Warum Deutschland einen Wandel des Bildungs­systems braucht

Drei Meldungen haben Mitte Mai 2026 ein bezeichnendes Licht auf den Zustand des deutschen Bildungssystems geworfen.

Erstens: Die Technische Universität (TU) Berlin musste eilig ihr Hauptgebäude räumen – die Bausubstanz ist nicht mehr sicher. Die Sanierung der TU wird auf 2,4 Milliarden Euro veranschlagt, alleine für das nun geräumte Gebäude sind es 300 Millionen Euro. Geld, das im Landeshaushalt nicht vorhanden ist.

Zweitens: Eine Studie des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti stuft Deutschland beim Kinderwohl auf Platz 25 von 37 wohlhabenden Ländern ein. Im Bildungsbereich wird gar nur Platz 34 erreicht. Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik, stammen sie aus benachteiligten Familien, sind es nur 46 Prozent.

Drittens: Die Stadt München hat angekündigt, den kostenlosen Kindergarten für alle abzuschaffen. Die Beiträge steigen ab 2027 dreimal in Folge. München ist kein Einzelfall, bundesweit fehlen rund 125.000 Erzieher. Die Bertelsmann Stiftung hat in einer Untersuchung im Januar 2026 gezeigt, dass nur jede siebte deutsche Kita die wissenschaftlich empfohlene Personalbesetzung erreicht.

Es steht schlecht um den Bildungsstandort Deutschland. Das Land, das über keine nennenswerten Mengen an natürlichen Rohstoffen verfügt und einst eine bewunderte Bildungsnation war, lässt seine wichtigste Ressource verkommen.

Bei der PISA-Studie 2022 haben deutsche 15-Jährige in Mathematik 25 Punkte verloren; das entspricht etwa einem ganzen Schuljahr. Beim IQB-Bildungstrend 2024 verfehlen 24 Prozent der Neuntklässler die Mindeststandards für den Mittleren Schulabschluss. Beim IGLU-Test 2023 haben 25 Prozent der Viertklässler nur rudimentäre Lesekompetenz.

Das Bildungssystem leidet an strukturellen Schwächen

Auch an der Spitze stürzt Deutschland ab. In Japan erreichen 32 Prozent der Schüler in Mathematik das höchste Leistungsniveau, in Deutschland sind es fünf Prozent. 2021 kamen 50.000 Patentanmeldungen aus Japan und 17.000 aus Deutschland – bei gleicher Quote pro Einwohner hätten es 33.000 sein müssen.

Das Bildungssystem leidet nicht an Programm-Mangel, sondern an drei strukturellen Schwächen: dem Bildungsföderalismus mit sechzehn parallelen Standards; einer ideologischen Verweigerung gegenüber Leistungsorientierung (verpflichtende Sprachtests, klare Grundschulempfehlungen, Benotung ab der ersten Klasse); und einer kulturellen Verschiebung, die mit öffentlichen Mitteln nicht zu beheben ist.

Wie sich diese dritte Schwäche im Schulalltag zeigt, hat Jonas Schreiber, ein Realschullehrer aus Bayern, in seinem Buch „Realtalk: Lehreralltag“ beschrieben. Sein Befund: „Immer weniger Kinder übernehmen Verantwortung für ihr Handeln. Immer mehr Eltern fordern individuelle Sonderwege statt Grenzen. Leistung wird relativiert, Konsequenzen möglichst vermieden.“ Diese Diagnose lässt sich nicht durch ein zusätzliches Bildungsprogramm beheben. Sie verlangt eine Veränderung der Haltung in den Familien und der Gesellschaft.

Die volkswirtschaftlichen Folgen sind absehbar. Schon heute haben 2,86 Millionen junge Erwachsene keinen Berufsabschluss. 62.000 Schüler verließen 2024 die Schule ohne Abschluss – der höchste Wert seit zehn Jahren.

Diese Generation soll Renten finanzieren, die Energiewende umsetzen und im Wettbewerb mit chinesischen und amerikanischen Gleichaltrigen bestehen? Das wird schwer.

Umso dramatischer ist, dass die Politik zwar im Wahlkampf gerne über Bildung spricht und immer höhere Geldforderungen mit Bildung begründet, in der Praxis aber Subventionen und Sozialausgaben priorisiert. Sogar das eigentlich für Investitionen gedachte „Sondervermögen“ wird überwiegend zum Stopfen von Löchern verwendet.

Wir brauchen einen grundlegenden Politikwechsel, weg vom Konsum, hin zu Investitionen. Weg vom Leben auf Kosten der nachfolgenden Generation – Schulden, Sozialstaatsversprechen, Verfall der Infrastruktur und des Bildungswesens – hin zu einer im Wortsinn tatsächlich „nachhaltigen“ Politik.

Mit Blick auf die Bildung geht es zumindest im Schulbereich nicht so sehr um fehlende Mittel, als vielmehr um eine Rückbesinnung auf die Stützen: Leistungsorientierung und Kernkompetenzen. Damit würde das Bildungswesen nicht nur selbst genesen, sondern der ganze Staat.

→ handelsblatt.com: „Warum Deutschland einen Wandel des Bildungssystems braucht“, 26. Mai 2026