«Gelddrucken hat noch nie funktioniert» ‒ dennoch 5.000 Euro für jeden?

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Na, da habe ich mir ja einige Kritik eingehandelt. Zuerst mit den 10.000 Euro für jeden, nun mit den 5.000. Ein Blick in die Kommentare auf diesen Seiten gibt einen sehr guten Überblick über den zentralen Konflikt, in dem wir uns befinden. Gläubiger versus Schuldner. Ich habe sehr viel Sympathie für die Sicht der Gläubiger. Auch für die Sicht, dass gerade jene, die bereits seit Jahren hohe Steuerlasten tragen, erneut zur Kasse gebeten werden. Gerecht ist das nicht. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Profiteure der jahrzehntelangen Schuldenwirtschaft andere sind. Doch glaube ich, es nutzt uns nichts, wenn wir auf unser Recht pochen. Die Schuldner können nicht zahlen, und je länger wir wider besseren Wissens auf unseren Forderungen bestehen, desto größer wird der Anteil der Forderungen, die nicht bedient werden können. Besser ist dann allemal, wie bei einer Unternehmensinsolvenz, gemeinsam eine Sanierung zu versuchen, bei der alle Beteiligten einen Beitrag leisten.

Doch wie komme ich zu den ‒ zugegeben extremen ‒ Gedanken zur Geldpolitik? Hier die Zusammenfassung, die regelmäßigen Besuchern von bto wohlbekannt ist.

  • In Europa sind viele Ländern überschuldet und zwar Staat, Nichtfinanz-Unternehmen und private Haushalte.
  • Der Anteil nicht mehr bedienbarer Schulden dürfte bei drei bis fünf Billionen Euro liegen.
  • Die Geldpolitik hat den „Schuldenturm“ vor dem Einsturz bewahrt, kann ihn aber nicht abtragen, weil bei Überschuldung Inflation nur durch Zerrüttung des Vertrauens in Geld erzielt werden kann. Alle wollen nämlich „Deleveragen“ also Schulden abbauen, was deflationär wirkt (und damit den Schuldenberg relativ noch erhöht, siehe Irving Fisher).
  • Die Lösung kann nur eine Schuldenrestrukturierung sein, entweder ungeordnet über Pleiten oder (besser!) geordnet über einen Schuldentilgungsfonds, bei dem die Gläubiger auch verzichten. Kosten für Deutschland wären eine Billion plus x.
  • Die Politik scheut sich in diese Richtung zu gehen, weshalb die Last weiter bei der EZB bleibt. Da diese das Problem nicht durch Inflation lösen kann, gibt es drei Optionen für die Geldpolitik.
  • 1: Weiter wie bisher, was zwar noch stabilisierend wirkt, aber nur Spekulation anheizt, während die Schulden weiter schneller als die Wirtschaft wachsen. Geht nicht ewig gut.
  • 2: Kauf von Staatsanleihen und danach „Annullierung“ ‒  das wäre der Schuldentilgungsfonds ohne demokratische Legitimierung und auch ohne Gegenleistung für die Gläubiger (wie echte Reformen) und trägt die Gefahr in sich, dass die Bevölkerung das Vertrauen in Geld verliert und/oder der Geldüberhang dann doch den Weg in die Realwirtschaft findet. Folge: Ketchup-Inflation.
  • 3: Eine wirksamere Version von 1. wäre, Geld direkt an die Bürger zu zahlen, weil a) gerechter, da alle und nicht nur Banker/Spekulanten verdienen. b) Hilft den echten Schuldnern, was c) dann auch den Banken hilft. d) Belebt den Konsum. Risiko ist auch hier ein Vertrauensverlust, aber geringer als bei 2.
  • Um wirksam zu sein, muss es ein bedeutender Betrag sein. Ich denke 5.000 Euro sollten es mindestens sein. Wenn man schon diesen Weg geht, dann massiv. 10.000 Euro pro Kopf würde rund drei Billionen entsprechen.

Wie gesagt: Mir wäre der transparente Weg der Restrukturierung lieber, aber ich denke, die letzten fünf Jahre lehren, es wird nicht kommen. Dann droht Chaos.

Wieso Geldpolitik nicht funktioniert und welche Nebenwirkungen sie hat, bringt ein Interview in der FINANZ und WIRTSCHAFT auf den Punkt:

