Credit Suisse und Piketty beschreiben Symptome

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In der gestrigen Ausgabe des Handelsblattes habe ich anlässlich der Veröffentlichung des neuesten Global Wealth Report der Credit Suisse auf den Denkfehler von Piketty und seinen Anhängern – und auch der Credit Suisse – hingewiesen. Vermögen wachsen nur deshalb schneller als die Volkseinkommen, weil wir zugleich immer mehr Schulden machen. Hier der Text meines Kommentars:

Thomas Piketty und seine Unterstützer können sich bestätigt fühlen. Der neueste Global Wealth Report der Credit Suisse zeigt weltweit wachsende Vermögen und Vermögenskonzentration. Auch für die Zukunft erwarten die Analysten einen deutlich über der Wachstumsrate der Wirtschaft liegenden Zuwachs an Vermögenswerten. Zugleich warnen Ökonomen wie Larry Summers vor einer „säkularen“ Stagnation der Weltwirtschaft, also einer langen Periode geringen Wachstums, weil die Welt zu viel Ersparnis habe und zu wenig Investition und Konsum. Stehen wir also vor einem sich beschleunigenden Vermögenswachstum bei gleichzeitiger Stagnation in der Welt? Wohl kaum.

Sowohl Piketty wie auch die Credit Suisse führen bestehende Trends fort. Piketty erwartet unabhängig vom Wirtschaftswachstum eine reale Kapitalrendite von vier bis fünf Prozent, die Credit Suisse arbeitet mit erwarteten Unternehmensgewinnen und Regressionsanalysen. Die grundsätzliche Frage, wie es überhaupt sein kann, dass Vermögen dauerhaft schneller wachsen als das Volkseinkommen, stellen sie nicht. Sie betrachten Symptome, nicht die wahre Ursache.

Hier kommt die Kehrseite des Vermögens – die Verschuldung – ins Spiel. Ein derartiges Wachstum der Vermögenswerte und auch der Vermögenskonzentration wäre gar nicht möglich ohne die zeitgleich enorm gestiegene weltweite Verschuldung. Neue Schulden stützen die Realwirtschaft und treiben die Nachfrage und Preise von Vermögenswerten. In der Tat hat sich parallel zu der von Piketty beobachteten Zunahme an Vermögen seit 1980 die Schuldenlast in den Industrieländern mehr als verdoppelt. Eine Entwicklung, die sich seit Beginn der Krise weltweit beschleunigt: Die globale Verschuldung ist seit 2007 von 105 auf 150 Billionen Dollar gestiegen. Die Industrieländer haben Schulden von 275 Prozent des BIP, die Schwellenländer von 175 Prozent, womit beide je 20 Prozent über dem Niveau von 2007 liegen. China liegt übrigens mit 250 Prozent auf westlichem Niveau.

Piketty und die Credit Suisse gehen implizit davon aus, dass sich der Trend zu weiter steigender Verschuldung ungebremst fortsetzt. Es wird aber nicht möglich sein, die Schulden dauerhaft schneller wachsen zu lassen, als die Einkommen. Bezöge sich die Verschuldung nur auf den Kauf von Vermögenswerten, die dann entsprechend im Wert steigen, ließe sich das Spiel solange fortsetzen, wie die Wertsteigerung des Vermögenswertes über den Zinskosten liegt. Aber selbst in einem Umfeld von fast Nullzinsen ist dies endlich. Sobald die Wertsteigerung nicht mehr gegeben ist, käme es zu erheblichen Einbrüchen an den Finanzmärkten, weil sich dann die negative Wirkung des Kaufs auf Kredit zeigt: Alle würden zeitgleich versuchen, aus den Markt auszusteigen. Die Vermögenswerte kollabieren; was bleibt ist die Schuldenlast – ohne den entsprechenden Vermögenswert. Zu beobachten in Spanien nach dem Platzen der Immobilienblase.

So schön eine Welt ewig steigender Vermögenswerte wäre, so unrealistisch ist sie. Viel wahrscheinlicher ist, dass Vermögen und Schulden gemeinsam schrumpfen. Entweder weil das Schuldengebäude zum Einsturz kommt oder weil die Politik den Empfehlungen Pikettys folgt, die Vermögenden konfiskatorisch zu besteuern, um damit die Schulden abzutragen. Da spielt es dann keine Rolle, dass Pikettys Theorie auf einem schwachen Fundament steht.

Hier der Link zum Global Wealth Report der Credit Suisse:

Credit Suisse: Global Wealth Report 2014, Oktober 2014

1 Antwort
  1. Hartmut G. says:

    Guten Tag,

    was mir leider immer bei derartigen „Vermögensbetrachtungen“ fehlt, ist die Unterscheidung zwischen monetären Vermögen (aufgeteilt auf Geld und Kredite) sowie nominellen Buchwertvermögen, sowie realem Vermögen (Lebenskomfort/Konsum+nichtabschreibungsbedürftige Assets). Und zu allerletzt dem gegenüber gestellt, die jeweiligen (potentiellen) Abschreibungsbedürfnisse. Die sogenannte Geldillusion wird überhaupt nicht betrachtet. (Irgendein „Verschwörungstheoretiker“ möge da vielleicht sogar reininterpretieren, dass das absichtlich nicht getan wurde, ich denke einfach es ist Gedankenlosigkeit…. ;)

    Wie war das doch gleich mit Herrn Anton Schlecker? Einst in den Top-Ten der deutschen Milliadärs Liste und plötzlich von heute auf morgen privatinsolvent? Oder der Herr Eike Batista?…wohl kaum möglich, wenn der „Reichtum“ (was immer das auch genau sein möge) wirklich „real“ gewesen wäre.

    Um dabei auf die Frage der monetären Schulden-/Vermögenstragfähigkeit bzw. Problematik zu kommen, vielleicht die Frage umstellen: Wenn jemand soviel Geldguthaben hat, das er es aus heutiger Sicht nie in Form von realem Konsum ausgeben wird bzw. kann, macht es einen Unterschied, ob der die Geldschulden aus heutiger Sicht hat, diese niemals begleichen wird, oder sagen wir begleichen kann? Ich glaube das ist der Knackpunkt bei all den Diskussionen zwischen „Modern Monetary Theorists“ und „Österreichern“.
    mfG

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