Grüne und Populisten machen bald gemeinsame Sache?

„The coming alliance of populists and greens“ titelt FINACIAL TIMES (FT) in einem Kommentar. Spontan denkt man daran, dass in Deutschland ein Bündnis von Grünen und AfD wohl völlig ausgeschlossen ist, leben doch beide Seiten von einer Ablehnung der jeweils anderen Position. Umso interessanter fand ich diesen Gedankengang, wiewohl mir der Glaube fehlt, es könne in Deutschland soweit kommen:

  • „On the face of it, populists and environmentalists are the two least reconcilable movements in world politics.One defines itself against transnational governance and the other counts on it to abate climate change. One electrifies the middle-aged and older while the other mobilises the young. The crossfire between US President Donald Trump and Greta Thunberg on Twitter last month captured the acrimony in miniature. Such is the surface tension that we miss what unites the two sides.“ – bto: In der Tat, das ist schwer vorstellbar.
  • „At the core of both movements is a mistrust of capitalism. For the populist, it undermines nationhood. For the green, it imperils all life. Their lines of approach are different, but both converge on a position that is recognisably Malthusian.“ – bto: Malthus hat bekanntlich schon 1798 vorhergesagt, dass die Welt nicht mehr Menschen ernähren könnte. Also ein wahrer Endzeitapokalyptiker. Dagegen bin ich wirklich Optimist.
  • „Populists assume that immigrants leave less of the (presumably fixed) national wealth for native-born citizens. The greenest greens equate economic and even demographic growth with the depletion of the planet. There is a measure of hokum in each claim. But it is compatible hokum.“ – bto: Eigentlich müssten wir alles tun, um das Bevölkerungswachstum in Afrika zu stoppen. Das wäre doch ein Programm für mehr Wohlstand vor Ort, weniger Migrationsdruck und weniger CO2-Ausstoß.
  • „‘Given time, the intellectual overlap might be the stuff of a political coalition. We are (…) yet-to-be-bettered “open versus closed’. The sorting process is incomplete, though. (…)  Time is likely to bring about a more coherent delineation, between those who are at ease with modernity and those who would like to unwind it some. If so, populists and environmentalists could find themselves on the same side.“ – bto: Wenn man es so sieht, dass Grüne und Populisten gleichermaßen gegen den Kapitalismus sind, wenn auch aus anderen Beweggründen, hat diese Argumentation etwas. Ich bezweifle allerdings, dass bei dem Thema Migration eine gemeinsame Linie zu finden ist. Und diese dürfte trotz Klima die für die Wahlen entscheidendere Komponente sein.
  • „In France, some of the gilets jaunes, who once howled at fuel taxes, are marching with greens. In Britain, there is a fad for agricultural autarky among your dig-for-victory kind of Brexiter. It is natural to see this romantic conservatism as an Old World thing. But it has been a part of American thought since Thomas Jefferson envisioned an agrarian republic. Woodrow Wilson, no less than Nixon, paired backward social views with an environmental conscience.“ – bto: Damit sind wir aber mit Blick auf Deutschland eher bei der Koalition CDU/Grüne, vermutlich unter grüner Führung, die sich andeutet. Es wäre dann ein auf Klima und Umwelt bezogenes Bündnis, das allerdings bei dem Thema Migration eine große Flanke offenließe und eben nicht die Brücke bauen würde, um die Spaltung zu überwinden.
  • „No one is suggesting eyeball-to-eyeball teamwork here. Mr Trump rallies and Extinction Rebellion marches will never blend. But each side can vote against the market without having much to do with the other. What they lack in fellow-feeling they can make up for in decisive numbers.“ – bto: Dies dürfte nun auch stimmen. Es ist so oder so ein Weg in die Unfreiheit.

→ ft.com (Anmeldung erforderlich): „The coming alliance of populists and greens“, 9. Oktober 2019

Kommentare (6) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Christian sagte:

