„Wir haben Quatsch gemacht”: Ökonom erklärt Deutschlands Absturz – Folgen für Rente und Bürgergeld
Dieses Interview erschien auf merkur.de:
„Ich würde sofort die Rente mit 63 abschaffen“, sagt der Ökonom Daniel Stelter im Interview mit unserer Redaktion. Deutschland sieht er kurz vorm Absturz. Deshalb brauche es nun Gegenmaßnahmen.
Der deutschen Wirtschaft ging es schon mal besser. Erst im April hat die Bundesregierung die Wachstumsprognose halbiert. Schuld sei der Iran-Krieg. „Die für dieses Jahr erwartete wirtschaftliche Erholung wird einmal mehr durch externe geopolitische Schocks ausgebremst“, sagte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Allerdings strauchelte die deutsche Wirtschaft schon vor all den Krisen, wie der Ökonom Daniel Stelter in seinem neuen Buch „Absturz“ beschreibt.
Gleich zu Beginn des Buches schreibt Stelter: „Das Märchen ist zu Ende“, der wirtschaftliche Aufschwung sei vorbei. Im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media erklärt der Bestseller-Autor, wie die Regierung jetzt gegensteuern sollte. Dabei nimmt er auch zwei oft gescholtene Politiker in Schutz und macht unpopuläre Vorschläge zur Rente.
Ökonom Stelter über Bürgergeld: „Der Abstand zwischen Bürgergeld und Gehalt schrumpft“
Herr Stelter, Ihr neues Buch heißt „Absturz“ – ist Deutschland schon abgestürzt oder noch im freien Fall?
Die deutsche Wirtschaft ist wie ein Flugzeug, das jahrelang sehr gut geflogen ist, aber mittlerweile zusehends an Höhe und Geschwindigkeit verliert. Aktuell flattern schon die Flügel. Der Absturz droht.
Seit wann?
Anfang der 2010er-Jahre lief noch alles gut. Die Eurokrise ließ die Zinsen stark sinken, was der exportorientierten deutschen Wirtschaft enorm geholfen hat. Auf dieser Grundlage ruhte sich Deutschland in der Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehr aus. Man dachte, Deutschland sei der wirtschaftliche Superheld, hat die gute Zeit aber nicht für Veränderungen genutzt.
Was hätte man tun sollen?
Wir hätten die Straßen und das Bildungssystem sanieren, die Digitalisierung vorantreiben und das Steuersystem endlich reformieren können. Das haben wir alles nicht getan. Und zur Wahrheit gehört auch: Wir haben auch Quatsch gemacht.
Was meinen Sie mit Quatsch?
Zum Beispiel die Energiewende. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin überhaupt nicht gegen erneuerbare Energien. Aber es ist eine Illusion, dass ein Industrieland wie Deutschland sich allein damit versorgen kann. Je höher der Anteil erneuerbarer Energien, desto teurer wird es. Denn man braucht ja eine Backup-Versorgung wie Wasserstoff. Unter Quatsch verstehe ich außerdem überbordende Regulierung mit hohen Auflagen und den voranschreitenden Sozialstaatsausbau, Stichwort Bürgergeld.
Lohnt sich Arbeit noch?
In weiten Teilen kaum noch. Es gibt die Studien, nach denen sich Arbeit immer lohnt. Und ja: Wer arbeitet, hat in der Regel mehr Geld als jemand, der Bürgergeld bezieht. Der Abstand zwischen Bürgergeld und Gehalt schrumpft allerdings.
Weil?
Etwa weil im Job die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner bei der Krankenkasse wegfällt. Das sind für Menschen nahe der Bürgergeldgrenze dann gut 250 Euro im Monat, die fehlen. Hinzukommen steigende Energiekosten. Auch die treffen den Bürgergeldempfänger weniger als den Arbeiter.
Wie stehen Sie zu einer Vermögenssteuer?
Kann man machen, es braucht aber eine viel tiefergehende Steuerreform. Es ist schon so: Die sogenannten Reichen haben viel mehr Möglichkeiten, Steuern zu optimieren. Ich würde das alles vereinfachen. Dann machen wir zwar die Steuerberater arbeitslos, aber von einfacheren, pauschalisierten Abrechnungsmodellen würde auch das deutsche Steuersystem profitieren. Über eine Vermögens- oder auch die Erbschaftssteuer kann man nachdenken. Entscheidend bleibt aber: Wer arbeitet, muss am Ende mehr in der Tasche haben und sich auch Wohlstand aufbauen können.
