Best of bto 2020: Unge­rechtes Deutsch­land? – Ein tieferer Blick auf die Daten

Dieser Beitrag erschien im März 2020 bei bto:

In meinem Podcast am 1. März 2020 geht es erneut um das Thema der Ungleichheit. Geht es in Deutschland ungerecht zu oder nicht?

Anlass ist Hörerfeedback zu dieser Folge aus dem Dezember 2019:

Läuft Deutschland in die Verteilungsfalle?

Die aufgeworfenen Fragen werden in diesem Podcast beantwortet. Heute, quasi zur Einstimmung noch mal grundsätzliche Überlegungen und neues Material zu dem Thema:

Bekanntlich sehe ich die immer lautere Diskussion zum Thema „Ungerechtigkeit“ skeptisch. Damit will ich nicht sagen, dass wir nicht mehr tun könnten, um Deutschland zu einem „gerechteren Land“ zu machen. Jedoch nehme ich immer öfter wahr, dass die Diskutanten sich gern die ihnen genehmen Zahlen nehmen, um das politisch gewünschte Ergebnis zu erreichen. Jüngstes Beispiel Marcel Fratzscher, der sofort, nachdem das vom ihm geleitete DIW die gute Nachricht übermittelt hat, dass die Lohnungleichheit in Deutschland abnimmt, betonte, dass das gar nicht bedeuten würde, dass es „gerechter“ zuginge, würden doch Hartz-IV-Empfänger, Studenten und Rentner nichts davon haben. Heißt übersetzt:

  • Weil wir immer mehr Rentner haben, werden wir immer ungerechter.
  • Weil wir immer mehr Menschen studieren lassen, statt sie in der dualen Ausbildung einen Beruf lernen zu lassen, werden wir ungerechter.
  • Weil wir Zuwanderern helfen und sie in Deutschland versorgen, werden wir ungerechter.
  • Weil wir die Zuwanderung nicht an unseren ökonomischen Interessen orientieren und deshalb überwiegend unqualifizierte Menschen anziehen, werden wir ungerechter.
  • Weil wir – vor allem auch wegen der Zuwanderung – mehr Kinder haben, werden wir ungerechter.

Das muss man sich erst mal so richtig gönnen. Weil wir objektiv gesehen besser dastehen, werden wir ungerechter. Und was folgt daraus: Klar, der Ruf dieser Ungerechtigkeit endlich ein Ende zu bereiten. Und wie das geschehen soll, kann man in den Wahlprogrammen nachlesen.

Haupttreiber sind – wie immer ist man versucht zu sagen – die Medien. SPIEGEL Online beweist es selbst. Schlagzeile: „Bürger empfinden Deutschland als extrem ungerecht“. Extrem!

spiegel.de: “Bürger empfinden Deutschland als extrem ungerecht”, 5. März 2020

Dann heißt es:

  • „Kein Problem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik halten die Deutschen für dringender als die Ungleichheit zwischen Arm und Reich. (…) Drei von vier Befragten halten die materielle Ungleichheit in Deutschland für ungerecht. Nur 17 Prozent empfinden sie hingegen als gerecht. Dabei machen sie übrigens keinen Unterschied zwischen der Verteilung von Einkommen und Vermögen“ – bto: dramatische Ergebnisse. Wenn das so empfunden wird, muss es doch stimmen?
  • „(…) im Vergleich mit anderen Industriestaaten ist die Einkommensungleichheit in der Bundesrepublik eher unauffällig (EU-Staaten) oder sogar unterdurchschnittlich (OECD-Staaten) – die Vermögensungleichheit ist hingegen überdurchschnittlich ausgeprägt. In der Wahrnehmung der Deutschen sind sie jedoch gleich ungerecht.“ – bto: was natürlich zu der Frage führt, was denn die Wahrnehmung prägt.
  • „Aus der Sicht der meisten Deutschen ist die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen fünf Jahren größer geworden – wiederum sind rund drei von vier Befragten dieser Ansicht. 44 Prozent sehen sogar “eindeutig”, weitere 29 Prozent “eher” eine Zunahme. Auch hier weichen Wahrnehmung und Statistik voneinander ab, wobei die aktuellsten Daten der OECD nur die Entwicklung bis zum Jahr 2017 umfassen – bis dahin war die gemessene Einkommensungleichheit im Vergleich zum Jahr 2015 allerdings leicht gesunken.“ – bto: Ebenso hier Frage, woher denn die Bürger diesen Eindruck bekommen?

Und die Antwort gibt der SPIEGEL selbst: „Doch wo begegnet den Menschen in Deutschland eigentlich die materielle Ungleichheit? (…) Mit 44 Prozent zählten die meisten die einzige Option dazu, bei der Ungleichheit nicht unmittelbar selbst wahrgenommen wird: ‘in den Medien.

Quelle: SPIEGEL Online

Kurzgefasst, Fratzscher und Co. wirken. Die Medien geben ihnen die Plattform, um sich die Fakten so auszusuchen, dass sie die politisch gewünschte Message verbreiten können. Beispiel ist die Kolumne von Fratzscher in der ZEIT, die nur ein Thema hat: Verteilungsfragen. Was für eine einseitige Ausrichtung. Der ZEIT geht es also nicht um die Schaffung von Wohlstand, sondern um die Verteilung. Da muss man schon jedes Mal erzählen, wie ungerecht es doch zugeht, denn wie sollte man sonst Verteilung rechtfertigen?