    Die hier skizzierten Parallelen sind mir auch bereits aufgefallen. So wie die als Euro-kritische Partei gegründete AfD inzwischen vom rechtsnationalen Flügel gekapert wurde und seither fast ausschließlich auf der Anti-Migrations-Welle surft, so ist die Fridays-For-Future-Bewegung gerade dabei, vom sehr weit links stehenden Spektrum gekapert zu werden. Dabei ist das Thema „Klimawandel“ lediglich ein Vehikel bzw. Mittel zum Zweck, um in seinem Windschatten eine vollkommen andere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu errichten. Genauso verhält es sich mit den Worthülsen „soziale Gerechtigkeit“ und „Migration“, in die man quasi hineininterpretieren kann, was man möchte. Es sollte jedem klar sein, dass die pervertierten Auswüchse des Kapitalismus gekappt und aktuelle Wirtschaftsmodell viel stärker auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz ausgerichtet werden muss. Dennoch halte ich nichts davon, das freiheitlich-demokratische Gesellschaftsmodell sowie das Prinzip der Marktwirtschaft abzuschaffen. Es sind Korrekturen nötig, keine Frage! Wer aber sämtliche Veränderungen oder Kompromisse, die in ihren Grundstrukturen eine Beibehaltung dieser zwei wichtigen Pfeiler unseres Wohlstands vorsehen, pauschal ablehnt und nur in sozialistischen Tendenzen das Heilmittel für unsere Probleme sieht, der demaskiert sich selbst. Ähnlich verhält es sich mit dem ungebremsten Bevölkerungswachstum in Afrika. Hier anzusetzen gehört meines Erachtens zu einem effektiven Klimaschutz hinzu. Aber leider scheint dies – ganz besonders in Deutschland – ein Tabu-Thema zu sein, das aus Gründen der politischen Korrektheit nicht öffentlich angesprochen werden darf. Ich habe in Gesprächen mit Bekannten leider immer wieder feststellen müssen, dass es in westlichen Ländern Bevölkerungsteile gibt, die die Welt gedanklich in Schuld- und Opferkollektive einteilen: das Schuldkollektiv besteht aus den (weißen, christlichen) Europäern, die für Sklaverei, Kolonialismus, Unterdrückung und Plünderung anderer Kontinente sowie für die Vernichtung von Millionen Indigenen in Amerika stehen. Dem Opferkollektiv hingegen werden z. Bsp. Menschen aus Afrika oder andere Minderheiten zugerechnet. Die der Denkweise dieser Menschen zugrunde liegende Logik bzw. Kausalität ist folgende: Zugehörige des Schuldkollektivs dürfen sich aufgrund dessen, was sie in der Vergangenheit anderen angetan haben, im Heute, Hier und Jetzt nicht zu Verfehlungen und Missständen äußern, die seitens des Opferkollektivs entstehen. Sie möchten ihre „Läuterung“ zur Schau stellen und tragen diese wie ein moralische Monstranz vor sich her, was nicht selten in einer Einengung des „akzeptablen Meinungskorridors“ und sozialen Ächtung Andersdenkender endet. Aus diesem Grund halte ich es, zumindest in Deutschland, für nahezu ausgeschlossen, dass die extreme Linke sowie die extreme Rechte gemeinsame Sache machen.

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      Richard Ott sagte:

      @Christian

      „Ich habe in Gesprächen mit Bekannten leider immer wieder feststellen müssen, dass es in westlichen Ländern Bevölkerungsteile gibt, die die Welt gedanklich in Schuld- und Opferkollektive einteilen: das Schuldkollektiv besteht aus den (weißen, christlichen) Europäern, die für Sklaverei, Kolonialismus, Unterdrückung und Plünderung anderer Kontinente sowie für die Vernichtung von Millionen Indigenen in Amerika stehen. Dem Opferkollektiv hingegen werden z. Bsp. Menschen aus Afrika oder andere Minderheiten zugerechnet. “

      Der Abgeordnete Sichert (AfD) hat das zum Thema „Operation Friedensquelle“, also der türkischen Militärinvasion in Syrien, sehr schön formuliert und einen regelrechten Wutausbruch bei Claudia Roth damit verursacht: „SPD, Grüne und Linke suchen den Schulterschluß mit Rechtsextremisten, solange diese Türken sind und nicht Deutsche“

      Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass gerade die SPD von einer Menge Erdogan-treuer Türken infiltriert wurde und die keine Politik im Sinne deutscher oder auch nur europäischer Interessen machen, aber grundsätzlich sehe ich den Denkfehler mit dem Schuldkollektiv und dem Opferkollektiv bei den Linken auch so wie Sie.

