Eine intelligente Betrachtung der deutschen Handelsüberschüsse

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In der letzten Woche habe ich den Economist-Titel zum Anlass genommen, über die deutschen Wirtschaftsaussichten zu schreiben. Dabei standen die Risiken im Fokus. Andererseits sehe ich bekanntlich die Handelsüberschüsse auch kritisch.

Die FT nun mit einer sehr fundierten Betrachtung:

  • Zunächst die banale Feststellung: „A claim is not stronger because of the number of people who agree with it, however; and the criticism of Germany’s external surplus is too often based on poor economics.“ bto: Bekanntlich kritisiere ich die Überschüsse auch, allerdings wegen der damit verbundenen Kreditvergabe ins Ausland.
  • There are three different ways one could argue that the German surplus is damaging. By far the most common one is an application of short-term Keynesianism, which is the argument the Economist makes. The claim is, roughly, that by importing much less than it exports, Germany is saving too much, and this is parasitical on aggregate demand generated by other economies at a time of deficient demand overall.“bto: der Punkt der entzogenen Kaufkraft.
  • „(…) the impulse from net trade on aggregate demand is the change in the external balance, rather than its level (…) So long as imports, exports and other macroeconomic aggregates grow at the same rate, a stable external balance goes along with the same steady growth of aggregate demand. “ bto: O. k., einfach gesagt ist das nur ein Problem, wenn die Exporte überproportional schnell wachsen. Verstehe ich.
  • That means the accusation against Germany comes about five years too late. There was indeed a strong jump in the nation’s trade surplus half a decade ago, at a time when the world was still struggling to come out of recession. But that surplus has not changed much since. The non-oil goods trade surplus has been stable, and the overall current account has crept up somewhat because the services deficit has shrunk a little and imported oil become cheaper.“bto: Das heißt, dass wir in den letzten Jahren keinen Vorteil aus den Exporten gezogen haben – und auch deshalb eigentlich nicht die Gewinner sind oder?
  • There are, of course, some trading partners whose recoveries are still struggling. That includes parts of the eurozone periphery (…). The eurozone recovery is some way behind the rest of the world. But only about one-fifth of Germany’s current account surplus is with the rest of the eurozone, and the bulk of that is with France (…).“ bto: Das belegt, dass wir nicht die Gewinner des Euro sind!
  • „(…) the trade balance has remained near zero after several of those countries have returned to growth. (…) the fall in deficits with Germany cushioned the eurozone-periphery countries’ domestic downturns, supporting demand that would otherwise have fallen even more precipitously.“ bto: Wir haben also auch über mehr Importe geholfen.
  • „(…) the increases in the German surplus happened largely vis-à-vis countries such as the US, UK and China (…)“ bto: Das findet zumindest Donald Trump nicht gut.
  • „(…) two other possible reasons to criticise the surplus: because it could lead to international financial instability, and because it may reflect misallocated resources within Germany itself.“ bto: Letzteres sehe ich genauso!
  • „(…) international financial stability. A recurring flow of asymmetric cross-border transactions generates a stock of cross-border financial claims. (…) eventually such claims will be larger than what it is possible to honour and the accumulation will stop in one way or another. As the eurozone debt crisis shows, the way it stops can be traumatic for all parties.“ bto: mein Kernargument seit Jahren. Wir sind super-blöd.
  • „The question is less how big Germany’s claims on the rest of the world will or should grow than how to ensure that their accumulation will not cause financial instability. One solution would be that German savings abroad yield low enough returns to keep the total amount within reasonable bounds. Some think this is indeed the case. (…) the German NIIP has grown strongly but by less than the cumulated surpluses would indicate. In early 2015, Tilford estimated that the growth in Germany’s foreign wealth from 2007 fell about €580bn short of its accumulated savings in the same period.“ bto: Wahnsinn! Das ist noch schlimmer als bei den Eichhörnchen.
  • Deshalb: Germany’s low level of domestic spending as a share of economic output should be addressed by a different economic policy: it is bad for Germany itself. bto: Das kann man gar nicht laut genug sagen!
  • An increase in investment, both public and private, would be beneficial in its own right. Insufficient investment is a serious economic ailment in Germany. (…) In a rapidly ageing society the need for faster labour productivity growth is urgent, since the ratio of workers to non-workers will just get worse. And labour productivity is achieved, in part, by increasing the amount of capital.“ bto: Das bedeutet übrigens mehr Automatisierung statt unproduktiver Zuwanderung!
  • „The main argument against boosting domestic demand in Germany is that the country employs its resources fully and so it would simply show up in higher inflation.“ bto: Das stimmt theoretisch und vor allem für die nicht bzw. schwer handelbaren Güter.
  • „(…) Germany is a big enough part of the eurozone (…) so that higher interest rates would arrive sooner. (and) even in Germany inflation is stubbornly low. (…) That suggests, like in many other countries, that low unemployment may hide the amount of slack in the economy.“ bto: also wenig struktureller Inflationsdruck.
  • „(…) if the current account changes, it would be doing so as a mere balancing item both economically and politically it would be the untargeted consequence of a domestic spending shift Germany should pursue for its own sake.“ bto: Das sehe ich genauso angesichts der schlechten Anlage der Handelsüberschüsse.