  • „Wir leben in einer Welt geistiger Umnachtung. Rund um den Globus lassen die Zentralbanken die Geldpresse auf Hochtouren laufen. Wie die Geschichte zeigt, hat Gelddrucken aber noch nie funktioniert. Schon als das Römische Reich unterging, wurden die Silbermünzen gestreckt, um mehr Geld zu schaffen. Ebenso liess Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein während der Hyperinflation in der Weimarer Republik die Druckmaschinen Tag und Nacht laufen. Nun begehen wir den gleichen Fehler erneut.“
  • „In meinem Büro hängt ein Zitat des Ökonomen Ludwig von Mises, gemäss dem jede Kreditausdehnung letztlich in allgemeiner Verarmung endet. Von Mises hat auch gesagt, dass ein Boom nur so lange anhält, wie das Kreditvolumen in immer höherem Tempo wächst. Genau in diesem Teufelskreis stecken die Zentralbanken.“
  • „Wie lange das globale Experiment der Zentralbanken noch weitergehen kann, weiss ich nicht. Es fühlt sich aber mehr und mehr so an, als ob wir uns dem Tag nähern, an dem alles ausser Kontrolle gerät und im Chaos endet.“
  • „Der Markt ist aber auch heute zu annähernd 25% überbewertet. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen den Gewinn pro Aktie durch Rückkäufe künstlich aufblähen und für solche Tricks ein Rekordvolumen an Schulden anhäufen. Die Einnahmen hingegen halten nicht mit. So ist das Kurs-Umsatz-Verhältnis heute höher als in den Jahren 2000 und 2007.“
  • „Derzeit sind so gut wie alle Preise manipuliert: Zinsen werden künstlich tief gehalten, Aktien gepusht und Gold nach unten gedrückt. Am Terminmarkt wird mit riesigen Kredithebeln gezielt versucht, technisch wichtige Widerstandslinien des Goldpreises zu brechen. Diese Angriffe finden nachts oder frühmorgens statt, wenn der Handel dünn ist. Kurzfristig mag das funktionieren. Klar ist aber, dass die Nachfrage nach physischem Gold steigt. Auch ist die Leasing-Rate für Gold momentan negativ, was sehr selten ist und auf Engpässe hindeutet.“

bto: Die Geldpolitik nähert sich dem Ende und wird ‒ so unglaublich es klingen mag ‒ noch aggressiver werden. Und dann doch lieber zugunsten der eigentlichen Schuldner wie oben diskutiert. Gut ausgehen dürfte das Ganze, wie gesagt, nicht.

FINANZ und WIRTSCHAFT: «Gelddrucken hat noch nie funktioniert», 18. November 2014

5 Kommentare
  1. Hartmut G. says:

    Guten Abend, Herr Stelter,

    „Besser ist dann allemal, wie bei einer Unternehmensinsolvenz,“

    ja, stimmt. Ihre Analysen sind immer brilliant, auch oberer Vorschlag macht Sinn, warum sind dann aber Ihre übrigen Vorschläge i.d.R. immer genau das Gegenteil? z.B. „Hubschraubergeld“ oder einfach aus unbeteiligten Dritten das Geld rausprügeln („Back2Mesopotania“)….

    Dann nehmen Sie sich doch mal ein Beispiel an der von Ihnen gelobten Unternehmensinsolvenz und gehen die mal KONSEQUENT durch, z.B. am einfachsten Beispiel des überschuldeten vollständig bankrotten (Bau)Bankensektors in Spanien.
    1.) Einfrieren aller Transaktionen
    2.) Bilanzierung
    3.) Insolvenzverwalter als GF (bei Banken z.B. Zentralbank)
    4.) Liquidation, egal wie schmerzhaft, egal was bei rauskommt
    5.) bis zum Abschluss der Insolvenz und vollständigen Liquidation sind keinerlei neue ungedeckte Verbindlichkeiten einzugehen
    ….

    Nein, das passiert nicht, warum? IMHO weil keiner an soviel Ehrlichkeit Interesse hat, zu tief hat sich die kollektive Party-Korruption inzwischen durch ALLE! Bereiche der Gesellschaft gefressen.
    Und solange keiner dazu bereit ist, solange wird es nunmal den Forderungsüberhang geben, da kommen Sie nicht drumrum, auch nicht mit Hubschraubern.
    mfG

    P.S.
    Wenn Sie denn schon das für eine tolle Idee halten, Ihre „Falschgeld-Hubschrauber“ können ja meinetwegen für die Sicherstellung der 100K€ EU Einlagensicherung im Zuge der Insolvenzen eingesetzt werden, da werden vermutlich noch genügend Vielfache von 5000€ gebraucht.

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Alles klar. Nur was passiert denn, wenn die Banken dicht gemacht werden, wie von Ihnen beschrieben?
      1. Dann werden die eigentlichen Schuldner nicht entschuldet, bei denen wird weiter versucht, vergeblich eine Tilgung zu fordern.
      2. Irgendjemand muss den Schaden bezahlen. Das sind Gläubiger und Eigentümer der Banken.
      3. Das sind wiederum andere Banken, Versicherungen und EZB.
      4. Damit sind es auch unsere Banken und Versicherungen, also verlieren wir dann auch Geld.
      5 Da das chaotisch wäre und teuer, bin ich dafür, es geordnet zu machen und dann kommen Themem wie Back to Mesopotamia auf den Tisch. Nicht, weil ich an Ihr Geld will, sondern weil der Schaden geordnet verteilt werden muss.

      Aber keine Angst. Kommt eh nicht. Dann noch eher Helikopter Geld.

