„Cash-hoarding companies are still a problem for Japan“

Richard Koo hat die „Bilanzrezession“ zur Erklärung der japanischen Krise und auch der Krise in der Eurozone in die Diskussion gebracht. Muss ein Sektor der Wirtschaft die Bilanzen sanieren (= entschulden) bleibt keine andere Wahl, als dass ein anderer Sektor (meist der Staat) mehr Schulden macht, soll eine Depression verhindert werden. Das Problem ist nur, wenn der einst überschuldete Sektor einfach nicht aufhört zu sparen. Dann sind wir in Japan:

  • „In an ageing society like Japan’s, deflation ought to be a dwindling threat. Rising numbers of elderly people could be expected to save less while consumption should increase with age thanks to relatively generous pensions and healthcare. At the same time, a shrinking workforce should enjoy increased labour market power and demand higher wages.“ bto: genau das, was ich auch vorhersage für Europa, namentlich Deutschland. Siehe meine Kommentare unter anderem bei der WirtschaftsWoche online.
  • In the event Japanese households have reduced their savings close to zero. Yet this has been more than offset by the rise in corporate savings. At the same time wage growth has failed to materialise. Lifetime employees continue to value security of employment and feel a loyalty to the company, which keeps them docile. There has also been a big increase in the number of part time workers whose bargaining power is weak.“bto: Die Unternehmen sparen, weil sie immer noch die Erfahrung von der großen Blase in Erinnerung haben, wo sie sich übermäßig verschuldet haben. Dass die Löhne nicht steigen, ist ein echtes Alarmzeichen, das auch für uns interessant wäre. So werden die Unternehmen gestützt und die Arbeitsplätze im Land gehalten.
  • Too much income is trapped in a risk-averse corporate sector awash with record profits, while Japan suffers from a structural deficiency of consumer income. The country has only escaped a 1930s-style slump because the government has run huge deficits to sustain demand, at the cost of soaring public sector debt.“bto: Wir haben Deleveraging der Unternehmen und Leveraging des Staates. Richtig ist, dass Unternehmen nicht sparen sollten.
  • „While the reforms (of the last years) have encouraged a greater focus on returns on equity, there has been no radical change in business behaviour. (…) Japan continues to have the lowest dividend payout ratio among the Group of Seven major developed countries.“bto: was allerdings gesünder ist als die ständig steigende Verschuldung der US-Unternehmen.
  • „Japan remains stuck with its structural savings surplus and governance scandals endure. When I asked Tomoyuki Furusawa, deputy director-general of the supervisory bureau of Japan’s Financial Services Agency, how long it would take for genuine shareholder accountability to emerge, he suggested five years. Responding to the same question, Mark Mobius of fund manager Franklin Templeton, opted for 20 years. He felt the stakeholder mindset was too entrenched to permit earlier change. Certainly governance reform alone seems unlikely to secure sweeping changes in business savings behaviour.“bto: was nicht nur für die Aktionäre enttäuschend ist, sondern auch für die gesamte Volkswirtschaft.

FT (Anmeldung erforderlich): „Cash-hoarding companies are still a problem for Japan“, 12. November 2017

Kommentare (12) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Markus sagte:

    „At the same time, a shrinking workforce should enjoy increased labour market power and demand higher wages“

    Diese Aussage halte ich in einer Demokratie, in der die Rentner einen Großteil der Wahlbevölkerung stellen, für sehr gewagt.

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      Wolfgang Selig sagte:

      Warten wir mal ab. Bis jetzt versucht ein Kartell aus Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften!, die Gehälter z.B. für Altenpfleger und Erzieher nicht steigen zu lassen, indem europäische Arbeitskräfte importiert und Verhandlungen verhindert werden. Mal schauen, ob das durchgehalten werden kann, wenn Strömungen wie die AFD wachsen und die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

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        Dietmar Tischer sagte:

        Ich würde auch mal abwarten.

        Allerdings frage ich mich schon heute, wie die möglicherweise erheblich steigende Gehälter für Altenpfleger und Erzieher zu finanzieren sind.

        Nur mal eine Überlegung, die zwar nicht taufrisch, aber angebracht ist – und der entsprechend auch schon einige handeln:

        Wenn keine billigen Arbeitskräfte mehr importiert werden dürfen bzw. hierzulande die Pfleger zu teuer werden, dann lässt man sich eben im billigen Ausland pflegen.

        Die Heimatverbundenheit lässt sich durch Internet-TV jedenfalls aufrecht erhalten.

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        Markus sagte:

        @ D. Tischer (da gab es keinen Antwortbutton, deswegen hier):

        Die Pflege _im_ Ausland halte ich für eher unwahrscheinlich. Je älter desto weniger flexibel.