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Germany-bashing falls flat“, 10. Juli 2017

→ FT (Anmeldung erforderlich): „How to tame unsustainable capital flows“, 11. Juli 2017

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Germany can spend more on itself“, 12. Juli 2017

30 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Alles gut und schön, aber sieht irgendjemand Nennenswertes in Politik und Medien in Deutschland das genauso? Ich bitte um Entschuldigung, aber dieser blog oder meinetwegen auch Autoren wie Roland Tichy werden doch von den meisten Leuten ignoriert. Mindestens 90 % der politischen Entscheider und der gekauften / abonnierten Medien folgen dieser Logik halt leider nicht. Egal, ob man Spiegel, Stern, Die Zeit, Süddeutsche oder FAZ (von den Boulevardblättern gar nicht zu reden…) liest. Man sehe sich nur das Programm des SPD-Kanzlerkandidaten oder auch der CDU/CSU an. Die Frage ist doch nicht, ob die FT-Analyse stimmt (die seit Jahren relativ klar ist), sondern wie man ein seltsames deutsches Volk und ihre Entscheider dazu bringt, an ihre eigenen Interessen zu denken? Eine Überlegung, die m.E. bei keiner anderen Nation auf dieser Erde in diesem Maße nötig ist. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass schon der natürlich Egoismus des Menschen dafür sorgt.

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  2. Dietmar Tischer says:

    Eine intelligente Betrachtung unserer Handelsüberschüsse beginnt mit der Feststellung, dass wir andere nicht zwingen, unsere Waren und Dienstleistungen zu kaufen, sondern dass sie es aus EIGENNUTZ tun.

    Soviel zur Schuldfrage.

    Selbstverständlich gibt es Probleme bei kontinuierlich hohen Handelsüberschüssen.

    Zu den Problemen:

    Zu geringe Importe schaden der aggregierten Nachfrage in anderen Ländern.

    Das ist richtig, heißt aber auch

    a) dass die betroffenen Länder ihre Wertschöpfung mehr an IHRER Inlandsnachfrage orientieren müssen

    und/oder

    b) dass wir mit unseren Überschüssen mehr Direktinvestitionen in den betroffenen Ländern tätigen müssen. Das ist zu einem erheblichen Teil unser Fehler, zu einem Teil aber auch ein Fehler der betroffenen Länder, soweit sie nicht die Bedingungen dafür setzen, etwa für Rechtssicherheit sorgen.

    Unsere Exporte waren zumindest eine wesentliche Bedingung für finanzielle Instabilität in der Eurozone. Bedingung heißt: Wir waren beteiligt, OHNE ursächlich dafür verantwortlich zu sein. Exemplarisch dafür: Die Haushaltsdefizite Griechenlands in einer Größenordnung von mehr als 10% nach Eintritt in die Eurozone.

    Das Thema ist für die Eurozone insoweit entschärft, wie wir gerade noch in Höhe des Anteils der Wertschöpfung in der Eurozone an den Handelsdefiziten der anderen Eurozonenländer beteiligt sind.