      Besonders faszinierend dabei ist, dass bei der Zurechnung zum Opferkollektiv dann sogar wieder mit ethnischen Zuordnungskriterien (der AfD würde man sagen, die seien „völkisch“) gearbeitet wird, so kommt zum Beispiel Mesut Özil, der seit seinem 18. Lebensjahr nur noch deutscher Staatsbürger ist, bei den Linken damit durch, wenn er sagt: „‚Erdogan ist der derzeitige Präsident der Türkei, und ich würde dieser Person immer Respekt zollen, wer auch immer es ist‘ (…) [Özil] sei zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen, die Türkei gehöre jedoch zu seiner Identität.“ https://de.nachrichten.yahoo.com/premier-league-mesut-%C3%B6zil-packt-072749561.html

      Stellen Sie sich mal vor, ein US-amerikanischer Fußballspieler in Deutschland würde nach einem Tor für die US-Armee salutieren oder gar ein signiertes Trikot „hochachtungsvoll seinem Präsidenten Trump“ schenken…

      „Aus diesem Grund halte ich es, zumindest in Deutschland, für nahezu ausgeschlossen, dass die extreme Linke sowie die extreme Rechte gemeinsame Sache machen.“

      Wenn Sie wirklich Extremisten meinen und das keine Polemik ist: Doch, das geht schon, aber nur auf Zeit und mit klar definierten strategischen Zielen. Sogar Hitler und Stalin konnten miteinander ein Bündnis schließen um Polen anzugreifen und aufzuteilen. Rechts- und Linksextremisten (und auch islamistische Extremisten) könnten sich auch heute noch dazu entschließen, erst gemeinsam die Demokratie zu beseitigen und erst danach auszukämpfen, wer am Ende die Macht übernimmt. Eine gefährliche Strategie, aber durchaus in sich schlüssig.

      Interessant ist auch das aktuellere Beispiel Ukraine, wo die vorherige ukrainische Regierung paramiltärische Einheiten aus richtigen Ukronazis (keine Polemik, die haben sich selbst die Hakenkreuze auf ihre Militärausrüstung gemalt) in den Krieg im Donbass schickte, um die pro-russischen Rebellen zu besiegen – was am Ende allerdings nicht klappte. Die ukraninischen Nazis sind eigentlich mit den meisten der ukrainischen Oligarchen verfeindet weil die größtenteils jüdisch sind, aber diese Frage stellten sie erstmal bis zum erwarteten Sieg im Bürgerkrieg zurück. Ein riesiges Problem für den neuen Präsidenten Zelensky, der im Wahlkampf versprochen hatte, den eingefrorenen Konflikt zu lösen, dann irgendwie die von seinem Vorgänger auch noch hochgerüsteten Nazi-Paramiltärs entwaffnen muss und auch noch selbst jüdisch ist…

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    Dietmar Tischer sagte:

    Hübsche Fingerübung, in der Differenzierung Parallelen zu finden.

    >… each side can vote against the market without having much to do with the other.>

    Dieser Schlusssatz ist die Basis einer Argumentation, die als GEMEINSAMKEIT die ZERSTÖRUNG des Systems feststellt und darauf aufbauend, die Differenz bestimmt.

    Die nationalliberalen Populisten – in Abgrenzung zu den „völkischen“ – wollen die schrankenlose Globalisierung ZURÜCKBILDEN, um zu national beherrschbaren Verhältnisse zu gelangen.

    Das bestehende supranationale Ganze ist hier das Problem.

    Die kompromisslosen Grünen – in Abgrenzung zu den „grünen Populisten“ in den Volksparteien – wollen das System global UMGESTALTEN, um ein beherrschbares Klima zu gewährleisten.

    Ein anderes Ganzes ist hier die supranationale Lösung.

    Die Differenz liegt zwischen Zurückbildung und Umgestaltung.

    Zurückbildung will kein Ganzes.

    Umgestaltung zielt auf ein Ganzes.

    Da die Ziele so fundamental auseinanderliegen, wird es keine Zusammenarbeit geben.

    Wie festgestellt, wird sich dies insbesondere am Umgang mit der Migration zeigen.

