Europas verschenktes Potenzial: 4 Wege aus der Krise

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Zuerst die schlechte Nachricht: Europa fällt wirtschaftlich zurück. Der Abstand zu den USA ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten größer geworden – bei Einkommen, Produktivität, Innovation und Technologie. Gleichzeitig hat China aufgeholt und Europa in vielen Bereichen bereits überholt.

Die gute Nachricht: Unser Problem ist nicht mangelndes Talent. Europa ist reich an Wissen, Kapital und Unternehmern. Unser Problem liegt woanders. Europa leidet vor allem unter einer Politik, die Wachstum erschwert, Energie verteuert, Risikobereitschaft bestraft und Bürokratie produziert. Das bedeutet aber auch: Die Entwicklung ist nicht schicksalhaft. Sie ist veränderbar.

Die erste Frage lautet jedoch: Wie konnte es so weit kommen?

Weniger Wohlstand

Im Jahr 2000 verabschiedete die Europäische Union die Lissabon-Strategie. Ziel war es, bis 2010 zur wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsregion der Welt aufzusteigen: durch mehr Forschung, mehr Innovation, bessere Bildung, höhere Produktivität. Erreicht wurde nichts davon. Nach der Finanzkrise verschwand das Thema weitgehend aus der politischen Debatte.

Mit Corona wurde das Scheitern endgültig unter den Teppich gekehrt. Die Realität lässt sich jedoch nicht wegdiskutieren. Der wichtigste Gradmesser wirtschaftlichen Erfolgs bleibt das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Heute erreicht die Europäische Union nur noch rund 72 Prozent des amerikanischen Niveaus.

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit Deutschland und Österreich. Anfang der 1990er-Jahre lagen beide Länder beim nominalen BIP pro Kopf ungefähr gleichauf mit den USA – alle drei bei rund 22.000 bis 24.000 US-Dollar. Heute liegen Deutschland und Österreich bei rund 60.000 Dollar, die USA dagegen bei rund 90.000 Dollar. Das ist keine kleine Abweichung. Das ist eine historische Verschiebung.

Weniger produktiv

Noch gravierender ist die Entwicklung bei der Produktivität. Zwischen 2019 und 2024 stieg die Produktivität pro Arbeitsstunde in den USA um knapp sieben Prozent. In der Eurozone lag das Plus bei gerade einmal einem Prozent.

Amerikanische Arbeitnehmer erwirtschaften pro Stunde also deutlich mehr als europäische. Ein erheblicher Teil des Wohlstandsabstands geht allerdings nicht allein auf die Produktivität zurück, sondern auch auf die geleisteten Arbeitsstunden: Amerikaner arbeiten im Durchschnitt rund 200 Stunden pro Jahr mehr als Europäer, und ein etwas größerer Teil der Bevölkerung steht überhaupt im Erwerbsleben.

Insgesamt liegt die Arbeitsproduktivität der EU rund ein Drittel unter jener der USA. Produktivität ist kein technisches Detail. Produktivität entscheidet darüber, ob der Wohlstand wächst – oder nicht. Wer produktiver arbeitet, kann höhere Löhne zahlen, mehr investieren und seinen Sozialstaat finanzieren.

Weniger innovativ

Auch bei Forschung und Wissenschaft hat Europa an Boden verloren. Die internationalen Hochschulrankings werden weiterhin von amerikanischen Universitäten dominiert. Die Technische Universität München ist inzwischen als beste Hochschule der EU bei den QS World University Rankings 2026 auf Platz 22 vorgerückt – der erste EU-Vertreter unter den Top-25 seit dem Brexit. Sie bleibt jedoch die einzige Universität der Union in dieser Spitzengruppe.

Noch alarmierender ist die Entwicklung bei den Zukunftstechnologien. Der Critical Technology Tracker des Aus-tralian Strategic Policy Institute untersucht die Forschungsführerschaft in 74 kritischen Zukunftstechnologien. Das Ergebnis ist ernüchternd: China führt inzwischen in rund 90 Prozent dieser Felder, die USA im Rest. Die Europäische Union als Block schafft es lediglich in drei bis vier dieser 74 Zukunftstechnologien überhaupt ins Spitzenfeld. Der Index misst nicht industrielle Produktion, sondern wissenschaftliche Spitzenleistungen.

