Eurozone: Keine Angst vor Bail-ins!

Michael Sandbu von der FT ist ein beeindruckender Journalist und klarer Denker. Immer wieder fasst er die Lage in der Eurozone treffend zusammen und stellt sich entsprechend kritisch zu den verschiedenen „Lösungsvorschlägen“. Hier macht er einen Schritt zurück und fragt nochmals, was wir denn eigentlich erreichen wollen:

Zunächst stellt er die Frage, nach dem Zweck der Reformen: „(…) do the reforms aim to make the eurozone better at crisis management or to enhance its performance in regular times?

  • „Many of the concrete proposals — perfecting bail-in rules, internationalising the protection of deposits, facilitating the restructuring of sovereign debt in extremis — are largely relevant as measures to minimise the damage of future panics (and thereby their likelihood). The focus on removing non-performing loan assets from bank balance sheets, too, is largely about cleaning up a post-crisis mess.“ bto: Ich denke, es geht in Wirklichkeit nur darum, den Schuldenberg irgendwie loszuwerden.
  • „The key disagreement here is really about how different approaches to crisis management — roughly, throwing taxpayer money at panicking markets versus creating a predictable and regular mechanism for having investors take losses when necessary — affect the regular workings of the eurozone. The mutualisers worry that the prospect of bail-in and restructuring will trigger self-fulfilling panics unnecessarily. The bail-in proponents worry that promising to stand behind debts will implicitly subsidise and therefore encourage investors to take greater risks than they otherwise would — making a crisis more likely.“ bto: Man könnte auch schreiben: Frankreich, Italien und die anderen Schuldner versus Deutschland (noch). Ich denke, es ist richtig, das Risiko wieder einzuführen. Es muss aber glaubhaft sein und wir müssen eine Antwort auf die vorhandene Überschuldung geben.
  • „On the few occasions European leaders have actually tried to solve market panics by restructuring debts — Greece in 2012, Cyprus in 2013 and tentative bank debt restructuring in Portugal, Spain and Italy since — things have always gone better than feared. The historical experience with sovereign debt restructuring shows the same. bto: Das bedeutet, dass es besser ist, Pleiten und Bail-ins zuzulassen und ist damit wiederum eine Unterstützung für eine deutsche Politik der Vergangenheit, die nun ohne Grund über Bord geworfen wird mit dem Ziel, die reichen Länder rauszuhauen, auf Kosten der ärmeren deutschen Haushalte. Ist das sozial?
  • „Second, is the vision one in which stabilisation, risk-sharing and convergence are the results of private financial integration (under the various labels of banking union, capital markets union and financial union) or the pooling of taxpayer resources (fiscal union in some guise or other)? At the moment the most likely outcome of the imminent eurozone agenda is one that largely focuses on the former and kicks the latter into the long grass. That need not be a bad thing — even those who want a fiscal union should not let the best be the enemy of the good.“ bto: Genau, so ist es! Denn wir kennen doch die Studien, die zeigen, dass selbst in den USA, wo viel mehr staatliche Umverteilung stattfindet, 80 Prozent eines Schocks vom Privatsektor aufgefangen wird!
  • „Third, where do we foresee the right balance to lie between national policy autonomy and centralised power — whether that power is expressed through (possibly reformed) rules or through decision-making authority at the eurozone level (such as through a eurozone finance minister)? The answer is crucial to the long-term legitimacy of monetary union: it cannot be seen as incompatible with democratic choices over domestic economic models.“ bto: ein klares Votum für mehr nationalstaatliche Autonomie! Richtig so.
  • „(…) are the reforms really about making the eurozone work better or do the rationale for them apply just as strongly to the EU? The idea of a euro-area budget or fiscal capacity, for example, is variously defended as a stabilisation tool against shocks or as a way to fund important public goods at the eurozone level. But it is hard to think of any kind of pan-eurozone public expenditure that it is not just as useful for all EU countries to participate in. There is no monetary imperative to pool energy and infrastructure investments, for example, at the eurozone level only rather than across the entire single market.“ bto: genauso wenig wie der Euro erforderlich war und ist, um die Einheit Europas zu fördern.

