„Renten sichert man nicht durch mehr Umverteilung!“

Dieser Kommentar von mir erschien bei manager magazin online:

Das bekommen nur Politiker hin: Nachdem sie seit mehr als einem Jahrzehnt regieren, fällt ihnen auf, dass die Rente doch nicht so sicher ist, wie immer wieder verkündet. Also gilt es, diese so rasch wie möglich „sicher“ zu machen, damit die Bürger auch schön beruhigt weiter das Kreuz an der richtigen Stelle setzen und nicht zum Opfer von Populisten werden. So zumindest die Logik.

In der Tat könnte die Politik sehr viel tun, um die Renten sicher zu machen. Und dies nicht erst seit heute, sondern schon seit Jahren. Es müsste nur einfach getan werden. Doch das wäre anstrengend und nicht immer populär. Deshalb macht man lieber kosmetische Eingriffe und verschiebt Geld von der einen in die andere Tasche und glaubt so, damit das System zu stabilisieren. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Diese Politik legt den Grundstein für Niedergang, Armut und soziale Konflikte.

Politik: Versprechen zulasten Dritter

Wenn man unsere Politiker über ihre Gesetzesvorhaben sprechen hört, zuletzt Sozialminister Hubertus Heil, dann könnte man denken, dass sie sich enorm angestrengt haben, um das Land wirtschaftlich voranzubringen, und richtig harte Arbeit hinter ihnen liegt. Doch was haben sie im Kern gemacht? In einem Excel-Sheet ein paar Variablen verändert und einer anderen Bevölkerungsgruppe als zuvor die Lasten zugeschoben. Wir wissen alle, dass die Kosten der Versorgung der älteren Generation von der Anzahl Rentner, der Rest-Lebenserwartung zu Rentenbeginn und den monatlichen Zahlungen abhängt. Will man diese Kosten senken, muss man das Renteneintrittsalter anheben und/oder die Rentenzahlungen reduzieren. Ist das politisch nicht opportun, muss man eine Finanzierung für diese Kosten finden. Dazu gibt es Steuer- und Sozialabgaben. Will man – zurecht – nicht alles beim Faktor Arbeit belassen, muss man auf steigende Steuern setzen. Punkt.

Die große Leistung der Politik in ihrem Bemühen die Rente sicherer zu machen, besteht also darin, einer Bevölkerungsgruppe Zahlungen zu versprechen, die eine andere (zum Teil sind es dieselben Personen) finanziert. Optimistisch gerechnet ist der Netto-Wohlstandseffekt für unser Land null. Was die einen gewinnen, verlieren die anderen. Faktisch ist der Effekt der mit dieser Umverteilung beschäftigten Bürokratie negativ.

Darüber und nur darüber diskutiert die Politik und unsere Medien haben nichts Besseres zu tun, als uns mit dieser überflüssigen Diskussion Wochen zu beglücken, verbunden mit allerlei an Einzelschicksalen aufgehängten Betroffenheitsgeschichten. Da spielt es keine Rolle, dass das Armutsrisiko bei den über 65-Jährigen deutlich geringer ist, als bei jüngeren Bevölkerungsgruppen. Es geht ja um Wählerstimmen und da ist bei den Alten mehr zu holen.

So hat die (kleine) Große Koalition im Koalitionsvertrag vereinbart, eine Grundrente für sozial Schwache einzuführen und die Mütterrente aufzustocken. Zudem soll das Rentenniveau bei 48 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens vor Steuern gehalten werden, das nach bis dato geltender Rechtslage (und in Anerkennung der mathematischen Folgen der demografischen Entwicklung) eigentlich bis 2050 auf 43 Prozent sinken sollte. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung hat schon im Frühjahrsgutachten 2018 vorgerechnet, dass dies zu einem Anstieg der Beitragssätze für die Rentenversicherung um 2,5 Prozentpunkte (oder entsprechenden Steuererhöhungen) führen wird. Schon ohne diese zusätzlichen Versprechen steigt der Beitragssatz bis 2050 von heute 19 auf 24 Prozent. Nach den „Reformen“ dann also fast auf 27 Prozent.

Was, wenn die Dritten nicht mitmachen?

