Ohne Reformen droht Deutschland der japanische Weg

Die Bundesregierung ringt um Reformen. Die Tatsache, dass dies erst jetzt geschieht – fast ein Jahr nach der Regierungsbildung –, zeigt überdeutlich, wie falsch es war, erst Schulden zu machen und dann darauf zu hoffen, die Reformen würden kommen. Die Metapher vom vollen Bauch, der nicht gern studiert, lässt sich offensichtlich auch auf Politiker mit Geld, die nicht gern reformieren, übersetzen. Die Sondervermögen, deren Mittel statt für die versprochenen Investitionen für noch mehr staatlichen Konsum verwendet werden, passen da nur zu gut ins Bild.

Wenn es in diesen Tagen um die „Reformen“ geht, dann handelt es sich weitgehend noch um Ankündigungen. Hoffentlich, denn was man bisher vernehmen kann, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Trotz der alarmierenden Wirtschaftslage und der Situation in vielen Unternehmen kreisen die Überlegungen vor allem darum, mehr Geld in die vorhandenen, überdimensionierten und ineffizienten (Sozial-)Systeme zu pumpen.

Die Politik setzt darauf, durch das einfache Ausgeben von Geld die Wirtschaft wieder flottzubekommen, um sich so vor den wirklich unpopulären Maßnahmen zu drücken. Doch selbst wenn jeder Euro tatsächlich in Brücken, Schienen und Digitalisierung flösse – würde er die erhoffte Wirkung entfalten? Käme es zu dem höheren Wachstum, das alle Probleme löst?

Die Antwort ist keineswegs sicher. Deutschlands Potenzialwachstum sinkt laut der Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute bis Ende des Jahrzehnts auf magere 0,3 Prozent. Der wichtigste Grund ist der demografische Wandel. Ohne eine jährliche Nettozuwanderung von 400.000 Personen schrumpft die Zahl der Erwerbspersonen bis 2035 um 7,2 Millionen, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer Studie.

Der Arbeitsmarkt wird strukturell eng – und genau das begrenzt die Wirksamkeit staatlicher Investitionsprogramme erheblich. Wer Straßen bauen will, braucht Bauarbeiter. Wer die Digitalisierung vorantreiben will, braucht Ingenieure. Wenn beide fehlen, verpufft das Geld oder treibt lediglich die Preise.

Eine Studie von Kai Behrens vom Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) mit dem finnischen Ökonomen Jonne Lehtimäki untermauert diesen Befund mit einem makroökonomischen Modell. Die Autoren untersuchen, wie sich öffentliche Investitionen in alternden Gesellschaften mit knappen Arbeitsmärkten auswirken. Ihr zentrales Ergebnis: Der Fiskalmultiplikator – also der volkswirtschaftliche Ertrag pro zusätzlich investiertem Euro – fällt in engen Arbeitsmärkten auf unter 0,5. Staatliche Investitionen erwirtschaften dann weniger, als sie kosten.

Werden hingegen begleitende Arbeitsmarktreformen umgesetzt, steigt der Multiplikator auf über 1,5. Die Schlussfolgerung der Autoren ist unmissverständlich: Ohne Reformen, die die Funktionsweise der Arbeitsmärkte verbessern, können öffentliche Investitionen das gesamtwirtschaftliche Wohlstandsniveau sogar senken, indem sie produktivere private Investitionen verdrängen. Japan dient als warnendes Beispiel: Trotz massiver staatlicher Investitionsprogramme über Jahrzehnte blieb das Wachstum gering, während die Staatsverschuldung auf über 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stieg.

Die Deutsche Bundesbank teilt diese Analyse. Präsident Joachim Nagel stellte bereits im Dezember 2025 in einer Rede an der Yonsei-Universität in Seoul klar: „Höhere öffentliche Ausgaben allein werden unseren langfristigen Wachstumspfad jedoch nicht verändern. Um das Potenzial des Fiskalpakets voll auszuschöpfen, muss dieses mit Strukturreformen einhergehen.“ Das ist zwar diplomatisch formuliert, in der Sache aber sehr klar.

Die Reihenfolge muss stimmen. Wer investiert, ohne zuvor das Arbeitsangebot zu erhöhen, verbrennt Kapital. Die Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen muss steigen, das Rentenalter an die steigende Lebenserwartung gekoppelt, die Qualifizierung massiv ausgebaut und der Arbeitsmarkt flexibilisiert werden. Erst dann entfalten Investitionen in Infrastruktur ihre volle Wirkung. Andernfalls droht der japanische Weg: viel Geld, wenig Wachstum, steigende Schulden.

Die Antwort ist eindeutig. Der Weg, den die Bundesregierung bisher eingeschlagen hat, ist der falsche. Reformen sind nicht die Ergänzung, sondern die Voraussetzung, damit die Schuldenmilliarden überhaupt etwas bewirken können. Es ist höchste Zeit, dass die Forschungsergebnisse ernst genommen werden – bevor das Sondervermögen aufgebraucht ist, ohne dass Deutschland davon nachhaltig profitiert hat.

→ handelsblatt.com: „Ohne Reformen droht Deutschland der japanische Weg“, 30. März 2026