Qualifikation und Flexibilität als Voraussetzung für Wohlstand

Heute Morgen habe ich Martin Sandbu und die Autowäsche diskutiert. Wesentliche Erkenntnis: Es ist gut für die Produktivität, wenn der Lohnunterschied nicht zu hoch ist und zugleich das Bildungsniveau steigt und der Arbeitsmarkt flexibel ist. Heute schauen wir mit ihm noch genauer auf die Faktoren, die dazu führen, dass die Produktivität und damit der Wohlstand wächst. Ein Thema, das uns bekanntlich in Deutschland nicht interessiert, aber interessieren sollte!

  • „Achieving growth by shedding jobs based on cheap labour offers the promise of wage and productivity growth. But it also poses the question at the heart of the economic changes in the west over the past four decades (and the decades to come): what happens to those workers whose tasks are eliminated?“ – bto: auf uns übertragen: Wie verhindern wir einen Produktivitätsverfall in den kommenden Jahren und anhaltende Arbeitslosigkeit in diesem Segment?
  • „The first is (…) aggressive aggregate demand management in macroeconomic policy. Wage egalitarianism changes the composition of jobs in the economy — towards more capital-intensive, high-productivity tasks on average — but the total number of those jobs depends on the overall demand in the economy. If macroeconomic policy tools such as government budget balances and central banking interest rates are used aggressively enough, sufficient new and better jobs can be created to offset all the low-productivity jobs that are lost because wages are too high to employ people for them.“ – bto: übersetzt: Wenn wir Mindestlöhne hochsetzen, müssen wir auch die Nachfrage befördern.
  • „(…) second, such a policy of aggressive job creation can only work if workers are equipped to fill the new and more productive roles. That requires two things: workers must be able and willing to perform the new jobs, and the labour market must smooth as much as possible workers’ move from one job to another as low-productivity roles become obsolete.
  • „The five Nordic countries (…)  rank highly for adult cognitive skills, an important key to employability in a shifting economy.“ – bto: Und jetzt schauen wir mal, a) wo wir liegen (geht noch), b) wo die Länder liegen, aus denen wir Zuwanderung anlocken. Hier ist nur die Türkei zu sehen, sagt aber schon alles.

  • „As for helping workers move between jobs, the Nordic labour markets are characterised by what Denmark calls ‘flexicurity’ — flexible rules for hiring and firing, but with policies and institutions in place to improve the chances of getting a new job. In Sweden, for example, employers’ organisations are held responsible for worker reallocation schemes to find new jobs for workers who are let go. Denmark has by far the highest rate of public spending on ‘active labour market policies’ among rich economies: the government spends about 2 per cent of national income on helping workers find new jobs, mostly on training and on creating sheltered or supported job opportunities or rehabilitating workers. Sweden and Finland come in next with about half as much; the US spends a meagre 0.11 per cent. As a result, Swedes, Danes and Finns move between jobs more often than almost all other European workers, with almost a quarter of them shifting every year as the chart below shows.“ – bto: Auch das ist bei uns ganz anders, Kündigungsschutz, hohe Zahlungen. Interessanterweise tauchen wir da nicht auf …

  • „The countries that have achieved these goals are those that have chosen to devote resources to it. Other countries can direct their resources the same way, and expect similar results, if they just prioritise accordingly.“ – bto: Und davon kann bei uns mal wieder keine Rede sein.

→ ft.com (Anmeldung erforderlich): „In economic policy, you get what you pay for“, 4. März 2019

13 Kommentare
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    Susanne Finke-Röpke sagte:

    bto: „Interessanterweise tauchen wir da nicht auf …“

    Noch nicht, würde ich vermuten. In dem Moment, wo die Arbeitslosigkeit frappierend steigt, weil Energiewende, Mobilitätswende, Migration und Exportprobleme (Brexit, Zölle, etc.) trotz Niedrigzinsen voll durchschlagen, werden wir die steigenden Arbeitslosenzahlen nicht anders bekämpfen können. Denn Geld für andere Maßnahmen ist dann nicht da und die Heimatländer der Migranten werden für die meisten keine verlockende Perspektive bieten. Ich schätze Ende des kommenden Jahrzehnts ist Deutschland zumindest in der Mitte dieser Liste.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Das ist die notwendige Ergänzung von heute Morgen.

