„The eurozone’s uncertain economic slack“

Ökonomen lieben ihre Konzepte. Eines davon ist der sogenannte „Output Gap“, mit dem, vereinfacht gesagt, die Auslastung der Wirtschaft gemessen wird. Gibt es einen Gap, ist die Wirtschaft nicht ausgelastet, es droht keine Inflation und die Notenbank kann Gas geben. Je kleiner der Gap, desto höher nach dieser Logik, die natürlich auch zur Philipps Kurve passt, die Inflationsgefahr.

Heute Morgen habe ich Wolfgang Münchau zitiert, der auch von einem strukturell geringeren Wachstum in der Eurozone sprach. Vermutlich zu Recht.

Jetzt geht es um die Diskussion dieses Themas im EZB-Rat mit erwartbaren Positionen. Wenn man auf dem geldpolitischen Gaspedal bleiben möchte, zum Beispiel, um Italien zu stabilisieren, sieht man einen Gap, wenn man also die Risiken für Deutschland (endlich!) begrenzen will, sieht man keinen Gap.

Surprise, Surprise, so ist es auch im Rat der EZB!

  • „More information emerged on the split in the ECB’s account of its March policy meeting, which came out on Thursday. The minutes were followed by an insightful, original speech by executive board member Benoît Cœuré in Paris later in the day. It is worth following closely because the debate on judgments on the degree of slack between where the economy is and where it could be has important implications for monetary policy.“  btoBlödsinn. Es dient doch nur der Begründung, nicht der Entscheidungsfindung!
  • „Now that the eurozone’s economy has recovered, officials are scratching their heads about why inflation still remains weak. The council’s more hawkish contingent flagged that on European Commission and OECD estimates (as well as the ECB’s own), the output gap appears to have already closed. Not so, say the doves, who in this instance include president Mario Draghi and chief economist Peter Praet, as well as Cœuré.“  bto: echt? Das ist doch überraschend …
  • „The reason this second camp thinks there remains some slack in the economy is broadly because it has become a lot more optimistic about the region’s future. In the dark years of the crisis, policymakers murmured about hysteresis effects — the belief that the turmoil had been so bad that the economy had forever lost some of its spring. Unemployment would remain elevated, business would lack confidence to invest in the latest machinery and growth would forever be a little lower as a result. Now the optimists believe this hysteresis trend could go into reverse, boosting the eurozone’s growth potential.“  bto: Da fasse ich mich natürlich an den Kopf. Wie kann man angesichts der demografischen Entwicklung so etwas denken?
  • „The reasons Cœuré gives for this optimism include a belief that people who have dropped out of the labour market will soon return, that the underemployed will manage to work more hours as the region’s growth spurt continues and that the region has plenty of untapped potential to improve productivity through digitalisation. If this is right, then there would be plenty of room to boost its supply potential.“  bto: siehe Japan. Die machen es super, Stichwort BIP/Kopf. Dennoch stagniert die Wirtschaft. Richtig ist aber, es gibt keine Inflation.
  • „There are two implications for monetary policy. The debate will affect not only when the bank drops its crisis-era stimulus, but also — as Cœuré made clear — what happens to interest rates in the longer term. The more slack there is, the less the ECB has to worry about. That is not too difficult to grasp.“  bto: Angesichts der Demografie kann es nur eine Politik wie in Japan geben.
  • „What is a little less obvious are the longer term effects. This is Cœuré’s reasoning for why rates can inch higher than previously thought: If potential growth has not fallen by as much as we thought, it may imply that the neutral rate of interest — the level that determines the degree of accommodation our policies provide — might be higher than is commonly estimated.“  bto: Und hier denke ich, mag ja theoretisch sein. Aber habt ihr euch mal die Welt angesehen? Pleite und überaltert?
  • „Stronger growth and lower unemployment would help heal a currency union that remains fractured by years of crisis that at times left its existence in doubt. Higher rates would give the ECB more wriggle room come the next crisis. But the debate on this will remain open for some time. Judging the size of the output gap is a crucial part of the policymaking process, yet as Cœuré admits, measuring it is riddle, wrapped in a mystery, inside an enigma bto: Leider sagt es nicht, ob und wenn ja was Relevantes die anderen Mitglieder des Gremiums gesagt haben. Sicher dürfte sein, dass die Währungsunion ohnehin nicht die nächste Rezession überlebt.

ft.com (Anmeldung erforderlich): „The eurozone’s uncertain economic slack“, 16. April 2018

14 Kommentare
  1. working poor sagte:

    Vor allem überrascht die Geschwindigkeit, mit der man sich in Europa während der vergangenen 10 Jahren in die japanischen Geldpolitik begeben hat.