Eine Frage, die sich die Politik bei ihrer Hin-und-her-Verschieberei nicht stellt, ist die nach der Bereitschaft der Zahlenden, diese Last auch in Zukunft zu tragen. Da sind Zweifel nicht unberechtigt. Schon heute verlassen rund 200.000 Menschen pro Jahr Deutschland. Diese Abwanderung wird von der Politik systematisch unterschätzt, so sie denn überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Dabei ist sie wirtschaftlich hoch relevant. Auch wenn keine genauen Daten verfügbar sind, ist die These naheliegend, dass es sich um besser qualifizierte Menschen handelt, die bisher Steuern gezahlt haben oder aber künftige Steuerzahler darstellen. Sicherlich kehren einige wieder nach Deutschland zurück, aber nur ein geringerer Teil. Wenn wir uns zugleich vor Augen halten, dass es in Deutschland 27 Millionen Nettosteuerzahler gibt, von denen wiederum 12 Millionen beim Staat beschäftigt sind, landen wir bei rund 15 Millionen Menschen, die in Deutschland das Gemeinwesen tragen. Die 12 Millionen Staatsbediensteten leisten natürlich auch einen Beitrag, doch sind ihre Gehälter nur denkbar, wenn die 15 Millionen Menschen, die nicht beim Staat beschäftigt sind, entsprechend viel erwirtschaften. Von den 15 Millionen sind wiederum rund 8 Millionen jünger als 44 Jahre. Die bessere Hälfte, also rund vier Millionen Top-Leister, müssen künftig unser Gemeinwesen tragen. Je jünger diese sind, desto mobiler sind sie und damit bereiter, im Ausland das Glück zu suchen. Je höher die Belastung für diese Gruppe wird, desto mehr steigt der Wunsch, diesen Belastungen zu entgehen.

Eine Vorstellung, die in den Köpfen unserer Politiker keinen Raum findet. Sie gehen davon aus, dass es in Deutschland so schön ist, dass man trotz schon heute bestehender Rekordbelastung der Bürger (Platz 2 in der OECD nach Belgien) die Lasten noch weiter erhöhen kann. Da spielt es auch keine Rolle, dass der Staat bei seinen eigentlichen Aufgaben offensichtlich versagt – Stichworte: innere Sicherheit, Bildung, Bundeswehr und Infrastruktur. Die Wahrheit ist jedoch, dass es mit jedem Tag für Leistungsträger unattraktiver wird, in diesem Land zu bleiben, während gleichzeitig andere Staaten der Welt, die ebenfalls vor einer erheblichen demografischen Herausforderung stehen, mit niedrigeren Abgaben und einem funktionsfähigen Gemeinwesen locken.

 Wer Renten sichern will, macht sich an die echte Arbeit!

Wer wirklich die Renten sicher machen will, kann dies nicht durch immer mehr Umverteilung erreichen. Im Gegenteil geht dies nur, indem man sicherstellt, dass der zu verteilende Kuchen in Zukunft nicht schrumpft, sondern zumindest so groß bleibt wie er ist. Schön wäre es, wenn er wachsen würde, was allerdings eine überaus optimistische Annahme wäre.

Schon um den Kuchen nicht schrumpfen zu lassen, bedarf es erheblicher Anstrengungen:

