Best of 2017: Das Totalversagen der Notenbanken

Wie immer zum Jahreswechsel ein Rückblick auf die Highlights des Jahres, Artikel, von denen ich denke, dass es sich lohnt, sie nochmals zu lesen. Dieser Kommentar erschien im Juli 2017 bei WirtschaftsWoche Online und bto:

Die Märkte lieben Assets, die von einem deflationären Umfeld profitieren, und meiden Kapitalanlagen, die von Inflation profitieren. Nach zwanzig Jahren Inflationspolitik ein deutliches Warnsignal.

Schon vor der Wahl Donald Trumps habe ich an dieser Stelle eine Rückkehr der Inflation und damit steigender Zinsen für möglich gehalten. Dahinter stand die Überlegung, dass ein Präsident Trump mit Steuersenkungen, Ausgabenprogrammen und Protektionismus vorübergehend die US-Wirtschaft über das geringe Trendwachstum (schwache demografische Entwicklung und Produktivitätszuwächse) heben würde, mit zwangsläufigen Folgen für die Preisentwicklung. Nach dem Wahlsieg haben die Börsen auf den ersten Blick genau dieses Szenario gespielt: Die Aktien stiegen und die Anleihen verloren an Wert.

Der Markt liebt Deflations-Assets

Mittlerweile sind die Hoffnungen auf rasche konjunkturelle Maßnahmen der neuen Regierung verflogen. Die Zinsen sanken wieder, die Börsen gewinnen weiter, jetzt allerdings wegen der Aussicht auf dauerhaft tiefe Zinsen, allen gegenteiligen Beteuerungen der Fed zum Trotz.

Weitaus interessanter ist jedoch, dass bei einem genaueren Blick auf die verschiedenen Assetklassen die Börsen weiterhin das Deflationsszenario bedienen. Also die Aussicht auf geringe bis negative Preissteigerungen. Das überrascht, haben die Notenbanken doch seit den 1990er-Jahren alles getan, um eine vermeintliche Deflationsgefahr zu bekämpfen. Zuerst, als infolge des Markteintritts Chinas und Osteuropas Hunderte Millionen von Menschen neu in den globalen Arbeitsmarkt eintraten, später, als es zu einer raschen Folge an Finanzkrisen kam, bis zu deren (vorläufigem) Höhepunkt 2009.

Die Bank of America rechnet vor, dass Inflationsassets – definiert als Rohstoffe, inflationsgeschützte Anleihen, US-Banken, sogenannte Value-Aktien (also Aktien, die günstig bewertet sind) und Liquidität – seit 1990 deutlich weniger Wertzuwachs realisiert haben als Deflationsassets – definiert als US-Staatsanleihen, hochverzinsliche Unternehmensanleihen, US-Aktien (vor allem Industriegüter und Konsumgüter) und sogenannte Wachstumsaktien.

Besonders eindrücklich ist die überdurchschnittliche Kursentwicklung seit 2009. Seither haben sich die Deflationsassets mehr als verdoppelt, während die Inflationsassets nur geringfügig über dem Niveau von 2007 liegen. Befeuert wurde diese Entwicklung durch die Politik der Notenbanken, die ihre Bilanzsummen in den letzten Jahren vervielfacht haben. Alleine die Bilanzsumme von Fed, EZB und Bank of Japan stieg im Kampf gegen Deflation und für Inflation von unter vier Billionen im Jahr 2007 auf 13,5 Billionen US-Dollar heute.

Totalversagen der Notenbanken

Noch deutlicher kann das komplette Scheitern der Notenbankpolitik der letzten Jahrzehnte nicht beschrieben werden: Die Inflationsraten bleiben tief, die Inflationserwartungen bleiben tief, die Realwirtschaft springt nicht an und lediglich die Börsen zeigen kontinuierliche Wertzuwächse. In der Tat gibt es eine enge Korrelation zwischen der Börsenentwicklung und den Bilanzsummen. Statt der Realwirtschaft zu helfen, verschärfen die Notenbanken die Vermögensungleichheit in der Welt. Denn von steigenden Kapitalanlagepreisen profitiert naturgemäß nur der, der auch Kapitalanlagen besitzt.