    Natürlich sind wir auch an der internationalen finanziellen Instabilität beteiligt. Allerdings verschulden sich nicht alle, die unsere Waren und Dienstleistung auf Kredit kaufen, bei UNS.

    Aber egal, bei wem sie sich verschulden, sie tragen zu einer höheren Verschuldung bei.

    Wir sollten mehr im Inland investieren.

    Darüber kann es keine Diskussionen geben.

    Soweit das bei hoher Auslastung überhaupt möglich ist, muss es Anreize für mehr Investitionen des Privaten Sektors geben.

    Und was öffentliche Investitionen betrifft:

    Das muss man vor allem den Stau durch BÜROKRATIEABBAU auflösen. Merkel hat gestern darauf hingewiesen. Sie hat aber nicht gesagt, wie das geschehen soll. Ich vermute, dass da nichts geschieht, weil zu viele Interessen berührt sind.

    Fazit:

    Ja, es gibt Probleme mit unseren Handelsüberschüssen, aber a) liegt die Ursache nicht allein bei uns und b) können wir relativ wenig dagegen tun, wenn wir unsere exportorientierte Wertschöpfung nicht deutlich reduzieren wollen.

    Also müssen auch unsere Handelspartner ihren Teil zur Reduzierung beitragen, wenn sie meinen, dass er unerträglich für sie ist.

    Antworten
  3. Johannes says:

    ,Also müssen auch unsere Handelspartner ihren Teil zur Reduzierung beitragen, wenn sie meinen, dass er unerträglich für sie ist.‘

    Genau- unsere Handelspartner müssen einfach nur ausreichend attraktive Produkte zu günstigen Preisen anbieten. Die dann von uns gekauft werden. Und schon importieren wir mehr…

    Mal im Ernst- diese Debatte hat zumindest einen Anteil an Heuchelei. Würde D auch nur im Ansatz ernst machen mehr zu importieren und so seine Handelsüberschüsse reduzieren, stünde deutlich weniger ,Finanzkapazität‘ für die Eurozone bereit.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Was meinen Sie mit „Finanzkapazität“? Wenn die Deutschen z. B. mehr Urlaub im Süden machen würden, dann hätte dies eine positive Wirkung auf den Abbau der LB-Ungleichgewichte und der Süden erhielte somit die finanziellen Mittel, um die fälligen Bankkredite bedienen zu können. Ohne eine Umkehr der Leistungsbilanzsalden bleibt die Situation im Bankensektor so verfahren, wie sie ist. Geldschuldenreduktion im Süden geht nur mit Geldvermögensabbau (aka LB-Defizite) im Norden. Nicht umsonst haben wir seit 1967 ein Stabilitätsgesetz, gegen das wir nun schon seit über 15 Jahren massiv verstoßen. Hier noch einmal der Wortlaut zur Erinnerung:

      „Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.“

      Und warum machen wir nicht mehr Urlaub in Portugal, Spanien und Griechenland? Die Antwort findet man z. B. hier: https://www.swr.de/report/das-elend-der-briefzusteller/-/id=233454/did=1910880/nid=233454/1a94bya/index.html.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Abgesehen davon, dass sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber ihre Entscheidungen bezüglich der Lohnhöhe nicht von Handelsüberschüssen diktieren lassen, ist das eine wirkmächtige Lösung, wenn man nur konsequent zu Werke geht:

      Höhere Löhne → höhere Arbeitskosten → höhere Produktionskosten → teurere Produkte → geringerer Absatz → steigende Arbeitslosigkeit → steigende Lohnnebenkosten → noch höhere Produktionskosten → usw.→ … soziale und politische Instabilität → national-populistische Regierung mit Abkehr von Europa (Verweigerung von Transfers und sonstiger Hilfen, z. B. Aufnahme von Flüchtlingen) → Schwächung der Eurozone und Europas → mehr oder weniger weitgehende Auflösung der Union → mit Chaos Rückfall in nationale Einheiten mit eigener Währung → Währungsparitäten sorgen für Ausgleich der Zahlungsungleichgewichte in Europa

      Problem insoweit gelöst.