  • Der bevorstehende deutliche Rückgang der Erwerbsbevölkerung wird zwangsläufig mit einem Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität einhergehen. Der Kuchen wird schrumpfen. Daran könnte selbst die beste Zuwanderung nichts ändern, da eine Zuwanderung von rund 500.000 qualifizierten Menschen pro Jahr notwendig wäre, die im Schnitt so viel verdienen wie die bereits hier Lebendenden. Unsere heutige Art der Zuwanderung erfüllt dieses Kriterium nicht und wird die Lasten erhöhen, statt einen Beitrag zur Minderung der Lasten zu leisten. Stattdessen sind andere Hebel zu nutzen, um den Rückgang der Erwerbsbevölkerung zu verlangsamen und die Konzepte liegen seit Langem vor. So rechnete die Bundesagentur für Arbeit schon vor Jahren vor, dass eine Reduktion der Zahl von Schul-, Ausbildungs- und Studienabbrechern alleine bis 2025 eine Million mehr Fachkräfte bedeuten würde. Ebenso wichtig wäre eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von über 55-Jährigen und eine weitere Steigerung des Anteils an Frauen, die einer Beschäftigung nachgehen. Auch durch weitere Qualifizierung ließen sich rund 700.000 Menschen mehr im zunehmend anspruchsvollen Arbeitsmarkt halten. All dies ist machbar, aber mühsam und vermutlich auch nicht geeignet zum Stimmenfang. Auch deshalb wohl hat die Regierung genau das Gegenteil gemacht und mit der Rente mit 63 dem Arbeitsmarkt rund eine Million Arbeitskräfte unnötig früh entzogen, was alleine im Mittelstand im letzten Jahr zu einem rechnerischen Umsatzverlust von 65 Milliarden geführt hat.
  • Kompensieren lässt sich ein Rückgang der Erwerbsbevölkerung durch eine Erhöhung der Produktivität pro Kopf. Doch selbst Japan, das seit einiger Zeit die höchsten Zuwächse des BIP/Erwerbstätigen ausweist, gelingt es nicht, den Kuchen – also das Gesamt-BIP – damit wachsen zu lassen. Immerhin eine Stagnation wird erreicht. Voraussetzungen für eine Steigerung des BIP/Erwerbstätigen ist jedoch eine herausragende Bildung (Japan: 322 Schüler von 1000 mit „sehr guten Mathematikleistungen“, Deutschland: 53), Investitionen von Unternehmen und Staat und Innovationen. Genau an diesen Stellen versagt unsere Politik jedoch auf ganzer Linie.

Es ist also durchaus möglich, den Kuchen möglichst groß zu halten. Und je größer der Kuchen, desto geringer die Belastung der Beitrags- und Steuerzahler und desto besser die Versorgung der Rentner.

Der Weg, den unsere Politiker im vermeintlich so reichen Land gehen, ist jedoch ein anderer. Sie unterlassen jede Art der Zukunftsinvestition, stellen damit also sicher, dass der Kuchen in Zukunft schrumpft. Sie erhöhen die finanziellen Lasten durch höhere Versprechen für Rentner und eine Zuwanderungspolitik in den Sozialstaat und machen es damit immer attraktiver für Leistungsträger das Land zu verlassen, was dann wiederum den Kuchen weiter schrumpfen lässt.

Abzusehen ist das Verschärfen der Steuern für Wegzug und eine weltweite Besteuerung all jener, die einen deutschen Pass besitzen. Doch auch dies sind letztlich nur Maßnahmen, die den Exodus aus dem Land beschleunigen.

Wie man ein Land ruiniert, können wir gerade live miterleben. Schade nur, dass es sich nicht um eine Bananenrepublik am anderen Ende der Welt handelt, sondern um das vermeintlich reiche Deutschland.
33 Kommentare
  1. Alexander sagte:

    Kurzfristig sichert man alles durch mehr Um-fair-teilung.

    So werden Selbstständige und Freiberufler vor der drohenden Altersarmut erettet werden, durch großzügige Aufnahme in die allgmeine Rentenversicherung zum Jahreswechsel. Die Info wurde mir zu Ostern 2018 von einem Lobbyisten gesteckt, die Wohltaten daraus diese Woche verteilt.
    Die Ankündigung von einer möglichen Steuererhöhung kann zurückgenommen werden, wenn man eine Minderheit zu neuen Beitragszahlern macht.

    win-win
    Synergie heute, die Probleme in einer schimmernden Zukunft.

    Als glücklicher Anwärter dieser sicheren Rente – es ist mir egal :o)

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    • Thomas M. sagte:

      Ist es jetzt soweit?

      Ich frage mich ja schon die ganze Zeit, ob und wann es soweit ist. In meinem Umfeld checkt eh keiner, dass die Selbstständigen einen Teil der Renten über die normalen Steuern mittragen, aber keine Ansprüche aufbauen. Also eigentlich der ideale Beitragszahler.

      Gleichzeitig sind die Einkommen Selbstständiger im Schnitt höher, so dass die Belastungen zukünftig noch größer werden.

