Wir brauchen Chancengerechtigkeit
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hat angekündigt, Vermögen- und Erbschaftsteuer noch in diesem Jahr zum „Schlüsselthema“ seiner Partei zu machen. Die Erhöhung der „Reichensteuer“ genügt den Genossen nicht. Noch mehr Umverteilung soll es sein. Nur so ließe sich in Deutschland „Gerechtigkeit“ herstellen, so die Behauptung.
In der Sozialpolitik wird „gerecht“ gerne mit „gleich“ verwechselt. Die Politiker berufen sich dabei gerne auf Forschungen, die einen Zusammenhang zwischen Gleichheit und Zufriedenheit der Bevölkerung herstellen wollen. So behaupteten die britischen Sozialepidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett 2009 in ihrem Buch „The Spirit Level“, gleichere Gesellschaften seien „in jeder Hinsicht bessere Gesellschaften“.
Der französische Ökonom Thomas Piketty leitete daraus 2013 in seinem umstrittenen Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ die Empfehlung konfiskatorischer Einkommens- und Vermögensteuern ab. 2024 erklärte eine Autorengruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO „ökonomische Strukturen“ zur „Ursache der Ursachen“ psychischer Krankheit. Nur radikale Umverteilung (gerne auch mit der Einschränkung wirtschaftlicher Freiheit) könne also Gesellschaften gesünder und glücklicher machen.
Auf diesem Fundament ruht die deutsche Umverteilungs-Debatte – wenn man mal positiv davon ausgeht, dass es sich nicht nur um die Bedienung primitivster Neidgefühle handelt.
Doch das Fundament ist mehr als brüchig. Im Dezember 2025 hat ein internationales Forscherteam unter dem Lausanner Sozialpsychologen Nicolas Sommet im Wissenschaftsmagazin „Nature“ die bisher größte Meta-Analyse zum Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wohlbefinden veröffentlicht.
Vermögenskonzentration vermessen und besteuern – nicht Aufstiegskanäle öffnen
Das Ergebnis ist eindeutig: „Menschen, die an Orten mit größerer Ungleichheit leben, berichten im Durchschnitt kein geringeres Wohlbefinden als jene an gleicheren Orten“. Auch bei psychischer Gesundheit zeigt sich kein belastbarer Zusammenhang zwischen Ungleichheit und psychischen Problemen.
Heißt das, Ungleichheit sei folgenlos? Nein. Die Forscher zeigen, dass sie unter zwei Bedingungen sehr wohl belastend wirkt: bei niedrigem Durchschnittseinkommen und bei hoher Inflation. Ungleichheit ist ein Katalysator, der andere Belastungen verstärkt – nicht deren Ursache.
Die Folge: „Maßnahmen, die Menschen aus der Armut herausholen, sind wahrscheinlich der entscheidende Ansatz für Politiker, die das Wohlbefinden der Bevölkerung verbessern wollen. Den Gini eines Landes zu senken, ist wahrscheinlich nicht der effizienteste Weg.“ Auch der Geldwertstabilität kommt so eine große Bedeutung zu.
Es gibt eine zweite Erkenntnis aus der Studie. Zukünftige Forschung sollte „andere Aspekte der Ungleichheit – zum Beispiel Ungleichheit der Chancen“ in den Blick nehmen. Menschen sind nicht gegen Ungleichheit. Sie sind gegen Ungerechtigkeit. Was belastet, ist nicht die Existenz reicher Nachbarn – sondern das Gefühl, selbst nicht aufsteigen zu können.
Die Antworten darauf sind aber andere als jene, die das linke Lager regelmäßig fordert. Zum Beispiel braucht Deutschland bessere Schulen mit höheren Leistungsansprüchen und gezielter Förderung, um sozialen Aufstieg durch Bildung möglich zu machen. Wir brauchen weniger Bürokratie für Gründer und Mittelstand für mehr Wirtschaftswachstum, das Menschen aus prekären Verhältnissen holt. Wir brauchen einen Staat, der den Bürgern mehr von ihren Einkommen lässt und sich weniger in ihr Leben einmischt und damit Chancen eröffnet, statt zu beschränken.
Nichts davon steht auf Tim Klüssendorfs Liste. Er will Vermögenskonzentration vermessen und besteuern – nicht Aufstiegskanäle öffnen.
Die vor drei Wochen von der Koalition beschlossene Ausweitung der Reichensteuer war ein politischer Kompromiss, keine empirisch fundierte Antwort. Dass die SPD nun mit Vermögens- und Erbschaftsteuer nachlegt, verwechselt Symptom und Ursache. Wer die Empörung der unteren Hälfte ernst nimmt, bietet ihr keine Vermögensregister an, sondern reale Chancen. Und die entstehen durch Wachstum – nicht durch dessen Umverteilung.

