Innovations­agenda statt Protektionismus

Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei Unitree Robotics im chinesischen Hangzhou ist mehr als ein nettes Bild mit tanzenden Robotern – er ist ein Weckruf an Europas wirtschaftliche Stärke. Am 26. Februar 2026 verfolgte Merz in der Zentrale des chinesischen Robotik-Pioniers, wie humanoide Maschinen boxen, Kung-Fu vorführen und parallel an der Produktionslinie Sortieraufgaben übernehmen – eine selbstbewusste Vorstellung der Innovationskraft Chinas.

Der aktualisierte „Critical Technology Tracker“ des Australian Strategic Policy Institute (ASPI) zeigt, wie ernst die Lage ist: China liegt bei der Forschung in 66 von 74 kritischen Technologien vorn, die USA in den übrigen acht. ASPI betont, dass die EU, die USA und das Vereinigte Königreich seit zwei Jahrzehnten einen abwärtsgerichteten Trend in ihrem Anteil an Hochtechnologie-Forschung aufweisen, während China seinen Vorsprung weiter ausbaut. Vorbei sind die Zeiten, in denen China nur kopierte.

Die EU – die bekanntlich schon vor über 25 Jahren in Lissabon beschlossen hatte, zu einer „dynamischen, innovativen und wettbewerbsfähigen Region” zu werden – reagiert wie zu erwarten: mit Protektionismus („buy european“) und auf Drängen Frankreichs wohl auch noch mit einer staatlichen „Industriepolitik“. Beides dürfte den Rückstand eher noch vergrößern.

Eine aktuelle Studie des Thinktanks Bruegel arbeitet den Kern des Problems klar heraus: „What can Europe learn from China’s critical-tech innovation push?“ Europa leistet sich, so die Experten, „fragmentierte Exzellenz“ – starke Forschung in Inseln, aber zu wenig Skalierung und Kommerzialisierung. China dagegen bündelt Ressourcen in klar definierten Schlüsseltechnologien, koppelt Förderungen an industrielle Ziele und schafft so Wachstumsbranchen, die das Zeug haben, Weltmärkte zu dominieren.

Ohne Reformen wird die EU weiter Boden gegenüber den USA und China verlieren, weil wir im globalen Innovationswettlauf zu langsam skalieren und zu sehr auf Regulierung statt auf wirtschaftliche Stärke setzen. Wenn wir wirtschaftliche Stärke als Voraussetzung für alles andere ernst nähmen, würden daraus drei prioritäre Aufgaben folgen:

Fokussierte Innovationsagenda statt Gießkanne: EU-Forschungsprogramme wie Horizon Europe müssen deutlich stärker auf wirklich kritische Technologien konzentriert werden – etwa KI, Robotik, Halbleiter, Energienetze und Quantentechnologien –, mit klaren Zielen für Patente, Markteinführungen und Exportanteile.

Binnenmarkt als Skalierungsmaschine nutzen: Solange jeder Mitgliedstaat seine eigenen Zulassungs-, Daten- und Innovationsregeln pflegt, bleibt Europa ein Flickenteppich und kein Markt, auf dem Tech-Champions schnell wachsen können. Bruegel empfiehlt EU-weite „Sandboxes“ für Patentlizenzierung und Technologietransfer. Die Vorschläge rund um eine fünfte Säule des Binnenmarkts – Forschung, Innovation, Daten, Kompetenzen – weisen genau in die richtige Richtung und müssen nun mit Priorität umgesetzt werden.

Zukunftsorientierte Industriepolitik: Eine europäische Industriepolitik, die Wohlstand sichern soll, darf nicht primär Beschäftigung verwalten, sondern muss Produktivität und Wertschöpfung treiben. Bruegel argumentiert, Europa solle von Chinas „präziser“ Subventionslogik lernen: zeitlich befristete, zielgenaue Förderung, gekoppelt an messbare technologische Fortschritte, Spill-over-Effekte und private Co-Investitionen – nicht an diffuse Standort- oder Beschäftigungsziele. Öffentliche Beschaffung sollte systematisch als Nachfragemotor für kritische Technologien genutzt werden; Bruegel schlägt vor, über 30 Prozent relevanter Verträge bis 2028 mit EU-basierter KI oder Halbleitern zu unterlegen.

Wer in den Zukunftstechnologien wie KI, Robotik, Halbleitern und Energienetzen nicht vorn mitspielt, verliert nicht nur Wohlstand, sondern auch die Fähigkeit, eine glaubhafte militärische Abschreckung zu finanzieren und damit geopolitisch ein eigenständiger Akteur zu sein. Deshalb brauchen wir jetzt eine europäische Innovationsagenda.

→ handelsblatt.com: „Warum Europa im globalen Technologierennen zurückfällt“, 9. März 2026