      Handelsüberschüsse zu USA, China und U.K. vermutlich nur vorrübergehend davon betroffen

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        Als wenn Porsche, KMW & Co. über den Preis verkaufen. Es geht um Rendite, nicht um teurere Produkte. Insofern ist die Wirkungskette wie folgt:

        Höhere Löhne → höhere Arbeitskosten → höhere Produktionskosten → sinkende Renditen → partielle Produktionsverlagerung ins Ausland → Umleitung der Beschäftigung in den inländischen Infrastrukturausbau → Abbau der LB-Defizite → neues strukturelles Gleichgewicht → Stärkung der Eurozone und Europas, Förderung der sozialen und politischen Stabilität, Abbau der LB-Ungleichgewichte zu den USA → Stärkung der transatlantischen Achse→ Verhinderung von Zöllen und sonstigen tarifären Beschränkungen.

        LG Michael Stöcker

    • Wolfgang Selig says:

      Dafür haben die Gewerkschaften zu viel Angst. Ihnen ist aufgrund ideologischer Weltsicht bis heute unklar, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für stärkere Lohnerhöhungen wäre. Dann würden sie zwar bei der Masse der Mitglieder ziemlich punkten, müssten aber aufhören, Politik zu Machen, denn natürlich würde die Arbeitslosigkeit bei steigenden Lohnstückkosten auch steigen. Das würde aber ein paar Mitglieder kosten, auch wenn es die eigene Glaubwürdigkeit verbessern würde. Und natürlich müsste man zunächst die Folgen der Euro-Einführung für Zinsen und Arbeitsmarkt um die Jahrtausendwende verstanden haben. Also das umgekehrte Problem zu Südeuropa mit gleicher Wirkung- obwohl eine Gemeinschaftswährung mehr Lohnflexibilität erforderlich macht, klappt es mit keiner Gewerkschaft…

      Antworten
  4. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    Porsche & Co. verkaufen nicht nur über den Preis, aber auch über den Preis.
    Ebenso die Hersteller von Investitionsgütern und die Dienstleister.

    Wäre es so wie Sie behaupten, dass nämlich nicht über den Preis verkauft würde, dann könnten die Löhne steigen und die Renditen gleich bleiben oder sogar steigen – man müsste nur die Preise hochsetzen. Es würde KEINE Wirkungskette geben außer noch höheren Handelsüberschüssen.

    Da Sie selbst eine Wirkungskette erkennen, spielen die Preise eine Rolle.

    Ihre Wirkungskette:

    Höhere Löhne → höhere Arbeitskosten → höhere Produktionskosten → sinkende Renditen → partielle Produktionsverlagerung ins Ausland (und konsequenterweise Entlassung von Arbeitskräften im Inland) ist bis hierher richtig.

    → Umleitung der Beschäftigung in den inländischen Infrastrukturausbau ist Wunschdenken.

    Von den Friktionen einmal abgesehen, sind die Umgeleiteten auf Dauer sinnvollerweise nicht zu beschäftigen und vor allem werden sich nicht die hohen Einkommen erzielen können wie in der Exportindustrie.

    Die Steuereinnahmen werden bei abbauender Exportindustrie dafür bei weitem nicht reichen und eine kompensierende Verschuldung wird es nicht geben, weil sie nicht gewollt sein wird und auch nicht gewollt werden kann.

    Es wird vielmehr einen Abschwung geben mit den Konsequenzen, die ich angedeutet habe.

    Wieder einmal die Illusion:

    Wir können den Staatsanteil beliebig erhöhen, weil die Finanzierung kein Problem ist.

    Legen Sie diese Auffassung doch endlich einmal ab.

    Sie laufen damit nur gegen die Wand.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      „Wir können den Staatsanteil beliebig erhöhen, weil die Finanzierung kein Problem ist.

      Legen Sie diese Auffassung doch endlich einmal ab.“

      Diese Auffassung muss ich nicht ablegen, da ich sie noch niemals angelegt habe. Es ist mir völlig schleierhaft, woraus Sie eine solche Unterstellung abzuleiten versuchen. Insofern sind Sie es, der immer wieder vor die gleiche (Unterstellungs)Wand läuft.