    Ich habe nur damit ein Problem:

    >If macroeconomic policy tools such as government budget balances and central banking interest rates are used aggressively enough, sufficient new and better jobs can be created to offset all the low-productivity jobs that are lost because wages are too high to employ people for them.“ >

    Mit Fiskalpolitik und der Zinspolitik können vielleicht genügend Jobs irgendwelcher Art geschaffen werden, vor allem auf dem Feld der Bullshit Jobs.

    Bessere Jobs für die wegfallenden werden hinreichend nur geschaffen, wenn private Investitionen in den technologischen Wandel erfolgen.

    Das geschieht aber nur, wenn es qualifizierte, flexible Menschen gibt – völlig richtig, was der Artikel dazu sagt.

    Dafür ist bei uns so gut wie keine Rede.

    Bei uns geht es um Respekt für die Lebensleistung (spd) oder ein BGE.

    Dafür muss Geld da sein, dafür ist Geld da.

    Wir sind für viele offensichtlich so weit weg von anderen Volkswirtschaften, dass wir uns das leisten können.

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      Christian Hu sagte:

      Die Tendenz ist aktuell zumindest schon einmal gut, es scheint unten vieles nachzudrücken: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/39312/umfrage/studienabschluesse-in-deutschland-seit-1993/

      Anscheinend kann man auch in schlecht finanzierten Unis studieren, aber dass wir in Bildung mehr investieren müssen liegt wohl auf der Hand.

      Ich störe mich übrigens daran, dass Hr. Stelter häufig die Mathematikkenntnisse als Proxy für Arbeitsmarktbefähigung und Qualifikation heranzieht. Die allerwenigsten Jobs erfordern diese in der heutigen Zeit, im Gegenteil benötigen wir in der heutigen agilen Arbeitswelt viel stärker den kreativen Generalisten. Und darauf ist das deutsche Schulsystem komparativ gut ausgelegt.

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        Tobias W. sagte:

        „Die allerwenigsten Jobs erfordern diese [Mathematik] in der heutigen Zeit, im Gegenteil benötigen wir in der heutigen agilen Arbeitswelt viel stärker den kreativen Generalisten.“

        Sie haben den Schuss noch nicht gehört. Mathematisch-analytisches Denken wird mehr und mehr die Arbeitswelt bestimmen.

        Was meinen Sie, woher die zehntausende Softwareentwickler kommen sollen, wenn kein Wert auf Mathematik im Bildungswesen gelegt wird? Basiswissen in Informatik und Datenverarbeitung wird auch in Nicht-Informatikberufen zwingend notwendig werden.

        Wenn Sie sich die Durchfallquoten im Grundstudium vieler Hochschulen in Deutschland für Studiengänge wie BWL oder sogar Sozialpädagogik anschauen, dann ist es meistens das Fach Statistik (ein Teilbereich der Mathematik). Statistik (oder Neu-Deutsch „Data Science“) ist aber die mathematische Grundlage des maschinellen Lernens – eine Innovation die vor keinem Berufsfeld halt machen wird.

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    Thierry sagte:

    Meine Erfahrungen sind da andere.

    „Wage egalitarianism changes the composition of jobs in the economy — ….“. Ein wahres Wort, aber in einem anderen Sinne als hier vermittelt. Nivellierung der Einkommen tötet den Ergeiz, sioch fortzubilden und in der beruflichen Qualifikation aufzurücken.

    In Entwicklungsländern kann höhere Qualifikation (eine Schreibkraft beherrscht Englisch in Wort und Schrift, ein Mechaniker beherrscht elektro-schweissen) rasch zur Verdoppelung des Gehalts führen (auf das eh‘ keine Steuern zu zahlen sind). In Europa, und insbesondere in D sind es dann vielleicht 10 % mehr, die zur Hälfte von der Steuer-Progression aufgefressen werden. Wer will da noch was werden? Wer besucht da noch monatelang Kurse und macht nachts Hausaufgaben?

    Ein Blick auf die aussertariflichen Lohnskalen z.B. der Autoindustrie spricht Bände über die mindestens erforderliche Lohnspreizung. Ein „Springer“ am Band lacht doch über den Ingenieur, der ihm was erzählen will.

    Die Gewerkschaften mit ihren geliebten Sockelbeträgen bei Lohnverhandlungen sind mit ursächlich für den allseits bejammerten Facharbeitermangel.