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    Horst sagte:

    „bto: Malthus hat bekanntlich schon 1798 vorhergesagt, dass die Welt nicht mehr Menschen ernähren könnte. Also ein wahrer Endzeitapokalyptiker. Dagegen bin ich wirklich Optimist.“

    Es erschließt sich mir nicht, warum noch immer 200 Jahre alte Schriften des Misanthropen Malthus („…dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen…“) hervorgekramt werden, um eigene (fragwürdige, auch im historischen Kontext) Thesen zu untermauern.
    Das sich die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie in den kommenden Jahren verändern wird (werden muss), um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, steht ausser Frage, einen Ausblick gibt dieser Beitrag:
    https://www.deutschlandfunk.de/landwirtschaft-und-klimawandel-die-nahrung-der-zukunft-aus.724.de.html?dram:article_id=461509

    „bto: Eigentlich müssten wir alles tun, um das Bevölkerungswachstum in Afrika zu stoppen. Das wäre doch ein Programm für mehr Wohlstand vor Ort, weniger Migrationsdruck und weniger CO2-Ausstoß.“

    So ist es. Warum aber wird es nicht getan?

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Horst

      Niemand UNTERMAUERT die These von Malthus.

      Der Verweis auf ihn ist EINE Sichtweise auf die Probleme.

      Abgesehen davon, WO ist die Institution („Weltgerichtshof“), an der sich das vermeintliche RECHT eines jeden auf Nahrung DURCHSETZEN lässt?

      Moralisieren ist hier einfach nur Hilflosigkeit.

      Zur Forderung, dass die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden muss:

      Das ist ein akzeptables Ziel.

      Wie erreichen wir es?

      Die Nahrungsmittelproduktion müsste sich an der in den entwickelten Volkswirtschaften orientieren – ich sage orientieren, nicht 1:1 kopieren:

      Stark steigende Produktivität mit kapitalintensiver Bewirtschaftung, die auf schnelles Wachstum auf dem Acker und im Stall ausgelegt ist.

      Abgesehen davon, dass diese Bewirtschaftung bei uns unter massiver Kritik steht (Verseuchung des Grundwassers durch Überdüngung, Massentierhaltung etc.), ist sie nicht zu verwirklichen in Afrika oder Südamerika.

      Das System finanziert sie nicht.

      Daher wird die Nahrungsmittelproduktion durch Rodung und Abbrennen von Wäldern gesteigert.

      Auf Basis dieser Ausgangslage würde ich gern etwas über Lösungen erfahren.

      >„bto: Eigentlich müssten wir alles tun, um das Bevölkerungswachstum in Afrika zu stoppen. Das wäre doch ein Programm für mehr Wohlstand vor Ort, weniger Migrationsdruck und weniger CO2-Ausstoß.“>

      Eigentlich – WIE?

      Eine wachsende Bevölkerung ist in Afrika die VERSICHERUNG vor Altersarmut nach Lage der Dinge vor allem aus Sicht der Frauen, die im Durchschnitt 4,6 Kinder zur Welt bringen.

      Man müsste den Menschen eine andere Versicherung anbieten UND sie überzeugen, dass es eine ist, der sie vertrauen können.

      Auch hier: Lösungsvorschläge, bitte.

      DENKBAR ist vieles.

      Wenn das Denkbare mit Beeinträchtigungen oder gar Wohlstandsverlusten hierzulande verbunden ist, gehört zu den Lösungen auch, WIE die hiesige Bevölkerung davon überzeugt werden soll und kann, Verzicht zu leisten.

      Das ist nicht durchzudeklinieren, aber ansatzweise darzulegen.

      Dass man es nur ANDERS machen muss, damit es woanders BESSER wird, ist Kinderkram, auf den sich vernünftige Menschen zu Recht nicht einlassen.

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    Hansjörg Pfister sagte:

    Ich sehe nicht, dass die AFD – insofern man diese mit dem doch sehr ausgelutschten Begriff „Populisten“ versehen will – „gegen den Kapitalismus“ ist. Es gibt natürlich Bestrebungen die auf einen nationalen Sozialismus hinauslaufen, sowohl von linker (Sarah Wagenknecht) als auch von rechter Seite (Höcke). Aber eine Queerfront ist doch wohl ausgechlossen (abgesehen vielleicht von punktuellen Vereinnahmungsversuchen), denn der grundlegende ideologische Graben liegt zwischen den Neomarxisten bzw. den neomarxistisch Infiltrierten (das reicht weit in deie CDU hinein) und denen, die das nicht sind. Zwischen Marxisten/Neomarxisten und allen anderen, die das nicht sind, kann es nicht mal eine vernünftige Kommuniktion geben, zu groß ist die Entfernung der Neomarxisten von der Realität. Wie soll man denn mit jemanden reden, der keine argumente ad rem zulässt, immer nur moralisch argumentiert und sich als moralischer Herrenmensch aufführt?

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