      Die Grenze jedweder Kreditexpansion ist die längerfristige inländische Absorptionsfähigkeit (aka ausgeglichene Leistungsbilanz) im Rahmen des 2 % Inflationsziels. Ob es hierbei einen temporär höheren oder niedrigeren Staatsanteil gibt ist dabei sekundär.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Na schön, dann erklären doch bitte einmal, WIE der inländische Infrastrukturausbaus finanziert werden soll, wenn er die aus Exportwirtschaft fallenden Beschäftigen absorbiert UND gleichzeitig die Steuereinnahmen deutlich fallen, weil die Exportwirtschaft schrumpft.

      • Michael Stöcker says:

        Ihre Frage ist nun aber doch ein wenig verwunderlich und zeugt davon, dass auch Sie unser Geldsystem nach 4 Jahren unermüdlicher Diskussion immer noch nicht so richtig verstanden haben. Es wird so finanziert, wie alles in einem Kreditgeldsystem finanziert werden muss: Durch den Bankkredit, wenn man an die Erbschaftssteuer nicht heran möchte. Und dann schön weiter über die Bilanz der Zentralbank revolvieren; und zwar genau so lange bis die privaten Investitionen wegen steigender Gewinnaussichten wieder anspringen. Bei ausgeglichener LB sowie Wachstumsraten über 2 % keine weitere Revolvierung mehr über die Zentralbankbilanz, sofern die Inflationsrate über 2 % liegen sollte.

        LG Michael Stöcker

  5. Dietmar Tischer says:

    Hier die Sicht von Clemens Fuest zum Thema:

    https://www.project-syndicate.org/commentary/germany-current-account-surplus-criticism-by-clemens-fuest-2017-07

    Daraus:

    >… the truth is, there is no compelling economic reason for Germany to do anything differently. If Germany has any reason to change course, it is primarily for political reasons.>

    Würde gern mal hören, was die Kritiker unserer Handelsüberschüsse zu der Begründung zu sagen haben.

    Antworten
  6. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    >Ihre Frage ist nun aber doch ein wenig verwunderlich und zeugt davon, dass auch Sie unser Geldsystem nach 4 Jahren unermüdlicher Diskussion immer noch nicht so richtig verstanden haben.>

    Ich bitte Sie.

    In dem Zusammenhang, in dem ich frage, wie finanziert werden soll, ist doch klar, wie die Mittel beschafft werden.

    Es geht darum, ob sie in der erforderlichen Höhe beschafft werden können, ohne dass der Staat damit Probleme bekommt.

    Daher noch einmal und qualifizierender gefragt:

    Ist es für den Staat dauerhaft tragbar, die Lohn- und Lohnnebenkosten all jener, die von der Exportwirtschaft entlassen werden und ausnahmslos für den Infrastrukturausbau beschäftigt werden, durch Verschuldung zu finanzieren – durch Verschuldung, die extrem steigen würde, weil die schrumpfende Exportwirtschaft weniger Steuern zahlt – und dies in jeder beliebigen Verschuldungshöhe bis eine ausgeglichene Handelsbilanz erreicht worden ist?

    Dies ist, hoffentlich klar genug ausgedrückt, was mich bezüglich Ihrer Lösung der „Umleitung der Beschäftigung in den inländischen Infrastrukturausbau“ interessiert.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Japan hat es vorgemacht und bewiesen, dass es kein Problem gibt, sofern nicht die LB ins Defizit rutscht. Hier nun noch die Begründung, warum. Maßgeblich für eine nachhaltige Verschuldung sind zwei Dinge:

      1. Sollte sich die zusätzliche Verschuldung an der nominellen Wachstumsrate orientieren. Bei 2 % mittelfristiger Zielinflation sowie einem schwachen realen Wachstum von 1 % sind wir also schon mal bei 3 % Budgetdefizit.