Natürlich gibt es auch andere (Ökonomen)-Stimmen. So Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW), der in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt, weshalb es eben keine Verschlechterung der Vermögensverteilung in Deutschland gibt.

deutschlandfunk.de “Hüther: Keine Verschlechterung der Vermögensverteilung”, 19. Dezember 2019

Die Fragen des Reporters sind so:

  • „Letzte Woche der Armutsbericht mit leichter Besserung, aber im Grunde bleibt aus Sicht des Paritätischen alles gleich. Das Armutsrisiko ist zu hoch in Deutschland, und das ist dann auch das Bild vieler Deutscher: Die Armen auf der einen, die Reichen auf der anderen Seite. Und die Reichen – auch davon sind viele überzeugt – werden immer reicher.“ – bto: Die eigentlich gute Nachricht wird sofort entwertet. Darüber hinaus wird – ohne jeglichen Bezug zu Fakten – behauptet, das Armutsrisiko „sei zu hoch“.
  • „Das Deutsche Institut für Wirtschaft sagt, zehn Prozent der Deutschen besitzen 56 Prozent. Frage also: Sind die Vermögen in Deutschland stabil ungerecht verteilt?“ – bto: Ungleich wird hier mit ungerecht gleichgesetzt.
  • „Bei der Arbeit, sagen Sie, da gibt es Chancengerechtigkeit. Wie schaut es denn bei der Bildung aus? Da hört man ja auch immer, gerade dieser Tage wieder, das genaue Gegenteil. Eigentlich haben nur diejenigen aus relativ wohlsituierten Familien richtig gute Bildungschancen in Deutschland.“ – bto: Das impliziert, nehmt denen das Geld weg, dann haben sie gleich schlechte Bildungschancen. Ich würde wetten, dass die schulischen Leistungen dieser Kinder in einem solchen Fall noch besser würden, weil die Familien noch mehr in das Humankapital investieren würden.
  • „Aber stimmt es nicht auch, dass wer nicht erbt, wer nicht das Haus erbt, nicht das Vermögen erbt, nicht die Firma erbt, dass der einfach kein Vermögen haben wird, weil wir nicht mehr in der Lage sind, das aus eigener Kraft aufzubauen in der jeweiligen Generation?“ – bto: Diese These kann man sogar aufstellen, aber dann ist doch die Schlussfolgerung diejenigen, die arbeiten zu entlasten!
  • „(…), wenn wir an die Superreichen denken, an wirkliche Millionäre, ist denen nicht zuzumuten, bei hohen Freibeträgen, dass die irgendwann dann auch mal ein, zwei Prozent ihres Vermögens ausgeben für die Allgemeinheit?“ – bto: was angesichts der durch das billige Geld getriebenen Vermögen und spiegelbildlich tiefen Renditen einer Substanzbesteuerung gleichkommt.

Dann ist es auch nicht verwunderlich, dass der Deutschlandfunk am Ende wie bei allen Interviews betont: Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.“ – bto: Denn das war schon bei der Fragestellung offensichtlich.

Blicken wir auf ein paar Highlights von Hüthers Antworten:

  • „(…) alle Verteilungsforscher sagen, dass sich die Einkommensverteilung seit 2005 nicht weiter verschlechtert oder überspannt hat, so gilt das auch bei allen Datenbetrachtungen für die Vermögensverteilung. Das heißt, die Betrachtung des Nettovermögens der Haushalte, das was sie auf der einen Seite an Geld, an Anlagen oder auch an Immobilien und sonstigen Realwerten haben, abzüglich der Schulden, die die Haushalte haben.“ – bto: Klartext, wir sind gleichbleibend „ungerecht“.
  • „(…), wenn man natürlich über 200 Jahre schaut, wie es Verteilungsforscher Piketty gemacht hat, kommt man schon zu anderen Bedingungen. Aber wir müssen ja schauen: Wo macht es Sinn, den Vergleich herzustellen, unter entsprechenden institutionellen Bedingungen, in einer Gesellschaft, in einer politischen Ordnung, in einer Wirtschaftsordnung. Da gilt seit dem Beginn des Jahrtausends, dass wir diese Stabilität haben.“ – bto: weshalb es eben mehr ein Thema der Wahrnehmung als der Fakten ist.
  • Hüther benennt auch die Ursachen: „Interessant ist aber, dass parallel zu dem, was wir hier machen mit den Analysen, auch andererseits gerade diskutiert wird. Die britische hierzulande öffentliche Zeitung „the economist“ hat genau das auch geschrieben: Illusionen über die Ungleichheit. Es ist gar nicht so, wie alle glauben, und deswegen ist die Frage, es wird immer wieder erzählt, es hat eine Eingängigkeit, und mir ist selbst mal passiert in einem Kreis mit Bischöfen, wo die gesagt haben, aber es steht doch überall anders. Da habe ich gesagt, ich kann ja die Fakten deswegen nicht daran anpassen, was überall geschrieben und erzählt wird.“ – bto: So ist es!
  • „Gerechtigkeit ist ja in einer offenen Gesellschaft verbunden mit der Frage, haben die Menschen die Chancen mitzumachen, haben sie die Möglichkeit, immer wieder einzusteigen und damit neue Chancen zu gewinnen. Wenn ich mir den Arbeitsmarkt anschaue, der zentrale Hebel für diese Frage, dann gilt das ganz eindeutig. Wir haben die höchste Erwerbsintegration im wiedervereinigten Deutschland, und das ist beachtlich (…)“ – bto: Wir haben allein schon deshalb weniger Ungerechtigkeit, weil mehr Menschen arbeiten.
  • Zur Bildung: „Wir haben immer noch eine relativ hohe familiäre Vorbedingung. Das ist aber eher die Frage, gibt es zuhause Bücher, wird zuhause gelesen, wie wird überhaupt mit Kultur umgegangen. Auf der anderen Seite ist das aber im internationalen Vergleich jetzt nicht besonders schlecht oder besonders schlimm. Wir haben in England, in Frankreich, auch in der Schweiz eine deutlich höhere Vorbestimmung durch den familiären Kontext, wie man es nennt.“ – bto: Und dass bei uns beispielsweise Migranten besonders schlecht abschneiden, liegt eben nicht an Diskriminierung oder zu wenig Geld, sondern am Bildungshintergrund.
  • „Und schließlich ist die Frage, was machen wir in der Bildungspolitik, und da kann man schon Kritik haben. Wir haben eigentlich nicht die Disziplin gehabt, auf den ersten PISA-Schock hin im Jahr 2000 konsequent zu handeln. 2009 ist mal ausgerufen worden, Bildungsrepublik Deutschland, damals von der Kanzlerin. Sie ist immer noch Kanzlerin, aber die Bildungsrepublik sind wir noch nicht geworden. Insofern: Die Nachhaltigkeit dieser Anstrengung – da haben Sie sicherlich einen Punkt –, die ist zu kritisieren. Sie fehlt!“ – bto: Klar, aber lieber über Ungleichheit jammern als über schlechte Bildungschancen.
  • „Wer in die Erwerbstätigkeit einsteigt, wer in seine Beschäftigungsfähigkeit, in seine Bildung investiert, für den ist alles offen. Der hat in diesem Land die Chancen, auch ein Vermögen aufzubauen. Es ist ja nicht so, dass alles nur vererbt wird, sondern dass wir hier auch immer eine Neusortierung haben, wenn Menschen neu anfangen, wenn sie unternehmerisch tätig sind, wenn sie Innovationen haben, wenn sie mit einem Start-up beginnen. Das ist immer an jedem Lebensanfang neu gesetzt, das auch zu tun und sich nicht nur von der Vergangenheit bestimmen zu lassen.“ – bto. Da bin ich nicht ganz überzeugt, weil wir a) eine Rekordabgabenbelastung haben, b) die Vermögenspreise wegen des billigen Geldes kräftig zulegten. Deshalb empfinden die Menschen die Ungleichheit auch stärker. Es ist schwerer, nach oben zu kommen.

