„‚Mehr Kommunismus wagen‘ ist erst der Anfang“

Dieser Kommentar von mit erschien bei WirtschaftsWoche Online:

Die Mieten steigen – und schon wird mehr Kontrolle durch die Regierung,  ja sogar mehr staatliches Wohneigentum gefordert. Wer glaubt, sein Vermögen durch Immobilienbesitz zu retten, sollte endlich aufwachen.

Erinnern Sie sich noch an den Zustand ostdeutscher Städte vor der Wiedervereinigung? Teils schöne, alte Gebäude verfallen und verwahrlost. Seit Jahrzehnten wurde nicht mehr investiert, es gammelte alles vor sich hin.

Die Ursache liegt auf der Hand. Es war der Mangel an Baumaterialien und Handwerkern. Vor allem aber war es eine wirtschaftliche Entscheidung der Eigentümer.  Die Mieten waren gedeckelt, weit unter jedes wirtschaftliche Niveau gedrückt und deshalb blieb den Eigentümern keine andere Wahl, als auf Investitionen zu verzichten. Kann man gut verstehen, soll man denn noch gutes Geld schlechtem hinterherwerfen?

Wohnen wird teurer

Liegt doch lange zurück, mag man da denken. Heute sehen ostdeutsche Städte (Ausnahmen wird es sicherlich geben) wieder schnieke aus und die Altbauwohnungen sind heiß begehrt. Allerdings ist Wohnen deutlich teurer als früher und gerade in den Ballungszentren, die von wachsender Wirtschaft und anhaltender Zuwanderung profitieren, sind in den letzten Jahren die Mieten erheblich gestiegen. Hinzu kommt der wirtschaftliche Aufschwung, der sogar in Städten wie Berlin die Einkommen steigen lässt. Das führt zu einer Verdrängung der „alteingesessenen Bevölkerung“, die sich die Mieten in bestimmten Gegenden nicht mehr leisten kann oder will.

Ein Ärgernis für Mieter und damit ein wichtiges Thema für die Politik. Man braucht keinen Mathematikleistungskurs, um auszurechnen, dass wesentlich mehr Wähler Mieter als Eigentümer sind. Wohnimmobilien waren schon immer ein politisches Thema und der Markt funktioniert lange nicht mehr in diesem Bereich. Folgendes sollte den überzeugtesten Immobilienanleger zu denken geben.

Erste Verschärfungen drohen

Die Regierung arbeitet an einer Verschärfung der Mietpreisbremse und will die Modernisierungsumlage kürzen. Statt bisher elf Prozent soll diese nur noch acht Prozent betragen. Harmlos denkt man? Nun, lassen Sie uns kurz rechnen.

Nehmen wir an, Sie modernisieren das Bad in der von Ihnen vermieteten Eigentumswohnung. Diese Modernisierung kostet 10.000 Euro und nach derzeitiger Regelung können Sie 1.100 Euro davon auf den Mieter umlegen, macht eine Erhöhung der Monatsmiete um rund 92 Euro. Auf den ersten Blick sieht das nach einer attraktiven Verzinsung aus. Immerhin elf Prozent vor Steuern.

Bei genauerer Betrachtung kommt man aber ins Grübeln. Wenn die Miete heute schon im Rahmen des Mietspiegels liegt, dürfen Sie zwar die Miete darüber hinaus erhöhen, doch spätestens in drei Jahren, wenn die nächste Mieterhöhung möglich wäre, haben Sie ein Problem. Zwar sind die Mieten auch nach Mietspiegel gestiegen, doch lediglich auf das Niveau, auf dem sie schon liegen. Sie dürfen also nicht weiter erhöhen. Damit haben Sie genau drei Jahre, in denen Sie Ihre Investition zurückverdienen müssen. Danach sind sie nämlich auf dem Mietniveau, das Sie auch ohne Modernisierung realisiert hätten. 36 Monate à 92 Euro ergeben jedoch nur 3.312 Euro. Die anderen 6.688 Euro bekommen Sie nicht zurück.

Natürlich ist es eine vereinfachte Betrachtung. Vermutlich wäre es ohne eine Modernisierung des Bades irgendwann schwer, die Miete nach Mietspiegel durchzusetzen. Solange aber der Markt wie heute durch eine Übernachfrage gekennzeichnet ist, ist es bei betriebswirtschaftlicher Betrachtung keine gute Idee zu modernisieren. Senkt man die Umlage auf acht Prozent erst recht nicht.