      2. Relevant für die Schuldentragfähigkeit ist nicht so sehr die Schuldenhöhe, sondern insbesondere das Zinsniveau und somit die jährlichen Zinsen, die auf diese Schulden zu zahlen sind und somit den Haushalt belasten. Würde man die Kapitalerträge allerdings der normalen Besteuerung unterziehen, dann läge die reale Belastung des Haushalts bei nur noch ca. 60 %. Da das Zinsniveau deutlich gefallen ist und auch zukünftig nicht mehr alte Höhen erklimmen wird, hat der Staat reichlich zusätzlichen Spielraum. Hierzu eine kleine vereinfachte Beispielrechnung.

      Ausgangspunkt ist die Schuldenquote des Maastrichter Vertrags in Höhe von 60 % sowie eine Defizitobergrenze von 3 %, denen vergangene Wachstums- und Inflationsziele zugrunde lagen. Wir gehen von einem BIP von 3.000 Mrd. aus sowie einem anfänglichen durchschnittlichen Zinssatz von 3 %. Bei voller Ausschöpfung des fiskalischen Spielraums ist die Gesamtverschuldung also 1.800 Mrd. und die Zinsbelastung 54 Mrd. Wie ändern sich nun die relevanten Stromgrößen, wenn das Zinsniveau auf 2 % bzw. 1 % absinkt und die Zinsbelastung konstant bleiben soll. Aus Vereinfachungsgründen hier nur eine statische Betrachtung:

      Zinssatz 3 % bei Verschuldung 1.800 Mrd. → Zinslast 54 Mrd.
      Zinssatz 2 % bei Verschuldung 2.700 Mrd. → Zinslast 54 Mrd.
      Zinssatz 1 % bei Verschuldung 5.400 Mrd. → Zinslast 54 Mrd.

      Die Gesamtverschuldung läge also anfänglich bei 60 %, sodann bei 90 % und bei einem Zinsniveau von 1 % schon bei 180 %. Japan liegt noch deutlich darüber.

      Ich sehe also nicht, wo hier ein Finanzierungs- und/oder Tragfähigkeitsproblem bestehen sollte. Das einzige Problem sind die Bretter, die wir uns selber vor den Kopf genagelt haben, sowie der quasireligiöse Glaube an einen eigenständigen Wert des Geldes.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        >Bei 2 % mittelfristiger Zielinflation sowie einem schwachen realen Wachstum von 1 % sind wir also schon mal bei 3 % Budgetdefizit. …

        … Würde man die Kapitalerträge allerdings der normalen Besteuerung unterziehen, dann läge die reale Belastung des Haushalts bei nur noch ca. 60 %>

        Das sind Annahmen und Wunschvorstellungen, mit denen Sie die Antwort umgehen.

        Wenn man die REALITÄT so wie Sie ausblendet und stattdessen KONSTRUKTE bildet mit „Würde, dann …“, dann allerdings kommt man zu der unschuldigenFeststellung:

        >Ich sehe also nicht, wo hier ein Finanzierungs- und/oder Tragfähigkeitsproblem bestehen sollte.>

        >Das einzige Problem sind die Bretter, die wir uns selber vor den Kopf genagelt haben, …>

        Das Problem sind nicht die Bretter, denn die sind REAL.

        Das Problem sind Bildchenmaler (hier: die vermeintlich WISSEN, wie problemlos die Handelsüberschüsse aus der Welt zu bekommen sind). Für die haben Realisten nichts verstanden und sollten daher durch Bildchenmaler ersetzt werden.

        Machen Sie weiter so – die Welt hört auf Sie.

      • Michael Stöcker says:

        „Das sind Annahmen und Wunschvorstellungen, mit denen Sie die Antwort umgehen.“

        ???

        Inflationsansatz zu hoch? Wachstumsrate zu niedrig? r* falsch geschätzt? Was bitte schön soll dieser unsachliche Rundumschlag?

        „Das Problem sind Bildchenmaler (hier: die vermeintlich WISSEN, wie problemlos die Handelsüberschüsse aus der Welt zu bekommen sind).“

        Sie wechseln die Ebene: Sie hatten den Einbruch der Exporte ins Spiel gebracht, nicht ich. Ihre Frage war die nach der Finanzierung der nötigen Investitionen. Ein struktureller Wandel vollzieht sich nicht von heute auf morgen. Die Überschüsse haben sich über einen längeren Zeitraum sukzessive aufgebaut, sie werden vermutlich auch eine längere Zeit benötigen, bis sie sich auf ein nachhaltiges Niveau reduziert haben. Es sei denn, der Euro fliegt uns um die Ohren; dann kann es auch ganz schnell gehen, mit äußerst unangenehmen Konsequenzen.