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      Christian Hu sagte:

      Auch in Deutschland macht sich höhere Qualifikation bezahlt, denken Sie an den Freelancer in der IT, den Unternehmensberater, den Anwalt, den Arzt, die Führungskräfte.

      Ich habe den Artikel auch nicht so verstanden, dass alle gleich viel verdienen sollen. Es geht viel mehr darum, die Gehälter der unteren Einkommensquantile durch produktiveren Einsatz der Arbeitskräfte anzuheben und somit eine gleichere Einkommensverteilung zu erreichen.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Christian Hu

        >Auch in Deutschland macht sich höhere Qualifikation bezahlt, …>

        Stimmt.

        Ein wesentliches Problem ist folgendes:

        Wenn 40% der Studierenden einen Arbeitsplatz im Öffentlichen Dienst attraktiv finden und zu den Arbeitgebern Staat, Land und Gemeinde wollen, dann läuft etwas fundamental falsch. Hier mehr dazu:

        https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-07/oeffentlicher-dienst-berufswahl-studenten-studie

        Offensichtlich ist das entscheidende Kriterium für den Arbeitslatz die Sicherheit, die ihnen der Öffentliche Dienst bietet.

        Mit einem derartigen Sicherheitsdenken kann keine Volkswirtschaft ihren Wohlstand sichern.

        Der Ratschlag von Ernst & Young, Verfasser der Studie, hat den richtigen Ratschlag (Zitat aus der Studie):

        „Die Unternehmen sollten sich Gedanken darüber machen, wie sie weiter für Berufsanfänger attraktiv sein können“, sagt Simon. Geld alleine reicht dafür nicht.“

        Offensichtlich sollen die Unternehmen den Berufsanfängern eine LEBENSLANGE Jobgarantie geben, um so attraktiv wie der Staat zu sein.

        Man sieht, dass die allgemeine Vernebelung bereits bei der Beraterelite angekommen ist.

        Was wir brauchen, aber nicht bekommen, ist vielmehr ein Mentalitätswandel.

        Dazu gehören vor allem deutlich mehr Freiheitsgrade für Unternehmensgründer.

        Denn hier steht praktisch jeder, der etwas unternehmen will, vor so hohen Hindernissen, dass er kaum noch CHANCEN sieht.

        Warum soll er dann noch etwas unternehmen?

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        Susanne Finke-Röpke sagte:

        @Herrn Tischer. das mit dem Wunsch der Jungen nach lebenslanger Jobgarantie ist zwar sachlich falsch, aber menschlich für mich nachvollziehbar. Wenn man immer nur erlebt hat, dass Dinge schlechter werden, will man keine utopisch wirkenden theoretischen Chancen nutzen. Man will einfach nur den status quo erhalten. Es fehlt der Optimismus der 50er und 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Ich weiß aber auch nicht, wie man den wieder herstellen könnte.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Susanne Finke-Röpke

        Ich stimme weitgehend zu.

        Allerdings glaube ich nicht, dass die Dinge nur schlechter geworden sind. Viele Menschen, vor allem junge Menschen erkennen einfach keine Chancen, auf eine ihnen genehme Art, vorwärts zu kommen. Also lassen sie es.

        Die Deutschen befinden sich in einem System, das zwar nicht statisch ist, aber mit bleierner Schwere auf den Menschen lastet bzw. sie gefangen hält.

        Da lässt sich kein Schalter umlegen.

        Es geht um Anpassung – nach unten.

        Man wird sehen, wie die Menschen damit zurechtkommen.

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        Christian Hu sagte:

        @Hrn. Tischler:

        Leider habe ich keine Hintergrundinformation zur Veränderung dieser 40% im Zeitablauf gefunden.

        Gefühlt waren früher noch mehr Menschen beim Staat beschäftigt, viele Unternehmen wurden ja erst Ende letzten Jahrhunderts privatisiert.

        Viele Berufe in der Privatwirtschaft sind auch heute nicht mehr so hoch entlohnt wie früher, z.B. ein Ingenieursgehalt dürfte subjektiv gefühlt komparativ gegenüber einem Lehrergehalt (verbeamtet) gesunken sein

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Christian Hu

        Ich habe auch keine Zahlen zur Veränderung im Zeitraum.

        Meine unmittelbare Nachkriegserfahrung ist folgende:

        Wenn das Wachstum einer Volkswirtschaft hoch ist – und es war sehr hoch direkt nach WKII – und wenn die Hürden zur Selbstständigkeit niedrig sind, unternehmen die Menschen einfach mehr.