Grund genug, das genauer anzuschauen. Basis ist ein Beitrag von Paul Hufe, Andreas Peichl und Marc Stöckli vom ifo Institut, der sich die Daten nochmals gründlich ansieht.

  • „Verfolgt man den Diskurs, so hat man den Eindruck, dass es um die Verteilungsgerechtigkeit in der sozialen Marktwirtschaft schlecht bestellt ist. Und in der Tat gibt es Entwicklungen, die es ernst zu nehmen gilt. Korrekt ist, dass hierzulande das reichste Prozent der steuerzahlenden Bevölkerung über rund 13 Prozent des gesamten Nationaleinkommens verfügt. Wenn man lediglich die arbeitende Bevölkerung betrachtet, dann zeigt sich, dass die Löhne der oberen Perzentile innerhalb der vergangenen 20 Jahre deutlich stärker gewachsen sind als jene der unteren Perzentile. Es gibt jedoch auch gegenläufige Entwicklungen. Wenn man in der Ungleichheitsberechnung beispielsweise auch den arbeitslosen Teil der Bevölkerung berücksichtigt, lässt sich in Folge der gefallenen Arbeitslosigkeit ein merkbarer Rückgang der Arbeitseinkommensungleichheit feststellen.“ – bto: was einleuchtet. Bedeutet noch weniger Arbeitslosigkeit mehr Einkommen. Und dies sollten wir uns wünschen und deshalb die gefallene Ungleichheit als positives Begleitzeichen sehen. Denn genau das ist es.
  • „(…) die Beurteilung der Ungleichheitsentwicklung (hängt) maßgeblich von der verwendeten Datengrundlage, den angewandten Messkonzepten sowie den betrachteten Zielvariablen ab. Interessieren wir uns nun für die Verteilung von Stundenlöhnen, monatlichen oder jährlichen Brutto- oder Nettoeinkommen, Konsumausgaben oder Vermögen? Analysieren wir die steuerzahlende, die arbeitstätige oder die gesamte Bevölkerung? Unterschiedliche Antworten auf jene Fragen führen zu unterschiedlichen Messungen und in der Folge auch zu Unterschieden in der politischen Bewertung.“ – bto: Das macht es den Medien und interessierten Wissenschaftlern auch so leicht, die Zahlen zu finden, die zur eigenen politischen Vorstellung passen. Nachdem wir wissen, wo die meisten Journalisten politisch zu verorten sind, wundert das Ergebnis – sichtbar an den oben gezeigten Umfragen – nicht.
  • „Ökonomisch betrachtet übernimmt Ungleichheit wichtige Funktionen in einer Marktwirtschaft. In Bezug auf die Arbeitsmärkte beispielsweise stellen Lohnunterschiede einen Anreiz für Investitionen in Humankapital dar. Sie weisen auf Angebotsengpässe hin und ermöglichen es, Menschen für Tätigkeiten in unterschiedlichen Arbeitsumfeldern angemessen zu kompensieren. Ein gewisses Maß an Ungleichheit ist daher sogar gewollt.“ – bto: Und es ist gerecht. Denn wer mehr Stunden arbeitet, mehr pro Stunde verdient, der soll auch mehr in Summe haben.
  • „Bei einer vollkommenen Gleichverteilung nimmt der Gini-Koeffizient einen Wert von 0 an. Der Maximalwert von 1 würde erreicht, wenn sich das gesamte Einkommen auf eine Person konzentrierte. Zudem beschränken wir alle Analysen auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 25 bis 59 Jahren. Somit vermeiden wir starke Verzerrungen, wie sie sich ergäben, wenn man Individuen einbezöge, die sich entweder noch in Ausbildung oder bereits in Rente befinden.“ – bto: Denn das führt – wie oben schon angesprochen – zu einer Verzerrung. Es bewirkt, dass wir, wenn wir „Gutes“ tun, damit die Ungleichheit verstärken.
  • „Die Ungleichheitsdebatte bezieht sich – oft aus Gründen der Datenverfügbarkeit – vorrangig auf das Konzept der Einkommensungleichheit. (…) Wenn jedoch eine Beurteilung der wirtschaftlichen Wohlfahrt abgeleitet werden soll, ist Vorsicht geboten, da die Markteinkommen die Umverteilungsmaßnahmen durch den Staat nicht einbeziehen. Jene Maßnahmen werden im verfügbaren Einkommen erfasst. Das verfügbare Einkommen entspricht dem Markteinkommen abzüglich von Steuern und Sozialabgaben sowie zuzüglich der erhaltenen Transferzahlungen. Das verfügbare Einkommen repräsentiert also das Einkommen, das für Konsum und Sparen zur Verfügung steht. Es macht einen großen Unter- schied, welches Einkommenskonzept man für die Analyse verwendet. So ist es möglich, dass die Ungleichheit der Markteinkommen steigt, während jene der verfügbaren Einkommen sinkt.“ – bto: Vor allem kann man wachsende Ungleichheit bemängeln, obwohl nach Umverteilung die Gleichverteilung zunimmt.

