Die echte Reform des Gesundheitssystems muss erst noch kommen
Wer in den letzten Jahren in einem deutschen Krankenhaus war, kennt das Ritual: am Empfang ein Fragebogen. Auf der Station denselben. Vor der OP noch einmal. Handschriftlich. Mindestens dreimal die gleichen Daten.
Und das in einem Land, das 2024 laut Statistischem Bundesamt 538,2 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben hat. Das sind 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder 6444 Euro pro Kopf – mehr als in jeder anderen großen europäischen Volkswirtschaft. Gegenüber 1994 haben sich die Ausgaben mehr als verdreifacht, relativ zum BIP stiegen sie um 2,9 Prozentpunkte.
Es ist gut, dass die Bundesregierung erkannt hat, dass nach einem weiteren Kostenanstieg um 7,7 Prozent 2025 dringend die Notbremse gezogen werden muss.
Doch machen wir uns nichts vor: pauschale Deckelungen und plumpe Einnahmenerhöhungen durch eine höhere Beitragsbemessungsgrenze und die Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung lösen die Strukturprobleme nicht.
Es werden nur noch mehr Mittel in ein ineffizientes und ineffektives System gepumpt und die Deckelung des Kostenanstiegs dürfte die Probleme der Ineffizienz weiter verstärken. Und nichts dazu beitragen, unseren zunehmenden Rückstand bei der Lebenserwartung im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder Italien zu schließen.
Nehmen wir als Beispiel die Trennung zwischen ambulanter, stationärer und Reha-Medizin. Rund 600 Millionen ambulante Fälle pro Jahr, 17,5 Millionen stationäre – getrennte Budgets, getrennte Interessen. Innovationen, die ambulant ersetzen könnten, was bisher stationär erfolgt und Kosten für die Reha verursacht, fallen oft durch das Raster.
Ein ambulanter Eingriff, der in 15 Minuten erledigt ist, wofür sonst Operation, Intensivbett und Reha nötig sind, ist nach Berechnungen eines führenden Münchener Zentrums rund 30 Prozent günstiger.
Während einige Krankenkassen wie auch die AOK die Behandlung bezahlen, erstatten andere Krankenkassen auch nach zwanzig Jahren die Kosten nicht, wie Alexander Muacevic vom Europäischen Radiochirurgie Centrum München berichtet. Die Folge: Es werden unnötig viele Patienten stationär behandelt, was nicht nur mehr kostet, sondern auch die Patienten unnötig belastet.
Der zweite Strukturfehler ist die Zersplitterung der Versicherer. Über 90 gesetzliche Krankenkassen mit eigenen Verwaltungen, Direktorien und Vertragswerken. Was die AOK Bayern erstattet, lehnt eine andere Versicherung ab.
Das klingt nach Wettbewerb, ist in Wahrheit ein Blockademechanismus. Der Wohnort und die Versicherung entscheiden über die Therapie. Für das Gesundheitssystem eines führenden Industrielandes ist das absurd.
Der dritte Strukturfehler ist die Bürokratie, die das System selbst produziert. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat es beziffert: 61 Arbeitstage pro Arztpraxis pro Jahr – allein für Dokumentation, Formulare, Nachweise.
Im März 2026 hat die KBV 21 konkrete Vorschläge zum Abbau vorgelegt. Einsparpotenzial: 400 Millionen Euro pro Jahr und acht zusätzliche Arbeitstage pro Praxis. Kein neuer Euro nötig – nur der Wille, aufzuhören.
Drei Hebel würden die Lage verändern, ohne einen neuen Euro zu kosten. Erstens: Sektorengrenzen abschaffen. Ein einziges Budget für ambulant, stationär und Reha. Ein Patient, eine Kostenrechnung, ein Maßstab – Ergebnis. Zweitens: Die Zahl der Krankenkassen radikal reduzieren. Fünf oder sieben statt über neunzig. Standardisierte Leistungskataloge: Schluss mit der Erstattungs-Lotterie. Drittens: Prävention zur Pflichtaufgabe der Krankenversicherung machen – mit Anreizen für gesundes Verhalten, nicht mit Ermahnungen.
Das erfordert eine ehrliche Debatte über den Datenschutz: die Abwägung von Datenschutz mit der Qualität medizinischer Entscheidungen. Andere Länder erfassen systematisch Behandlungsmethoden, -kosten und -ergebnisse, um so die medizinische Betreuung zu verbessern und die Kosten zu senken. Wer diese Debatte scheut, wird sie durch die Hintertür über steigende Beiträge trotzdem führen müssen.
Die echte Reform des Gesundheitswesens steht noch aus und wird ungleich schwerer. Dabei besteht die Chance einer besseren Versorgung zu günstigeren Kosten.
→ handelsblatt.com: „Die echte Reform des Gesundheitssystems kommt erst“, 10. Mai 2026