      Aber kurzfristig kommt deutlich mehr Geld in die Kasse. Die bequeme Methode.

      Ich wünschte nur, man würde das politische Lügenmarketing unterlassen. Das geht mir mit Abstand am meisten auf den … Ich käme besser damit klar, wenn die sagen würden: Arsch in der gesetzlichen Rente ist ab, wir brauchen die Selbstständigen als Beitragszahler, damit wir die Rente Eurer Eltern zahlen können. Ihr verdient nun einmal gut.

      Wahrscheinlich darf Nahles die frohe Kunde dann verkünden… zum Glück gucke ich keine Nachrichten mehr. Text reicht schon. Bewegtbilder mit Ton von manchen Politikern sind für mich mittlerweile unerträglich.

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      • Alexander sagte:

        @ Thomas M.

        Alle Steuerzahler sind willkommene Finanziers des ~ 30% Defizits der gesetzlichen Rentenversicherung. Versicherungsfremde Leistungen haben die Beitragszahler zwar nicht verschuldet, aber eine Reform der gesetzlichen Rentenversicherung war noch nie politische Alternative.

        >Gleichzeitig sind die Einkommen Selbstständiger im Schnitt höher
        Weil die Einkommen so attraktiv sind, gibt es kein Nachfrageproblem, so dass auch zu verkaufende Unternehmen Höchstpreise erzielen. Das gilt in besonderem Maß für den Dientsleistungssektor und das Handwerk.

        Um im Beispiel von H.W. Sinn zu bleiben, dass wir bis 2035 nur 32.000.000 zusätzliche Beitragszahler benötigen, um den Level zu halten….die BRD verfügt nicht über 32.000.000 Selbstständige, Freiberufler, Beamte u.Co,…

        Milchmädchen machen Rentenpolitik.

      • Alexander sagte:

        @ SB

        Bei der Perspektive befürworten namhafte Parteien und manche Ökonomen eine hohe (totale) Erbschaftssteuer bzw. deutlichste Negativzinsen. Vorsorge wird als barbarisch lächerlich gemacht, Fürsorge durch Enteignung geheuchelt.

        —-

        Der Akt, durch den ein Individuum seiner Güter beraubt wird, heißt Raub, wenn ein anderes Individuum ihn begeht.
        Und soziale Gerechtigkeit, wenn eine ganze Gruppe plündert.

        +

        Die Verwesung der modernen Welt nicht zu spüren, ist ein Indiz der Ansteckung.

        (Nicolas Gomez Davila)

      • troodon sagte:

        @Thomas M
        Mein Kenntnisstand ist der, dass der Bundesausschuss geringer ist als die versicherungsfremden Leistungen. Wenn dem so ist, finanzieren die nicht in der GRV versicherten Selbständigen eben genau nicht die Rente mit. Die GRV Versicherten bekommen durch den zu geringen Bundesausschuss stattdessen eine zu geringe Rente.

      • Thomas M. sagte:

        Okay, die versicherungsfremden Leistungen komplizieren das Bild. (Ich hab das nur einmal kurz gegoogelt… es scheint sehr komplex.) Ich wollte übrigens auch nicht andeuten, dass die Renten zu hoch sind.

        Ich hatte nur den einfachen Umstand vor Augen, dass Selbstständige keine Rentenpunkte sammeln, dennoch aber über Steuern / den Bundeszuschuss etwas zur Rentenauszahlung beitragen.

      • troodon sagte:

        @ Thomas M
        „dass Selbstständige keine Rentenpunkte sammeln, dennoch aber über Steuern / den Bundeszuschuss etwas zur Rentenauszahlung beitragen.“

        Rentenpunkte sammeln die Selbständigen natürlich nicht.
        FALLS die Zahlen zum Thema versicherungsfremde Leistungen aus der „Teufel-Tabelle“ stimmen https://www.adg-ev.de/index.php/publikationen/publikationen-altersvorsorge/1387-versicherungsfremde-leistungen-2015?showall=1 , dann beteiligen sich aber eben die Steuerzahler und somit auch die Selbständigen NICHT an „normalen“ Altersrentenzahlungen.
        Lediglich die versicherungsfremden Leistungen werden (und das auch noch nicht einmal vollständig) durch (alle) Steuerzahler (+teilweise GRV Beitragszahlungen) geleistet. Wie geschrieben, gilt dies nur, wenn die Zahlen in der Teufel-Tabelle stimmen…

        Das Thema ist sicherlich komplex und meine Intention ist auch nicht hierüber eine lange Diskussion loszutreten. Hinweisen wollte ich aber, dass es wie in so vielen Dingen bei weitem nicht so einfach ist, wie es auch den ersten Blick scheint.
        VG

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Jacques

        Nominal werden die Pensionen nicht sinken.

