Der „Kampf um die Arktis“ lässt nur eine Schlussfolgerung zu
Donald Trump forderte vergangene Woche beim Nato-Gipfel in Ankara zum wiederholten Mal die Übernahme Grönlands. „Grönland sollte von den Vereinigten Staaten kontrolliert werden, nicht von Dänemark“, sagte er dem türkischen Präsidenten Erdogan. Daraufhin reagiert Europa reflexartig mit Empörung, Kopfschütteln und dem üblichen Verweis auf die Souveränität Dänemarks. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ließ wissen, Grönland stehe „nicht zum Verkauf“.
Die wahre Frage ist eine andere: Wird Europa in Zukunft überhaupt in der Lage sein, die geostrategisch so wichtige Region zu kontrollieren, oder sind Trumps provokante Aussagen nichts anderes als der undiplomatisch vorgebrachte Hinweis, dass hier ein Vakuum entsteht, welches China und Russland nur zu gerne füllen möchten? Das FERI Cognitive Finance Institute hat im vergangenen Dezember eine Analyse mit dem Titel „Kampf um die Arktis“ vorgelegt, nach deren Lektüre man nur zu einer solchen Schlussfolgerung kommen kann.
Der Klimawandel, von dem man wohl nur noch in Deutschland glaubt, er ließe sich verhindern, verändert in der Arktis wie in keiner anderen Region die geostrategische Lage. Die Arktis erwärmt sich viermal schneller als der Rest der Erde. Die Meereisfläche ist seit den 1980er-Jahren um 50 Prozent geschrumpft. Ab 2035 wird die Nordpolregion im September eisfrei sein. Dies hat Auswirkungen auf die weltweite Logistik, den Zugriff auf Rohstoffe und die Kriegsführung.
Grönland verfügt nach Angaben des dänisch-grönländischen Geologischen Dienstes über 36,1 Millionen Tonnen seltene Erden – jene Materialien, ohne die weder Halbleiter noch Elektroautos noch Windkraftanlagen funktionieren. China kontrolliert heute rund 90 Prozent der globalen Raffination dieser Metalle. Wer Zugriff auf Grönland hat, könnte diese Abhängigkeit brechen oder aber erhöhen, so sich denn China den Zugriff sichert.
Im Oktober 2025 hat die chinesische Reederei Sea Legend mit dem Containerschiff „Istanbul Bridge“ erstmals die Nordostpassage im Regeldienst befahren – 20 Tage von Ningbo nach Felixstowe statt 40 bis 50 Tage über den Suezkanal. Der Weg entlang der russischen Nordküste durch arktische Gewässer ist damit der kürzeste Seeweg zwischen Ostasien und Westeuropa. Die Zeit- und Kostenersparnis dürfte den Wettbewerbsdruck Chinas noch einmal deutlich erhöhen.
Zwischen Grönland (G), Island (I) und Großbritannien (UK) liegt die sogenannte GIUK-Lücke – jener maritime Korridor, den westliche Strategen seit dem Kalten Krieg als mögliches Einfallstor für russische und chinesische U-Boot-Verbände in den Nordatlantik betrachten. Das Pentagon hat schon 2019 in seiner Arctic Strategy festgehalten, die Arktis sei „ein potenzieller Vektor sowohl für Angriffe auf das Heimatland als auch für die amerikanische Machtprojektion“. Wer Grönland kontrolliert, kontrolliert diese Lücke.
Kein Wunder, dass die USA sich schon länger als „arktische Nation“ sehen. Doch auch China sieht sich als „arktisnahe Nation“– obwohl der nächste chinesische Boden 1500 Kilometer vom Polarkreis entfernt liegt. Klarer kann man seinen Machtanspruch nicht anmelden.
2019 betonte das Pentagon noch die Zusammenarbeit mit anderen Nationen, machte aber unmissverständlich klar, dass es darum geht, in der Arktis die nationalen Interessen der USA zu wahren. 2026 muss man nüchtern feststellen, dass sich Europa „einmal mehr im geopolitischen Schraubstock befindet, ohne die Tragweite dieser Verwerfungen und die daraus resultierenden Risiken vollständig zu erfassen“, wie es das FERI-Institut formuliert.
Statt auf der formal richtigen und völkerrechtlich begründeten Position zu beharren, sollte Europa überlegen, wie es gemeinsam mit den USA die strategisch wichtige Region für den Westen sichert, bevor es die USA – egal unter welchem Präsidenten – allein machen.