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        Wolfgang Selig sagte:

        Sehe ich wie Markus. Die Redewendung, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen soll, kommt nicht von ungefähr. Die relativ höheren Gehälter in Erziehung und Pflege werden schon noch bezahlt werden, damit die Leute von anderen Berufen abwandern bzw. wieder in der Familie erziehen und Pflegen. Ob das wünschenswert ist oder nicht, ist eine gesellschaftliche und keine ökonomische Frage und daher für die Jobbetrachtung egal. Es ist nur der Leidensdruck in den Sozialberufen für viele noch nicht groß genug. Das kann aber auch auf anderem Wege passieren, wenn die Exportwirtschaft einbricht und die heute relativ besser bezahlten Jobs dort deutlich weniger bzw. Deutlich schlechter bezahlt werden.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Wolfgang Selig

        >Die relativ höheren Gehälter in Erziehung und Pflege werden schon noch bezahlt werden, damit die Leute von anderen Berufen abwandern bzw. wieder in der Familie erziehen und Pflegen. Ob das wünschenswert ist oder nicht, ist eine gesellschaftliche und keine ökonomische Frage und daher für die Jobbetrachtung egal.>

        Diese Auffassung ist nicht haltbar.

        Die Abwanderung der Menschen aus dem produzierenden Gewerbe hin zu den Pflegeberufen ist natürlich gesellschaftlich hochbedeutsam, aber AUCH ökonomisch.

        Ich gebe Ihnen zu bedenken:

        Ein gut bezahlter Arbeitnehmer in der Automobilindustrie, der ein Hypothek auf seinem Haus hat, die er noch 20 Jahre abzahlen muss, wird NIE freiwillig in die Pflege abwandern, weil er bei der Bezahlung dort sein Haus und damit seine Existenzperspektive verliert (Präferenzen und Eignung einmal ausgeblendet).

        Die Bezahlung in der Pflege kann nicht so hoch sein, dass sein Haus weiter zu finanzieren ist. Denn wäre sie so hoch, gäbe es keine Automobilindustrie mehr wegen der hohen Steuern und/oder Sozialabgaben. Damit wäre die bezahlte Pflege tot.

        Es kann aber sein, dass der obige Arbeitnehmer in die Pflege abwandern MUSS, weil sein Job in der Automobilindustrie entfallen ist und er keinen anderen vergleichbar gut bezahlten findet.

        Das ist dann zwar gut für die Pflege, aber ein existenzielles Desaster für den neuen Pfleger.

        Kurzum:

        Strukturanpassungen können in einem SCHULDGELDSYSTEM trotz der erforderlichen gesellschaftlichen Veränderungen ökonomisch hochproblematisch sein.

        Das ist beispielhaft in USA zu sehen.

        Abwanderung der Menschen aus dem gut bezahlten produzierenden Gewerbe hin in die viel schlechter bezahlten Dienstleistungsjobs:

        Nahezu VOLLBESCHÄFTIGUNG mit sehr starken ökonomischen und politischen VERWERFUNGEN.

        Dieser Zustand wird zwar durch das schwache Sozialsystem und die Bevorzugung der Wohlhabenden bei der Besteuerung dramatisiert. Entstanden ist er aber dadurch nicht.

        Der aufgezeigte Mechanismus gilt hier wie dort.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Wenn ich richtig gelesen habe, ist doch das Problem, WARUM die Unternehmen nicht investieren, obwohl sie die Investitionen problemlos finanzieren könnten – und das noch nicht einmal durch Verschuldung, sondern mit ihren Gewinnen.

    Antwort von bto:

    >Die Unternehmen sparen, weil sie immer noch die Erfahrung von der großen Blase in Erinnerung haben, wo sie sich übermäßig verschuldet haben.>

    Meine Antwort:

    Es lohnt sich für sie nicht in Japan zu investieren.

    Konsequenz:

    Wenn die Unternehmen die Gewinne nur in geringem Umfang als Dividenden an die Aktionäre auszahlen, dann müssen sie entweder a) das Geld aus den Gewinnen horten oder b) woanders investieren.

    Die hier beschriebene Situation zeigt eindrucksvoll, dass auch eine extensive Fiskalpolitik selbst mit starker Unterstützung durch die Notenbank die Probleme nicht hinreichend lösen kann, wenn sie im PRIVATEN SEKTOR entstehen.

    Ich verstehe nicht, was hier mit „shareholder acccountability“ gemeint ist.

    Sollen sie dafür sorgen, dass höhere Löhne gezahlt werden, damit die arbeitenden Menschen – durchweg jüngere als die Aktionäre nehme ich an – MEHR konsumieren können und dadurch mehr investiert wird?