      Antworten
      • Hartmut G. says:

        natürlich geht das, wenn man es denn will. Sie sind schlichtweg nicht konsequent (ggf. weil Sie sich in Ihrer B2M-Geschichte so verrannt haben?). Einmal sagen Sie Unternehmensinsolvenz, im nächsten Atemzug dann sowas wie „Schaden muss verteilt werden“. Das passt einfach nicht.

        zu:
        1.) Jeder non-performing loan wird konsequent liquidiert. Pech für z.B. die Spanier die glaubten mit den Häusle-Ponzi-Scheme reich zu werden (oder einfach nur dumm waren).
        2.) Wenn das dazu führt, dass die Bank in Schieflage gerät, werden die Reste Bank liquidiert. Pech für die Eigentümer und Anleihehalter. Bin z.B. selber VB-Genossenschafter mit 100% Nachschusspflicht. Und nein, Bankanleihen von Banken kaufe ich eben gerade deshalb nicht, auch wenn es da mehr Prozente gibt.
        3&4.) Dann bluten eben auch andere Banken und Versicherungen etc. Keine Ahnung warum deren Boni und Protzbauten weiterhin aus dem besagten systemischen Forderungsüberhang generiert werden sollen, wenn denn ihre Aktivitäten nicht nachhaltig waren. Ich habe auch noch ein paar Aktien der DB, mein Pech eben, sollte es denn so kommen. Und wer so dämlich war sich vom netten Herrn Kaiser von nebenan aus Steuergeiz eine Lebensversicherung aufschwatzen zu lassen, warum soll der nicht genauso bluten wie ein Prokon-Anleihenhalter, wenn’s daneben geht?
        5.) Sie sind doch so scharf auf (Falsch)Gelddrucken und unter die Leute bringen, bei obiger Abwicklung werden Sie noch genügend Gelegenheit haben Geld zu drucken und unüberwindbare Lücken, die es gemäß gesetzlicher (EU-)Zusagen sicherlich geben wird, zu schließen.
        mfG

  2. MFK says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    mir ist nicht klar, wie ein Geldgeschenk die systemischen Probleme auch nur ansatzweise lösen soll. Woher kommt das Geld hierfür? Es kann nur durch Aufnahme weiterer Schulden geschaffen werden. Schulden sind aber genau das Problem. Im widrigsten Fall werden schwere Kollateralschäden angerichtet, wie z.B. Handelskriege durch die unvermeidbare Währungsabwertung, die mit einem Geldgeschenk in Höhe von € 2 Billionen verbunden ist. Von diesen 2 Billionen fließen vermutlich eh mehr als die Hälfte wieder als Steuern an den Staat zurück.

    Sie haben natürlich Recht, wenn Sie vermuten, die Politiker, welche im Erhalt des status quo verhaftet sind, würden den Weg einer Entschuldung nicht gehen. Selbst die Bibel sah aber eine generelle Entschuldung nicht vor, sondern nur innerhalb des „eigenen Stammes“. Was wir also brauchen, ist ein Insolvenzrecht für Staaten.

    Auch Banken sind als Kapitalsammelstellen bei negativen Zinsen sinnlos, erst recht, wenn sie bei Fehlallokation ihrer Mittel nicht haften, sondern, soweit sie nur groß genug sind, mit Steuermitteln gerettet werden. Solche Banken brauchen wir nicht.

    Langfristig brauchen wir auch anderes Geldsystem, aber hierzu haben Sie ja bereits ausführlich geschrieben.

    Die gute Nachricht. Wirtschaft ist ein autopoietisches System, verschwindet also nicht in einem schwarzen Loch.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Herr Krause und alle anderen aktiven Diskutanten: Die Antwort lautet „Nein“. Ich denke nicht, dass

      – die Systemprobleme damit gelöst werden,
      – die Politik sich danach bessert,
      – dass es eine Lösung der Probleme ist.

      Ich bleibe bei meiner ‒ vielleicht naiven und deshalb grundsätzlich immer kritisierbaren ‒ Meinung:

      – Schulden müssen abgebaut werden. Besser schneller als langsam, besser geordnet als chaotisch. Wenn man das macht, belastet man jene, die Vermögen haben. Ist ungerecht, aber für alle sinnvoll. Minimiert Schaden.
      – Da es die Politik nicht machen wird, ist eher davon auszugehen, dass die EZB weiter macht wie bisher. Sie druckt zwar kein Falschgeld, kauft aber zunehmend wackelige Wertpapiere auf ‒ was in die Richtung Falschgeld geht. Es profitieren davon letztlich Banken, Spekulanten und Politiker/Staaten.
      – Deshalb lieber das Geld direkt an die Bürger ‒ was den Schuldnern wirklich helfen würde. Denken Sie an verschuldete Privathaushalte, die dann Schulden tilgen könnten und damit auch die Banken indirekt stabilisieren. (Ich sehe schon den Kommentar, dass die dann gleich wieder neue Schulden machen, denke aber, dass dies nicht stimmt, wenn sie an spanische Immobilienkäufer denken.)
      – Als Nebeneffekt wird auch unsere Geldordnung thematisiert und das ist eine gute Idee, denn sonst kommt die Diskussion nicht in Gang.

      Generell zeigt aber die Diskussion, dass man so die Krise und Lösungsansätze wieder mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit bekommt. Und das ist gut. Denn ich denke, wir alle, die hier diskutieren sind uns zumindest dahingehend einig, dass ein Weiter-so nur den Schaden vergrößert.

      Antworten

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