Abb. 1 Gini vor Umverteilung

Quelle: ifo

  • „Im Zeitverlauf ist eine U-förmige Entwicklung des Gini-Koeffizienten festzustellen. (…) Seit Mitte der achtziger Jahre ist ein deutlicher Trend hin zu einer steigenden Spreizung der verfügbaren Einkommen erkennbar. Diese Phase ist geprägt von einer Reduktion der Staatsausgaben, moderaten Steuersenkungen für Unternehmen sowie einer konsequenten Politik der Preisniveaustabilisierung der Deutschen Bundesbank. Zwischen 1987 und 1992 springt der Gini-Koeffizient für Westdeutschland von 0,244 auf 0,266 Punkte. Auch in der Folge, insbesondere ab Mitte der Nullerjahre, ist ein weiterer Anstieg der Ungleichheit zu beobachten.“ – bto: was übrigens im Gleichschritt mit der Welt und auch eine Folge des Eintritts von Osteuropa und China in den Weltarbeitsmarkt ist. Übrigens lohnt ein Blick auf die Skala. Es sieht dramatischer aus, als es ist. 

Quelle: ifo

  • „Abbildung 2 zeigt den Gini-Koeffizienten der Haushaltseinkommen jeweils vor und nach Steuern und Transfers für Gesamtdeutschland, basierend auf SOEP-Daten. Die grauen Balken stellen die Differenz der beiden Gini-Koeffizienten dar. Es zeigt sich, dass der Staat die Einkommensungleichheit durch Umverteilungsmaßnahmen deutlich senkt; im Beobachtungszeitraum beträgt die Differenz zwischen den Indizes für Markteinkommen auf Haushaltsebene und verfügbaren Haushaltseinkommen durchschnittlich 0,108 Punkte. Diese Differenz kann als die Fähigkeit des Wohlfahrtsstaates interpretiert werden, der Ungleichheit entgegenzuwirken.“ – bto: Und der Staat macht dies heute auch sehr konsequent.
  • „(Die) Ungleichheitsentwicklung ist in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich durch die Entwicklung der Markteinkommen getrieben. (…) Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass die umverteilende Wirkung des Wohlfahrtsstaates in den zurückliegenden 20 Jahren relativ konstant ist – mit einer leicht sinkenden Tendenz: Mitte der neunziger Jahre reduziert sich durch die Umverteilung der Gini-Koeffizient um rund 0,118 Indexpunkte, am aktuellen Rand beträgt die Differenz nur noch 0,103 Punkte.“ – bto: Die Markteinkommen sind nicht nur durch den intensiveren internationalen Wettbewerb unter Druck, sondern auch durch die Migration. Wir wissen aus anderen Studien, dass Migration sich besonders im unteren Lohnbereich dämpfend auswirkt.
  • „Bei der Betrachtung der Ungleichheitsentwicklung in Deutschland ist es weiterhin unabdingbar, die Entwicklung in der Gesamtbevölkerung von der Entwicklung in der arbeitenden Bevölkerung abzugrenzen. (…) Abbildung 4 zeigt die Entwicklung der Ungleichheit der individuellen Arbeitseinkommen, differenziert nach arbeitender und gesamter Bevölkerung. Von 2005 an ist ein Rückgang der Ungleichheit für die Gesamtbevölkerung zu erkennen, während die Ungleichheit der Beschäftigten auf einem gleichbleibend hohen Niveau verbleibt. Diese Differenz ist mit dem Beschäftigungsanstieg jener Zeit zu erklären, der die Einkommensverteilung am unteren Rand ergänzte. Somit vergrößerte sich die Spreizung der Arbeitseinkommen in der arbeitenden Bevölkerung, während in Gänze ein rückläufiger Trend der Ungleichheit zu beobachten war. Mit anderen Worten: Aufgrund von Zusammensetzungseffekten (vormals Arbeitslose beziehen zumeist niedrigere Löhne/Einkommen als schon Beschäftigte) steigt die Ungleichheit unter den Beschäftigten, während die Ungleichheit in der Gesamtbevölkerung sinkt, da Menschen ohne Einkommen (die Arbeitslosen) nun ein positives Einkommen beziehen.“ – bto: Hätte es diese Arbeitskraftreserve nicht gegeben, wären die Löhne im unteren Bereich deutlicher gestiegen und die Ungleichheit hätte abgenommen!

