Indikatoren für den Crash

Nichts ist so spannend wie die Frage, ob man einen Einbruch an den Börsen vorhersagen kann. Scheinbar ja, wie die FT (dankenswerterweise) berichtet:

  • „The quant team at SocGen spent last month coming up with a great new measure that could help time drawdowns of the S&P 500. It worked beautifully and would have forecast what just happened. But to the chagrin of Andrew Lapthorne at SocGen, they did not get around to publishing it until this week. Such is life.“ – bto: Ja, so ist es. Die Untersuchung von Lapthorne zur Qualität der Unternehmensbilanzen habe ich hier schon diskutiert: → Das steht hinter dem Crash: gefährliche Bilanzschwäche der US-Unternehmen
  • „The nub of their argument is that the volatility of low-quality (as in poor balance sheet) stocks, and the volatility of high-yield bond spreads were a better indicator of a coming drawdown than a rise in the Vix. When investors get particularly nervous about the junkiest companies in their universe, in other words, it is a sign of trouble. And indeed, when the volatility of the worst quality companies in both equities and bonds is highest, equity drawdowns tend to follow. The Vix offers no such signal:“ bto: Es leuchtet ja auch ein. In einer Welt mit hohen Schulden, hoher Verschuldung der Unternehmen und hoher Verschuldung der Spekulanten ist klar, dass, sobald sich Turbulenzen anbahnen, die riskantesten Wetten als Erstes unter Druck kommen. Das Chart zeigt es auch sehr klar:

Quelle: SocGen, FT

  • „When interest rates rise it seems obvious that the weakest business with the greatest amount of debt should fall before the strongest. So while the initial reaction to a rise in bond yields may be to sell lower beta defensive/higher dividend yielding business, eventually as the potential pain from higher rates becomes more acute, then selling balance sheet risk and then ultimately the equity market altogether will become the greater priority.“ – bto: Das ist sehr einleuchtend. Man weiß nicht, wann es passiert, aber es genügt, um noch an den Börsen zu reagieren.
  • „So it also seems intuitive to focus on the performance and volatility of the weakest segment of the equity market for signs of stress and not the aggregate market which is often biased toward the biggest, most profitable and usually better financed organizations. (…) The argument being that if the share prices of weak companies start falling, not only does it exasperate the problem by increasing implied leverage, but also it could be an early indication of investors becoming balance sheet risk averse.“ bto: eben, weil sie sich das Risiko nicht leisten können. Es ist immer wieder ein Minsky-Thema. Die Übertreibung treibt die Übertreibung, bis es irgendwann bricht.

Die Lehre: „we should treat junky over-levered companies as canaries in the coalmine at a time when the greatest concern is rising rates.“ bto: Und soweit ich das sehe, geben diese Indiaktoren keine Entwarnung. 

FT (Anmeldung erforderlich): „Authers’ Note: Market displacement derangement syndrome“, 18. Februar 2018

Kommentare (7) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Felix Kurt sagte:

    SgH Dr. Stelter, sg Foristen,

    als Kontrast zu der auch hier viel beschworenen schlimmen und hoch verschuldeten Unternehmenssituation empfehle ich mal den Blick auf die aktuellste Untersuchung der Bundesbank zu den Unternehmen im Euroraum, erschienen im Monatsbericht Januar Der BuBa. Darin ist ein sehr aufschlussreicher Artikel zur Unternehmensfinanzierung im Euroraum seit der Finanz- und Wirtschaftskrise:

    http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichte/2018/2018_01_monatsbericht.html

    Das sehr negative Bild, das hier immer wieder ausgehend von den USA vorgetragen und pauschal gerne auf den Rest der Welt übertragen wird („die Märkte“, „die Finanzmärkte“, „der Aktienmarkt“ – als wenn es nur einen gäbe, …, usw.) wird darin n i c h t bestätigt.

    Die Unternehmensfinanzierung hat sich, ausgelöst durch die kritische Liquiditätssituation der Banken im Zuge der Finanzkrise, deutlich von der Bankenfinanzierung wegbewegt und breiter diversifiziert. Die Unternehmen achten seither viel stärker auf die eigene Liquidität. Die Gewinnsituation ist in den zumindest letzten beiden Jahren eher unterschätzt worden: die anfänglichen Schätzungen waren meist zu niedrig und wurden am Ende viel häufiger übertroffen als das in all den Jahren zuvor der Fall war.