„These distinctions are different from the faultlines usually identified in the eurozone debate, such as risk reduction versus risk sharing or solidarity versus discipline.“ bto: In Wahrheit geht es ja auch um etwas anderes: Wer trägt die unvermeidlichen Verluste?

FT (Anmeldung erforderlich): „Four questions for euro reform“, 2. Februar 2018

Kommentare (13) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Nanna Albert sagte:

    Hallo lieber Daniel Stelter,

    ich musste heute an Sie denken, weil unser Sohn mit seinen fast 18 Jahren gestern Abend sehr vergnügt den Lego-Movie geschaut hat und ein ums andere Mal rief „ja, klasse, genau“ oder so ähnlich….(da er jetzt in der Ausbildung ist, hat er nun auch das „pralle Leben“ um die Nase) und Sie hatten in einem ihrer Texte (kommt mir schon eine Ewigkeit her vor) den kleinen Mann eingebaut …erinnern Sie sich?! Tja und heute hat sich immer noch nix Wesentliches bewegt und der Crash lässt auf sich warten….aber in 2018 kommt er – wetten?! Viele liebe Grüße an Sie, Nana Albert

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      Michael Stöcker sagte:

      Danke für den Link. Ich teile viele Einschätzungen von Kreutzer; insbesondere diese:

      „Würden die Staaten den Mut aufbringen, im Umfang des Ersparniszuwachses selbst „Staatsgeld“ zu emittieren, statt Ausgaben zu kürzen und damit Aufgaben zu vernachlässigen, statt Staatseigentum in private Hände zu überführen und da-mit Volksvermögen dauerhaft aus der Hand zu geben, statt Steuern zu erhöhen und damit dem Binnenmarkt Kaufkraft zu entziehen, so ließe sich der Hauptteil der im Inneren bestehenden Finanzierungsprobleme mühelos zur allgemeinen Zufriedenheit lösen.

      Doch die Staaten bringen diesen Mut nicht auf. Staatliche Geldschöpfung wird abgelehnt, weil es Betrug sei und Falschmünzerei noch dazu, Geld aus dem Nichts hervorzubringen. Niemand will bemerken, dass das Geschäft der Banken auf exakt dem gleichen Trick beruht. Keine Bank wartet darauf, dass ein Sparer Geld einzahlt, um wieder Kredite vergeben zu können. Das Geschäft mit den Einlegern und das Geschäft mit den Kreditnehmern haben so gut wie nichts miteinander zu tun.“

      Da aber Staaten und Banken zu sehr miteinander verbandelt sind, sollte die Geldschöpfung unmittelbar über die Bürger erfolgen. Da es sich hierbei um eine weitere Einkunftsart handelt, kommt aber auch die Staatsfinanzierung nicht zu kurz: https://zinsfehler.com/2016/09/25/ein-geldpolitisches-manifest-fuer-europa/ (Punkt 3.)

      LG Michael Stöcker

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        SB sagte:

        @Michael Stöcker: „Doch die Staaten bringen diesen Mut nicht auf.“

        Nicht die Staaten bringen den Mut nicht auf, sondern die Politik. Und diese bringt auch nicht den Mut nicht auf, sondern sie will diese Lösung schlicht und einfach nicht. Deshalb auch das (heuchlerische) Narrativ von Betrug und Falschmünzerei, Geld aus dem Nichts hervorzubringen.

        Nun müss(t)en sich die Wähler fragen, warum die Politik diesen Weg nicht gehen will? Mit der Antwort kämen sie der Lösung des Problems schon ein ganzes Stück näher. Wozu es allerdings einer anderen Politik bedürfte. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.

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    Michael Stöcker sagte:

    „genauso wenig wie der Euro erforderlich war und ist, um die Einheit Europas zu fördern.“

    Richtig ist, dass der Euro nicht erforderlich war, die Einheit Europas zu fördern. Bei der Einschätzung des Ist-Zustandes bin ich allerdings dezidiert anderer Meinung. Eine Abschaffung des Euro wäre ein noch größerer Fehler als seine Einführung. Zudem sollten wir uns bewusst werden, dass die Ursache weniger bei den Griechen oder den Italienern liegt, sondern in einem dysfunktionalen Geldsystem, bei dem die Banken einen privilegierten Zugang zu Geld und Kredit hatten und auch weiterhin haben. Hier sollten wir ansetzen. Ich verweise nochmals auf das wegweisende Buch von Jürg Müller von der NZZ: Das Ende der Banken. Müller und sein Co-Autor sind in Ihren Vorschlägen noch radikaler als mein Vorschlag, aber es geht in die gleiche Richtung: https://www.nzz.ch/feuilleton/fuer-ein-finanzsystem-ohne-banken-ld.1357469. Unbedingt lesenswert.