        Beispiel:

        Mein Vater hat die ersten Eigentumswohnungen in Deutschland gebaut. Er hat praktisch-intuitiv festgelegt, was Sondereigentum und was Gemeinschaftseigentum sein soll. Die zukünftigen Eigentümer haben es verstanden und gut geheißen. Also wurde es so gemacht.

        Und heute?

        Ein Wohnungseigentumsgesetz, das sich im Umfang der Bibel annähert. Und dann noch die Rechtsprechung.

        Wer will sich mit all dem herumschlagen?

        Nicht zu viele.

        Das können Sie auf alles übertragen:

        In Deutschland wird nichts in einer Garage begonnen.

        Denn da fehlen die Toiletten ….

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    Thierry sagte:

    Ich bleibe dabei: die wirksamste Motivation ist und bleibt die Füllung des Geldbeutels. Darum ist auch Korruption nicht ausrottbar, sondern blüht im umgekehrten Verhältnis zu den legalen Chancen. D sollte überlegen, warum es trotz des relativ hohen Lebensstandards in der Korruptionsbekämpfung nur einen mittleren Platz einnimmt und damit nicht vorankommt.

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    Bakwahn sagte:

    Offtopic? Vielleicht.

    Hier ein Bericht über Gespräche in froher Runde, am Stammtisch, am Strand unterm Sonnenschirm, die ich in allen 3 Ländern während meiner dreimonatigen SOA-Reise geführt und miterlebt habe.
    Ich kenne diese Länder seit vielen Jahren (Siam, Laos, Burma). In Bangkok habe ich viele deutschsprechende Thaifreunde, die ich von der FüAk der BW in Hamburg-Blankenese her kenne. Drei von ihnen haben es bis zum General geschafft. Auch mit ihnen habe ich mehrere Abende bei Singha- und Changbier über die deutsche Situation gesprochen.

    Die Gesprächspartner waren Rentnerehepaare, Pensionäre, die dort überwintern – so wie ich –, sowie eine handvoll Sonnenurlauber im mittleren Alter, die dort drei bis vier Wochen Badeurlaub machen. Thema war u.a. der Euro, die Wechselkurse und der Rückgang der weißen, d.h. westeuropäischen und angloamerikanischen Urlauber bei gleichzeitigem starken Anstieg der asiatischen Touristen (Japan, Korea, China, Indien).
    Ich fasse thesenartig zusammen; im Indikativ, nicht, was grammatisch richtig wäre, im Konjunktiv. Meine deutschen Gesprächspartner sind der Meinung, der Euro ist eine starke und stabile Währung. Kein Land wird den Euro verlassen. Auch Italien wird seine Schuldenkrise meistern und wird sich stabilisieren. Irgendwie. Vieles ist nur Panikmache. Ja, der Wechselkurs ist schlecht. Es kann sein, daß der schwache Euro viele abhält, zu kommen. Aber es gibt Wellenbewegungen, ein paar Jahre kommen viele, dann ein paar Jahre etwas weniger. Das ändert sich halt nach Lust und Laune. Im übrigen die Wirtschaft läuft seit fast 15 Jahren gut; uns, mir geht es gut. Es hat Renten-, Pensionserhöhungen gegeben; es hat Lohn-, Gehaltserhöhungen gegeben. Zwar ist netto nicht viel übriggeblieben, man ist aber bescheiden. Was soll die Panikmache und Schwarzmalerei?
    Das war ein kurzer Blick ins deutsche Gemüt, in die deutsche Seele.
    Ich kommentiere die Aussagen und Meinungen, diese offensichtlich vorherrschende Gestalt des Geistes nicht, die sich mir immer wieder bietet.
    Was ist, wenn der Optimismus sich als Blase erweist und platzt? Wenn Italien – trotz massivster EZB-Hilfe pleitegeht? Wenn eine wirklich ernstere wirtschaftliche Depression einsetzt? Dann brechen die innergesellschaftlichen Sollbruchstellen bei uns und auch die europäischen Konfliktlinien auf, und es kann zu unkontrollierter Gewalt bis hin zu offenen Bürgerkrieg kommen.
    Ich hoffe das passiert nicht, und Angela oder Annegret es wieder richten werden.

    Live vom Jomtiem Strand – am Golf von Siam
    Felix Haller – seit 2013 alternativ

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