    Wer so argumentiert, hat nicht verstanden, dass systemkonform die Menschen nach IHREN Interessen handeln.

    Wenn ich Japaner wäre und Aktionär eines japanischen Unternehmens, würde ich darauf hinarbeiten, dass das Unternehmen INVESTIERT – nicht in Japan, sondern woanders, wo durch mehr Nachfrage und Wachstum die Gewinne des Unternehmens wachsen.

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      Wolfgang Selig sagte:

      Ich gebe Ihnen recht, dass die Japaner in anderen Ländern investieren sollten und teilweise passiert dies ja auch. Nur ist das gar nicht so ungefährlich. In sicheren Ländern wie Deutschland sind die Wachstumsaussichten niedrig. In wachstumsstarken Ländern wie China oder Indonesien sind die Japaner bis heute politisch umstritten, da sie sich für die Taten aus dem 2. Weltkrieg nicht entschuldigt haben bzw. ein Versöhnungsprozess analog der EU bisher nicht gelaufen ist. Eventuell ist es für ein echtes japanisches Unternehmen tatsächlich rational, derzeit nicht zu investieren, denn bei politischen Spannungen sind Enteignungen keineswegs so unwahrscheinlich wie wir bei uns vielleicht glauben könnten.

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        Dietmar Tischer sagte:

        Sie haben recht.

        Nicht nur für japanische Unternehmen gilt, dass fehlende Rechtssicherheit und politischer Instabilität als INVESTITIONSRISIKO angesehen werden müssen.

        Wenn deutsche Unternehmen dennoch z. B. in China erheblich investieren, zeigt dies, wie attraktiv so ein Land ist – und wie unattraktiv z. B. Deutschland ist (für Investitionen, nicht zum Leben)

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    Alexander sagte:

    „Dass die Löhne nicht steigen, ist ein echtes Alarmzeichen, das auch für uns interessant wäre. “

    Das Ziel jedes Unternehmens ist (immer noch) nur Gewinn, es gibt (noch) kein anderes. Kosten senken ist die Möglichkeit Gewinne zu steigern, insbesondere wenn Renditezinsen schmerzhaft niedrig sind. Die Marktmacht wirkt sich auch auf Mitarbeiter aus, wenn Konzerne ebenso gut im Ausland produzieren können. (Selbst bei VW wird die Quersubventionierung heimischer Jobs durch chinesische Gewinne enden, vgl. Dudenhöfer)

    Natürlich globalisieren auch japanische Unternehmen durch Verlagerung von Wertschöpfung nach China. Und China lernt u. lernt u. lernt…

    Ob die Besteuerung der gehorteten Gewinne eine Lösung ist bezweifle ich sehr, konsumieren doch dann wahre Politgenies diese Gelder in werthaltigsten Anlagen…

    Neben besseren Renditen (auf alles) wäre ein Abbau von Angst konsumförderlicher, als geldpolitische Amokläufe. Leider fürchtet jeder gemeine Arbeitnehmer Konkurrenz, vor der ihn keine Gewerkschaft zu schützen versteht.

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    Michael Stöcker sagte:

    „So werden die Unternehmen gestützt und die Arbeitsplätze im Land gehalten.“

    Oder aber Automatisierung/Fortschritt verhindert und Bullshit-Jobs erhalten.

    „was allerdings gesünder ist als die ständig steigende Verschuldung der US-Unternehmen.“

    Insbesondere, weil es nicht um produktive/investive Verschuldung geht.

    Cash-hoarding als Selbstzweck ist IMMER ein Problem. Dagegen hilft ein Gegenfeuer. Das war auch gestern unser Thema: https://zinsfehler.com/2013/11/01/die-geschichte-vom-kleinen-milton-und-der-dicken-bertha/. Leider wiederholen wir seit Jahren die japanischen Fehler weitgehend.

    LG Michael Stöcker

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    Bilanzleser sagte:

    Wer früher in Festgeldern anlegte, hortet heute mangels Zinsen das Geld auf dem Konto.

    Sehen Sie sich die – vielfach negativen – Ergebnisse japanischer börsennotierter Unternehmen während der Zeit von 2010 bis 2012 mit stark aufwertendem Yen an, um zu verstehen!

    Letztlich handelt es sich um ein vorausschauendes und verantwortungsvolles Verhalten, um der Firma in wirtschaftlich schwierigen Zeiten das Überleben zu sichern.

    Das Erzielen von Währungsgewinnen (200 – Tage – Linie) ist heute sicherer und einträglicher als eine langfristige feste Anlage, um etwas höhere Zinsen zu erzielen.

    Z.B. Euro in diesem Jahr ca. 10% Kursgewinn gegenüber fast allen anderen Hartwährungen…

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