Die neue Welt­finanz­ordnung schwächt Europa

Der Anteil des US-Dollar an den globalen Währungsreserven ist auf 56,3 Prozent gefallen, den niedrigsten Stand seit 30 Jahren. Davon profitiert hat nicht der Euro, dessen Anteil seit Jahren bei rund 20 Prozent stagniert, sondern Gold.

Der Anteil des Edelmetalls an den Zentralbankreserven ist auf 27 Prozent gestiegen und hat damit erstmals seit 1996 den Anteil von US-Staatsanleihen überholt.

Zentralbanken weltweit haben in den letzten drei Jahren jeweils über 1000 Tonnen Gold pro Jahr gekauft – doppelt so viel wie im Jahrzehnt zuvor. In vorderster Linie steht da vor allem China, das mit seiner Goldstrategie nicht nur Reserven diversifiziert, sondern auch daran arbeitet, die Dollar-Dominanz zu brechen. Offiziell weist Peking Goldreserven von 2300 Tonnen aus, Experten schätzen die tatsächliche Menge auf über 5000 Tonnen.

Angesichts des Handelskonflikts mit den USA und der Beschlagnahmung russischer Vermögen nach Beginn des Ukrainekriegs ist es aus Sicht Chinas vernünftig, auf Gold als Alternative zu setzen.

Mit der Shanghai Gold Exchange (SGE), der weltweit führenden Börse für physisches Gold, bietet China zudem anderen Ländern einen alternativen Ort für den Handel, aber auch die Verwahrung von Gold als Währungsreserve.

Parallel arbeitet China daran, einen immer größeren Anteil des Handels nicht mehr in Dollar, sondern in der eigenen Währung Yuan abzuwickeln. Schon jetzt liegt der Anteil bei rund 30 Prozent, nachdem auch Saudi-Arabien begonnen hat, die chinesische Währung zu akzeptieren. Bilaterale Währungsswap-Linien mit über 40 Zentralbanken – von Argentinien über die Türkei bis Saudi-Arabien – im Gesamtvolumen von 591 Milliarden Dollar etablieren China als faktischen Kreditgeber letzter Instanz für Schwellenländer.

Auch der Versuch, das „Cross-Border Inter-Bank Payments System“ (CIPS) als Alternative zum dollarbasierten Swift-System zu etablieren, dient letztlich dem Ziel, die Vorherrschaft des Dollars zu brechen.

Dabei bekommt China Unterstützung aus unerwarteter Richtung. Die USA selbst sind dabei, die Währungsdominanz des Dollars zu beenden – so zumindest die These von Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Harvard-Professor, in seinem neuen Buch „Our Dollar, Your Problem“.

Für ihn befindet sich der Dollar im „späten Mittelalter“ seiner Vorherrschaft und wird, wie andere Währungen zuvor, seinen Sonderstatus verlieren – getrieben von hoher Verschuldung, drohendem Verlust der Unabhängigkeit der Notenbank und perspektivisch hoher Inflation. Rogoff erwartet eine graduelle Erosion hin zu einem tripolaren Währungssystem, in dem Dollar, Euro und Yuan koexistieren.

Die Rolle des Goldes als vierter Säule

Was Rogoff jedoch unterschätzen könnte, ist die Rolle von Gold als vierter Säule dieses neuen Systems. Während der Yuan offiziell nur 2,1 Prozent der globalen Währungsreserven ausmacht, steigt der Goldanteil rasant – und damit die Fähigkeit Chinas und anderer Schwellenländer, sich von der Dollar-Abhängigkeit zu emanzipieren.

Gold ist keine Währung im klassischen Sinne, aber es ist das ultimative monetäre Fundament in einem System, in dem das Vertrauen in Fiat-Währungen schwindet.

Die chinesische Offensive stellt Europa vor eine strategische Frage: Werden wir Zuschauer bleiben, während sich ein multipolares Währungssystem formiert – mit Gold als Anker? Die Schwäche des Dollars ist mehr Gefahr als Chance für den Euro. Wertet der Euro auf, belastet das die ohnehin schwache Konjunktur hierzulande. Steigt die Inflation im Dollar-Raum, bleibt Europa davon sicherlich nicht verschont. Ohnehin stellt sich die Frage, ob der Dollar im Vergleich zum Euro allen Problemen zum Trotz nicht doch relativ besser ist.

Eine stärkere Rolle des Euros im neuen Währungssystem wäre wünschenswert, um nicht noch mehr von den Launen der anderen abzuhängen. Voraussetzung dafür ist aber eigene wirtschaftliche, militärische und politische Stärke, und zwar in genau dieser Reihenfolge.

→ handelsblatt.com: „Warum der fallende Dollar eine Gefahr für den Euro darstellt, 9. November 2025