Kommen wir zur Vermögensverteilung:

  • „Andererseits ist es aber nicht unbedingt klar, was man überhaupt unter Vermögen versteht oder wie dessen Wert zu bemessen ist. Letzteres ist vor allem in Bezug auf die Rentenansprüche relevant. In Deutschland, einem Land mit verhältnismäßig gut ausgebauter staatlicher Altersvorsorge, können diese Ansprüche beachtlich sein und gleichzeitig die Anreize zur individuellen Vermögensbildung durch Ersparnis mindern. Wir berücksichtigen diese daher explizit und lassen sie in unsere Berechnung der Vermögensungleichheit einfließen.“ – bto: Wir kennen diesen Zusammenhang auch aus den skandinavischen Ländern. Interessanterweise hört man wenig davon, dass der Wert von Pensionsansprüchen bei der Berechnung einer etwaigen Vermögenssteuer berücksichtigt wird. Wie wichtig das gerade bei Politikern ist, wissen wir nicht erst, seitdem der Termin für die Neuwahlen in Thüringen feststeht.
  • „Über die gesetzliche Rentenversicherung sind rund 78 Prozent der Erwerbsbevölkerung versichert (Stand 2014). Auf dieses Vermögen hat man zwar nicht ohne Weiteres Zugriff, es stellt aber dennoch eine künftige Einkommensquelle dar. Weitere Ansprüche entstehen über Beamtenpensionen sowie aus der betrieblichen und privaten Altersvorsorge. Die Summe der diskontierten Rentenansprüche und des Nettovermögens bezeichnen wir als erweitertes Vermögen.“ – bto: Jeder Bürger sollte sein Vermögen jährlich ausgewiesen bekommen. Dann wäre das „Ungleichheitsthema“ gleich anders besetzt.
  • „Tabelle 1 zeigt die Ungleichheit der Vermögensverteilung in Deutschland im Jahr 2012, unterteilt nach verschiedenen Vermögenskomponenten. In der ersten Spalte findet sich der Gini-Koeffizient für die jeweilige Vermögenskomponente. Es zeigt sich, dass durch die Berücksichtigung von Rentenansprüchen die Ungleichheit der Nettovermögen (Gini von 0,73) spürbar sinkt (auf 0,53).“ – bto: Dies unterstreicht, wie verlogen die Vermögenssteuerdiskussionen sind, die von Pensionsberechtigten getrieben werden!

Quelle: ifo

  • „Die zweite Spalte zeigt den Anteil der jeweiligen Vermögenskomponente am erweiterten Gesamtvermögen. Die privaten Nettovermögen weisen mit 40 Prozent zwar den größten Einzelanteil der betrachteten Komponenten auf; eine Vernachlässigung von individuellen Rentenansprüchen jedoch würde die Bewertung der Vermögensverteilung massiv verzerren. 60 Prozent des im SOEP gemessenen erweiterten Gesamtvermögens gehen auf Rentenansprüche und insbesondere auf Ansprüche aus den staatlichen Vorsorgeinstitutionen zurück.“ – bto: Das bewegt mich zu der Frage, weshalb hier noch kein Ökonom oder Politiker nach höherer Belastung ruft?
  • „Die dritte Spalte zeigt die Korrelation der einzelnen Vermögenskomponenten mit dem erweiterten Vermögen. Alle Komponenten sind positiv mit dem Gesamtvermögen korreliert. Das heißt, dass ein hohes Maß an Vermögen in einer der Komponenten tendenziell mit einem hohen Gesamtvermögen einhergeht. Mit Werten über 0,8 sind die Korrelationen für das Nettovermögen sowie für die privaten und betrieblichen Rentenvermögen am stärksten. Diese Beobachtung unterstreicht die umverteilende Wirkung der staatlichen Rentenkassen. Die staatlichen Rentenansprüche sind zwar positiv mit dem Gesamtvermögen korreliert, jedoch weit weniger als die Ansprüche aus privater Altersvorsorge.“ – bto. Das überrascht nicht. Denn wer einen gut bezahlten Job mit Pensionsansprüchen hat, hat oftmals auch weitere Vermögenswerte.
  • „Die vierte Spalte fasst die vorhergehende Diskussion zusammen, indem hier jeder der betrachteten Komponenten ein relativer Beitrag zur Gesamtheit der Ungleichheit der erweiterten Vermögen zugewiesen ist. Insgesamt kann beinahe die Hälfte der gemessenen Vermögensungleichheit in Deutschland (0,53 Gini-Indexpunkte) auf die ungleiche Verteilung von Nettoprivatvermögen zurückgeführt werden. Ein weiteres Drittel ist den privaten Vorsorgeinstitutionen, also den privaten und betrieblichen Rentenvermögen zuzuweisen. Lediglich 19 Prozent gehen auf Unterschiede der staatlichen Rentenansprüche zurück. Die Berücksichtigung dieser Rentenansprüche führt also zu einer erheblichen Reduktion der gemessenen Vermögensungleichheit in Deutschland.“ – bto. Das wäre doch mal etwas für Fratzschers Verteilungsfragen. Aber es ist ja nicht die Geschichte, die er erzählen will.

Dann geht es sehr interessant weiter, nämlich zum Thema Chancengerechtigkeit:

  • „Das Konzept der Chancengerechtigkeit, das ursprünglich der politischen Philosophie entstammt, findet häufig Verwendung. Mit dem Begriff ist gemeint, dass auf der einen Seite Erfolgsaussichten, wie beispielsweise auf schulische Bildung, Einkommen oder ein gesundes Leben, nicht von Faktoren abhängen dürfen, die sich dem persönlichen Einfluss entziehen. In der Literatur werden diese Faktoren als Umstände bezeichnet. Hierzu gehört das Elternhaus. Auch die vieldiskutierten geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede sind ein Beispiel hierfür. Da Menschen ihr Geschlecht zum Zeitpunkt der Geburt nicht frei wählen können, widerspricht die Existenz von Gender-pay-gaps dem Prinzip der Chancengerechtigkeit.“ – bto: Nun wissen wir aber, dass Frauen – gerade in freien Gesellschaften – überproportional Berufe und Ausbildungen wählen, die strukturell schlechter bezahlt werden. Ist das wirklich ein Verstoß gegen Chancengleichheit? Überzeugt mich nicht.
  • „Die Quasi-Vererbung des Bildungserfolgs oder die strukturelle Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund sind daher mit einer chancengerechten Gesellschaft nicht vereinbar.“ – bto: Aber wie gehen wir damit um, wenn beispielsweise Migranten der zweiten Generation unzureichende Sprachkenntnisse haben. Ist das die Schuld der Gesellschaft? Ist das Versagen der Schulen oder ist es unzureichende Integrationsanstrengung. Wenn wir mit Gunnar Heinsohn argumentieren, dass die Qualifikation der Zuwanderer sich auch im Schulerfolg ihrer Kinder niederschlägt, ist es dann richtig „fehlende Chancengerechtigkeit“ zu bemängeln?
  • „Eine zentrale Schwierigkeit liegt darin, die Chancengerechtigkeit messbar zu machen. Ausgangslage ist die Annahme, dass eine Zielvariable sowohl von Umständen als auch individueller Anstrengung abhängt. Hierbei wird explizit berücksichtigt, dass individuelle Anstrengung nicht unabhängig von Umständen existiert. So ist es beispielsweise plausibel anzunehmen, dass die persönliche Motivation, sich anzustrengen, stark von der Erziehung im Elternhaus abhängt. In diesem Sinne ist Anstrengung ein Nebenprodukt der Umstände, in die Personen hineingeboren werden. Die Ungleichheiten, die sich daraus ergeben, laufen zumindest teilweise dem Ideal der Chancengerechtigkeit zuwider.“ – bto: Ich finde, dieser Aspekt gehört hinterfragt.

