dabei stehen wir in Deutschland noch relativ gut da.

      Realistischer Weise wird die Poltik aber vom eigenen Versagen – besser der eigenen Schuld – belecken und noch mehr intervenieren. Also die Krise die Sie mit verursacht hat dazu nutzen, noch mehr Einzugreifen. Und das wird unseren Wohlstand zusätzlich schmälern.

      Danke für Ihr Interesse

      DSt

      Antworten

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