Dabei ist das Bad noch ein gutes Beispiel, weil der Mieter seine Modernisierung im Zweifel als eine Verbesserung empfindet. Die politisch gewünschte Wärmedämmung hingegen bedeutet ein Verlustgeschäft für Mieter wie Vermieter.

Anders ist es natürlich in den Fällen, wo die Ist-Miete so weit unter dem Mietspiegel liegt, dass es quasi nur über Modernisierungen möglich ist, die Lücke rasch zu schließen. Diese führen zu der Kritik und statt sich auf diese Fälle zu konzentrieren, macht die Politik lieber allen Investoren das Leben schwer.

DDR kommt nicht wieder?

Doch damit nicht genug. SPIEGEL ONLINE (SPON) geht bei der Besprechung einer Talkshow zum Thema sogar so weit, zu fordern, „mehr Kommunismus zu wagen“. Auf nach Ostberlin!, kann man da nur sagen. Und tatsächlich ist es so gemeint!

In der Tat stellt SPON fest, dass alle Vertreter der Bundespolitik in der Talkshow nichts Vernünftiges gesagt hätten. Stattdessen dann dies: „Kein Wunder, dass der Star der Plasberg-Runde kein Minister oder Bundestagsabgeordneter war, sondern ein Lokalpolitiker, der vor Ort konkrete Maßnahmen ergreift: Florian Schmidt, grüner Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, der in den Berliner Kiezen Grundsätzliches plant: Per Vorkaufsrecht will er erreichen, dass in 20 Jahren die Hälfte des Wohnungsbestandes landeseigenen Unternehmen bzw. Genossenschaften gehört, damit sind Mieterinnen und Mieter vor Spekulation, Luxussanierung und Umwandlung in Eigentum geschützt.“ Und weiter: „Der linke Grüne, eine seltene Spezies, die es so nur noch in Berlin gibt, ist auf einem guten Weg – seit 2015 hat der Bezirk so fast 1000 Wohnungen angekauft, wöchentlich werden es mehr. Statt einer Neuauflage der Mietpreisbremse, an der die Regierungskoalition zurzeit herumdoktert und die von der nächsten Regierung wieder gekippt werde, so Schmidt, brauche das Land in Sachen Wohnen dauerhaft stabile Verhältnisse.”

Ich zitiere dies hier entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit so ausführlich, damit die Leser von Stelter Strategisch, die immer noch glauben, sie könnten ihr Vermögen angesichts von Euro-, Schulden- und Demografie-Krise mit dem Kauf von Immobilien retten, endlich aufwachen! Was hier völlig reflexionslos gelobt wird, ist eine Neuauflage der DDR-Wohnungspolitik.

Friedrichshain lag  ja im Osten

Richtig, Friedrichshain lag ja im Osten und Kreuzberg sah vor der Wende ähnlich aus. So gesehen könnte man die Schultern zucken und sagen: „Lass die in Berlin doch machen.“ Das Problem dabei: Es beeinflusst die Bundespolitik, die in den kommenden Jahren – wie hier immer wieder beschrieben – unter einen massiven Druck kommen wird, über Umverteilung die Kosten der Alterung zu bewältigen, für die jahrzehntelang nicht vorgesorgt wurde. Was immer getan werden kann, ohne den Staatssäckel zu belasten, wird man tun. Mietbegrenzungen bieten sich da an!

Denken wir durch, was passiert, wenn der Staat zunehmend Eigentümer von Immobilien wird, mit dem erklärten Ziel, die Mieten relativ zum Marktpreis zu senken:

  1. Zunächst ist das eine Subvention der glücklichen Ist-Mieter zulasten der Allgemeinheit. Mit demselben finanziellen Aufwand könnte man neue Wohnungen bauen und so das Angebot vergrößern (was den Mietanstieg dämpft) oder aber allen Mietern einen staatlichen Zuschuss geben. Es ist offensichtlich, dass die Verwendung von Staatsmitteln zum Aufkauf vorhandener Wohnungen der ineffizienteste Weg ist.
  2. Schnell wird sich ein Markt bilden für die Vergabe von Wohnungen in den so subventionierten Häusern. Da die Miete gedeckelt ist, werden andere Formen der Bezahlung an Bedeutung gewinnen. Dies reicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (Partei, Beruf, …) bis hin zu Korruption. Letztere blüht besonders da, wo die Preise nicht marktgerecht sind.
  3. In die Immobilien im Staatsbesitz wird allerdings weniger investiert. Das liegt daran, dass auch die Taschen des Staates nicht beliebig tief sind. Zunächst wird das von den Mietern nicht beanstandet, können sie doch besonders günstig wohnen.
  4. Der Anteil der staatlichen Immobilien nimmt zu. Da auch diese Wohnungen in den Mietpreisspiegel einfließen, drückt das tiefe Mietniveau der subventionierten Wohnungen das Mietniveau insgesamt. Schön für Mieter, wenig rentabel für Vermieter.
  5. Für die Eigentümer der Wohnungen, die nicht im Staatsbesitz sind, wird es immer unattraktiver die Wohnungen zu halten, auch sie verkaufen an den Staat oder kürzen ihre Investitionen.

Kommunismus endet immer gleich: mit dem Verfall der Immobilien und einem Neustart, wenn die staatliche Wohnungskaufgesellschaft wieder verkauft wird, weil die Löcher im Haushalt zu groß sind.

Schuss geht nach hinten los

Damit geht der Schuss aber nach hinten los. Heute gehören rund 13,5 Millionen Wohnung in Deutschland privaten Investoren und nur rund 6,5 Millionen großen Immobilienverwaltern. Die privaten Investoren haben zumeist nur eine Wohnung oder ein Haus, weshalb – von Ausnahmen abgesehen – die Verwaltung nicht so professionell ist, wie bei den großen Investoren. Bisher sind die Mieter die Nutznießer der Unprofessionalität der Vermieter. Mieten wachsen langsamer, weil die Vermieter den Konflikt scheuen. Instandhaltungen werden früher durchgeführt, als sie technisch eigentlich erforderlich wären, Modernisierungen, obwohl sie sich eigentlich nicht rechnen.

Bei den professionellen Vermietern ist das anders. Sie betreiben ein aktives Portfoliomanagement und wissen, wo und wie sich eine Investition rechnet. Und vor allem, wie sie ihre Ansprüche gegenüber den Mietern durchsetzen.

Am Ende des „kommunistischen Weges“ dürfte damit ein Konzernkapitalismus stehen. So ist das, wenn die Politik agiert. Bekanntlich ist ja das Gegenteil von „gut“, „gut gemeint“.

Aus Sicht von Investoren ist die Schlussfolgerung eindeutig: In einem Staat, der überaltert, sich finanziell übernimmt (Euro, Migration, Rente, Energiewende), in dem Umverteilung als die Lösung für alles gesehen wird, sollte man nicht in Immobilien investieren. Besser das Geld außerhalb Europas anlegen. Aber das wussten Sie als Leser dieser Kolumne ja schon.

→ wiwo.de: „‚Mehr Kommunismus wagen‘ ist erst der Anfang“, 14. Juni 2018

15 Kommentare
  1. SB sagte:

    Der Aussage, das Land brauche in Sachen Wohnen dauerhaft stabile Verhältnisse, wird niemand ernsthaft widersprechen, denn Wohnen ist ein Grundbedürfnis.

    Soweit, so gut. Nun erkläre mal einer den Linksgrünen, dass das Leben aus dem Bestand und zudem auf Kosten anderer, die bestehenden und künftigen Probleme nicht löst. Das kapieren die nicht einmal, wenn direkt neben ihnen dieser Ansatz schon einmal im Systemzusammenbruch geendet hat. Aber bis dahin ist der Kommunismus erst einmal etwas ganz Feines. Solange einem nicht das Geld anderer Leute ausgeht…

    Antworten
  2. Wolfgang Selig sagte:

    bto: „Kommunismus endet immer gleich: mit dem Verfall der Immobilien und einem Neustart, wenn die staatliche Wohnungskaufgesellschaft wieder verkauft wird, weil die Löcher im Haushalt zu groß sind.“

    Dem ist wenig hinzuzufügen. Ich zitiere Margaret Thatcher: „The problem with socialism is that eventually you run out of other people’s money [to spend].“

    Das ist m.E. auch der wahre Grund für den Verkauf etlicher öffentlicher Wohnungsbestände in Deutschland nach 1990 gewesen.

