Kriegswirtschaft ist die neue Realität – auch für Europa
Die deutsche und europäische Politik tut sich schwer mit den neuen Realitäten in der Welt. Da hält man in Davos markige Reden und feiert den kanadischen Premier Mark Carney für seine klaren Worte, schafft es aber nicht, auch nur im Ansatz kraftvoll zu handeln. Während der Kanadier seine Wirtschaft mit Steuersenkungen und Reformen stärken möchte, halten wir am eingeschlagenen Kurs fest. Klima-, Energie- und Sozialpolitik: Nichts wird hinterfragt.
Dabei war das Theater um Grönland die deutliche Manifestation eines Paradigmenwechsels, der die Weltordnung grundlegend verändert. Den Startschuss dafür gab der 20. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 2022. Seither leben wir nicht mehr in einer Friedenswirtschaft. Wir befinden uns in einer Kriegswirtschaft, wie der in Hongkong lebende Franzose David Baverez in seinem 2024 erschienenen Buch „Welcome to the War Economy!“ ausführt.
In der Friedenswirtschaft, die seit 1989 herrschte, waren die Spielregeln einfach: Wer die beste Technologie, die besten Produkte, das beste Marketing hatte, gewann. Der Konsument war König. Die Lieferketten waren global und optimiert. Effizienz war die Tugend.
In der Kriegswirtschaft ist die Spielregel eine andere: Wer die Produktionsengpässe kontrolliert, der hat die Macht. Nicht, wer mehr Geld verdient, sondern, wer nicht substituierbar ist. China hat das begriffen. Die USA begreifen es gerade. Europa begreift es bis jetzt nicht.
Seit etwa zehn Jahren verfolgt China eine Strategie, die systematisch und bewusst jeden bedeutenden Produktions-Bottleneck der Welt kontrolliert: Seltene Erden (85 bis 95 Prozent der Verarbeitungskapazität), Halbleiter (35 bis 50 Prozent der Produktion insgesamt, bei Spezialchips oft über 70 Prozent), Batterien (über 70 Prozent der Lithium-Verarbeitung). Bei Robotik, Automation und E-Mobilität setzt China den Standard.
China hat sich systematisch auf einen neuen Kalten Krieg vorbereitet. Wie erfolgreich das war, musste Donald Trump mit seinen Zöllen realisieren. China hatte eine deutlich bessere Verhandlungsposition, und die USA mussten einlenken.
Darauf reagieren die USA nun, nachdem sie den Aufstieg des strategischen Rivalen viel zu lange unterschätzt haben. Was Donald Trump macht, bestätigt David Baverez’ zentrale These auf dramatische Weise: Wir leben in einer Kriegswirtschaft, in der nicht mehr der Markt, sondern die Kontrolle über Produktionsengpässe die Macht definiert. Trump geht es nicht um ein Stück Eis im hohen Norden.
Es geht um 43 der 50 von den USA als kritisch eingestuften Mineralien. Um Lithium, Nickel, Kobalt, seltene Erden – die Rohstoffe, die jedes Elektroauto, jede Windturbine, jede moderne Militärwaffe braucht. In Grönland lagern davon Billionenwerte. Donald Trump will diese für die USA sichern. Da können wir uns zu Recht noch so viel über die Forderung und die Vorgehensweise der USA unter „Freunden“ aufregen.
Die Reaktion der Europäer zeigt erneut, dass wir noch nicht im Ansatz verstanden haben, worum es geht. Während wir grüne Environment-, Social-, Governance-Standards (ESG) schreiben, über Diversität sprechen und das Mercosur-Abkommen nach mehr als 25 Jahren nochmals torpedieren, investiert China in kritische Technologien und erobert ehemalige Schlüsselmärkte der Europäer.
David Baverez schlägt vor, das ESG-Konzept neu zu definieren als Energie, Sécurité (Sicherheit) und Guerre (Krieg). Diese Neudefinition reflektiert seine Überzeugung, dass Unternehmen und Staaten sich auf die harten Realitäten der neuen Weltordnung einstellen müssen, um zu überleben.
Konkret bedeutet dies, dass wir in Europa unsere industrielle Basis schützen und wiederherstellen müssen. Das geht nur, wenn wir aufhören, mit dem Ziel der Begrenzung des Klimawandels – dem keiner unserer Rivalen folgt – die Deindustrialisierung durch immer höhere Energiekosten zu befördern.
Es bedeutet auch, die höheren Militärausgaben mit Steuermitteln zu finanzieren, denn nichts ist so sehr Staatsaufgabe wie die innere und äußere Sicherheit. Während die Ausgaben für Verteidigung bis 2015 gegenüber 1990 um 25 Prozent sanken, verdoppelten sich die Ausgaben für Soziales in den europäischen Nato-Staaten. Das müssen wir jetzt umkehren.
Mit Blick auf Grönland muss es darum gehen, der EU einen Teil der Rohstoffe zu sichern. Wir müssen einen Deal machen, nicht, weil uns die „regelbasierte Ordnung“ egal wäre. Nein, weil es sie nicht mehr gibt. Willkommen in der Kriegswirtschaft.
→ handelsblatt.com: „Europa begreift die Spielregel in der Kriegswirtschaft nicht“, 25. Januar 2026