Genau deshalb ist er wichtig. Er zeigt, wo die Technologien von morgen entstehen. Wer heute in der Forschung zurückfällt, fällt morgen in der Industrie zurück. Wenn Europa diese Entwicklung umkehren will, muss es zu einigen einfachen wirtschaftlichen Grundprinzipien zurückkehren.

1. Energie als Fundament

Wohlstand entsteht dort, wo Energie billig, zuverlässig und im Überfluss verfügbar ist. Die USA haben das verstanden. Fracking hat dort die Energiepreise gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt. China hat es ebenfalls verstanden. Dort werden neue Kraftwerkskapa-zitäten aufgebaut, nicht abgeschaltet. Erneuerbare Energien werden als Ergänzung, nicht als Ersatz betrachtet. Das Ziel lautet: mehr Energie.

Europa verfolgt dagegen seit Jahren die gegenteilige Strategie. Wir machen Energie teurer. Wir machen Energie knapper. Wir schalten funktionierende Kraftwerke ab. Wir verbieten uns den Zugang zu eigenen Ressourcen. Der deutsche Atomausstieg und das Frackingverbot stehen exemplarisch für diese Politik.

Wer industrielle Produktion zurückholen will, wer Rechenzentren aufbauen will, wer künstliche Intelligenz entwickeln will, wer Chemie, Stahl oder Maschinenbau erhalten will, braucht eines: billige Energie.

Es ist ökonomisch absurd, Energie künstlich zu verteuern und anschließend Milliarden für Subventionen auszugeben, um die Folgen dieser Verteuerung abzumildern. Selbst wenn Fracking in Europa aus geologischen Gründen nicht ganz so hohe Erträge bringen würde wie in den USA, ist der Verzicht auf jede ergebnisoffene Prüfung ökonomisch fahrlässig. Der erste Grundsatz einer europäischen Wachstumsstrategie sollte deshalb lauten: Energie ist Leben.

2. Aus Fehlern lernt man

Innovation entsteht nicht dort, wo Fehler vermieden werden. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, Risiken einzugehen. Genau daran krankt Europa. Wer hier gründet, wird mit einem Berg aus Vorschriften, Kosten und Verpflichtungen konfrontiert. Entlassungen von Mitarbeitern sind teuer. Regulierungen sind komplex. Verfahren dauern lange – was ein Scheitern wahrscheinlicher macht.

Europa braucht weniger Bürokratie, weniger Regulierung und mehr Freiheit.

Die Ökonomen Oliver Coste und Yann Coatanlem haben vorgerechnet, dass die effektiven Kosten des Scheiterns in Europa ein Vielfaches jener in den USA betragen – ein wesentlicher Grund, warum riskante Projekte hier seltener gewagt werden. Das hält nicht nur Gründer zurück. Auch Großunternehmen überlegen zweimal, bevor sie ein riskantes Projekt starten. Wenn das Scheitern zu teuer wäre, wird das Experiment gar nicht erst gewagt.

Das Ergebnis ist eine Wirtschaft, die bestehende Produkte verbessert, aber seltener grundlegend neue schafft. Europa braucht weniger Bürokratie, weniger Regulierung und mehr Freiheit. Innovation lässt sich nicht planen. Sie entsteht dort, wo viele Menschen viele Ideen ausprobieren dürfen – und dabei natürlich auch scheitern dürfen.

3. Forschung fördern

Europa verfügt weiterhin über hervorragende Forscher und Forschungseinrichtungen. Die ETH Zürich gehört zur Weltspitze. Oxford und Cambridge beweisen, dass auch in Europa Spitzenforschung möglich ist. Auch Deutschland hat Lichtblicke. Die TU München hat sich zu einem der erfolgreichsten Start-up-Zentren Europas entwickelt. In Bereichen wie Robotik oder Kernfusion entstehen wieder wissenschaftliche Ausgründungen mit globalem Potenzial.

