(Wie) Wirkt die EZB Politik?

Vorletzte Woche habe ich mich intensiv mit der Geldpolitik beschäftigt. Heute werfe ich nochmals einen Blick auf das Thema und gehe der Frage nach, ob die Politik der EZB „wirkt“ und zwar in der Realwirtschaft – und wenn ja wie. Der Telegraph zitiert in diesem Zusammenhang eine neue Studie.

  • „Setting monetary policy for nations as diverse as export-heavy Germany and stagnant Italy is, in the view of many analysts, an impossible task. A few years ago a senior analyst at JP Morgan used World Economic Forum data and found the 13 random countries of the world beginning with the letter ‘M’ – from Madagascar to Mexico – were more suited to a currency union than the members of the euro.“ – bto: Die Studie habe ich auch schon mehrfach an dieser Stelle zitiert. Nachdem es in den vergangenen Jahren zu mehr Divergenz gekommen ist, dürfte es für die Eurozone noch schlechter aussehen.
  • „(…) Draghi can reasonably claim to be the individual most directly responsible for keeping the entire project on the road. (…) His big bazooka – potentially hundreds of billions to prop up the sovereign debt of Eurozone strugglers through so-called Outright Monetary Transactions – was never needed, because bond markets afraid to take on a 600lb gorilla with unlimited firepower never called his bluff.“ – bto: Diese Einschätzung teile ich. Nur hat Draghi damit die Krise unterdrückt, nicht gelöst und die Probleme sind immer weiter angewachsen.

Dazu zeigt der Telegraph diese Darstellung, leider, ohne sie weiter zu kommentieren. Dennoch fand ich sie so interessant, dass ich sie hier bringe (der Rest des Artikels vom Telegraph enthält auch nicht viel Erhellendes):

 

Quelle: Telegraph

Die Darstellung zeigt einen Vergleich eines fiktiven BIP-Wachstums („counterfactual“) mit dem tatsächlichen Verlauf. Demnach hat die EZB das Wachstum um rund einen Prozentpunkt erhöht. Quelle für diese Einschätzung ist die EZB selbst. In einem Paper versuchen die Analysten der EZB nachzuweisen, wie die Maßnahmen der EZB wirken. Leider ist das erst „forthcoming“ also noch nicht erschienen, wenn man auf der Webpage der EZB nachschaut. Sobald es verfügbar ist, werde ich es bei bto besprechen.

Was mich zum Ende des Artikels im Telegraph führt:

  • „(…) inflation falls consistently short of the ECB’s targets of ‘close to 2pc’ amid moribund growth.The central banking chief has tried almost everything: interest rates went negative in 2014, (…) Cheap funding lines for banks, so-called ‘targeted longer-term refinancing operations’ (TLTROs) has seen a total €750bn injected in two tranches in 2014 and 2016, (…) Arguably his biggest achievement was getting a quantitative easing program away in 2015, (…) That now stands at €2.6trn and is likely to be restarted in October.“ – bto: Und mit Lagarde kommen Helikopter und MMT.
  • „Professional economists surveyed by the ECB also predict an undershoot, stoking fears over a creeping ‘Japanification’ of the eurozone. (…) The fact is we have structural factors are forcing inflation down. The Eurozone suffers from a permanently weak economy and people have got very little confidence it will grow at a sustainable rate to raise inflation pressure.  After all a central banker can only do so much with monetary policy when fiscal firepower is needed. (…) Draghi has also called all but explicitly for those countries with ‘fiscal space’ – that is, Berlin – to open the taps.“ – bto: Das stimmt zwar, vergessen sollte man aber nicht, dass es selbst, wenn wir Schulden machen, nichts an der Tatsache ändert, dass der Euro fundamental nicht funktioniert.
  • „Experts suggest for example that Lagarde, if needed, could change the quantitative easing rules which currently limit the ECB to buying 33pc of the various bonds it buys. If Draghi’s ‘whatever it takes’ moment years ago saved the euro, his successor needs some of that spirit to finally get to grips with the eurozone’s lingering inflation pain.“ – bto: Und daran zweifle ich keine Sekunde.

