Steigende Kurse bei fallenden Gewinnen und Multiples passen nicht zusammen

Die Freude an den Märkten ist groß. Alles spricht für baldige „vorbeugende“ Zinssenkungen der Fed. Dem S&P half diese Vorfreude über die Marke von 3000 Punkten. Alles gut also, die Party kann weitergehen?

Nun, hinter dem Kurswechsel der Fed steht auch das gestiegene Rezessionsrisiko wie die FINANCIAL TIMES (FT) vermerkt:

  • Another reason for caution about the US economy was flagged earlier this week by the New York Fed, with its recession indicator having climbed to 32.9 per cent, up from 29.6 per cent the previous month. This represents its highest reading since 2009 (…).“ – bto: Der Indikator ist zwar etwas tautologisch, ist doch gerade die Markterwartung relevant, die sich in der Zinsdifferenz niederschlägt.

Quelle: FT

  • „(…) what has people talking is that once the Fed indicator gets above 30 per cent, a downturn has arrived since the 1960s.A break above the 30 per cent level occurred in June 1990, July 2001 and August 2007, ahead of recessions and tough times for equities and credit.“ – bto: Schwere Zeiten also, doch warum steigen dann die Börsen auf neue Rekorde?
  • Das fragt sich auch John Authers bei Bloomberg: „This is strange because investment managers have lapsed into a bearishness and pessimism that have not been seen since the financial crisis. (…) Indeed, their predictions imply terrible problems for equities ahead. Only a minority believes that corporate earnings will rise over the next year, the most bearish outcome since the survey started.“ – bto: Und es ist schwer, steigende Aktienkurse zu rechtfertigen, wenn die Gewinne sinken.

Quelle: Bloomberg

Weil auch der andere Hebel – übrigens der wichtigste in den letzten Jahren – nämlich steigende Multiples irgendwie nicht mehr zieht: „Meanwhile, a majority of institutions also believe that earnings multiples will be no higher in a year’s time.“

Quelle: Bloomberg

  • „(…) if we combine lower earnings with lower earnings multiples, it is only logical to expect lower share prices. Indeed, confidence that stocks will outperform bonds over the next year has dropped to its lowest in five years. But there is still a majority of investors who think bonds will somehow do even worse than equities.“ – bto: Das wäre der Fall bei stark steigender Inflation oder aber bei einer deflationären Rezession mit stark steigenden Ausfällen von Schuldnern. Beides aber auch schwierige Szenarien für Aktien, wobei Inflation für Aktien noch leichter zu verdauen wäre.
Quelle: Bloomberg

  • „The good news is that almost any good news would now constitute a positive surprise. Markets are primed for a triumph by optimists. The bad news is that if institutional investors are right, a few rate cuts from the Fed will not help much.“ – bto: Selbst wenn es ein paar positive Überraschungen geben sollte, wäre das nur der letzte Push am Ende des Booms.
Kommentare (8) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Christian Hu sagte:

    Die Aktien sind doch letztes Jahr schon gefallen und wir sind bereits in einer Rezession. Alle großen Unternehmen haben Sparprogramme laufen, die langsam anfangen zu greifen. Wenn jetzt noch der Staat einspringt und Geld ausgibt, dann ist alles in Butter und es geht schnell wieder bergauf.

    Börsen handeln nun einmal die Zukunft, und die sieht so schlecht nicht aus. Oder es kommt ganz anders – Glaskugel halt.

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      troodon sagte:

      @ Christian Hu
      „wir sind bereits in einer Rezession“
      Wer ist „wir“ ? D, USA, Welt?
      „Rezession“ Zwei Quartale mit rückläufigen BIP oder haben Sie eine eigene, andere Definition von Rezession ?

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        Christian Hu sagte:

        Das ist für die Argumentation zwar nicht wichtig, aber technisch gesehen wären es wohl zwei aufeinander folgende Quartale mit sinkendem BIP.

        Gilt für Deutschland und viele Länder weltweit genauso. Der Makroskop hat eine schöne Artikelreihe dazu.

