Doch keine säkulare Stagnation?

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„Keine Eiszeit“ war der Titel einer E-Mail eines Lesers von bto, der mir den Link zu diesem Beitrag bei der FINANZ und WIRTSCHAFT zuschickte. Bekanntlich geht die Eiszeit-These auf drei Komponenten zurück: Überschuldung der Welt, schrumpfende Erwerbsbevölkerungen und stagnierenden Produktivitätszuwächsen. Schon vor einigen Wochen hatte die FuW gezeigt, dass die Produktivitätszahlen unter Umständen besser sind, als offiziell gemessen: → Kommt der große Produktivitätsschub?

Produktivitätswachstum höher als gedacht

Nun erneut die FuW:

  •  „Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass das Produktivitätswachstum in den USA seit Jahren systematisch unterschätzt wird. (…) Die Untersuchung schliesst an eine Überprüfung aus den Neunzigerjahren an, die damals weltweit für Aufregung sorgte. Seinerzeit fand die Boskin Commission in den USA Ungereimtheiten in der Methodik, wie die Inflation gemessen wird. Sie kam zum Schluss, dass 1995/96 die Teuerung der Konsumentenpreise um 1,1 Prozentpunkte überschätzt wurde, weil Qualitätsverbesserungen von Produkten, die im Warenkorb ersetzt wurden, unbeachtet blieben.“ – bto: Das ist doch praktisch. Damals wollte man eine tiefere Inflationsrate, diesmal will man höhere Produktivitätsfortschritte. Womit ich nicht sagen möchte, dass es nicht stimmt. 
  •  „Auch heute noch wird die Teuerung überschätzt. Das hat zur Folge, dass die US-Wirtschaft real (also das nominale Wachstum minus die Teuerung) kräftiger wächst, als die Statistik ausweist. Die Produktivität ist grösser als ausgewiesen: um bis zu 1 Prozentpunkt pro Jahr.“ – bto: was natürlich erheblich ist!

Schöpferische Zerstörung funktioniert

  •  „Jeden Monat fallen 3 Prozent der Güter und Dienstleistungen im Warenkorb, auf dem der US-Konsumentenpreisindex basiert, aus dem Markt heraus. Produkte sind veraltet und werden durch neue ersetzt. Unternehmen schliessen, weil die Konkurrenz wettbewerbsfähiger ist.“ – bto: „Schöpferischer Wandel“, wie dies der österreichische Nationalökonom Peter Schumpeter bezeichnete, steht hinter den Fortschritten. 
  •  Scheidet ein Anbieter aus, wird der Preis des nun von anderen Herstellern produzierten Produkts, der nicht an der statistischen Umfrage teilnimmt, geschätzt. (…) Dabei wird übersehen, dass die durch einen neuen Anbieter produzierten Produkte in der Regel günstiger sind als vorher. In der Statistik geht somit der reale Wachstumsimpuls dieser schöpferischen Zerstörung verloren.“ – bto: Das leuchtet ein.
  • „Je nach Berechnungsmethode entgehen der amerikanischen Statistik pro Jahr zwischen 0,5 und 1 Prozentpunkt Wachstum. Und das seit dreissig Jahren. Die Ergebnisse widerlegen einen Grossteil der Debatte über das abnehmende Produktivitätswachstum in den Industrieländern.“ – bto: Das wäre in der Tat erheblich. Fragt sich nur, welche andere Komponente dann gegengesetzt falsch gemessen wird.

Quelle: FuW

Ist die säkulare Stagnation schon vorüber?

  •  „Die Ergebnisse widersprechen auch der Annahme, dass sich die Weltwirtschaft in einer strukturell bedingten Phase geringen Wachstums befindet: einer säkularen Stagnation. (…) Dass Summers’ weltweit diskutierte These empirisch nicht voll zu überzeugen vermag, wurde dieser Tage noch von anderer Seite nachgewiesen. Ausgerechnet von US-Starökonom Olivier Blanchard, der dem «Summers Camp» der Wachstumspessimisten zuzurechnen ist. Er weist in einer empirischen Untersuchung nach, dass nicht so sehr strukturelle Schwächen, wie ein überschuldeter Finanzsektor, dem Wirtschaftswachstum schaden, sondern vor allem die verloren gegangene Zuversicht in die Zukunft.“ – bto: Da muss ich gestehen, dass mir der Glaube fehlt. Die massive Überschuldung der Welt soll also irrelevant sein?

Die Börse wusste es schon früher

  •  „(…) die neuen Erkenntnisse gegen die jahrelang diagnostizierte Wachstumsflaute tauchen ausgerechnet jetzt auf, während die Weltwirtschaft an Fahrt gewinnt. Die meisten Konjunkturindikatoren verbessern sich. Die Aktienmärkte haben das früh vorausgesehen und erzielen bereits neue Rekordhochs. (…) Blanchard: ‚If we are right, it may well be that, as this adjustment comes to an end, this adverse effect will disappear, demand will pick up and interest rates will increase substantially.‘“ – bto: Dann hätten wir, wie am Montagnachmittag diskutiert, demnächst einige Enttäuschungen an den Märkten, weil die Preise von allen Assets unter Druck kämen. Mittelfristig wären es tolle Nachrichten.

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: „Neuer Wachstums-Optimismus“, 15. Februar 2017

3 Antworten
  1. Thorsten Schuppenhauer says:

    Die gallopierende, weltweite Verschuldung und Zinsen nahe Null deuten auf ein wenig erfreuliches Ende der aktuellen Scheinblüte der Weltwirtschaft hin.
    Die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen eines Endes dieser Scheinblüte sind nur sehr schwer vorstellbar.

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  2. Wolfgang Selig says:

    Die verloren gegangene Zuversicht in die Zukunft ist jetzt am fehlenden Wirtschaftswachstum schuld? Das erinnert mich dann jetzt schon ein wenig an den Begriff der „alternativen Fakten“.
    Demographie, Peak Oil, Klimawandel, Artensterben, „Regulierungsbegeisterung“, Verschuldungsgrad, u.a. werden von der Welt einfach nur zu pessimistisch gesehen? Das reicht mir als Beweis von Blanchard nicht aus. Die einzige Branche, die m.E technologisch in den letzten Jahren ausreichend große Sprünge für einen solchen statistisch unterschätzten Effekt gemacht haben könnte, ist das Thema IT als Querschnittstechnologie im weitesten Sinne inklusive Robotik, nicht aber Standardtechnologien wie Bauwirtschaft oder Gesundheitswesen. Ohne eine konkrete breite Untersuchung dieser Effekte (z.B. Messung kostenloses Wikipedia statt teurer Brockhaus, google Maps statt gedruckter Landkarte für 7,95 € und ähnlichen Themen) mit Ermittlungen zu möglichen volkswirtschaftlichen Messfehlern reicht mir die Behauptung so ehrlich gesagt nicht im Ansatz aus. Das klingt mir eher wie das ängstliche Pfeifen im Walde, um sich vor den kommenden Problemen Mut zu machen. Nur Empirie ist das wohl nicht mehr. Bis dahin fehlt mir der Glaube an steigende Zinsen.

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  3. Christian Müller says:

    Waren es nicht Blanchard und seine Mitarbeiter beim Währungsfonds, die der Weltwirtschaft am Vorabend der Finanzkrise beste Gesundheit und rosigste Aussichten attestiert hatten?

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