Economic Statecraft – und warum Europa nur zuschaut
Mehr als zwei Wochen nach Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffs gegen den Iran zeichnet sich ab, dass dies keine Episode ist, die man aussitzen können wird. Die Märkte haben die erste Schockwelle verarbeitet, der Ölpreis hat sich auf hohem Niveau eingependelt, die Straße von Hormus bleibt de facto geschlossen.
In Brüssel diskutiert man Deeskalation und Völkerrecht. Was man aber nicht diskutiert, ist die strategische Logik hinter dem amerikanischen Vorgehen.
Michael Every, Senior Global Strategist der niederländischen Rabobank, hat in einer Reihe bemerkenswerter Analysen herausgearbeitet, worum es tatsächlich geht. Der Schlüsselbegriff lautet Economic Statecraft – der systematische Einsatz wirtschaftlicher Instrumente für geopolitische Ziele. Zölle sind in dieser Logik kein Irrtum, der korrigiert wird, sondern ein Druckmittel. Sanktionen keine Bestrafung, sondern eine Waffe.
Everys zentrale These: Trumps Grand Strategy dreht sich um China. Die chinesische Schiffbaukapazität übersteigt die amerikanische um ein Vielfaches. In fünf bis zehn Jahren dürfte Chinas Marine die US Navy überflügeln. Das Zeitfenster schließt sich. Also handelt Washington auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig – Venezuela, dann Iran. Ziel: Chinas Zugang zu Rohstoffen und Energie erschweren.
Every nennt das Gesamtkonzept „Reverse Perestroika“ – den Umbau einer übermäßig finanzialisierten Konsumökonomie in Richtung produktiver Investitionen und militärischer Kapazität. In seinen Analysen zeigt er auf zwanzig Politikfeldern, wie weit die Umsetzung bereits fortgeschritten ist.
Dahinter steht eine Frage, die in Europa kaum gestellt wird: Wozu ist das Bruttoinlandsprodukt eigentlich da? Die meisten westlichen Volkswirtschaften sehen Wachstum als Selbstzweck – steigende Aktienmärkte, sinkende Inflation, zufriedene Konsumenten. Kein strategisches Kalkül. Wenn jedoch ein Konkurrent sein BIP einsetzt, um Lieferketten zu dominieren und seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen, wird der eigene Wohlstand verwundbar.
Was bedeutet das für Deutschland? Michael Every formuliert es nüchtern: Deutschland sei nie ein Freihändler gewesen, immer Merkantilist. Historisch ist das schwer zu bestreiten – von Friedrich List über Bismarck bis zum Euro, dessen strukturell unterbewerteter Wechselkurs den Export subventionierte.
Die Rüstungsdebatte fasst Every ebenso sachlich zusammen: Kriege gewinne man mit Munition, nicht mit Rendite. Rüstungsaktien stehen auf Rekordhoch. Die tatsächliche europäische Verteidigungsfähigkeit nach vier Jahren Debatte? Kaum Fortschritt.
Besonders unterschätzt: die Rolle von Dollar-Stablecoins. Every zeigt, wie sie die amerikanische Hegemonie auf eine neue Stufe heben. Haushalte weltweit können Dollar-Stablecoins außerhalb des lokalen Bankensystems halten – die USA sichern sich Nachfrage nach Staatsanleihen, ohne einen Dollar exportieren zu müssen. Die EZB warnt bereits, ihre geldpolitische Kontrolle könnte untergraben werden.
Für Europa sieht Every vier Szenarien. Europa handelt geschlossen. Eine Kerngruppe geht voran. Europa fragmentiert. Oder Europa ordnet sich Amerika vollständig unter. Drei dieser Szenarien bedeuten das Ende der strategischen Autonomie. Im vierten hat sie nie existiert.
Nüchtern betrachtet erleben wir keine geopolitische Unordnung, sondern eine bewusste Neuordnung der Weltwirtschaft – mit Amerika als Akteur und Europa als Zuschauer. Wer das Konzept der Economic Statecraft – der wirtschaftspolitischen Staatskunst – nicht versteht, kann ihm auch nichts entgegensetzen.
→ handelsblatt.com: „In Trumps Strategie dreht sich alles nur um ein Land“, 16. März 2026