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    troodon sagte:

    „But there is still a majority of investors who think bonds will somehow do even worse than equities.“ – bto: Das wäre der Fall bei stark steigender Inflation oder aber bei einer deflationären Rezession mit stark steigenden Ausfällen von Schuldnern.“

    LEICHT steigende Inflationserwartungen könnten auch schon ausreichen.
    Eine 10j Bund verliert auf Sicht eines Jahres schon etwas über 5%, wenn die Rendite von aktuell -0,29% wieder auf nur 0,25% steigt. Bei einem Zinsanstieg auf 0,8%, das Niveau von Anfang 2018, verliert die Anleihe dann schon knapp 10%. Da reicht es dann, wenn die Aktien stabil bleiben oder sogar etwas verlieren, um besser abzuschneiden als langlaufende Anleihen.

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      Thomas M. sagte:

      Sie sind ja tief in der Materie. Ich lese seit gefühlt 9 Jahren, dass die Gewinne nicht zum Kurs passen. Das scheint die Kurse aber wenig zu interessieren.

      Ich frage mich, ob in Zeiten von QE und Negativzinsen und Everything-Bubbles die ganzen klassischen Betrachtung überhaupt noch etwas taugen. Wenn alles überbewertet ist, kann man ja auch nicht mehr aus dem einen ins andere „rotieren“ (was natürlich eh nicht das korrekt Wort ist, aber Sie wissen, was ich meine), um durch Verkauf von Teurem Günstiges einzukaufen.

      Ich frage mich daher: Sind wir vielleicht in einem Crack Up-Boom in Zeitlupe, an dessen Ende eine – in der Rückschau klar werdende – massive Entwertung von Geld steht? (Präzisierung: Geldwert gemessen an Anlagevermögen.)

      Vielleicht sind in der neuen Zeit S&P500-Schwankungen von -20% mit darauf folgender Rallye auch schon das Maximum an Crash, weil die Notenbanken dann aktiv werden, um den richtigen Crash zu verhindern.

      Heute kann man nach der 2012er-Goldblase denken: Gut, es ging 30% runter, aber was sind schon -30% wenn ich die Zeitreihe bis 2001 zurückgehe. Hätte ich mal vor knapp 20 Jahren Gold gekauft… Vielleicht denkt man so in 20 Jahren zu Aktien: Hätte ich damals, als Aktien teuer schienen, diese gekauft…

      Früher hat man die Märkte in Ruhe abstürzen lassen. Jetzt gibt es sofort eine FED-Pressekonferenz mit forward guidance und schon klettern die Kurse wieder.

      So meine Gedanken…

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        troodon sagte:

        @ Thomas M.
        Wichtig ist, auch wenn man vermeintlich tief in der Materie steckt, sich im Klaren darüber zu sein, dass man in diesem Segment kein wirkliches WISSEN hat. Das zu verinnerlichen, fällt offenbar etlichen Anlegern nicht leicht.
        Da bin ich aber opportunistisch : „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.“
        Die Geldanlage muss aber definitiv zur eigenen Mentalität passen, sonst wird das kein Erfolg .

        “ Ich lese seit gefühlt 9 Jahren, dass die Gewinne nicht zum Kurs passen. Das scheint die Kurse aber wenig zu interessieren.“
        Sie hätten mit Sicherheit auch sehr viele Artikel lesen können, die das Gegenteil, auch mit Fakten untermauert, zum Inhalt hatten.

        “ Sind wir vielleicht in einem Crack Up-Boom in Zeitlupe, an dessen Ende eine – in der Rückschau klar werdende – massive Entwertung von Geld steht? (Präzisierung: Geldwert gemessen an Anlagevermögen.)“
        Vielleicht ;)
        Jedenfalls erachte ich es unter gegebenen Umständen für sinnvoll, sich nicht zu sehr auf einen kommenden Zusammenbruch zu verlassen und fast ausschließlich Nominalwerte zu halten.

        Insofern stimme ich Dr. Stelter weiter absolut zu, der auf die breite Streuung hinweist, mit der Variante auf festverzinsliche WP z.G. mehr Liquidität evtl. komplett zu verzichten. Langweilig, kennt jeder, ist aber trotzdem immer noch grundsätzlich richtig.
        Wenn schon festverzinsliche WP dann entweder Sondersituationen oder langlaufende US-Staatsanleihen als temporäre Beimischung im Krisenfall.

