Digitaler Euro – eine Lösung sucht ihr Problem
„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt“, sagte der frühere Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Jahr 1999 und beschrieb damit die Vorgehensweise auf Ebene der EU.
Eine Maxime, die die Europäische Zentralbank (EZB) beim digitalen Euro übernommen hat. Der digitale Euro wurde erstmals im Oktober 2020 diskutiert, seit Herbst 2021 arbeitet ein Team an dem Thema. Und seit Herbst 2025 läuft die Umsetzung. Die EU-Verordnung ist im Gesetzgebungsverfahren und die technische Infrastruktur im Aufbau, wie aus dem Closing Report der EZB hervorgeht.
Ein digitaler Euro wäre ein neues Zahlungsmittel: emittiert direkt von der EZB, nutzbar über eine App. Offizielles Ziel: Alle Menschen im Euro-Raum sollen zusätzlich zum Bargeld eine sichere, einfache und möglichst kostenfreie digitale Bezahlmöglichkeit haben.
Gleichzeitig soll der digitale Euro die strategische Unabhängigkeit Europas im Zahlungsverkehr quasi als souveräne Alternative zu Visa, Mastercard und Paypal herstellen. Zentralbankgeld müsse ins digitale Zeitalter gebracht werden, so die EZB.
Dabei gibt es digitales Zentralbankgeld schon lange, wie Professor Volker Wieland, einer der führenden deutschen Geldtheoretiker und ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, erklärt. In seiner Stellungnahme vor dem Bundestag heißt es: „Es gibt bereits seit Langem einen digitalen Euro, d.h. eine staatlich bereitgestellte digitale Währung. Dieses digitale Zentralbankgeld steht den Banken zur Verfügung, die ein entsprechendes Konto bei der Notenbank besitzen. Der Bevölkerung der Währungsunion steht staatlicherseits nur Bargeld zur Verfügung. Sie hat jedoch Zugang zu privatem Digitalgeld wie etwa Giroeinlagen bei den Banken.“ Wozu also der Aufwand?
Mit Verweis auf das britische House of Lords und den amerikanischen Fed-Gouverneur Christopher Waller, die sich ebenfalls mit digitalem Notenbankgeld beschäftigt haben, spricht Wieland im Wirtschaftsdienst mit Blick auf den digitalen Euro von einer „Lösung auf der Suche nach einem Problem“. Die offizielle Begründung – Zentralbankgeld müsse als monetärer Anker im digitalen Raum erhalten bleiben – halte genauerer Prüfung nicht stand. Es sei wohl mehr „ein politisches Projekt ohne währungspolitische Notwendigkeit”.
Bei solchen Zweifeln müssen die Alarmglocken schrillen. Denn es wäre ungewöhnlich, wenn die Politik ein solches Projekt ohne erkennbaren Nutzwert einfach so durchführt, auch angesichts der damit verbundenen Kosten.
Ein möglicher Nutzen aus Sicht der Politik könnte sein, in Zukunft leichter Negativzinsen durchzusetzen. Solange wir Bargeld abheben können, sind wir gegen Negativzinsen (wenigstens zum Teil) geschützt.
Gibt es keinen Schutz mehr, kann die EZB erstmals ernsthaft negative Zinsen auf Ersparnisse erheben. Wieland fordert deshalb auch, dass „EZB und Mitgliedstaaten von etwaigen Einschränkungen der Bargeldnutzung auf jeden Fall absehen sollten“.
Dazu kommen weitere Risiken. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt einem Report vor digitalen Bank-Runs: In Krisen könnten Einleger Guthaben in Sekunden aus Geschäftsbanken in risikofreies EZB-Geld umschichten. Ein Risiko, dem die EZB durch Halteobergrenzen zwischen 1500 und 3000 Euro begegnen will. Diese wirft dann aber erneut die Frage auf: Wozu das Ganze?
Die OECD dokumentiert die Überwachungsmöglichkeiten digitaler Zentralbankwährungen bis hin zu staatlicher Kontrolle privater Transaktionen in einem Papier. Die EU-Verordnung verbietet in ihrer jetzigen Fassung programmierbare Zahlungen. Das beruhigt.
Aber es ändert nichts an der entscheidenden Eigenschaft dieses Projekts: Einmal installiert, ist die Infrastruktur da. Was damit später geschieht, entscheidet sich nicht heute.
Politische Macht entsteht nicht durch Absichten, sondern durch Optionen. Und die Option, beispielweise „klimaschädliches“ Verhalten einzuschränken und entsprechende Ausgaben zu begrenzen, könnte nicht erst morgen dem einen oder anderen Politiker attraktiv erscheinen.
Wer das Projekt stoppen oder eingrenzen will, muss das tun, solange die EU-Verordnung verhandelt wird. Drei Linien sind unverzichtbar: ein harter Bargeldschutz im Grundgesetz, ein dauerhaft verfassungsfestes Programmierverbot und eine offene Kosten-Nutzen-Bilanz – wer haftet, wenn das Projekt teurer wird als versprochen?
Der digitale Euro ist, was Wieland sagt: eine Lösung auf der Suche nach einem Problem. Wir sollten ausschließen, dass die Politik die passenden Probleme findet.
→ handelsblatt.com: „Digitaler Euro – eine Lösung sucht ihr Problem“, 4. Mai 2026