    Antworten
  3. Dietmar Tischer sagte:

    Sehr schön dargelegt.

    Das ist aber erst die halbe Miete.

    Da man sich sein Wohneigentum nicht einfach unter den Arm klemmen und damit davonlaufen kann, kommt es noch besser für die Immobilieneigner.

    Da Grundbesitz LÜCKENLOS erfasst ist, lässt sich fein adjustiert zugreifen, ohne große Gegenwehr zu erzeugen.

    So werden die Gemeinden wie bereits geschehen die Grundsteuern erhöhen, Widerstand ist zwecklos …

    Die Folge ist richtig angesprochen worden:

    MEHR „Gerechtigkeit“ für WENIGER Wohnqualität.

    Warum ist das der Lauf der Dinge?

    Die Gesellschaft ist in einem MODUS, der alternative Lösungsansätze nachhaltig VERDRÄNGT hat.

    Ich warte bis heute auf die TV-Talk Show-Sendung, in der jemand etwa Folgendes sagt:

    Die Wohnungsmisere in den Ballungsgebieten wäre WESENTLICH entschärft, wenn Sie, Frau pensionierte Lehrerin, aus ihrer Wohnung in München ausziehen und z. B. eine in Bamberg beziehen würden. In München würde ein bei BMW anheuernder Ingenieur die Marktmiete stemmen und Sie würden sie in Bamberg auch bezahlen können, ohne Einbußen an der Wohnqualität hinnehmen zu müssen.

    Bamberg mag Ihnen nicht gefallen, weil sie in München ihren langjährig gewachsenen Bekanntenkreis und das attraktivere Kulturangebot haben. Sie müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass in einer Marktwirtschaft, die auch ihren Rentnerwohlstand schafft, NIEMAND das Recht auf einen bestimmten Wohnort hat.

    Solche Wahrheiten will niemand aussprechen und schon gar nicht will sie jemand hören.

    Antworten
    • SB sagte:

      @Dietmar Tischer:

      Da gäbe es zuvor aber noch ein paar andere Stellschrauben gegen die Wohnraumverteuerung:

      – Man könnte sich z.B. fragen, warum internationales Kapital in deutschen Wohnraum investieren darf, um Geld „in Sicherheit zu bringen“ (Kapitalflucht), oder auf Preissteigerungen zu spekulieren und Mietrendite zu machen. Die bauen hier keine Wohnungen, schon gar nicht für Otto-Normal-Verbraucher. Woher die das Geld für ihre „Investments“ haben, weiß kein Mensch und will offenbar auch niemand wissen. Wir wissen aber, dass sich die hier arbeitenden und wohnenden Menschen immer weniger selbst Eigentum leisten können und auch die Mieten immer unerschwinglicher werden, zumindest in Großstädten.
      – Man könnte sich auch fragen, warum Migranten in beträchtlicher Anzahl auf Steuerzahlers Kosten in Großstädten angesiedelt werden und so dort zusätzliche Wohnungsknappheit und damit Mietsteigerungen erzeugt werden, wo doch auf dem Lande so viel Platz ist.
      – Man könnte sich auch fragen, ob Bezieher von Sozialhilfe in einer Großstadt leben müssen, anstatt aufs Land zu ziehen.

      Die beiden letzten Punkte haben übrigens rein gar nichts mit Marktwirtschaft zu tun.

      Mit der Antwort auf diese Maßnahmen wäre schon viel getan. Da muss man die pensionierte Lehrerin, die aus eigenem Einkommen lebt, noch gar nicht in Richtung Land verweisen.

      Antworten
  4. Gibson sagte:

    Wenn es irgendetwas gibt, auf dass sich nahezu alle Ökonomen jeglicher Couleur einigen können, dann dass eine Mietpreisebremse nicht funktioniert und langfristig allen schadet.

    In Anbetracht des Anlageverhaltens des Durchschnittsdeutschen ist allerdings die Frage berechtigt, ob heimische Immobilien nicht doch den Euro-Staatsanleihen vorzuziehen sind.

    Antworten
  5. Thomas sagte:

    >Besser das Geld außerhalb Europas anlegen. Aber das wussten Sie als Leser dieser Kolumne ja schon.