So wurde kürzlich im Handelsblatt (aber auch woanders) berichtet, die Reichen und Erfolgreichen hätten einfach „nur Glück“ gehabt. Umkehrschluss: Wenn es nur Glück war, kann man ihnen ihr Einkommen und Vermögen auch hoch besteuern. Doch wie stichhaltig ist die Argumentation? Im Artikel wird gesagt, Bill Gates verdanke seinen Erfolg der Tatsache, dass er zu den wenigen (vielleicht 50) Jugendlichen seines Jahrgangs gehörte, die einen PC hatten. Es wird auch gesagt, dass seine Mutter den Chef von IBM kannte. Ist das hinreichend für Erfolg? Natürlich nicht, hätte Gates sich nicht dafür interessiert, hätte er nicht hart und clever gearbeitet, niemand würde ihn kennen. Es gibt unzählige Beispiele von Kindern, die trotz aller Bemühungen der Eltern keinen Erfolg hatten. Vermutlich – und da mag „Ungerechtigkeit“ liegen, gibt es weniger Fälle, die umgekehrt sind. Dies hat aber die Ursache nicht im Geld, sondern in anderen Faktoren, vor allem in der Bildungsnähe der Eltern. Damit ist es aber kein Thema für den Staat. Dieser muss Rahmenbedingungen setzen, zum Beispiel so gute Schulen, dass wer will, erfolgreich sein kann.

Doch schauen wir uns den Versuch von ifo an, die Chancengerechtigkeit zu messen:

Quelle: ifo

  • „Demnach ist die Ungleichverteilung von Chancen in Deutschland das Ergebnis einer komplexen Interaktion von Umstandsvariablen, aus der insgesamt 15 Bevölkerungstypen hervorgehen. Die ovalen Felder des Baumes zeigen die Umstandsvariablen, aufgrund derer die Bevölkerung in Typen zerfällt. Die rechteckigen Felder am unteren Rand der Abbildung zeigen das gruppenspezifische durchschnittlich verfügbare Haushaltseinkommen der jeweiligen Typen sowie deren jeweiligen Bevölkerungsanteil. Die Gruppe jener Menschen, die aus einem Elternhaus mit einem als Fachkraft oder Manager tätigen Vater stammen, deren Mutter nicht berufstätig war und deren Vater einen hohen oder mittleren Bildungsabschluss aufweist, ist demnach der von den Umständen am meisten begünstigte Typ (Typ 1). Die Repräsentanten dieses Typs erzielten 2010 ein durchschnittliches Einkommen von 29.574 Euro und machten 5,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Personen mit gleichen Umstandscharakteristika, deren Vater als Servicemitarbeiter, Techniker oder Bürokraft tätig war (Typ 2), verfügten über ein geringeres Einkommen von durchschnittlich 26.350 Euro.“ – bto: Auch das ist nur eine Umstandsbeschreibung. Es sind immer noch sehr heterogene Gruppen, die da enthalten sind. Gerade bei mangelnder Motivation zum Spracherwerb ist das eine erhebliche Hürde. Zugleich wird man nicht allein durch Zuwanderung qualifizierter. Nicht zufällig haben Länder mit einem Punktesystem wie Kanada in Summe bessere schulische Leistungen der Kinder der Migranten. 
  • „Aus dem Regressionsbaum wird ersichtlich, dass die wichtigsten Umstandsvariablen in Deutschland die Bildung sowie die berufliche Tätigkeit des Vaters sind. Doch auch der Migrationshintergrund spielt eine große Rolle. So unterscheidet sich das durchschnittliche Haushaltseinkommen von Personen aus Zweiverdienerhaushalten mit einem mindestens durchschnittlich gebildeten Vater, der als Service-, Büro-, Technik- oder Fachkraft arbeitet, signifikant von allen, deren Vater in Deutschland geboren wurde (Typ 3) oder einen Migrationshintergrund hat (Typ 4). Erstere Gruppe verdient mit 25.718 Euro im Durchschnitt 13 Prozent mehr als Einwandererkinder der zweiten Generation.“ – bto: Das wiederum hat mit dem Bildungsniveau zu tun. Deutschsprachige Eltern mit geringerem Bildungsstand werden immer noch Kinder haben, die sprachlich und kulturell integrierter sind.
  • „Auf Basis der dargestellten Unterschiede lässt sich eine Messzahl für Chancenungerechtigkeit erreichen, indem man den Gini-Koeffizienten für die Verteilung des durchschnittlichen Typeinkommens berechnet. Dieser betrug in Deutschland im Jahr 2010 0,070 Gini-Punkte. Wenn man diesen Wert mit der gesamten Ungleichheit im genannten Zeitraum (0,276 Gini-Punkte) skaliert, dann erhält man eine relative Zahl für das Ausmaß der Chancenungerechtigkeit. Demnach können im Jahr 2010 25 Prozent (0,070/0,276) der Ungleichheit auf Umstände zurückgeführt werden, die sich dem individuellen Einflussbereich entziehen. Gemäß unserer Berechnung wiese eine chancengerechte Verteilung der Haushaltseinkommen also einen Gini-Koeffizienten von 0,207 (0,276–0,070) auf.“ – bto: Es wäre interessant zu sehen, wie diese Ungleichheit aussähe, wenn man es auf die Einkommen vor Umverteilung bezogen hätte. Denn dann hätten wir messen können, ob man mit der Umverteilung diese Chancenungleichheit kompensiert. Ich habe dazu Herrn Professor Peichl per Mail befragt und er meinte, dass es das Ergebnis nicht beeinflussen würde, ob man auf die Einkommen vor/nach Umverteilung blickt. 
  • „Was bedeuten diese Zahlen nun für unsere Schlussfolgerungen in Bezug auf die Gerechtigkeit in Deutschland? Die obigen Berechnungen legen nahe, dass der überwiegende Teil der beobachteten Ungleichheit unabhängig von den betrachteten individuellen Umstandsvariablen ist. Ist die weitverbreitete Sorge um die Ungleichverteilung des Einkommens also normativ unbegründet? Eine solche Schlussfolgerung steht unter folgenden Vorbehalten. Erstens bezieht sich die Zahl von 25 Prozent auf Einkommen nach Umverteilung durch Steuern und Transferleistungen. Das heißt, selbst nach staatlichen Interventionen durch einen vergleichsweise generösen Wohlfahrtsstaat widerspricht noch mindestens ein Viertel der beobachteten Ungleichheit dem Ideal der Chancengerechtigkeit.“ – bto: Kann man das sagen? Es hätte doch sein können, dass der Unterschied bei den Markteinkommen höher war und durch Umverteilung überkompensiert wurde?
  • „Zweitens verfügen wir lediglich über unvollständige Informationen über die Umstände, in die Menschen hineingeboren werden. Beispielsweise stellt die EU-SILC keine Informationen über Erziehungsstile oder Arrangements zur Kinderbetreuung bereit, obwohl diese Variablen den späteren Lebenserfolg stark beeinflussen. Wenn eine vollständige Beschreibung der individuellen Hintergrundvariablen nicht zur Verfügung steht, sind die oben dargelegten Maße als untere Grenze für das Ausmaß an Chancenungerechtigkeit zu interpretieren.“ – bto: Wobei sich hier wieder die Frage stellt, wie weit es sich um „Ungerechtigkeiten“ handelt und ob es nicht selbst verschuldete Dinge sind. Man könnte auch die These formulieren, dass ein stark umverteilender Staat den Anreiz nimmt, selbst mehr zu tun und damit das befördert, was er eigentlich vorgibt, zu bekämpfen.