        Also, was ist an den/meinen Zahlen zu kritisieren, welche Größenordnungen wären aus Ihrer Sicht die richtigen?

        LG Michael Stöcker

  7. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker
    >Sie wechseln die Ebene: Sie hatten den Einbruch der Exporte ins Spiel gebracht, nicht ich.>
    Ich verwechsle gar nichts.
    Sie haben geschrieben
    „→ Umleitung der Beschäftigung in den inländischen Infrastrukturausbau → Abbau der LB-Defizite →“
    Das IST Exporteinbruch oder – unterm Strich das Gleiche – Exportrückgang mit Steuermindereinnahmen.
    Das ist die STRUKTURELLE Folge und nicht eine Frage von Übergängen und Zeit brauchen.
    Und da erzählen Sie hier etwas von Wachstumsraten und natürlich, wie kann das auch bei Ihnen fehlen, Umverteilung durch höhere Besteuerung von Kapitaleinkommen.
    Wenn es die gibt, können Sie mit der gerne rechnen. Gibt es die nicht, ist das Bildchenmalerei.
    Deshalb:
    Es geht nicht darum, welche Größenordnung für eine Berechnung die richtige ist, sondern um die Auswirkungen Ihrer „Umleitung“ auf den Zustand der Staatsfinanzen, bei der alle Beschäftigten für den inländischen Strukturausbau tätig werden sollen.
    Bei der GRÖSSENORDNUNG dieses Unsinns würden uns die Märkte abwatschen und das zu recht.
    Aber auch kein Problem, da die EZB den Zins für unsere Staatsanleihen an das Niveau des „natürlichen Zinses“ der Gütermärkte heranführt.
    Werden Sie sich einmal klar, was REALISMUS heißt.
    Zu Kaletsky:
    >Given the abundance of useful ideas, why have so few of the policies that might have ameliorated economic conditions and alleviated public resentment been implemented since the crisis?
    The first obstacle has been the ideology of market fundamentalism. Since the early 1980s, politics has been dominated by the dogma that markets are always right and government economic intervention is almost always wrong.>
    Schon das ist intellektuell seicht.
    Es geht nicht darum, OB die Märkte richtig oder falsch liegen (auch wenn das ein Nobelpreisträger gesagt haben sollte) und schon gar nicht darum, ob das um IMMER der Fall ist.
    Nur Leichtgewichte agieren mit solchen Aussagen, ohne die Kriterien für richtig oder falsch anzugeben.
    Sie geben keine an, weil es keine gibt.
    Beim Hammer weiß das jeder. Hat jemals ernsthaft behauptet, dass der Hammer falsch lag, wenn sich der Nagel biegt oder richtig liegt, wenn der Nagel in der Wand ist? Ein Hammer TAUGT zu etwas oder nicht.
    Wie die Märkte, die auch nur ORGANISATIONSMITTEL sind und auf die bezogen das DOGMA ist:
    Die Märkte „reagieren“ wie die Akteure sie nutzen und führen zu Wohlstand und dann auch wieder zu Staatsinsolvenzen, Finanzkrisen, Massenarbeitslosigkeit etc. Das ist, was Märkte „können“.
    Was ist da falsch?
    Nichts.
    Man muss ihr Können allerdings NICHT WOLLEN, denn es erfüllt natürlich nicht alle Wünsche.
    Und genau darum geht es:
    Wunscherfüllung, und das am besten für ALLE – der NORMATIVE Maßstab, der den Märkten untergeschoben wird und gleichzeitig die ÜBERLEGENHEIT von institutionell instrumentierter Machbarkeit suggeriert.
    Weil das so ist, hat man die Märkte mit Regulierung und Staatsintervention „gebändigt“.
    Das Ergebnis war nicht immer schlechter, aber wir kommen offensichtlich damit nicht weiter, ohne dass es schlechter wird.
    Schon solche einfache Gedanken überfordern Oberkritiker und Simpel-Ökonomen – meisten ein und dieselben – der Sorte „So muss es gehen, ich weiß es“-Kategorie.
    Kaletsky ist lediglich ein Beispiel dafür.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      „Ich verwechsle gar nichts.“

      Das habe ich auch nicht geschrieben. Lesen Sie einfach noch einmal ganz in Ruhe, was ich tatsächlich geschrieben habe.