    @Hr. Dr. Stelter: Wo Sie das erwähnen… Wenn Ihnen interessante makroökonomische Artikel zu anderen Regionen auf den Tisch kommen, wäre eine Verlinkung auch sehr interessant. Z.B. hört man gefühlt recht wenig zu Ländern wie Kanada oder Australien. Oder andere große Frage: China, große Ponzischema oder demnächst Weltmacht 1? Und wo stehen die EM Asia? Superinteressant ist auch Japan: Einzige nicht-westliche (im kulturellen Sinne) G7-Nation und radikal andere Zentralbankpolitik.

    Klar, man kann auch selber googlen, aber da bewegt man sich ja doch in bestimmten Denk- und Suchschemata und vielleicht tut ein bisschen Pause von der Euro-Titanic mal ganz gut. Ist ja auch Urlaubssaison…

    Antworten
  6. Thomas sagte:

    >Bisher sind die Mieter die Nutznießer der Unprofessionalität der Vermieter. Mieten wachsen langsamer, weil die Vermieter den Konflikt scheuen. Instandhaltungen werden früher durchgeführt, als sie technisch eigentlich erforderlich wären, Modernisierungen, obwohl sie sich eigentlich nicht rechnen.

    Anmerkung: Was man als Unprofessionalität bezeichnet, könnte man auch als zivilen, netten Umgang miteinander betrachten. In dem Moment, wo man für Fremde im Auftrag verwaltet, wird es kälter und härter im Umgang.

    Antworten
  7. Johann Schwarting sagte:

    Die heute noch bestehende formelle – auf zwangsweises verkündetes Recht beruhende – Herrschaft schlägt wieder, weil die Aufschuldung und damit die Vorfinanzierung wegen des nicht lösbaren ‚Vorher-Nachher-Problems‘ endlich sind, in formlose Gewaltherrschaft um. Die Beleihbarkeiten werden ein Ende finden. Die zu erwartende Korrektur alle Besicherungen erzwingen staatliche Eingriffe, wie sie gerade in Berlin diskutiert werden. Die dortige Diskussion steht im Einklang mit der debitistischen „Beschreibung, was sich ergibt, sofern Schulden existieren.“

    Dazu Paul C. Martin am 03.12.2003 noch am Beginn der Recherchearbeit zur Machttheorie in

    http://www.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=238987

    „7. Dieser Zwang zur Zession schlägt sich in allerlei Varianten nieder. Die Zession läuft unter dem bekannten Stichwort „Privilegia“ (siehe dazu das bekannte Mosaik in Ravenna mit der „Privilegia“-Rolle). Entscheidend bleibt, dass jedes dieser Privilegien beurkundet sein muss, so dass es nicht durch faktisches Handeln der Macht wieder einkassiert werden kann. Was natürlich auch vorgekommen ist, siehe die Entwicklung in Russland: Erst Katharina die Große (der deutsche background!) hat dort privates Eigentum (beurkundet und obendrein als Titel, der sich aus der Urkunde ergibt, dann wieder nutzbar) eingeführt. Die Bolschewiken haben es wieder gestrichen (Rückfall des privaten Eigentums an die Macht, die es überhaupt erst ermöglicht hatte – die Vor-Katharina-Phase eben). Ergebnis: Erneut Verelendung, wie im real existierenden Sozialismus bestens zu betrachten.“

    Wegen der Überschuldung wird die Zentralmacht den von ihr installierten Machtkreislauf des Geldes, der ja im Grunde genommen die Besicherung ihrer Verschuldung ist und ihre unausweichliche Implosion nur hinausschiebt, zurückstutzen. Von der Zentralmacht zedierte Privilegien (bis ins 16. Jh. „fryheiten“ genannt) – vor allem Eigentumsprivileg, Rechts- und Gerichtsprivileg, freies Marktprivileg, Freihandelsprivileg, Meinungsfreiheit usw. – werden zurückgenommen. Das ist weltweit in den saturierten Zentralmachtsystemen zu beobachten.

    BK’in Merkel hat anlässlich einer Festveranstaltung zur Einführung der D-Mark vor 70 Jahren richtig erkannt: „… Denn das Thema Wohlstand für alle ist heute nicht mehr so selbstverständlich“. Wie wahr.

