Nicht „mehr“ Europa, sondern ein besseres
Die Diskussion zu Euro-Bonds hält an. Politisch verkauft werden Euro- Bonds als Schritt zur „Vollendung“ der Währungsunion, ökonomisch sind sie vor allem eines: ein Instrument zur Vermeidung schmerzhafter nationaler Reformen – insbesondere in hochverschuldeten Ländern wie Frankreich oder Italien. Vor allem aber sind sie ein weiterer Versuch, die Konstruktionsmängel des Euro zu kaschieren.
Der Euro war von Beginn an kein optimaler Währungsraum: Sehr unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen, Produktivitätsniveaus, Staatsfinanzen und Arbeitsmärkte wurden unter einer einheitlichen Geldpolitik zusammengefasst. Das Ventil der Wechselkursanpassung zum Ausgleich von wirtschaftlichen Divergenzen entfiel.
Die Hoffnung der Befürworter des Euro war damals, dass die gemeinsame Währung den Druck erzeugen würde, den es braucht, um zu einer wirtschaftlichen Konvergenz zu führen. Quasi zum Entstehen eines optimalen Währungsraums durch Zeitablauf.
Zunächst sah es auch danach aus. Zwischen dem Beschluss zur Einführung und der tatsächlichen Einführung kam es tatsächlich zu einer gewissen Konvergenz. Die Zinsen näherten sich in den künftigen Euro-Ländern dem (tieferen) deutschen Niveau an und die Politik bemühte sich, den Kriterien für eine Mitgliedschaft zu genügen.
Doch dann war Schluss. In einem 2018 erschienenen Papier rechnet der Internationale Währungsfonds vor, dass es statt zur erhofften Konvergenz zu einem massiven Auseinanderlaufen der wirtschaftlichen Entwicklung gekommen ist. Weder Einkommensniveau und Produktivität noch Konjunktur- und Finanzzyklen haben sich angenähert. Die Finanzzyklen verlaufen dabei besonders asynchron: Immobilien- und Kreditbooms wanderten von Süd nach Nord – von der spanischen Immobilienblase bis zum späteren deutschen Immobilienboom.
Wer jetzt hofft, dass es seit 2018 besser geworden ist, wird durch eine aktuelle Studie von Gunther Schnabl und Moritz Pfeifer vom Flossbach von Storch Research Institute eines Schlechteren belehrt. Die Unterschiede bei Wachstum, Inflation, Schulden, Leistungsbilanzen und Löhnen wachsen weiter. Auf den Punkt gebracht: Ein Zins für 21 Länder funktioniert nicht, wenn Wirtschaftsstrukturen und Politik eine solche offene Schere bilden.
Die bisherigen Rettungsmaßnahmen greifen nicht
Die bisherigen Rettungsmaßnahmen, wie der Einstieg in eine Transferunion – der sogenannte „Wiederaufbaufonds“ – und vor allem die Unterstützung der hochverschuldeten Staaten durch die Europäische Zentralbank (EZB), haben die Probleme nicht nur unterdrückt, sondern durch die Minderung des Reformdrucks sogar verstärkt. Mit Null- und Negativzinsen, gigantischen Anleihekaufprogrammen und Target-2-Salden wurde der Euro zusammengehalten, aber um den Preis von Vermögensinflation, Fehlanreizen und wachsender politischer Polarisierung.
Was wäre zu tun? Ideal wäre eine echte politische Union mit einer gemeinsamen Fiskal- und Sozialpolitik, europäischem Finanzausgleich und einer europäischen Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Politisch in Frankreich, Italien oder Deutschland nicht durchsetzbar, weil es die Aufgabe der nationalen Souveränität bei wichtigen Themen wie den Staatsausgaben und der Struktur und Dimensionierung des Sozialstaats voraussetzt.
Die zweite Option wäre die Rückkehr zur eigentlich versprochenen Stabilitätsunion und bedeutet strikte Einhaltung der Schuldenkriterien, restriktive Geldpolitik, Abbau der Staatsausgabenquote und Deregulierung. Vermutlich ginge dies nur mit Schuldenschnitten bei den hochverschuldeten Staaten und ist damit völlig illusorisch.
Auch Option drei dürfte im aktuellen politischen Umfeld nicht verfolgt werden: die strukturierte Neuordnung des Währungsraums, beispielsweise in einen Nord- und einen Süd-Euro. Frankreich würde den ihm gebührenden Platz im Süd-Euro aus Nationalstolz nie akzeptieren.
Was also bleibt, ist ein „Weiter-so-durchwursteln“ mit einer immer aktiveren EZB, mehr gemeinsamen Schulden, mehr Umverteilung – und immer weniger Wachstum. Das geht so lange gut, bis es eines Tages eben nicht mehr gut geht.
→ handelsblatt.com: „Zur Rettung des Euro braucht es einen Nord- und einen Süd-Euro“, 2. März 2026