        Keine inflationär beachtlichen Tendenzen vorausgesetzt, werden sie aber auch nicht zügig steigen, obwohl mit Verdi bei den Angestellten – Lohntreiber im Öffentlichen Dienst – überdurchschnittliches Nötigungspotenzial vorhanden ist, um auch bei den Pensionen etwas zu bewegen.

        Vermutlich werden Privilegien um die Pensionen herum eingefroren.

        Und:

        Wenn die Menschen länger arbeiten müssen – so sicher wie das Amen in der Kirche –, werden auch die Pensionen später ausgezahlt werden.

        Es wird ganz wesentlich darauf ankommen, wie sich die Arbeitsmärkte entwickeln.

        Diesbezüglich liegt selbst auf mittlere Sicht vieles im Nebel (Digitalisierung etc).

        Was ich darüber hinaus glaube:

        Der Staat wird zwar versuchen, seine gegebenen Pensionsversprechen irgendwie – vermutlich auch mit deutlich höherer Verschuldung – einzuhalten, um seinen Faktor Arbeit nicht auf die Barrikaden zu treiben und einen Rest schwindender Glaubwürdigkeit zu bewahren. Aber das Beamten-/Pensionsmodell wird wie gehabt nicht weiterzuführen sein. Auch hier sind tiefgreifende Umbrüche zu erwarten.

  2. Dietmar Tischer sagte:

    >Darüber und nur darüber diskutiert die Politik und unsere Medien haben nichts Besseres zu tun, als uns mit dieser überflüssigen Diskussion Wochen zu beglücken, verbunden mit allerlei an Einzelschicksalen aufgehängten Betroffenheitsgeschichten.>

    Diese Diskussionen sind nicht überflüssig und die Betroffenheitsgeschichten sind auch wichtig, weil sie den Diskussionen griffige Realität unterlegen.

    Wenn man das Rentenproblem schon nicht nachhaltig lösen, sondern es lediglich durch Umverteilung kaschieren kann, MUSS wie gehabt diskutiert werden.

    Denn nur dadurch wird den Leuten zur Einsicht verholfen, dass Kaschieren eine Lösung ist, um die zu ringen sei, damit sie ALLEN gerecht wird, weil sie keinen erkennbar über Gebühr belastet.

    „Doppelte Haltelinie“, in den Nachrichten plakativ auf dem TV-Großbildschirm, verstehen die Leute und sie verstehen auch:

    Etwas mehr für die Mütter oben, keine (große) Mehrbelastung unten – das ist gerecht, damit können wir leben.

    Und wie die Welt nach 2025 aussieht, weiß eh niemand. Also muss sich darum heute keiner einen Kopf machen außer einer Expertengruppe, mit der wir die Entwicklung nicht aus dem Blick verlieren. Das Signal: Es wird auch zukünftig keine unangenehmen Überraschungen geben.

    So löst die Politik Probleme, immer wieder, seit Jahren.

    Das Erstaunliche dabei.

    Es funktioniert – seit Jahren.

    Erkenntnis daraus:

    Es gibt eine BESTÄNDIGKEIT des Unvernünftigen.

    Antworten
    • Wolfgang Selig sagte:

      @DT: man muss fairerweise wirklich sagen, dass ein Renteneintrittsalter von 55 für Frauen und 60 für Männer in der heutigen Zeit auch in Russland nicht mehr angemessen ist. Damit hat Putin recht. Allerdings ist der krasse Unterschied bei den Lebenserwartungen der Geschlechter halt auch auf den übermäßigen Alkoholgenuss zurückzuführen, der in Russland ein echtes Problem ist. Und dadurch ist die Rentenbezugsdauer nach den neuen Regeln halt nicht mehr wirklich lange. Aber da sehe ich jetzt ausnahmsweise mal nicht die Politik in der Pflicht; das muss die russische Gesellschaft schon ohne politische Vorgaben hinkriegen.