      „Und da erzählen Sie hier etwas von Wachstumsraten und natürlich, wie kann das auch bei Ihnen fehlen, Umverteilung durch höhere Besteuerung von Kapitaleinkommen.
      Wenn es die gibt, können Sie mit der gerne rechnen. Gibt es die nicht, ist das Bildchenmalerei.“

      Soll ich die tatsächlichen und/oder potentiellen Wachstumsraten etwa ignorieren? Werden die Zahlen dann realistischer?

      Die symmetrische Besteuerung von Kapitaleinkünften habe ich lediglich erwähnt, in meinen Berechnungen findet sie aber keine Berücksichtigung. Soviel Grundrechenarten hatte ich Ihnen eigentlich zugetraut. Insofern gebe ich das Kompliment der (Zerr)Bildchenmalerei gerne an Sie zurück.

      „Bei der GRÖSSENORDNUNG dieses Unsinns würden uns die Märkte abwatschen und das zu recht.“

      Jetzt werden also diejenigen abgewatscht, die in die Zukunft investieren und zugleich für mehr solide Liquidität im Markt sorgen? Ich bitte Sie, Herr Tischer, aber das ist nun wirklich wirr, was Sie hier abliefern. Aber sodann gegen Kaletsky wettern, nur weil Sie mal wieder unter kognitiver Dissonanz leiden. Sorry, Herr Tischer, gönnen Sie sich eine kleine Pause und sortieren Ihre Gedanken. Sie argumentieren nämlich gerade weit unterhalb Ihres Potentials.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        >Soll ich die tatsächlichen und/oder potentiellen Wachstumsraten etwa ignorieren? Werden die Zahlen dann realistischer?>

        Bevor Sie mit Zahlenspielereien anfangen, müssen erst einmal BEGRÜNDEN, dass es Wachstumsraten geben wird.

        Alles, aber auch ALLES spricht dagegen, dass bei der Umleitung der Beschäftigung in den Infrastrukturausbau, welche gibt:

        Investitionen in die Infrastruktur sind zwar wachstumsfördernd, können aber nicht beliebig ausgeweitet werden, ohne dass der Wachstumseffekt gegen null geht. Und selbst eine sehr gute Infrastruktur schafft per se kein Wachstum. Sie ist Bedingung für Wachstum, mehr nicht. Dagegen bedeutet der erhebliche Abbau der Exporte nicht nur eine Schwächung des Wachstums, sondern vermutlich einen deutlichen, dauerhaften Abschwung.

        >Jetzt werden also diejenigen abgewatscht, die in die Zukunft investieren und zugleich für mehr solide Liquidität im Markt sorgen?>

        Es geht nicht um die Investitionen und die Liquidität, sondern um die FINANZIERUNG der Investitionen.

        Wenn die den Märkten nicht tragbar erscheint, wird abgewatscht. Und dies, nur nebenbei, unabhängig davon, was der „natürliche Zins“ ist.

        Es spricht vieles dafür, dass dies geschehen würde, falls Ihre Vorstellungen umgesetzt würden, weil nicht nur der Investitionen wegen die Verschuldung wachsen würde, sondern auch das geringere Steueraufkommen ausgeglichen werden müsste.

        Dazu sehe ich keine Zahlen bei Ihnen.

        Die fallen einfach unter den Tisch, weil sie nicht ins Weltbild und die Rechnung passen.

        Zu Kaletsky:

        >… gegen Kaletsky wettern, nur weil Sie mal wieder unter kognitiver Dissonanz leiden.>

        Schon mal gehört, dass ad hominum kein Argument ist?

        Was Sie schreiben ist wertlos.

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