Tschernobyl belastet die deutsche Wirtschaft immer noch
Am 26. April 1986, vor 40 Jahren, ereignete sich das Reaktorunglück von Tschernobyl. Ausgelöst durch menschliches Versagen, verschlimmert durch staatliche Vertuschungsmaßnahmen und nur denkbar aufgrund einer Reaktorbauweise, die auch dazu diente, waffenfähiges Plutonium zu gewinnen. Unmöglich in Deutschland, allein schon aufgrund der gänzlich anderen Bauweise der hierzulande betriebenen Reaktoren.
Dennoch hat dieser furchtbare Unfall, der nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation direkt und indirekt etwa 4000 Todesopfer zur Folge hatte, den Gang der deutschen Wirtschaftsgeschichte nachhaltig verändert. Wenige Monate nach dem Unglück beschloss die SPD das Ende der Kernenergie für Deutschland und folgte damit der Linie der Grünen.
Im Jahr 2000 war es dann so weit: Die rot-grüne Koalition verkündete das Ende der Atomkraft und den Beginn der „Energiewende“ zu Kosten „einer Kugel Eis pro Monat und Haushalt“, wie es der damals zuständige Minister Jürgen Trittin (Grüne) verkündete.
Heute, mehr als 25 Jahre später, wissen wir, dass der Ausstieg aus der Kernenergie nicht nur zu deutlich mehr Toten geführt hat – Berechnungen gehen in die Größenordnung von rund 20.000 aufgrund der zusätzlichen Luftverschmutzung durch Kohle- und Gaskraftwerke. Er hat auch enorme Kosten nach sich gezogen, die nirgendwo sauber dokumentiert sind und damit nur geschätzt werden können: auf rund 500 Milliarden Euro.
Die für alle spürbarste Konsequenz sind Rekordstrompreise, die Bürger und Wirtschaft immer mehr belasten. Der wirtschaftliche Absturz Deutschlands hat hierin nicht die alleinige, aber durchaus eine wichtige Ursache. Auch mit Blick auf das Klima war es keine gute Entscheidung. Rund 730 Millionen Tonnen CO₂ wurden zusätzlich ausgestoßen, mehr als die gesamten Emissionen Deutschlands im Jahr 2024.
Dahinter liegt simple Physik. Kernkraft liefert in über 8000 Stunden pro Jahr, Offshore-Wind in 3090, Onshore-Wind in 1620 und Fotovoltaik in 910. Ein Kernkraftwerk produziert über 91 Prozent der Zeit verlässlich Strom – eine Solaranlage nur in gut zehn Prozent. Für die andere Zeit muss man teure (fossile!) Back-up-Kapazitäten vorhalten.
Hinzu kommen die weiteren Systemkosten der Erneuerbaren, die von Befürwortern der Energiewende oft verschwiegen werden: Neben den bereits erwähnten Back-ups sind das Kosten für Netzausbau, Redispatch und Netzengpassmanagement, Speicher wie Batterien und Pumpspeicher, EEG-Subventionen und Differenzkosten, Steuermindereinnahmen und weitere staatliche Zuschüsse. Zurzeit rund 36 Milliarden pro Jahr – Tendenz stark steigend, wie die Unternehmensberatung McKinsey in einer Studie vorrechnet.
Nun könnte man meinen, dass angesichts dieser negativen Entwicklung ein Umdenken in der Energiepolitik einsetzt. Doch weit gefehlt. Schon der bescheidene Versuch von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für eine kleine Kurskorrektur um die Kostenexplosion abzudämpfen, führt zu einem wilden Aufschrei. Anfang April folgten in Berlin, Hamburg, Köln und München Zehntausende dem Aufruf von Campact, Greenpeace und Fridays for Future und gingen auf die Straße.
Die Demonstranten fordern den Status quo – immer mehr Subventionen für immer mehr Anlagen, die immer höhere Systemkosten verursachen. Sie fordern, weiter das zu tun, was seit 25 Jahren nicht funktioniert.
Reiche fordert das Gegenteil: eine Energiepolitik, die physikalische und ökonomische Grundlagen respektiert. Technologieneutralität statt Ideologie. Die Rückkehr zur Kernkraft als Option, nicht als Tabu. Mehr als 55 Prozent der Deutschen stehen inzwischen hinter ihr.
40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl bleibt festzuhalten, dass Kernkraft eine der sichersten Formen der Energieerzeugung ist, dass es laut Internationaler Energieagentur keinen günstigeren Strom gibt als jenen aus bestehenden Kernkraftwerken, dass China und Südkorea vormachen, wie man auch heute günstig AKW baut, und dass die neue Generation der Small Modular Reactors nicht nur (noch) sicherer ist, sondern durch die Serienfertigung auch das Potenzial deutlicher Kostensenkungen mit sich bringt.
Kurz gesagt: Mit Blick auf die sich beschleunigende Deindustrialisierung genügt es nicht, wenn Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den Atomausstieg als „strategischen Fehler“ erkennt, er muss in das Grundsatzprogramm seiner Partei schauen, und endlich das tun, was getan werden muss: den Ausstieg aus dem Ausstieg vollziehen.
→ handelsblatt.com: „Tschernobyl belastet die deutsche Wirtschaft immer noch“, 27. April 2026