    Noch während der sich entwickelnden Eurokrise 2011 wurde der EZB – Leitzins von 1,0% bis auf 1,5% angehoben trotz amerikanischer Leitzinsen weiterhin bei 0%, so daß man vordergründig erwarten konnte, daß dieser in Zukunft entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung wieder steigen würde:

    http://www.leitzinsen.info/eurozone.htm

    2006 war die Teuerung genau so hoch wie heute, der EZB-Leitzins jedoch bei 3%…

    Inzwischen ist dies angesichts der in Südeuropa erreichten Staatsverschuldung, Jugendarbeitslosigkeit und dem zu erwartenden Schuldenzuwachs in zukünftigen wirtschaftlichen Krisen völlig illusorisch.

    Danke an alle in Politik und EZB, die das jeweils ihre dazu beigetragen haben, mit der unsinnigen Einheitswährung Euro Europa zu ruinieren!

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    • Willi Winzig sagte:

      Was ich damit sagen will ist, daß es in Zukunft betreffend dem Werterhalt des zinslosen Geldes nicht gut ist, wenn die Geldmenge rascher als die Gütermenge steigt. Aktuelles Beispiel Japan…

      Aus den gleichen Gründen ist es nicht gut, im europäischen Krisengebiet eine Immobilie zu besitzen angesichts von zu erwartenden konfiskatorischen Maßnahmen während zukünftiger wirtschaftlicher Krisen mit rasch ansteigender Staatsverschuldung.

      Es wird wohl immer Einzelne geben, die ihr Kapital geschickt an die internationalen Orte mit guten Wachstumsaussichten und aufwertenden Währungen lenken. Für den Otto Normalverbraucher wird es auch in Zukunft absehbar den Bach hinunter gehen, wie bereits heute schon.

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  2. Michael sagte:

    Es ist einfach unglaublich wie uns Draghi, Merkel und Ihresgleichen die letzten Jahrzehnte über betrogen und verraten haben, und das schlimmste ist, wenn Sie es schaffen, die Krise noch ein wenig hinauszuzögern, kann man sie vielleicht nicht mal mehr für den ganzen Schaden, den sie angerichtet haben zur Verantwortung ziehen… solche Kreaturen sind nicht nur hochkriminell, sondern auch hochgradig gefährlich und gefährden nicht nur unsere Zukunft sondern auch die Zukunft unserer Kinder. Die Zeit etwas zu ändern ist überreif!

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    • Europa 2050 sagte:

      Hätte man mich vor 25 Jahren gefragt, ob ich erwarte, daß sich in 30 Jahren Wohlstand und Lebensbedingungen für alle (!) in Europa verbessern, so hätte ich dies bejaht.

      Heute würde ich dies für die kommenden 30 Jahre glatt verneinen, auch aufgrund der durchwegs negativen Erfahrungen mit der Halbwertszeit und dem Wahrheitsgehalt von offiziellen Versprechungen und Verlautbarungen.

      Vor 25 Jahren war der weitere wirtschaftliche Aufstieg von Asien, hier speziell China und zukünftig Indien noch nicht absehbar.

      Dinge wie die „Lissabon-Strategie“, als die „old boys“ hier noch dachten, daß sie die Welt weiter wie bisher unter sich ausmachen könnten wirken angesichts der eingetretenen bitteren Realität nur noch lächerlich:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Lissabon-Strategie

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    • Alexander sagte:

      @ Michael
      Die dt. Staatsverschuldung von > 2.100 Mrd.€ setzt sich natürlich aus der relativ guten Zeit einer Bonner BRD und den >1.000Mrd.€ Vereinigungskosten zusammen.
      Ganz europäisch war ich selbst Feuer & Flamme für den Euro; zu tief steckte die Erfahrung der Aufwertungsrezession 1993/94/95 mit etlichen Preisdeflationsschocks in meinen optimistischen Knochen.
      Niemand hatte Hemmung die Umsätze aus den Ausgabenprogrammen a la Keynes zu nehmen, obwohl man klar, dass ein selbsttragender Aufschwung nicht vom Bundestag beschlossen werden kann.

      Schuld sind wir alle, aber für einen Schlussstrich reicht die Einsicht noch nicht.
      Ich bin überzeugt, dass die Veränderung keine Zustimmung braucht und sehr gründlich sein wird – egal wer das Narrenschiff leitet.