Dieses Versagen der Notenbanken wird immer offensichtlicher. Zugleich haben sie sich in eine ausweglose Situation manövriert. Denn die tiefen Zinsen heute machen perspektivisch noch tiefere Zinsen morgen nötig, um den Schuldenturm vor dem Einsturz zu bewahren. Die Zinsen sind schon nahe den historischen Tiefstständen und es gibt nur noch wenig Luft nach unten.

Sollte es – aus welchem Grund auch immer – wieder zu Einbrüchen an den Börsen und dann in der Realwirtschaft kommen, haben die Notenbanken fast keine Munition mehr. Dies ist der eigentliche Grund für das Gerede von einem Exit aus der expansiven Politik in den letzten Wochen. Egal wie robust die Erholung in der Eurozone und in den USA wirklich ist, es geht darum, die Zinsen zu erhöhen, damit man sie wieder senken kann. Von null aus geht es nur noch deutlich in den negativen Bereich. Von einem etwas höheren Niveau aus, kann man vielleicht noch zwei bis drei Schritte machen, bis es in den Negativbereich geht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in der nächsten Rezession auch in den USA Negativzinsen erleben werden. Die Beschränkung des Bargelds wird bis dahin so weit fortgeschritten sein, dass nur noch wenige Fluchtmöglichkeiten aus dem System bestehen.

Höhere Zinsen in die Deflation hinein?

Der Zinsanstieg in den letzten Wochen erhöht die Gefahr an den Märkten. Von absolut immer noch tiefen Niveaus sind die Zinsen deutlich gestiegen. So hat sich die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihen innerhalb von wenigen Tagen auf rund ein halbes Prozent verdoppelt. Dabei scheinen die Notenbanken koordiniert vorzugehen. Alle (außer Japan) signalisieren eine kommende Straffung. Zeitgleich fallen jedoch die Inflationserwartungen weiter. Steigende Zinsen, fallende Inflation, stagnierende Gewinne und langsameres Wirtschaftswachstum passen nur schwerlich zu weiter steigenden Börsen. Im Gegenteil, es kommt einem Margin Call gleich.

Die Notenbanken haben damit nicht nur die Grundlage für die nächste Krise gelegt – Rekordschulden und Rekordassetpreise –, sie führen sie geradezu selbst herbei. Natürlich glauben sie das nicht, sondern halten ihr Verhalten wie schon in den letzten 25 Jahren für alternativlos. Allen Warnungen zum Trotz.

Die Präsidentin der US-Notenbank Fed hat sich in der letzten Woche einen festen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert, als sie doch allen Ernstes behauptete, dass es „zu unseren Lebzeiten” keine Finanzkrise mehr geben werde. Wie bei Irving Fisher, der kurz vor dem Crash 1929 US-Aktien ein nachhaltig stabiles Niveau attestierte, dürfte dieses Zitat noch in Jahrzehnten als Beispiel für die Hybris vor der großen Krise dienen.

Alle werden drucken

Kommt der nächste Einbruch, werden die Notenbanken die Ursachen überall sehen, nur nicht bei sich selbst. Sie werden sich deshalb zum wohl allerletzten Mal zum Retter der Welt aufschwingen und einen monetären Tsunami lostreten. Dies im verzweifelten Versuch, doch endlich mit höherer Inflation die Schulden und Forderungen in der Welt zu entwerten. Um die Realwirtschaft geht es ja schon lange nicht, können die Notenbanken doch nichts an der Entwicklung von Erwerbsbevölkerung und Produktivität ändern. Letztere verschlechtern sie sogar, weil sie die dringend erforderliche Bereinigung von schlechten Anbietern verhindern.