    Antworten
  8. markus sagte:

    „Solange aber der Markt wie heute durch eine Übernachfrage gekennzeichnet ist, ist es bei betriebswirtschaftlicher Betrachtung keine gute Idee zu modernisieren. “

    So ist der Zustand schon vor 10 Jahren in Paris gewesen. Und auch schon ein paar Jährchen davor. Da konnte (und ich vermute „kann“ – bin aber nicht mehr vor Ort) jedes Loch für üppiges Geld vermietet werden. Und aus obigem Grunde gab es viele dieser Wohnungen.

    Das Problem gestaltet sich eigentlich folgendermaßen (die Umlageauflagen verstärken den Trend nur):
    Die Mieter verdienen wenig relativ zur Miete. Die Investoren merken das und drosseln daher den Neubau (und Instandhaltung). In Folge steigen die Mieten, weil weniger Angebot. Die Mieter verdienen noch weniger relativ zur Miete. Wenn man das weiter denkt, dann ist die Lösung aus Investorensicht: Gar nichts mehr zu bauen oder zu investieren. Nur so können sie maximal Profit bekommen. Ohne Investitionen steigen die Mieten von selber. Wenn es denn ginge und die Mieter keine anderen Grundbedürfnisse hätten (wie z.B. Nahrungsmittel), könnte der Mieter zu 100% für den Vermieter arbeiten. Natürlich verfallen so langsam alle Wohnungen. Aber den Vermietern geht es (relativ gesehen) super.

    Der Mietmarkt ist – genau wie der Lebensmittelmarkt – eben kein symmetrischer Markt. Solange die Miete oder der Preis von Lebensmitteln einen kleinen Bruchteil des Einkommens des Durchschnittsbürgers darstellt, fällt das nicht sonderlich auf. Steigt jedoch dieser Anteil, wird ersichtlich, dass der Mieter nachfragen MUSS (er muss ja irgendwo leben), der Vermieter aber NICHT vermieten muss.

    Das Problem der Immobilienwirtschaft und Mieten ist – wie auch ein Großteil der heutigen anderen Probleme – begründet durch eine dysfunktionale Wirtschaft aufgrund zu unterschiedlicher Vermögensverhältnisse.

    Eigentlich gibt es nur zwei Lösungen der Bredouille:

    a) Eine wirkliche Umverteilung von Vermögen.
    b) Eine feudale Gesellschaft, in der ein großer Teil der Bevölkerung einen kleineren Teil durch Renten (z.B. in Form von Miete) alimentiert.

    PS:
    Der Schreiber diese Zeilen ist Mieter, hätte aber, wären die Immobilienpreise nicht so hoch, den Immobilienstock in Deutschland verbessert durch Erwerb eines Eigenheimes.

    Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      >Der Mietmarkt ist – genau wie der Lebensmittelmarkt – eben kein symmetrischer Markt….Das Problem der Immobilienwirtschaft und Mieten ist – wie auch ein Großteil der heutigen anderen Probleme – begründet durch eine dysfunktionale Wirtschaft aufgrund zu unterschiedlicher Vermögensverhältnisse.>

      Das ist schlichtweg falsch.

      Es gibt nicht DEN Mietmarkt.

      Es gibt einen Mietmarkt in Ballungsgebieten wie München, einen in mittelgroßen Städten und es gibt einen in Kleinstädten des Westens und Ostens etc.

      Diese unterschiedlichen Märkte könnten im VERBUND funktionieren, wenn man die Märkte GEWÄHREN ließe, d. h. wenn dort jeweils Angebot und Nachfrage OHNE weitgehende Reglementierung aufeinander treffen würden.

      Ich weiß dass es dafür Grenzen gibt, weil man die Wohnung nicht wie ein Hemd wechseln kann.

      Es müsste aber auch nicht so reguliert werden, wie es der Fall ist.

      Wir regulieren zu VIEL, weil wir uns MEHRHEITLICH nicht zu viele Veränderungen, u. a. ANPASSUNG an die Nachfrage- und Angebotsbedingungen zumuten wollen. Die Regulierung der Wohnungswirtschaft ist nur ein Beispiel dafür.

      Das ist der eigentliche Grund der Malaise.

      Auf dieser Basis kommt man in einen verhängnisvollen Argumentationsmodus, wie neulich eine Dozentin (promovierte Ökonomin) an einer deutschen Hochschule, die von MARKTVERSAGEN geredet hatte.

