Der Weltraum ist ein gigantisches Geschäft
Als die Artemis-II-Crew am 6. April 2026 um den Mond flog und mit 406.773 Kilometer Abstand zur Erde einen neuen Rekord für bemannte Raumfahrt aufstellte, fragten sich viele: Wozu der Aufwand? Die Antwort ist weniger romantisch als ökonomisch.
Der Weltraum ist längst kritische Infrastruktur. Der Großteil der globalen Raumfahrtwirtschaft entfällt heute auf den Satellitensektor. Navigationsdienste allein erzielten zuletzt einen Umsatz von über 200 Milliarden Dollar. Ohne Satellitensignale könnten autonome Fahrzeuge nicht navigieren, Schiffscontainer nicht verfolgt, Staudämme nicht überwacht werden.
Besonders groß ist das Potenzial in der Landwirtschaft. Das Weltwirtschaftsforum hat berechnet, dass der konsequente Einsatz von Satellitendaten 30 Prozent der für 2050 prognostizierten globalen Nahrungsmittellücke schließen kann – durch präzisere Bewässerung, frühzeitige Schädlingserkennung und zuverlässige Ernteschätzungen. Eine Kostensenkung bei landwirtschaftlichen Inputs von nur fünf Prozent entspräche weltweit bis zu acht Milliarden Dollar an Einsparungen jährlich.
Die eigentlichen Schätze liegen tiefer im All. Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass allein die Asteroiden im Gürtel zwischen Mars und Jupiter Rohstoffe im Wert von etwa 100 Millionen Dollar pro Erdenbürger bergen – Eisen, Nickel, Platinmetalle, Kobalt, Wasser. Letzteres ließe sich zu Wasserstoff-Raketentreibstoff aufbereiten, was die gesamte Weltraumlogistik verändern würde.
Diese Ressourcen werden erschlossen werden. Die entscheidende Frage ist, von wem und unter welchen Spielregeln.
Während die USA bisher führend sind, investieren andere Staaten massiv in den Aufbau eigener Raumfahrtindustrien. China setzt dabei wie schon im Bereich der Elektromobilität auf brutalen, staatlich organisierten Wettbewerb. Seit 2014 die chinesische Raumfahrtbranche für private Investoren geöffnet wurde, ist ein dynamisches Ökosystem entstanden. 2024 übertraf China die USA erstmals bei Risikokapitalinvestitionen in Raumfahrt-Start-ups: 2,7 Milliarden Dollar gegenüber 2,6 Milliarden auf amerikanischer Seite. Unternehmen wie Landspace arbeiten an wiederverwendbaren Trägerraketen nach dem Vorbild von SpaceX; Qianfan plant eine Satellitenkonstellation von 15.000 Einheiten.
Das neue Weltraumrennen ist kein Wettbewerb zwischen Nationen. Es ist ein Wettbewerb zwischen Wirtschaftssystemen. Ohne gesicherte Eigentumsrechte wird kein Unternehmer Milliarden in Asteroiden-Bergbau investieren. Die USA haben mit dem Commercial Space Launch Competitiveness Act von 2015 US-Bürgern und -Unternehmen ausdrücklich erlaubt, abgebaute Weltraumressourcen zu besitzen. Das entspricht der Regelung, Fische aus dem Atlantik verwerten zu können.
Was nicht genügt. Der Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann fordert in seinem aktuellen Buch „Weltraumkapitalismus“ weiterzugehen. Seine These lautet: Nur privatwirtschaftliches Unternehmertum kann die nächste Stufe ermöglichen. Asteroiden-Bergbau, Weltraumfabriken, interplanetare Logistik – all das setzt Eigentumsrechte, Gewinnmotive und Risikobereitschaft voraus, die Bürokratien strukturell nicht entwickeln können.
Dramatische Kostensenkungen
Als Beweis führt er die Raumfahrt selbst an: Erst das Auftreten privater Unternehmen wie SpaceX hat zu dramatischen Kostensenkungen geführt. Das Spaceshuttle kostete rund 54.500 Dollar pro Kilogramm Nutzlast; die Falcon 9 schafft es für etwa 2700 Dollar – um den Faktor 20 günstiger. Eine Lösung wäre demnach, Unternehmen bestimmte Asteroiden oder abgegrenzte Landflächen der Himmelskörper als Eigentum zu übertragen.
Was wie Science-Fiction klingt, dürfte schon in wenigen Jahren Realität sein. Die Vermutung liegt nahe, dass jene das Rennen um die Weltraumschätze gewinnen, die privates Eigentum auch im All zulassen und garantieren. China, das mit staatlichem Kapital vorprescht, aber private Eigentumsrechte westlicher Prägung strukturell ablehnt, dürfte hier an Grenzen stoßen.
Die EU sollte die USA dabei unterstützen, den kapitalistischen Weg zu gehen. Das Marktpotenzial ist gigantisch, entsprechend wird es keinen Mangel an privatem Kapital geben, um das Rennen zu gewinnen. Mit Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg und HyImpulse verfügt Deutschland über drei zentrale New-Space-Start-ups im Bereich der Trägerraketen.
Auch sonst sind wir als Zulieferer präsent. Das ist ein Anfang – aber die eigentliche Frage ist, ob wir den Mut aufbringen, aus Zulieferern globale Player zu machen. Das Rennen hat begonnen. Wer die Spielregeln mitgestaltet, sitzt am Tisch. Wer zu spät kommt, liefert zu – bestenfalls.
→ handelsblatt.com: „Der Weltraum ist ein gigantisches Geschäft“, 13. April 2026