Bevor ich zum Fazit komme, noch der Hinweis auf eine weitere Studie von Professor Peichl und Kollegen vom ifo Institut. Brandneu und voller Formeln und Zahlen. Darin versuchen sie den Anteil “gerechter Ungleichheit” und den Anteil “ungerechter Ungleichheit” zu ermitteln. Ungerecht ist dabei alles, was mit der Bildung der Eltern, dem Beruf der Eltern, dem Geschlecht und der Rasse zu tun und auch Armut. Die Ergebnisse sind – soweit ich sie verstehe – interessant.

Ergebnisse:

  • Deutschland ist keineswegs ein besonders ungerechtes ungleiches Land.
  • Der Anteil der “unfairen” Ungleichheit liegt bei unter zehn Prozent.
  • Rasse und Migrationshintergrund spielen keine Rolle
  • Geschlecht spielt keine Rolle.
  • Die Armutsquote spielt eine Rolle, wobei wir immer fragen müssen, wie diese denn definiert ist.
  • Entscheidend sind Bildungsstand und Beruf der Eltern.

Das zeigt, dass es schwer ist, Kinder bildungsferner Schichten so auszubilden, dass der Nachteil aus dem Elternhaus kompensiert werden kann. Wenn das überhaupt möglich ist. Ich hätte einen höheren Anteil des Faktors “Migrationshintergrund” erwartet. Es kann aber sein, dass dieser sich eben in Bildung und Beruf der Eltern niederschlägt.

Mehr dazu hier: → ifo: “Measuring Unfair Inequality: Reconciling Equality of Opportunity and Freedom
from Poverty”, März 2020/a>

So oder so würde ich aus diesem Punkt die Schlussfolgerung ziehen, dass Deutschland wahrlich kein besonders ungerechtes Land ist.

Zurück zum ausführlich besprochenen ifo-Papier:

  • „Als Fazit lässt sich festhalten, dass es Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut geht. (…) Je nach Einkommenskonzept und Datenquelle sehen wir (teilweise) einen Anstieg der Einkommens- und Konsumungleichheit auch in den zurückliegenden Jahren. Die gemessenen Vermögen (ohne Rentenansprüche) sind sehr ungleich verteilt. Hier ist die Politik gefordert.“ – bto: Warum? Wie gleich muss es denn sein? Denn die Rentenansprüche sind sehr wertvoll, wie wir gesehen haben.
  • „Im Kontext der Einkommensungleichheit sollte sich die Politik in Deutschland darauf konzentrieren, die im Abgaben- und Transfersystem vorhandenen Hürden für mehr Arbeitsangebotsanreize abzubauen und im Bildungssystem für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen. Eine Reform des Steuer- und Transfersystems sollte dieses als Gesamtheit umfassen und zu einem integrierten System von Steuern, Transfers und Sozialabgaben führen.“ – bto: Da kann man nur zustimmen, vor allem, weil wir alles tun sollten, um Menschen in Arbeit zu bekommen.
  • „Einer höheren Besteuerung von Kapital und Vermögen sind im internationalen Steuerwettbewerb enge Grenzen gesetzt. Deshalb wäre es zur Bekämpfung von Vermögensungleichheit wichtiger, den Vermögensaufbau für die breite Masse der Bevölkerung zu erleichtern und zu fördern.“ – bto: und zwar vor allem über eine höhere Quote an Immobilienbesitz. Hier wirkt die Politik der letzten Jahrzehnte – sozialer Wohnungsbau, Mietenregulierung, Mieterschutz – ähnlich wie die Rentenansprüche – gegen mehr Vermögensbildung der Bevölkerung und verstärkt damit die Ungleichheit.