Zwei Szenarien bleiben dann denkbar. Entweder, es gelingt den Notenbanken das Vertrauen in Geld zu zerrütten mit der Folge einer erheblichen Inflation. Oder aber die Maßnahmen schaffen es erneut nicht, die Inflation zu entfachen und das Vertrauen in die Macht der Notenbanken geht endgültig verloren. Dann droht uns doch der Kollaps in Form einer nachhaltig deflationären Entwicklung. So oder so dürften die Tage der Notenbanken, wie wir sie kennen, gezählt sein.

Aus Sicht des Investors sind dies keine erfreulichen Aussichten. Es gibt keinen Platz, an dem man sich verstecken kann. Es gibt kein eindeutiges Szenario, auf dass man sich vorbereiten kann. Man muss sich so aufstellen, dass man in jedem Fall wenigstens einen Teil seines Vermögens rettet. Deshalb bleibt es bei dem langweiligen Rat: Immobilien, Aktien, Gold und Liquidität. Und keine Schulden.

P.S.: Dies war die letzte Folge von „Stelter strategisch“ vor der Sommerpause. Wie letzte Woche geschrieben, dürfte es im Sommer (noch) nicht crashen. Genießen Sie ihn also!

→ WiWo.de: „Das Totalversagen der Notenbanken“, 6. Juli 2017

Kommentare (9) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Wolff Baer sagte:

    Die Existenz einer EZB mit 3 Billionen kaum rückzahlbarer Schrott-Anleihen im Keller und dem dringenden Wunsch, unser Geld immer wertloser zu machen, ist eine politische Fehlkonstruktion 1.Güte.

    Hervorgerufen durch unsere europaromatischen EU-Populisten und dem einfältigen Wähler wurde uns mit der EU-Transfer- und Pleite-Union die größte Schrott-Notenbank Europas mit einer inkompatiblen Gemeinschafts-Währung vor die Nase gesetzt.

    Dr.Stelter hat recht, wenn er das Total-Versagen dieser volksschädigenden Organisation konstatiert.

    Das Einzige, was diese Institution schaffen wird, ist, daß die chancenlose Gemeinschafts-Währung noch einige Zeit länger unseren relativen Wohlstand vernichtet, bevor sie, wie alle ungedeckten Fiat-Papierwährungen auf nahezu Null geht.

    Die nächste Währungsreform, die 3. innerhalb von 100 Jahren in D wird dann wohl auch wieder von unseren Volkswirten bejubelt, denn dann hat der Staat keine Schulden und der Volkswirt auch kein Geld mehr.

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    jobi sagte:

    Die Notenbanken waren erfolgreich.
    Ganz im Sinne von Politik und von mächtigen Finanzinteressen konnten sie die Illusion von Solvenz aufrecht erhalten. Aber der Konkurs ist nicht mehr abzuwenden.
    Auch den Realitätsverweigerern wird langsam klar, dass ein bequemes „weiter so“ nicht mehr ausreicht. Schon bald werden härtere Drogen zum Einsatz kommen ..

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    Alexander sagte:

    Im Sinne der angenehmen Jahre seit Ausbruch der Finanzkrise haben die Zentralbanken gute Arbeit geleistet. Man schuf Schonzeiträume, die politisch leider falsch genutzt wurden…d.h. man kleistert mit Geld die Risse im Fundament zu und die Staatschefs bauen munter neue Stockwerke.

    Im Sinne einer generationenübergreifenden Verantwortungsethik haben die Zentralbanken total versagt und Europa beklagt schon heute eine (erste) verlorene Generation.

    Weil der Bürger seine altersbedingten Interessen über die der Zukunft seines Landes stellt, wird er später kaum mit Solidarität rechnen dürfen, wenn die Neuordnung dieses Augiasstalles erfolgt.
    Demokratische Mehrheiten spielen dann keine Rolle mehr, die Natur der Demographie kennt keine Humanität.

    there is no free lunch.

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      Wolff Baer sagte:

      Hallo Alexander.

      „There is no free Lunch“. Absolut richtig!