Das Problem ist nicht die Forschung, sondern die Umsetzung. Zu oft entstehen in Europa brillante Ideen, die anschließend in den USA finanziert und skaliert werden. Forschung allein schafft noch keinen Wohlstand. Wohlstand entsteht dann, wenn aus Forschung Unternehmen werden.

4. Voneinander lernen

Europa besitzt einen Vorteil, den wir viel zu wenig nutzen: den Wettbewerb zwischen seinen Mitgliedstaaten. Wenn ein Land etwas besser macht als die anderen, sollten die anderen davon lernen. Dänemark zeigt, wie Digitalisierung der Verwaltung funktionieren kann. Also sollte Deutschland die dänischen Lösungen übernehmen, statt jahrelang eigene Systeme zu entwickeln.

Dass in Europa zu wenig voneinander gelernt wird, zeigt sich besonders drastisch im Bildungsbereich. In Deutschland machen immer mehr Schüler Abitur. Gleichzeitig werden auch die Noten immer besser. Doch während die Zeugnisse besser werden, sinken die Leistungen. Ein erheblicher Teil der Viertklässler verfehlt laut der deutschlandweit durchgeführten Schulleistungsstudie IQB-Bildungstrend die Mindeststandards in Lesen, Schreiben oder Rechnen. Fast drei Millionen junge Erwachsene zwischen 19 und 34 Jahren besitzen keinen Berufsabschluss. Das ist keine Bildungsexpansion. Das ist Leistungsabbau.

Gleichzeitig zeigen Estland und Finnland seit Jahren, dass es innerhalb Europas deutlich besser geht. Die Ergebnisse sind bekannt. Nur die Bereitschaft, erfolgreiche Modelle zu übernehmen, fehlt. Dasselbe gilt für den Binnenmarkt. Noch immer existieren zahllose bürokratische Hürden, die den Handel innerhalb der EU erschweren.

Wir besitzen eine einzigartige Landschaft mittelständischer Weltmarktführer.

Ein deutsches Unternehmen, das Backformen nach Österreich verkaufen möchte, muss sich mit Verpackungsvorschriften, Entsorgungsregeln, Meldepflichten und der Bestellung eines österreichischen Bevollmächtigten beschäftigen. Für kleine Mittelständler lohnt sich der Aufwand oft nicht. Die Folge: Der Binnenmarkt scheitert nicht an Grenzen, sondern an Formularen.

Europa entfesseln

Bei aller Kritik sollten wir eines nicht vergessen: Europa verfügt weiterhin über enorme Stärken. Wir haben eine hohe Lebensqualität. Wir verfügen über stabile Institutionen. Wir liegen geografisch hervorragend. Wir haben exzellente Forscher, Ingenieure und Unternehmer. Und vor allem haben wir noch immer Tausende von Hidden Champions. Deutschland und Österreich besitzen eine einzigartige Landschaft mittelständischer Weltmarktführer. Unternehmen, die in ihren Nischen global führend sind und das industrielle Rückgrat Europas bilden. Diese Unternehmen stehen unter Druck. Aber sie existieren noch. Die Forscher sind da. Die Ingenieure sind da. Die Unternehmer sind da. Die Start-ups sind da.

Europa leidet nicht an einem Mangel an Potenzial. Europa leidet daran, dass es dieses Potenzial mit Bürokratie, hohen Energiekosten und falschen Anreizen systematisch ausbremst. Deshalb ist Europa nicht zum Niedergang verurteilt. Aber der Kontinent muss sich wieder auf jene Prinzipien besinnen, die Wohlstand überhaupt erst möglich machen: billige Energie, leistungsfähige Bildung, mehr Freiheit für Unternehmer, weniger Bürokratie und die Bereitschaft, von den Erfolgreichen zu lernen.

Die Lösungen sind bekannt. Was fehlt, ist der politische Wille.

→ derpragmaticus.com: „Europas verschenktes Potenzial: 4 Wege aus der Krise, 23. September 2026