    → telegraph.co.uk: „Has ECB boss Mario Draghi got anything left in his box of tricks?“, 11. September 2019

    Kommentare (15) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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      Wolf Palmer sagte:

      „Wirkt die EZB-Politik?“

      Der Austrian Roland Bader bezeichnet Zentralbanken als zerstörerische Institutionen und den herrschenden keynesianischen Geldsozialismus als die wahre Ursache der existierenden und der kommenden globalen Depressionen.

      Inzwischen gibt es eine große Anzahl kompetenter Volkswirte, die diese Meinung ebenfalls, wenn auch heimlich und diskret, vertreten.

      Am Beispiel der EZB kann man sehen, wohin es führt, wenn unverantwortliche Politiker es zulassen, daß diese Instititution im Stile eines John Law agiert und die meisten Euro-„Rettungs-Maßnahmen“ nicht nur wirkungslos sind, sondern auch in erster Linie verantwortlich sind für die Krisen, die das gesamte Eurosystem erschüttern werden.

      Ein schlimmer Vorläufer der EZB ist das „Monster“ FED, das nach Meinung des Authors Thomas Woods (Buchtitel „Meltdown“ 2009) die finstersten Rollen spielte und für die meisten Fehlleistungen einer Zentralbank in der amerikanischen Geschichte verantwortlich war und heute noch ist.

      Ich habe kein Vertrauen in eine Institutiion, die alle Grundsätze einer verantwortlichen Geldpolitik außer Kraft setzt und viele von uns zu armen Leuten machen wird.

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      Michael Stöcker sagte:

      Wirkt die EZB Politik?

      Diese Frage ist eigentlich seit Keynes geklärt. Am ZLB ist die Zentralbank machtlos. Keynes begründete dies mit der Liquiditätsfalle (pushing on a string bzw. die Pferde und die Tränke, die Karl Schiller im Rekurs auf Keynes in der Wirtschaftskrise von 1966 anführte).

      Wie Dietmar Tischer völlig korrekt immer wieder anführt, sind zugleich fundamentale REALwirtschaftliche Effekte am Wirken, die man mit der klassischen Zinspolitik der Notenbanken NICHT bekämpfen kann. Dazu braucht es zugleich der Fiskalpolitik (it takes two to tango). Aber auch diese ist ab einem bestimmten Punkt machtlos, das Inflationsziel zu erreichen. Warum, das hat Anwar Shaikh mAn überzeugend dargelegt (Stichwort: Real Competition). Und David Harvey hat sehr richtig erkannt, dass monetäres Wachstum via Staatsverschuldung auch in einer endlichen Welt unendlich möglich ist. Nicht nur ab Minute 42:55 sehr interessant: https://youtu.be/bgJtWQOzZ-s?t=2575

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      Wolfgang Selig sagte:

      bto: „Die Darstellung zeigt einen Vergleich eines fiktiven BIP-Wachstums („counterfactual“) mit dem tatsächlichen Verlauf. Demnach hat die EZB das Wachstum um rund einen Prozentpunkt erhöht. Quelle für diese Einschätzung ist die EZB selbst.“

      Mit Verlaub, diese Beurteilung ist m.E. mehr als grenzwertig. Die EZB rechtfertigt ihre Politik selbst damit, dass sie 1 % mehr Wirtschaftswachstum generiert hat als ohne diese Maßnahmen zustande gekommen wären? Und was ist mit den Gegenargumenten?

      Jetzt bediene ich mich mal bei Herrn Dr. Markus Krall und übersetze mal seine Argumentation sinngemäß:

      Wer sagt denn, dass das Wachstum nicht ein Prozent höher gewesen wäre, wenn die EZB die vom Niedrigzins am Leben gehaltenen Zombieunternehmen hätte pleite gehen lassen und im Gegenzug innovative Unternehmen leichter an Ressourcen, vor allem an Personal, Immobilien und andere Produktionsfaktoren gekommen wären?

      Und um es plakativer zu machen: Wäre es nicht sinnvoller gewesen, die Deutsche Bank, die Commerzbank und ähnliche Institute ruhig in die Abwicklung zu schicken und im Gegenzug die Fintechs, Wirecard, N 26 und andere noch schneller wachsen zu lassen? Im Einzelhandel weniger stationär und mehr im Internet?

