Die Realzinsen müssen runter

Im Oktober 2020, auf dem Höhepunkt der Coronapandemie, lagen die Zinsen, die der französische Staat zahlen musste, fast vier Prozentpunkte unter der Wachstumsrate der Wirtschaft. Das war gleichbedeutend mit einer Aufforderung zum Schuldenmachen, der die französische Politik nur zu gerne nachgekommen ist.

Das Defizit erreichte in dem Jahr neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Schuldenquote stieg von 98 auf 115 Prozent, ohne dass dies groß auffiel. Im Gegenteil: Ökonomen riefen die Staaten dazu auf, angesichts des „dauerhaft“ tiefen Zinsniveaus viele Schulden zu machen.

Sechs Jahre später ist die Welt eine andere. Der Zins, zu dem sich der französische Staat Geld leihen kann, liegt zwei Prozentpunkte über der Wachstumsrate der Wirtschaft. Zurzeit spricht viel dafür, dass die Zinsen weiter steigen werden, während die Wirtschaft noch weniger wächst.

Die brutale Folge ist, dass sich der französische Staat nicht mehr wie in der Vergangenheit das Geld für die Zinszahlungen leihen kann – und erst recht nicht für zusätzliche Ausgaben. Im Gegenteil: Nun muss ein Teil der Steuereinnahmen wirklich darauf verwendet werden, die Schulden zu bedienen.

Ökonomen sprechen hierbei von einem sogenannten „Primärüberschuss“, also einem Überschuss im Haushalt vor Zinszahlungen. Es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass es einen solchen seit Menschengedenken in Frankreich nicht gegeben hat. Die Regierung um Präsident Emmanuel Macron muss also erheblich sparen, um die Staatsschuld zu bedienen – doch das führt zu politischer Unzufriedenheit und sozialen Konflikten.

Frage des Wollens, nicht des Könnens

Nun steht Frankreich mit dem Anstieg der Zinsen nicht allein. Dahinter stehen mehrere Entwicklungen. Erstens die Korrektur einer Übertreibung: Negativzinsen sind nicht normal. Zweitens die Inflation, die auf die Geldmengenausweitung in der Coronakrise folgte. Drittens die Erwartung, dass die Notenbanken die Zinsen länger hoch halten, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Und viertens ein gestiegener Aufschlag, den Anleger für das Halten lang laufender Anleihen verlangen. Nicht zu vergessen: die deutlich gestiegene Kapitalnachfrage der Unternehmen in den USA zur Finanzierung der Investitionen in KI.

Bei einigen Staaten, wie vor allem Frankreich, mag eine wachsende Sorge bezüglich der Schuldentragfähigkeit hinzukommen. Wobei trotz hoher Schulden und Defizite die Zinslast nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit rund 2,5 Prozent vom BIP noch unter den Werten von Großbritannien (2,6), den USA (3,6) und Italien (3,9) liegt. Es ist so gesehen keine Frage des Könnens, sondern eine des Wollens, die Staatsfinanzen zu stabilisieren.

Doch genau an diesem Willen scheint es nicht nur in Frankreich zu mangeln, wie Rodrigo Valdés, Leiter der Abteilung für Haushaltsangelegenheiten des IWF bei der Vorstellung des „Fiscal Monitor“ am 14. Oktober 2026 feststellte: „Die fiskalischen Risiken steigen, doch eine angemessene Reaktion fehlt in vielen Ländern weitgehend.“

Damit ist es nur eine Frage der Zeit, bis aus heute noch beherrschbaren Schuldenlasten größere Probleme erwachsen. Schon in fünf Jahren wird beispielsweise Frankreich 3,7 Prozent vom BIP für den Schuldendienst aufwenden müssen. Da eine weitere Erhöhung der Steuer- und Abgabenlast zu einer konfiskatorischen Belastung führen würde, sind hier entgegen den Träumen der radikalen Linken enge Grenzen gesetzt.

Einsparungen wiederum lassen sich politisch immer schwerer durchsetzen und dürften auch im Falle eines Wahlsiegs von Marine Le Pen nicht erfolgen, wenngleich sie kürzlich einen Plan zur Sanierung der französischen Staatsfinanzen vorgelegt hat.

Bleibt ein weiterer Hebel, der nicht nur Frankreich, sondern allen verschuldeten Staaten helfen würde. Gemeint ist die sogenannte „finanzielle Repression“, also Nominalzinsen, die deutlich unter der nominalen Wachstumsrate der Wirtschaft liegen.

Ausgehend von den geringen Wachstumsaussichten aufgrund der demografischen Entwicklung und den – trotz KI – geringen Produktivitätszuwächsen, kann das nur gelingen, wenn man deutlich höhere Inflationsraten über einen längeren Zeitraum zulässt und zugleich über Regulierung der Kapitalmärkte und Intervention der Notenbanken die Nominalzinsen tief hält.

Übersetzt bedeutet dies, dass wir ziemlich sicher vor einer langen Phase deutlich negativer Realzinsen stehen. So unwahrscheinlich, wie das klingt, ist es nicht. Auch frühere Phasen der Zinssteigerung nach längeren Phasen real sinkender Zinsen dauerten nach Analysen des Wirtschaftshistorikers Paul Schmelzing nur rund zehn Jahre. Wiederholt sich dieses Muster, haben wir den Zinshöhepunkt bereits hinter uns. Gute Nachrichten für die Staaten, schlechte für Gläubiger und Sparer.

→ handelsblatt.com: „Die Realzinsen müssen runter“, 2. November 2026