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      • Michael sagte:

        Dem kann ich überhaupt nicht zustimmen! Auch damals gab es schon sehr viele kluge Stimmen, die vor der Einführung des Euros gewarnt haben und schon damals erkannten, dass es keinen Sinn ergibt, eine einheitliche Währung bei den verschiedenen, total unterschiedlichen Wirtschaftsräumen zu haben. Nur naive und dem aberwitzigen Paradigma, des nicht mehr eintauschen müssen’s der DM in eine fremde Währung bei einem Auslandsaufenthalt, aufsitzenden Zeitgenossen waren anderer Meinung.

      • Alexander sagte:

        @Michael
        Richtig, warnende Stimmen zur Euroeinfühung wurden missachtet und wer wollte hat seitdem viel Literatur dazu gefunden. #metoo

        Ich freue mich für sie, wenn sie sich dem Exporterfolg entziehen konnten und auf keinerlei Transferleistungen oder Subventionen aus diesem Erfolg zurück gegriffen haben. Falls ihnen das gelungen ist, haben sie sich auch dem süßen Gift der Staatsschulden entzogen, seit 1970?

        Nein, wir sitzen in derselben Wohlstandsfalle, du uns zu den diversen illegalen Kriegen hat schweigen lassen. Mit schweigen meine ich kein Tastaturheldentum, sondern zumindest die Verweigerung von finanzieller Beteiligung…wenigstens ab 1991 beim Golfkrieg I.

        Ohne Schuldenorgie + Euroillusion + Mitläuferei kein Leben wie wir es für uns beanspruchen.

      • Alex sagte:

        Sie können sogar noch weiter gehen. Geschichte wiederholt sich. Die Ölpreisschocks (1973, 1979) und der Versuch einer expansiven Fiskal- und Geldpolitik um die Probleme abzufedern. Zusätzlich kamen ab 1980 (+-5) die Baby-Boomer auf den Arbeitsmarkt und seitdem gibt es in Deutschland eine gewisse Sockelarbeitslosigkeit.

        Die Aufwertungsrezession wäre ohne den Euro in Deutschland immer noch aktuell.

      • Alexander sagte:

        >Die Aufwertungsrezession …immer noch aktuell
        Die Rezession hat sich in eine anhaltende Deflation gewandelt und zwar für all jene KMU Branchen die globalem Preiswettbewerb ausgeliefert sind. Deflation in Form von Stillstand bei Einkommen und Stundensätzen.
        Obwohl man fortlaufend unter steigenden Kosten (Inflationsziel) versucht zu investieren erbrachten die Innovationen nicht den Produktivitätszuwachs, der -erstarrte- Stundensätze erlaubt hätte. So geraten zunehmend alle Branchen in eine Unterdeckung ihrer Kosten mit den Konsequenzen für Investitionsfähigkeit und Unternehmenszukunft.
        Sinkende Zinskosten spielen schon lange keine Rolle mehr, denn sie sorgten zuallererst für Überkapazität mit Deflationswirkung auf ….alle Preise (Löhne, Stundensätze).

        Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus ohne alle übrigen Preise zu senken – denn Asien wird seine Sozialkosten niemals auf das Niveau Europas angleichen.

        Für alle Aufgeweckten bleibt nur der Gang in den öffentlichen Dienst, wie Studierende beweisen: https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/im-sturm-und-drang-auf-den-beamtensessel/

  3. Dietmar Tischer sagte:

    Dieser Beitrag ist sehr beachtenswert, weil er darlegt, mit WELCHER Sicht auf die Dinge wirksame URSÄCHLICHKEIT unterschlagen und Stimmung für Entscheidungen gemacht wird.

    Cœuré zum output gap:

    > … yet as Cœuré admits, measuring it is ‚riddle, wrapped in a mystery, inside an enigma‘.>

    An dieser Stelle wäre zu FRAGEN, ob es angesichts von ZUGEGEBENER mysteriöser Rätselhaftigkeit überhaupt einen output gap gibt, oder ob es ledig eine Einbildung ist.

    Für Cœuré darf es keine Einbildung sein.

    Denn wäre es eine, könnte er Behauptungen wie diese nicht einmal denken, geschweige denn sie an seinen erlauchten Kreis adressieren:

    >… that people who have dropped out of the labour market will soon return, that the underemployed will manage to work more hours as the region’s growth spurt continues and that the region has plenty of untapped potential to improve productivity through digitalisation.>

    Abgesehen davon, dass die Digitalisierung es richten soll, wird damit AUSGEBLENDET, WARUM so viele Menschen bereits so lange in der Eurozone aus dem Arbeitsmarkt gefallen sind, OBWOHL die Geldpolitik nun schon über Jahre EXTREM akkommodierend ist.