        Reichlich Liquidität UND Zeit zu haben ist zwingend notwendig, um erstens antizyklische Möglichkeiten nutzen zu können UND zweitens zudem nicht in Panik verfallen zu können, wenn der nächste deutliche Rückschlag sich doch zu einem viel stärkeren Rückgang auswächst, trotz aller Anstrengungen von NB und Politik. Mit genügend Liquidität und Zeit betrachtet man deutliche Kursrückgänge eher als Chance, als dass man sie als Desaster ansieht.

        Für die nächsten Jahre sehe ich jedenfalls Notenbanken und Politik weiterhin bei starken Kursrückgängen unterstützend eingreifen. Warum sollten nicht auch die EZB und die FED beginnen Aktien zu kaufen, wenn etwas anderes zunächst nichts geholfen hat ? Keiner hat ein Interesse daran, das System komplett an die Wand zu fahren.

        Das Thema ist nur, dass es eben einen schwarzen Schwan geben kann, an den heute noch kaum jemand denkt. Den kann man nun einmal nicht kalkulieren. Dann wird es schnell extrem eng, aufgrund der hier im Blog immer wieder besprochenen Themen…

        Und sehr lange kann es natürlich nicht weitergehen mit weiter fallenden Zinsen, fallenden Unternehmensgewinne und steigenden Bewertungen.
        Das muss es aber auch nicht, denn wenn man davon ausgeht, dass die Weltwirtschaft NOMINAL wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren zwischen 4%-6% wachsen kann, werden die Gewinne nicht dauerhaft fallen. Somit fällt es mir schwer darauf zu setzen, dass von heute an auf Sicht von 10 Jahren mit einem dauerhaftem Engagement in Liquidität und festverzinslichen WP mehr zu verdienen sein wird, als mit Aktien.

        „Hätte ich damals, als Aktien teuer schienen, diese gekauft…“

        Sind sie es denn tatsächlich ZU teuer ?
        Bei Nullzins in Europa wäre selbst ein KGV von 20 theoretisch noch nicht zu teuer, wenn man daran glaubt, dass die entsprechenden Unternehmen langfristig am Markt bestehen bleiben und ihren Marktanteil einigermaßen halten. Man hätte auch bei dieser optisch hohen Bewertung noch eine Risikoprämie gegenüber „Nullzins“ von theoretischen 5% p.a.

        Theoretisch also noch Luft nach oben bei den Aktienkursen.

        Kommt hingegen die weltweite Rezession trotz aller Maßnahmen doch, dann wären 50% oder mehr Kursverlust ebenso keine Überraschung. Damit muss man leben können.

        Bleibt diese aus, würde mich ein durchschnittlicher Aktienertrag von 5-7% NOMINAL inkl. Dividende über die nächsten Jahre nicht überraschen, selbst wenn die Gewinnmargen der Unternehmen leicht zurückgehen würden. Und klar ist mehr drin, wenn einem das Timing gut gelingt, was aber unwahrscheinlich sein dürfte.

        Das macht aber auch klar, dass der mögliche Ertrag von 5 oder mehr Jahren mal eben in einem Monat ausgelöscht werden kann. Das muss man aushalten können. Deshalb die Quoten antizyklisch steuern, so jedenfalls meine Auffassung.

        Und kommt der Krall Knall doch schon demnächst, hoffe ich dass die markttechnische Analyse rechtzeitig entsprechende Warnsignale gibt.

        Wahrscheinlich kommt der Knall erst, wenn deutsche Anleger deutlich mehr Aktien haben …

        Und das war jetzt für die nächsten Monate im Sinne von Christian Hu mein letztes längeres Posting zum Thema Geldanlage :)

        Denn dieses „Nichts Genaues weiß man nicht“ gilt für mich dauerhaft :)

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        Thomas M. sagte:

        @troodon

        Vielen Dank für die lange und interessante Antwort! Darin war auch ein sehr gutes Stichwort enthalten: „Deshalb die Quoten antizyklisch steuern, so jedenfalls meine Auffassung.“

        Ich hatte bis dato in meinem kleinen bescheidenen Allokationsmodell die Aktienquote willkürlich nach unten korrigiert, was mir jedoch als fragwürdiger Notnagel erschien. Als antizyklisch gezielte Steuerung begriffen kann ich mit dem Einschub bei der Excel-Formel meinen Frieden schließen. :)

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