Wir zahlen nun den Preis für zu langes Leben auf Pump

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Anlässlich der Veröffentlichung meines Buches „Die Schulden“ sprach ich mit Christof Leisinger von der NZZ. Am 15. September 2014 erschien das Ergebnis als Standpunkt:

„Wenn es um die Lösung von Wirtschafts- und Finanzkrisen geht, sind Ökonomen wie der durch ’steile Umverteilungsthesen‘ bekannt gewordene Franzose Thomas Piketty oder der Kolumnist Paul Krugman rasch bei der Hand und fordern die Umverteilung von Vermögen oder billiges Geld en masse. Sie stossen damit bei Politikern und Medien oft auf wohlwollende Resonanz.

Nicht aber bei Daniel Stelter. In seinem an diesem Montag erscheinenden Buch «Die Schulden im 21. Jahrhundert» analysiert und bewertet der ehemalige Unternehmensberater und Autor des Blogs «Beyond the obvious» Pikettys Thesen und kommt zu einem ganz anderen Schluss. Während der Franzose argumentiert, eine «ungerechte Verteilung» von Vermögen habe die jüngste Krise ausgelöst, macht Stelter zu hohe staatliche und private Verbindlichkeiten verantwortlich. Die Zentralbanken hätten den Schuldnern zwar mit billigem Geld Zeit gekauft, indem sie ihre finanzielle Bürde tragbarer machten. Da die Verbindlichkeiten jedoch zumindest in Europa immer noch schneller zunähmen als die Einkommen und da der Schuldenberg weiter wachse, seien Forderungen nach billigem Geld falsch. Man könne die Krise nicht mit den Mitteln bekämpfen, die sie verursacht hätten, sagt Stelter.

Da nähere sich die Diskussion über die Umverteilung von Vermögen eher der Problemlösung, meint er weiter. Allerdings sei die empirisch beobachtete Verteilung der Vermögen kein Grund für die Entstehung eines volkswirtschaftlichen Dilemmas, sondern die Folge der finanz- und geldpolitischen Strategien der vergangenen 30 bis 40 Jahre. In dieser Periode seien alle nur denkbaren wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Strukturbrüche mit billigem Geld und neuen Verbindlichkeiten bekämpft worden. Da gerade das die Entstehung grosser Vermögen begünstigt habe, sei es seltsam, über ihre Besteuerung zu diskutieren, auch wenn sie künftig wohl einen Beitrag dazu leisten müssten, den Schuldenüberhang zu beseitigen.

Grundsätzlich erliege man einer gewissen Illusion, da der Wert von Vermögensposten über mehrere Jahrzehnte hinweg durch billiges Geld und zunehmende Verbindlichkeiten aufgeblasen worden sei. In der Argumentationskette von Piketty kämen Schulden jedoch nur in dem Sinn vor, dass Staatsschulden durch die Erhebung von Abgaben auf private Vermögen verringert werden sollten.

Schulden und billiges Geld seien wirtschaftlich betrachtet nicht neutral, sagt Stelter. Zum Beispiel wären Schweizer Immobilien bei einem Leitzins von 5% wohl weniger wert als derzeit. Letztlich habe das generöse monetäre Umfeld über den möglichen «Leverage» die Entstehung ganzer Branchen, wie etwa von Hedge-Funds oder Private-Equity-Fonds, gefördert. Ihr Kalkül, mit günstigen Krediten in grossem Umfang Assets zu kaufen, habe deren Preise nach oben getrieben. Selbst die operativen Unternehmen hätten in den letzten Jahren in grossem Stil externes Kapital aufgenommen, um die Eigenkapitalrendite zu steigern. Die Mittel seien aber selten real investiert, sondern oft verwendet worden, um Dividenden zu zahlen und Aktien zurückzukaufen.

Fundamental betrachtet wären nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und mit dem Eintritt Chinas in den internationalen Wettbewerb die hohen Löhne in den USA und in Europa nicht mehr haltbar gewesen. Die Politik hätte darauf mit Investitionen in Bildung, Infrastruktur und den Kapitalstock reagieren, also den «langen und harten Weg» gehen müssen, um die Gehälter in Europa und den USA zu rechtfertigen, sagt Stelter.

Stattdessen hätten sie in den USA die Aufnahme privater Verbindlichkeiten gefördert und in Europa den Sozialstaat auf Pump ausgebaut. Schulden hätten zwar zunächst die Nachfrage und indirekt das Bruttoinlandprodukt (BIP) künstlich hochgehalten sowie die Vermögenswerte verteuert. Da Verbindlichkeiten jedoch nichts anderes als vorgezogenen Konsum darstellten, sei eine Gegenreaktion unvermeidlich. Schliesslich sei das «Verschuldungs-Potenzial» oft aus- oder gar überreizt. Die Zentralbanken könnten die Preise von Vermögenswerten zwar noch hoch halten. Es sei jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sich die Schwächen der fundamentalen Wirtschaft durchsetzten, fürchtet Stelter. In den Statistiken seien die Kosten für die alternde Bevölkerung – Verpflichtungen aus Gesundheits- und Altersvorsorgesystemen – ohnehin nicht enthalten. Rechne man sie ein, läge die deutsche Verschuldung bei über 400 % des BIP.

Nach einer «verschuldungsbedingten» Ausnahmeentwicklung in den letzten Jahrzehnten sei nun fundamental mit geringerem Wachstum wegen der demografischen Entwicklung, abnehmenden Produktivitätszuwächsen und künstlich aufgeblähten BIP-Werten wegen vorgezogenen Konsums, gepaart mit einer zu hohen Schuldenlast, zurechtzukommen.“

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