Friedrich Merz sagt: Wohlstand könne nicht durch Viertagewoche oder Work-Life-Balance, sondern durch mehr und längeres Arbeiten gesichert werden. Hat er recht?
Wahrscheinlich schon. Wohlstand entsteht durch zwei Faktoren: die Zahl der Arbeitenden und ihre Produktivität. Mehr Arbeitsstunden schaffen mehr Wirtschaftsleistung. Aber Produktivität ist ein viel größerer Hebel. Dafür braucht es Investitionen und Innovation.
Wirtschaftsverbände werfen immer wieder die Option in den Raum, Feiertage abzuschaffen. Wie bewerten Sie das?
Kann man schon machen, aber viel mehr bringen würde es, die Krankheitstage zu reduzieren. Da gibt es ja Überlegungen mit den Karenztagen…
… gemeint ist ein erster Krankheitstag, an dem Arbeitnehmer keinen Lohn erhalten. Die Idee ist umstritten.
Ja, die Frage, wie wir weniger Krankheitstage bekommen, kann keiner so richtig beantworten. Aber das würde mehr helfen als das Streichen eines Feiertags. Fakt ist aber eben auch: Wir brauchen nicht über „Lifestyle-Teilzeit“, Krankheitstage und so weiter diskutieren. Arbeitnehmer brauchen mehr Netto vom Brutto. Dann steigt auch die Motivation. Das ist doch logisch.
Wie bewerten Sie die Arbeit von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche?
Sie hat ein paar Kommunikationsprobleme, aber eigentlich ist sie die erste Ministerin seit langer Zeit, die Wirtschaft wieder versteht. Sie hat verstanden, dass wir handeln müssen und nicht einfach so weiter machen können. Sie macht auch unpopuläre Vorschläge etwa zur Rente und versucht ein bisschen Rationalität in die wirtschaftspolitische Diskussion zu bringen.
Einzelne Unionspolitiker wie Markus Söder sehen vor allem einen Schuldigen für die Wirtschaftslage: Robert Habeck. Wie blicken Sie rückblickend auf seine Vita als Minister?
Es ist sehr unfair, Robert Habeck für die wirtschaftlichen Probleme dieses Landes verantwortlich zu machen. Die Probleme, die Katherina Reiche hat, hat nicht Robert Habeck allein angerichtet. Deutschland war schon Jahre davor ein Sanierungsfall, zu dem viele Politiker beigetragen haben. Peter Altmaier war ein desaströser Wirtschaftsminister. Also für all das konnte Habeck nichts. Aber er hat die Lage auch nicht verbessert. Er hat als Grüner die Atomkraftwerke abschalten lassen. Hätte er das unterlassen, hätte er meines Erachtens sogar Kanzlerpotenzial gehabt.
Welche Reformen würden Sie als Wirtschaftsminister oder Bundeskanzler sofort auf den Weg bringen?
Erstens: Deregulierung. Jedes Ministerium sollte ein Viertel seiner Gesetze abschaffen. Wir brauchen weniger Staat statt mehr. Dieser „reduzierte Staat“ sollte auch weniger Steuern benötigen. Zweitens: Stopp des Atomkraftwerk-Abrisses. Ein kostenoptimales, klimagerechtes Energiesystem basiert auf einem Mix aus Kern- und erneuerbaren Energien. Drittens: Ich würde sofort die Rente mit 63 abschaffen.
Eine nicht gerade populäre Entscheidung. Wie kommt’s?
Aufgrund des demografischen Wandels und der Wirtschaftslage bleibt uns nichts anderes übrig. Und die Menschen leben heute ja auch länger. Wollen wir länger arbeiten? Nein. Aber wir müssen es. Bei steigender Lebenserwartung ist es schlicht fair, den Gewinn an Lebenszeit zwischen Arbeit und Rente aufzuteilen.
Also länger Arbeiten für die Wirtschaft? Bis wann?
Nicht nur für die Wirtschaft, auch um die Sozialsysteme am Laufen zu halten. In anderen Ländern bewegt sich das Rentenalter in Richtung 70. Aber da muss man nicht so starr sein. Generell braucht es Flexibilität: flexible Arbeitgeber, mehr Anreize wie steuerfreie Zuschüsse. Die jüngst diskutierten 2.000 Euro Freibetrag sind ein netter Ansatz, aber falsch ausgestaltet – Beamte und Freiberufler sind ausgenommen. Da sind wir wieder beim entscheidenden Punkt: Mehr Arbeit muss sich mehr lohnen.