      Unsere Zukunft ist schon verfrühstückt mit Billionen-Aufwendungen für Millionen nicht arbeitsfähiger (und-williger) Zuwanderer ohne Qualifikation mit einer doppelten Fertilitätsrate.

      30-35% deutsche Ausfall-Risiko-Haftung (nach Brexit) für billionenschwere EU-Schulden unseres ClubMed und den anderen notleidenden Staaten in der Elends-Union.

      Es sind dann auch meistens wohlversorgte Staats-Pensionäre oder ältere Herrschaften, die sich sagen. alles wunderbar und nach uns die Sintflut in einem muslimisiertem Deutschland mit kollabierenden Sozialsystemen und Terror-Angst überall.

      Wenn die Fans einer katastrophalen EU- und Finanzpolitik, überlegen würden, ob ihre direkten Nachkommen und Enkel von den zukünftigen Armutsrenten leben können, und die überversorgten Beamten mangels Masse an Rückstellungen in den Pensionskassen deutliche Abschläge hinnehmen müssen, spätestens dann würden sie ihre Position als Jubelperser einer unfähigen Politikerkaste überdenken.

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    Wolfgang Selig sagte:

    bto: „Deshalb bleibt es bei dem langweiligen Rat: Immobilien, Aktien, Gold und Liquidität. Und keine Schulden.“
    Und von mir kommt unverändert der Rat, wenigstens auf Schulden für das selbst genutzte Heim nicht zu verzichten. Wer beim margin call Vermögen hat, wird eh belastet werden, ob über Erbschaftsteuer, Lastenausgleich, Vermögensteuer, Zwangshypotheken, etc. Aber die Schuldner wie z.B. der Staat werden davon profitieren, denn mit den Guthaben werden auch die Schulden verringert. Allerdings darf man es m.E. auf keinen Fall übertreiben. Eine hohe Eigenkapitalquote und lange Zinsbindungen mit hoher Tilgung bleiben das A und O. Das Ganze bleibt im Endeffekt der Risikoneigung des Einzelnen überlassen. Herr Dr. Stelter befürwortet die extrem risikoaverse Variante. Das können andere anders sehen, gerade wenn jemand über sehr wenig Eigenkapital verfügt. Wer etwa als Selbstständiger auf Kredit in sein Geschäft investiert, weil er ein extrem margin call-unabhängiges Geschäftsmodell hat (z.B. Apotheker, Pellethersteller, Schlüsseldienst, Hörgeräteakustiker, etc.), der geht evtl. ein kalkuierbares Risiko ein. Hängt natürlich auch vom Alter, Vermögen, Familienstand, Gesundheitszustand, Standort und vielem anderen ab.

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      Wolff Baer sagte:

      Lb.Herr Selig.

      Mit den langweiligen Ratschlägen von Dr.Stelter konnte man bisher einen relativ sicheren Vermögenszuwachs erzielen, während unsere inkompatible Gemeinschafts-Währung und die Nullzins-Politik uns schon teilweise enteignet hat.

      Mit Draghis Enteignungs-Politik habe ich 3-4% meiner Altersvorsorge-Ausschüttungen verloren, während ich mit dem vor etlichen Jahren gekauften physischem Gold eine Durchschnitts-Rendite von 9 % erzielt habe.

      Wenn Draghi fortfährt, unser Geld weiter zu entwerten, werde ich mit dem Gold sogar eine noch bessere Rendite im Vergleich zur EU-Schrottwährung € haben.

      Das Problem dabei ist nur, daß ich mit dem scheinbaren Vermögens-Zuwachs im € nichts anfangen kann.

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  5. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    Ich halte die These vom Totalversagen der Notenbanken nach wie vor nicht nur für falsch, sondern sie IST auch falsch.

    Die Sachverhalte – auch nicht die des letzten halben Jahres –, die zur Stützung dieser These vorgebracht werden, rechtfertigen es nicht, ein TOTALES Versagen festzustellen.

    Ich habe dem, was ich im von M. Stöcker verlinkten Thread gesagt habe, nichts hinzuzufügen.

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