      Als ich ihr vorwarf, dass ein Organisationsprinzip nicht versagen kann, sondern – wie im vorgetragenen Fall – allenfalls eine begrenzte Reichweite hat, eben nicht alles „kann“, sagte sie: Es ist Konsens, dass es Marktversagen gibt. Das mag so sein, nachvollziehbar seit Akerlof das Lemon-Problem dargelegt hatte.

      Es ist dennoch FALSCH – und es ist GEFÄHRLICH, weil DEMAGOGISCH:

      Denn mit der Behauptung, dass der Markt versagt habe, KANN man umstandslos FORDERN, dass ihn etwas ersetzen muss, also etwa staatliche Einrichtungen und Systeme (die das Versagen vermeintlich bestens kompensieren können)

      Wenn man richtigerweise sagen würde, der Markt kann das nicht regeln, dann MUSS man BEGRÜNDEN, warum man das, was er nicht kann, anders geregelt haben WILL.

      Das ist eine ganz ANDERE öffentliche DISKURS-Situation, die – nicht ausgeschlossen – zu ähnlichen Ergebnissen führen kann, allerdings mit einem anderen VERSTÄNDNIS und einer anderen EINSTELLUNG zu den Problemen.

      Vielleicht waren wir da noch nie, zurück oder hin dazu kommen wir offensichtlich nicht.

      Antworten
    • Wolfgang Selig sagte:

      Es gibt noch eine c)-Lösung: eine zurückgehende Nachfrage durch die demographische Entwicklung. Schön zu sehen in deutschen Abwanderungsgebieten. Wenn ein Überangebot am Wohnungsmarkt herrscht, bleiben die schlechtesten Wohnungen leer. Nützt dem Wohnungssuchenden in Düsseldorf oder München natürlich gerade nichts, aber beispielsweise im Erzgebirge oder im südlichen Niedersachsen gibt es da nette Objekte zu mieten bzw. zu kaufen. Für aus Käufersicht bzw. Im Vergleich zu den Herstellkosten akzeptable Preise.

      Antworten
  9. Thomas sagte:

    >“Es ist Konsens, dass es Marktversagen gibt.“

    Na dann ist doch alles gut. Ich denke der Konsens meint es so: MARKTVERSAGEN: unerwünschtes Verhalten des Marktes mit Blick auf die eigenen Ziele.

    Deswegen ist der nächste Schritt, dass man am Markt rumschrauben muss. Der Mensch tut sich halt per se schwer damit, Dinge laufen zu lassen. Kein neues Thema; die daoistische Philosophie hat das auch schon vor >2.000 Jahren erkannt.

    Ich seh gerade, dass der Wikipedia-Konsens wie folgt definiert: „Marktversagen bezeichnet in der Wohlfahrtsökonomik eine Situation, in der die Koordination über den Markt nicht zu einer pareto-effizienten Allokation der Ressourcen führt.“

    Anscheinend gibt es doch Wissenschaft hinter dem scheinbar umgangssprachlichen Begriff. Der Wikipedia-Eintrag suggeriert mathematische Lösbarkeit…. aber nach Lesen des gesamten Eintrags hat sich das Thema für mich offen gesagt (mal wieder und wie so oft) in Logik-Wölkchen verflüchtigt.

    Ausgehend von den Sätzen:

    „Eine gesellschaftliche Situation wird dann als ökonomisch effizient oder Pareto-optimal bezeichnet, wenn es nicht möglich ist, die Wohlfahrt eines Individuums durch eine Re-Allokation der Ressourcen zu erhöhen, ohne gleichzeitig die eines anderen Individuums zu verringern. In anderen Worten: Ein Zustand, bei dem es keine Möglichkeit gibt, ein Individuum besser zu stellen, ohne gleichzeitig ein anderes schlechter zu stellen“

    darf man ja gar nie regulierend oder umverteilend in bestehende Systeme eingreifen.

    Zu meiner Freude, Guido Calabresi sieht das anscheinend genauso: „Staatliche Entscheidungen hätten also notwendig immer auch eine distributive Wirkung, einige der betroffenen Bürger würden immer schlechter gestellt.“ (The Pointlessness of Pareto)

    Antworten

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.