    Plausibel ist sicherlich, dass ein Rumpeln in den USA immer auch die anderen Märkte negativ berührt. Für die gerne ausgesprochenen Empfehlungen wo man investiert sein sollte, spielt eine differenzierende Wahrnehmung aber eine wichtige Rolle: Europa vor USA.

    Zitat von mir selbst, hier auf bto im März 2016:
    „Warum nach weiteren Anhebungen der US-Leitzinsen bereits der Notenbank-induzierte Tod der Konjunktur eintreten soll, erschließt sich mir noch nicht. Weder das zu erwartende Niveau noch die Dynamik der Zinsanhebung lässt den Analogieschluss mit den Zinsanhebungszyklen der Vergangenheit unmittelbar zu.

    Die Notenbanken, sicher auch die EZB, haben auch noch die Möglichkeit, den Zinsanhebungszyklus argumentativ dadurch flacher und vorsichtiger zu gestalten, dass sie zu gegebener Zeit maßgeblich auf die CPI-Kernraten schwenken. Wenn z. B. der Ölpreis wieder auf ca. 50 Dollar steigt, wäre in Deutschland / Euroland ein HVPI in der Größenordnung von gut 2% zu erwarten (verschiedene Bankenschätzungen). Bei immer noch anhaltend geringer Konjunkturdynamik könnte man dann diesen Schwenk vollziehen, um die Konjunkturrisiken zu mildern.“

    Das sehe ich weitgehend immer noch so. Spannender wird es, wenn sich die Analysten und Broker konkreter mit dem Ausblick auf 2019 beschäftigen werden, also ab Sommer/Spätsommer.

    Am 11.2.2016 hier auf bto erschienen: Zitat:

    „ „Maybe Albert’s Crazy Forecast Is Not That Crazy After All“
    Albert Edwards ist der Vater der „Eiszeit“-Theorie. Schon seit Jahren warnt er vor einer Eiszeit an den Finanzmärkten mit Niedrigzinsen und fallenden Aktienkursen, so zuletzt bei der Investorenkonferenz im Januar. Dort sorgte er mit der Aussage, dass der S&P 500 um bis zu 75 Prozent fallen könnte, für Aufsehen. Nun ja, mittlerweile sind wir schon einige Schritte in dieser Richtung unterwegs. Sein Kollege Andrew Lapthorne hat ausgerechnet, wie tief es noch gehen könnte:
    • Szenario 1:
    MSCI US & Europe gehen auf das durchschnittliche PE seit 1970 (14.7 x für US und 13.3 x für Europa) zurück.
    • Szenario 2:
    Die Bewertungen sinken auf frühere „Krisenniveaus“ von 12 x für die USA und 10 x für Europa
    • Szenario 3:
    wie 1, allerdings mit einem Gewinnrückgang von 25 Prozent – was nicht undenkbar ist.
    • Szenario 4:
    wie 2, allerdings mit einem Gewinnrückgang von 25 Prozent – was dann noch wahrscheinlicher wäre.
    Und schon sind wir in einem Umfeld, in dem die Aktien noch fast 60 Prozent fallen können.“
    /Zitat Ende

    Nun können alle Leser mal selber in ihren Charts nachschauen, wo die Aktienmärkte im Februar/März 2016 waren: erheblich tiefer als heute.

    Mit den Dauer-Pessimisten und Crash-Propheten, heißen sie z. B. Albert Edwards, Steven King, o.a., habe ich gute Erfahrungen gemacht:

    1. Die Auseinandersetzung mit den oft guten Argumenten ist hilfreich.
    2. Das Timing-Problem konnten die auch noch nicht lösen, aber waren oft ein guter Kontraindikator.
    3. Wenn die Zahl ihrer Verlautbarungen (der qualifizierten unter ihnen) zunimmt, sind die Finanzmarktteilnehmer doch sensibler und vorsichtiger, was einem Crash etwas entgegenwirkt. (climbing on a wall of worries)
    4. Weder die (Dauer-) Optimisten noch die ewigen Pessimisten sind die Schlauesten.