    Die URSÄCHLICHE Wirkung von Megatrends (Globalisierung, Demografie, relative Warensättigung etc.) und daraufhin erforderliche, aber politisch nicht durchgesetzte Anpassung wird genauso verdrängt, wie die von Wechselkursen als ein in der Währungsunion nicht mehr möglicher nationaler Anpassungsmechanismus.

    Da STRUKTURELLE VERWERFUNGEN keine Rolle spielen, KANN Cœuré folgerichtig NUR ein KONJUNKTURELLES Problem erkennen.

    Dieses Problem lässt sich mit einer lockeren Geldpolitik erfahrungsgemäß lösen.

    Also weiterhin die Politik des ultraleichten Geldes. qed.

    Darlegungen wie die von Cœuré sind bei Anfängern verzeihlich.

    Wenn sie auf der Top-Ebene der EZB zelebriert werden, kann einem nur schaudern.

    Antworten
    • Alex sagte:

      Die Aussage von Cœuré über die Produktionslücke ist von einem Vortrag bei der BIZ vom 12.04.2018. Dort versucht er sich an einer Erklärung.

      siehe:
      https://www.bis.org/review/r180426a.htm

      Meine Vermutung zur zweiten Zitation über den Arbeitsmarkt liegt an den USA und der langsamen Verbesserung der Employment-Population Ratio. Dies könnte auch bei der EWU so sein.

      Mit dem konjunkturellem Problem liegen Sie nahe am Schlusswort von der Ansprache bei der BIZ. Wobei Herr Cœuré strukturelle Probleme nicht ausschließt (soweit mir aufgefallen). Wahrscheinlich hat es mit der Neigung zum Monetarismus zu tun und das Konjukturelles nunmal mit Geldpolitik gelöst wird.

      „One is that what we are currently seeing may be more likely to reflect the normal interactions between demand and supply caused by the cycle, than hysteresis effects and their reverse. The second conclusion is that the outlook for productivity growth may be less concerning than current figures suggest.“

      Antworten
      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Alex

        Danke für den Link.

        Was bei der BIZ vorgetragen hat, fordert eine andere Bewertung als die, dich ich bezüglich der von Dr. Stelter zitierten Auffassungen von ft.com getroffen habe.

        Der ft.com-Bericht vom 16. April 2018, den Dr. Stelter thematisiert hat, stellt folgenden Bezug her lt. Zitat von Dr. Stelter:

        >„More information emerged on the split in the ECB’s account of its March policy meeting, which came out on Thursday. The minutes were followed by an insightful, original speech by executive board member Benoît Cœuré in Paris later in the day. It is worth following closely because the debate on judgments on the degree of ‚slack‘ between where the economy is and where it could be has important implications for monetary policy.“ >

        Ich kann und will nicht recherchieren, ob die ft.com bzw. Dr. Stelter sachgemäß berichtet haben.

        Ich gehe davon aus, dass dies so ist.

        Wenn so, wirft das mit Blick auf seinen BIZ-Vortrag neue Fragen auf.

        Denn anhand des verlinkten Vortrags bei der BIZ muss gesagt werden wie Sie richtig feststellen, dass Cœuré sehr wohl den Unterschied zwischen strukturellen und konjunkturellen Problemen kennt und ihn auch thematisiert auf – soweit ich mit beschränkter Wahrnehmung urteilen kann – der Höhe der wissenschaftlichen Diskussion. Ob und inwieweit man evtl. bestimmten Akzentsetzungen widersprechen müsste, kann dahingestellt bleiben. An der Kompetenz von Cœuré und seinen Leuten, die ihm den Vortrag geschrieben haben, ist jedenfalls nicht zu rütteln.

        Ich frage mich aber, warum Cœuré – vorsichtig ausgedrückt – in Paris die Dinge à la ft.com so IRREFÜHREND einseitig dargelegt hat, wenn er laut BIZ-Vortrag genau weiß, dass die Realität sehr viel komplexer ist und daher differenzierter betrachtet werden muss auch hinsichtlich der zu ergreifenden Maßnahmen.

        Mein Antwort bis auf weiteres:

        Leute wie Cœuré sind Wanderprediger. Wenn ein Kompetenznachweis erforderlich ist, zeigen sie wie bei der BIZ, was sie drauf haben. Wenn geldpolitischer Populismus gefragt ist, wie vermutlich in Paris, wird eine andere Platte aufgelegt.

        Das ist alles andere als vertrauenserweckend.

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