      Antworten
      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Sehe ich auch so.

        Mir ging es darum, dass hierzulande wie Dr. Stelter richtig sagt, sehr viel geredet statt das Richtige getan wird, in Russland viel weniger geredet und stattdessen das Notwendige durchgesetzt wird.

        Das ist natürlich systembedingt so.

        Und das heißt eben auch:

        In einer Demokratie sind derartige Prozesse langwieriger und ineffektiver während woanders einfach nur angeordnet wird.

        Ich wollte lediglich, dass dies bewusst wird.

  3. Dietmar Tischer sagte:

    Weiterungen des Rentendebakels:

    Ich bin bekanntermaßen kein Freund von Thomas Fricke, muss ihn aber für die folgende Kolumne, mit der er die Rentenpolitik kritisiert, loben:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/rente-und-grosse-koalition-waehler-brauchen-mehr-sicherheit-statt-geld-a-1225774.html

    Sein Verweis auf die Studie des Ökonomen Tom Krebs ist wichtig, weil diese auf SACHVERHALTE verweist, die von der Politik gern verschwiegen werden:

    https://makronom.de/wie-sich-die-unsicherheit-auf-dem-deutschen-arbeitsmarkt-entwickelt-hat-26183

    Die These: Unsicherheit, vor allem bezüglich des Erwerbseinkommens, schafft Unzufriedenheit.

    Und Unzufriedenheit hat natürlich Folgen, nicht nur an der Wahlurne.

    Dagegen steht die Auffassung, gestern von Frau Barley bei Illner in der Diskussion um die Ereignisse in Chemnitz vehement verfochten, dass es lediglich an Empathie fehle. Natürlich fehlt die, wenn z. B. bei Rettungsvorhaben auf der Autobahn keine Gasse freigehalten wird und Menschen unnötigerweise leiden oder sterben müssen.

    Aber NUR mit dem Finger auf die Verrohung der Gesellschaft zu zeigen, ist zu billig, ja geradezu fatal, weil die Schuld wieder einmal auf andere, die Bürger, geschoben wird und sich die Politik reinwäscht.

    Die Politik muss sich hinstellen und Verantwortung übernehmen.

    Dabei darf sie, nein – MUSS sie – auch darlegen, was sie mit dem besten Willen nicht leisten kann und daher hinzunehmen ist.

    Antworten
    • SB sagte:

      @Dietmar Tischer:

      „Dabei darf sie, nein – MUSS sie – auch darlegen, was sie mit dem besten Willen nicht leisten kann und daher hinzunehmen ist.“

      So sollte es sein. Die linksgrüne Politik kann dieser Forderung allerdings nicht entsprechen, da sie andernfalls zugeben müsste, dass ihr Politikkonzept, das auf Allzuständigkeit abstellt und dazu die Bürger entmündigt und bevormundet (Nanny-Staat), nicht funktioniert.

      Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Veking

      >Das demografische Problem wird viele Bereiche treffen, an die man zur Zeit noch gar nicht denkt:>

      Bin ganz bei Ihnen.

      Wir sehen zwar aufgrund der hier in dramatischer Deutlichkeit aufgezeigten Defizite, dass das gesamtgesellschaftliche System unweigerlich ins Rutschen kommen muss, können aber nicht wirklich erkennen, was sich daraus entwickeln wird.

      Es werden Umwälzungen erfolgen, die mit ihrer interdependenten Dynamik Lebenswelten schaffen werden, die mit heutigen Erfahrungen und Vorstellungen nicht wirklich erfassbar sind.

      Insofern halte ich die Fokussierung auf Immunisierungsstrategien für ein eher optimistisches Unternehmen.

      Meine Empfehlung wäre:

      Stärkung der Fähigkeiten, sich Unbekanntem anzupassen.

      Das betrifft nicht nur das hier immer wieder thematisierte Auswandern, sondern auch die Einübung, mit Verzichtleistungen leben zu können.