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  2. Avatar
    Dr. Doom sagte:

    Durch regelmäßige (beispielsweise monatliche) Arbeit mit einem Trendfolgesystem ist man in der Lage, einen großen Teil der Negativrenditen von Korrekturen und Baissen zu vermeiden:

    http://aktien-mit-strategie.de/200-tage-linien-strategie/

    Die grundsätzliche Trendfolgestrategie kann man noch verfeinern durch weitere Indikatoren wie Richtung und Steigerungsrate der amerikanischen Wertpapierkredite (Nyse Margin Debt), hohe prozentuale Abweichung zur 200-Tage-Linie als weiteres Signal zur (Des- )Investition, etc.

    Die steigende Verschuldung der Welt ist nur im Westen bedrohlich, wo das Schuldenwachstum größer als das Wirtschaftswachstum ist und durch die Verschuldung Sozialkonsum wie Rentenzahlungen anstatt Zukunftsinvestitionen wie Infrastruktur finanziert werden.

    Eine neue Qualität einer zukünftigen Krise am amerikanischen Aktienmarkt ergibt sich m. E. daraus, daß es im seit 2009 laufenden Haussezyklus hinsichtlich Werterhalt und Rendite für viele Investoren von Schwellen- und Entwicklungsländer rentabler war, ihr Kapital in US-Dollar zu tauschen und u. a. an der amerikanischen Börse anzulegen.

    Dieselbe Entwicklung dann mit umgekehrten Vorzeichen, wenn die Anlage in Schwellen- und Entwicklungsländern wieder rentabel wird.

    Vergleiche dazu die Hausse von 2003 bis 2007, als viel amerikanisches Kapital aufgrund höherer Renditen und Währungsgewinnen u. a. nach Rußland, Brasilien, China und Europa floß.

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    troodon sagte:

    SgH Stelter,
    mir ist mal wieder die Überschrift „Indikatoren für den Crash“ deutlich zu übertrieben. Und letztlich hat es auch nichts mit dem Text und der Grafik zu tun. Im Text heißt es schließlich auch „drawdowns“. Es wird nicht von einem Indikator für einen Crash geschrieben.

    Für das Timing von möglichen Rückschlägen ist die Beachtung der High Yield Spreads ohne Frage EIN beachtenswerter Indikator. Und in Zeiten von extremen Niedrigzinsen gilt dies erst recht.

    Die Beachtung vom VIX/VDAX macht übrigens trotzdem Sinn Aber nur wenn man auf divergierende Entwicklungen zum entsprechenden Index achtet.Eine Betrachtung nur des Kursniveaus hingegen ist nicht zielführend. Das bestätigt die Grafik deutlich.

    Es wäre auch ohne reißerische „Crash“ Überschrift ein lesenswerter Artikel. Und m.E. auch passender.
    VG troodon

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    John Leontop sagte:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    wenn ich auch grundsätzlich mit Ihnen übereinstimme (Schuldensituation der Welt) und auch offensichtlich ist, dass die Märkte sehr hoch bewertet sind, so frage ich mich was Ihre Konsequenz ist aus: “ bto: Das ist sehr einleuchtend. Man weiß nicht, wann es passiert, aber es genügt, um noch an den Börsen zu reagieren“ Wollen Sie Ihr Portfolio liquidieren und alles in Singapur in Cash halten? Oder wollen Sie einfach nur Ihren Bargeld Bestand erhöhen? Wie hoch sollte er denn Ihrer Meinung nach sein?
    Dazu kommt, wenn man den Crash lange genug vorhersagt, wird man irgendwann einmal recht behalten.

    Mit freundlichen Grüßen

    John Leontop

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  5. Avatar
    Wolfgang Selig sagte:

    Das klingt einleuchtend, aber ist das umgekehrt nicht auch eine Art hervorragender automatischer Bremse für den allgemeinen Zinsanstieg? Wenn die Tragfähigkeit höherer Zinsen bei so vielen Firmen so gering ist, sollte die Kreditnachfrage auch bei geringem Zinsanstieg zügig einbrechen und damit zu einem schnellen Überangebot an Darlehensangeboten führen, was wieder dämpfend auf die Zinsen wirken sollte. Damit sollte sich doch eine natürliche (soweit man bei der vorangegangenen Geldpolitik der letzten Jahre davon sprechen kann) Obergrenze bei den Zinsen bilden? Natürlich nur, solange die Inflation erträglich niedrig ist…

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