      Faktisch hat die EZB durch die Maßnahmen dafür gesorgt, dass der Wettbewerbsdruck vor allem auf die Exportindustrie geringer ist als er es sonst wäre. Vielleicht wären wir bei Themen wie Elektroauto, selbstfahrendes Auto, Softwareunternehmen und anderes weiter, wenn z.B. Firmen aus der Stahlindustrie höhere Zinsen hätten zahlen müssen.

      Denn eines lässt der telegraph völlig außen vor: die Entwicklung der Produktivität im Euroraum. Aber wenn ich die nicht mit ansehe, bekomme ich keinen Gesamtüberblick zum Thema „Was wäre wenn…“.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Wolfgang Selig

        >Wer sagt denn, dass das Wachstum nicht ein Prozent höher gewesen wäre, wenn die EZB die vom Niedrigzins am Leben gehaltenen Zombieunternehmen hätte pleite gehen lassen …

        Wäre es nicht sinnvoller gewesen, die Deutsche Bank, die Commerzbank und ähnliche Institute ruhig in die Abwicklung zu schicken … Im Einzelhandel weniger stationär … ?>

        SEHR viele Ökonomen würde m. A. n. völlig zu Recht sagen:

        Wäre das geschehen, hätten wir eine TIEFE Rezession – zumindest erst einmal.

        Ob unter den dann herrschenden Umständen, insbesondere auch der generellen Verunsicherung, die Menschen mit ihrer NOCH-Nachfrage die Fintechs, den Online-Handel etc. für mehr nachhaltiges WACHSTUM in Schwung gebracht hätten, ist sehr zu bezweifeln.

        Vorsicht also.

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      Dietmar Tischer sagte:

      >The fact is we have structural factors are forcing inflation down. The Eurozone suffers from a permanently weak economy …>

      Wenn das so ist, dann ist doch zu fragen, WELCHES die strukturellen Faktoren sind, die die Inflation DAUERHAFT unten halten.

      Es wird nicht gefragt, weil an diesen Faktoren – durch Megatrends bedingt – so gut wie nichts zu ändern ist.

      Die ehrliche Antwort wäre der Offenbarungseid der Politik.

      Daher muss die EZB die Frage beantworten, was sie so tut:

      Das Geld muss billiger werden – oder, was die Strafzinsen anlangt – „und bist du nicht willig, brauch ich Gewalt“.

      Im Übrigen:

      Mit der Monetarisierung der Fiskalpolitik und Helikoptergeld direkt an die Bürger ist NICHTS gewonnen, soweit es die strukturellen Faktoren betrifft.

      Die Inflation, die sich die EZB wünscht, soll das Wachstum beschleunige bzw. Ausdruck eines beschleunigten Wachstums der WERTSCHÖPFUNG sein.

      Die Inflation, die – wenn sie aus dem Ruder läuft – mit Monetarisierung der Fiskalpolitik und Helikoptergeld bewirkt wird, ist eine der ASSETPREISE mit Enteignung der Gläubiger.

      Mit einer solchen Geldpolitik werden NEUE strukturelle Faktoren geschaffen, die die bestehenden DESTRUKTIV außer Kraft setzen.

      Das ist ein fundamentaler Unterschied.

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        Horst sagte:

        „Die Inflation, die – wenn sie aus dem Ruder läuft – mit Monetarisierung der Fiskalpolitik und Helikoptergeld bewirkt wird, ist eine der ASSETPREISE mit Enteignung der Gläubiger.“

        Wenn bestehende Kreditlinien nominal determiniert sind, kann den Gläubigern, die diese Assets halten, nichts Besseres passieren als die Inflationierung dieser, um Bewertungsgewinne zu erzielen.

        „Die Inflation, die sich die EZB wünscht, soll das Wachstum beschleunige bzw. Ausdruck eines beschleunigten Wachstums der WERTSCHÖPFUNG sein.“

        Wie kann Inflation (real-)wirtschaftliches Wachstum beschleunigen? Diesen Mechanismus sollten Sie darlegen.

        „Mit einer solchen Geldpolitik werden NEUE strukturelle Faktoren geschaffen, die die bestehenden DESTRUKTIV außer Kraft setzen.“

        Es werden neue Faktoren geschaffen, ob diese jedoch struktureller Natur sind und bestehende destruktiv außer Kraft setzen oder aber sinnvoll ergänzen, kann nur die Zukunft zeigen.