      Wer sich bei Minderung seines Durchschnittseinkommens um 20% bereits in Armut sieht, ist m. A. n. nicht sonderlich gut vorbereitet, mit erheblichen Änderungen seines Lebens zurecht zu kommen.

      Antworten
      • Veking sagte:

        „Wer sich bei Minderung seines Durchschnittseinkommens um 20% bereits in Armut sieht, ist m. A. n. nicht sonderlich gut vorbereitet, mit erheblichen Änderungen seines Lebens zurecht zu kommen.“

        In Zeiten, in denen der dritte Jahresurlaub ersatzlos entfällt und sich der zweite Jahresurlaub von einer geführten Kamel-Safari durch diverse Maghreb-Staaten in eine Alpen-Hütten-Selbstfindungs-Exkursion mit Survival-Tendenzen wandelt, gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, daß eine „Immunisierungsstrategie“ die Finanzierung der Seelsorge sicherstellt.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Veking

        Wieso eine „Immunisierungsstrategie“ für die Finanzierung der Seelsorge?

        Soweit ich sehe, verzichten schon jetzt immer mehr Menschen auf die Seelsorge. Die Anpassung in Richtung „Seelsorge ist überflüssig“ ist schon weit vorangeschritten. Wenn sie in Zukunft gänzlich unbedeutend werden sollte, bestünde auch kein Finanzierungsbedarf für diese Dienstleistung.

        Insofern kann ich die Notwendigkeit nicht sehen, zumal wenn es in der Alpenhütte um Selbstfindung und Survival geht. Da scheint mir externe, kostenpflichtige Aufbau-Seelsorge eher kontraproduktiv.

        Allerdings könnten die Seelsorger ein Problem bekommen, wenn sie sich keine Gedanken über ihre Existenzgrundlage machten.

        An ihrer Stelle würde ich „Seelsorge“ streichen und mich mit den verschiedenen Ordensregeln beschäftigen. Da ist sicher etwas dabei, um gefestigt durchs Leben zu kommen.

      • Thomas M. sagte:

        2 € Pizza bei ALDI, spotify free, 8 € Monats-Flat für Netflix… könnte schlimmer sein. Deflation ist Dein Freund. Persönliche medizinische Versorgung könnte trickreich werden. Hoffen wir da auf die US-AI und japanische Roboter. Dann kommt die Pizza per Drone zum Balkon, der synthetische Doc diagnostiziert per Webcam und alles wird gut :)

        Hr. Tischers geposteter Artikel auf makronom war hoch-interessant… habe mich dort zumindest persönlich wiedergefunden. Wäre interessant zu wissen, wie sich das Empfinden ab 2008 entwickelt hat. Das was zumindest für mich rückblickend die große Zäsur und die rote Pille: Knowledge, freedom, uncertainty and the brutal truths of reality hieß es in der Matrix.

    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Ulrich Remmlinger

      Ich würde die Frau im Islam nicht abschreiben.

      Der Islam muss nur den Kapitalismus der modernen Variante – emanzipierte Frau kann auf Kinder verzichten, wenn der Job mit Rentenanspruch lockt – reinziehen, dann fallen die Frauen locker auf das Niveau unserer zurück beim Kinderkriegen.

      Kann sein, dass man so etwas wie Aussterben konstatieren muss, bis es soweit ist.

      Antworten
  4. tburrow531 sagte:

    Zusammengefasst:

    – wir trampeln auf unserer Schlüsselindustrie Automobilbranche herum, welche ohnehin international stark unter Druck steht und evtl. die Wende zum E-Auto nicht schaffen wird
    – wir zersetzen Energiekonzerne durch eine verfehlte Energiewende – die uns die höchsten Strompreise und dazu noch gestiegene CO2-Mengen beschwert – und importieren immer wieder wg. lokalen Engpässen günstigen Atomstrom aus dem Ausland (aus teils maroden Atomkraftwerken wie in Tschechien)
    – deutsche Großbanken sind international abgehängt und müssen ggf. wieder mit Staatsgeldern gerettet werden
    – seit über 40 Jahren keine neuen Unternehmen von Weltrang mehr hervorbringen können
    – während wir in der sog. „Griechenland-Rettung“ u.a. französische Großbanken gerettet haben, welche nun erfolgreicher sind als deutsche
    – wir im Primär-Bildungsbereich wirklich den Anschluss verlieren
    – fast keine Universitäten von Weltrang mehr besitzen
    – den Transfer der Grundlagenforschung in Unternehmen/Unternehmensgründungen in eklatanter Weise vernachlässigen und dieses Potential lieber ins Ausland abwandern lassen
    – gebildete Bundesbürger mit Einkommen auswandern (u.a. wandern bspw. aus der türkischen Community meist nur jene aus Deutschland aus, welche gute Bildung & Jobs/o. Unternehmen haben)
    – haben spätestens um 2025 (mit dem Renteneintritt der Babyboomer) einen demografischen Knick der Erwerbsbevölkerung vor uns, der unsere Einnahmeseite stark reduzieren wird
    – machen Wahlkampf-Geschenke an kleine Klientel, die nicht zum Gesamteinkommen beitragen (Rentern, Arbeitslose)
    – setzen weiter auf reine Exportorientierung, sodass abseits der Exportindustrie in der Breite nur noch Einkommen verbleiben, die prekäre Beschäftigung und Altersarmut führen (was wieder ein Segen für die Politik zum Wahltags ist – s. o. Wahlkampf-Geschenke)
    – schaffen es nicht, angemessene Pflege zu gewährleisten (Ursachen siehe wieder Exportorientierung & Lohndumping/Produktivitätsstagnation)
    – schaffen es nicht, eine große Anzahl gut ausgebildeter ausländischer Fachkräfte anzuziehen
    – bringen soziale Konflikte und wenig gebildete ausländische Bürger in einer unkoordinierten und hilflosen Migrationspolitik, anstelle geregelte Einwanderungsgesetze auf den Weg zu bringen
    – schaffen es nicht, dass sich 4 Mio. türkischstämmige Bürger als Deutsche fühlen können – und überlassen Ditib und Erdogan die Meinungskontrolle über diesen Teile der deutschen Bevölkerung
    – verstehen nicht, dass für eine echte Digitalisierung der Verfügbarkeit von Breitbandinternet an jedem Ort der Republik sichergestellt sein muss (auch und insbesondere mobil)
    – schaffen es nicht mehr Hoheitspflichten des Dienstherren bspw. bei der Ausstattung, Personalstärke und Bezahlung der Polizei, Feuerwehr und anderen Staatsdiensten sicherzustellen
    – schaffen es nicht eine Bundeswehrreform umzusetzen, welche dieser ermöglichen würde, unsere aktuellen und bevorstehenden Herausforderungen (ich meine nicht ständige Auslandseinsätze in Ländern ohne deutsche Interessenlagen!) gerecht zu werden
    – schaffen es nicht, Politik zu befähigen, wirkliche Grundsatzprogramme zu realisieren, welche zukunftsgerichtet und realistisch sind
    – schaffen es nicht in der Breite der Bevölkerung zu realisieren, dass wir vor einem nahenden Kollaps des EZB-Zahlungssystems stehen, und was die konkreten Schäden für jeden Bürger daraus sein werden
    – schaffen es nicht, fundierte Debatten zu führen anstelle von hypermoralischen Scheinargumenten Diskussionen zu ersticken und Meinungsblasen aufzubrechen
    – schaffen es nicht, wieder einen Konsens herbeizuführen, dass die o. g. Probleme bestehen und wie wir angemessen auf diese reagieren können

    Wir werden ab 2025 sehen, ob sie genannten Punkte nur Scheinprobleme waren, oder sich doch in deutlicher Verschlechterung der Lebensverhältnisse in Deutschland niederschlagen werden.
    Es ist jedoch jetzt schon deutlich, dass der politische Betrieb in Berlin in keinem der genannten Probleme zu irgendeiner konsistenten Lösung beitragen wird, da sie sich zu viele Abgeordnete und Minister dem vollkommenen Selbstzweck Berufspolitiker hingegeben haben/hingeben mussten.
    In anderen demokratischen Ländern ist dies sicher auch ein großes Problem, jedoch ist die zukünftige Ausgangslage in Deutschland ausgesprochen schwierig.

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