    Und nachfolgend noch eine exzellente kurze Statements von echten monetären Schwergewichten sowie einem Leichtgewicht.

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      Michael Stöcker sagte:

      Müllers Argumentation gegen Vollgeld ähnelt sehr meinen Bedenken, zumal es einige logische Fehler gibt in der Argumentation der Vollgeldbewegung. Dennoch gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten, da im Endeffekt Geld und Kredit strikter getrennt werden. Das zentralbankfinanzierte Bürgergeld heißt bei Müller „bedingungsloses Einkommen“ und kommt ebenfalls von der Zentralbank/Geldbehörde und sollte nicht verwechselt werden mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, da es in seiner Höhe zu gering ist, um davon allein leben zu können.

      Dieser Vorschlag ist zugleich eine ergänzende Antwort auf die disruptiven Folgen der sich beschleunigenden Digitalisierung mit massiver Freisetzung von Arbeitskräften.

      Auch wenn es auf den ersten Blick abwegig erscheint, Geld einfach so ohne eine Gegenleistung an alle zu verteilen – noch vor 6 Jahren hätte ich solche Vorschläge für völlig verrückt erklärt – und somit die Grundlagen des Geldsystem völlig neu zu ordnen, lohnt sich ein vertiefender Blick auf die Vorzüge einer solchen evolutionären Weiterentwicklung unseres Geldsystems. Für alle, die den Beitrag noch nicht gelesen haben, hier noch einmal der Link: https://makronom.de/14-argumente-fuer-ein-zentralbankfinanziertes-buergergeld-17593

      LG Michael Stöcker

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      Johannes sagte:

      „Zudem sollten wir uns bewusst werden, dass die Ursache weniger bei den Griechen oder den Italienern liegt, sondern in einem dysfunktionalen Geldsystem, bei dem die Banken einen privilegierten Zugang zu Geld und Kredit hatten und auch weiterhin haben. “

      Hier bin ich dezidiert anderer Meinung.

      Sowohl Griechen als auch Italienern ERLAGEN der süßen Versuchung der nach Euroeinführung deutlich niedrigen Zinsen, die sie für ihre Staatsanleihen zu zahlen hatten. So konnten die Regierungen ihren Bürgern ohne größere Anstrengungen neue Wohltaten in größerem Stile zukommen lassen (v.a. in Griechenland…). Diese Wohltaten hätten sie mit ihrer jeweiligen nationalen Währung niemals finanziert bekommen, bei Zinssätzen von 15 – 20 % die sie Ender der achziger/Anfang der neunziger Jahre noch zu zahlen hatten. Das Geldsystem war übrigens zur Zeit der nationalen Währungen schon „dysfuntional“ (um einmal ihren Standpunkt einzunehmen); denn das Geldsystem funktionierte bereits zu dieser Zeit, wie es heute funktioniert.

      Es waren schlicht die niedrigen Zinsen und die von ihr ausgehende Versuchung.

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    eurosklerose sagte:

    Zur Erinnerung:

    Die Lissabon – Strategie

    https://de.wikipedia.org/wiki/Lissabon-Strategie

    „Die Lissabon-Strategie war ein auf einem Sondergipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs im März 2000 in Lissabon verabschiedetes Programm, das zum Ziel hatte, die EU innerhalb von zehn Jahren, also bis 2010, zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.“

    Schwach angefangen und stark nachgelassen…

    Auch wegen:

    http://www.zew.de/presse/pressearchiv/europa-driftet-bei-innovationsfaehigkeit-weiter-auseinander/

    Wahrscheinlich wäre eine Reduzierung der heutigen EU auf gegenseitige Wirtschaftsförderung von souveränen Nationalstaaten mit eigenen Währungen wie einst in der EWG das mittelfristig erfolgversprechendere Konzept.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Wirtschaftsgemeinschaft

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