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          Markus sagte:

          @Horst:

          „Wenn bestehende Kreditlinien nominal determiniert sind, kann den Gläubigern, die diese Assets halten, nichts Besseres passieren als die Inflationierung dieser, um Bewertungsgewinne zu erzielen.“

          Warum sollten die Gläubiger die Assets halten? Normalerweise ist es doch so: der Gläubiger leiht dem Schuldner, der sich dann von dem geliehenen Geld z.B. ein Haus kaufen kann. Wie gewinnt da der Gläubiger, wenn die Hauspreise steigen? Das erschließt sich mir nicht.

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          Dietmar Tischer sagte:

          @ Horst

          >Wenn bestehende Kreditlinien nominal determiniert sind, kann den Gläubigern, die diese Assets halten, nichts Besseres passieren als die Inflationierung dieser, um Bewertungsgewinne zu erzielen.>

          Realistisches Fallbeispiel:

          A (Gläubiger) leiht B eine Summe X mit der dieser 50 Immobilien kauft.

          A hätte mit dieser Summe selbst 25 kaufen können.

          Bei Rückzahlung der nominal festgeschriebenen Summe X:

          Aufgrund der zwischenzeitlich erfolgten Assetinflation kann A nicht mehr 25 Immobilien kaufen, sondern nur noch 10.

          Er hat also einen Verlust erlitten hinsichtlich der Kaufkraft seines Geldes.

          Wo sie falsch liegen:

          Es geht nicht um Gläubiger, die Assets besitzen, sondern um Schuldner, die Assets besitzen, die sie mit Hilfe von Gläubigern erworben haben.

          >Wie kann Inflation (real-)wirtschaftliches Wachstum beschleunigen?>

          Unternehmen betreffend:

          Wachstum beschleunigen setzt vorhandenes Wachstum voraus:

          Wenn bestehendes produktives Sachvermögen fremdfinanziert wurde, also Zinsen erwirtschaften muss, kann es dies aufgrund von inflationsbedingt HÖHEREN Erlösen, in einem GRÖSSEREN Umfang.

          Die Möglichkeit für erneute Verschuldung, um zu investieren ist damit gewachsen.

          Konsumenten betreffend, wiederum bei bestehendem Wachstum und sicheren Arbeitsplätzen:

          Wenn ein Automobil nächstes Jahr aufgrund herrschender Inflation 3% mehr kostet, sagen wir € 1.000, besteht eine größere Tendenz, schon dieses Jahr ein neues zu kaufen als dies bei 1% der Fall wäre.

          >Es werden neue Faktoren geschaffen, ob diese jedoch struktureller Natur sind und bestehende destruktiv außer Kraft setzen oder aber sinnvoll ergänzen, kann nur die Zukunft zeigen.>

          Das ist richtig.

          Ich sage nicht, dass monetäre Staatsfinanzierung und Helikoptergeld NOTWENDIGERWEISE aus dem Ruder laufen werden und durch extrem hohe Inflation destruktive Faktoren geschaffen werden.

          Ich sage allerdings, dass die ERFAHRUNG zeigt, dass dies sehr wahrscheinlich der Fall sein wird und das daher damit zu rechnen ist.

    5. Avatar
      Richard Ott sagte:

      Sehen wir es doch mal praktisch: Wenn Madame Lagarde das Anleihenkauflimit von 33% auf 50% aller ausstehenden Staatsanleihen eines Landes anhebt, kommt sie damit beim aktuellen EZB-QE-Volumen noch ungefähr 7,5 Jahre hin, bevor sie bei deutschen Staatsanleihen wieder an die Grenze stößt. (Es sei denn, Deutschland gibt die „schwarze Null“ auf, aber das macht ja nicht mal eine grüne Kanzlerin wie Merkel im Angesicht des angeblich drohenden Klima-Weltuntergangs…)

      Eine Amtszeit eines EZB-Präsidenten geht 8 Jahre. Mit der aufgeblähten EZB-Bilanz kann sich dann Lagardes Nachfolger herumschlagen.

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