degruyter.com: “Ökonomische Ungleichheit in Deutschland – ein Überblick”, 2018

Mein Fazit:

Ich bleibe bei meiner Auffassung, dass wir weniger ein Problem mit ungleicher Einkommens- als mit der Vermögensverteilung haben. Bei den Einkommen ist die Umverteilung schon so erfolgreich, dass der Gini auf international sehr tiefen Werten liegt. Wenn überhaupt ist zu kritisieren, dass diese Umverteilung die Mittelschicht massiv trifft und damit die Vermögensungleichheit begünstigt – auch wegen der fehlenden Anreize zur privaten Vermögensbildung durch staatliches Pflicht-Rentensystem und Subventionierung Mieten.

Bei den Vermögen haben wir es vor allem mit zwei Ursachen zu tun: der geringen Eigentumsquote an Immobilien und dem hohen Anteil an Familienunternehmen hierzulande, über die wir uns freuen sollten! Ansatzpunkte, dies zu ändern, sind Entlastung der unteren Einkommen, Instrumente zur sicheren Vermögensbildung und mehr Eigentum an Immobilien.

Dass das Bildungssystem trotz guter finanzieller Ausstattung im internationalen Vergleich so schlecht ist, liegt an der ideologischen Ausrichtung, die Masse vor Klasse stellt. Siehe die Flut an Einser-Abiturienten!

Kommentare (13) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Tomcat
    Tomcat sagte:

    Ich bin als Unternehmer bestimmt kein Gerechtigkeitsfanatiker. Und die Kritik von Fratscher ist größtenteils politisch motiviert. Da stimme ich Ihnen zu.

    Wenn Vermögen durch Leistung erzielt wird, ist das bis zur zulässigen, nicht-toxischen Dosis verdient und heilsam (Paracelsus).

    Trotzdem haben wir heute teilweise schon das toxische Problem der Akkumulation von Vermögen.

    „Das Deutsche Institut für Wirtschaft sagt, zehn Prozent der Deutschen besitzen 56 Prozent. Stimmt zwar und das würde ich gar nicht als ein Problem ansehen, aber es wäre interessanter, die ersten 1 Prozent zu bestimmen. Das kann schon eher zu einem Plutokratie Problem werden.

    Herr Stelter, Sie sollten daher Herrn Hüther einmal dazu befragen, warum er sich nicht in der Lage sieht, die Werte der 1% zu publizieren, obwohl die Daten dazu vorhanden sind. Auch das riecht nach politischer Motivation.

    Eine zu große Akkumulation von Vermögen bei den 1 % behindert „Neues Business“ und Innovationen und fördert Markteintrittsbarrieren, Lobbyismus und Korruption.

    Übrigens hat James Tobin (Nobelpreisträger) dazu schon 1981 makroökonomische Schlussfolgerungen gezogen, die sich bis heute bewahrheitet haben.

    Antworten
  2. Johann Schwarting
    Johann Schwarting sagte:

    @ Dr. Stelter

    Ihre Skepsis zum Thema ‘Ungerechtigkeit’ ist sehr angebracht, weil das

    “Damit will ich nicht sagen, dass wir nicht mehr tun könnten, um Deutschland zu einem ‘gerechteren Land’ zu machen.”

    als Ergebnis historischer Betrachtungen und aus debitistischen Gründen letztendlich zum Scheitern verurteilt ist.

    In dem Beitrag an @Bauer hatte ich die Richtung der Wahrnehmung schon angedeutet. Es ist festzustellen, dass die terminlich fixierte sanktionsbewehrte Abgabe als ‘Erste Ursache’ aller Staatlichkeit jenseits der ‘Dunbar Zahl’ zu gelten hat. Die Abgabe (zuerst externalisiert: Tribut, dann internalisiert: Steuer) setzt einen Zwang in die Welt, den es vorher nicht gegeben hatte (‘coercive’). Dieser Zwang ist grundsätzlich waffengestützt (‘coercive power’), kann sich dann aber immer stärker ‘selbstlegitimieren’ und ‘ideologisieren’. Die Waffe wird zur ‘ultima ratio regum’ – am Schluss steht immer der bewaffnete Zwang.

    Ausgehend von egalitären ‘Solidargemeinschaften’ (Stämme, Familien, Dörfer), in denen nicht geliehen, sondern gegeben wird, erkannte Paul C. Martin vieles, was nach der neolithischen Revolution entstand und wir gegenwärtig erleben.

    “Alles, was ich ableite, ist: Systeme, die mit bewaffnetem Zwang arbeiten, müssen zu immer weiter sich verschlechternden Verteilung führen, die auch im vermeintlich ‘optimalen’ Machtsystem (Demokratie, die ihrerseits nichts anderes ist, als die ultimativ mögliche Zession / Diffusion von Macht-Teilen an die Bevölkerung) der Weg in vollständige Auflösung mit Bürgerkrieg und anschließender Ausbildung neuer Machtsysteme (ich tippe zunächst auf regionale ‘warlords’, dann auf gesamthaft autokratische, waffengestützte Systeme) unausweichlich ist.

    Zur Auflösung von Demokratien bitte Römische Republik (→ Autokratie des Augustus), die griechischen Stadtstaaten (Athen, siehe den Aufsatz von Wagschal, 2000!), Florenz (→ Savonarola → Medici), die Französische Revolution (→ Jakobinismus → Bonaparte), die Geschichten Russland (→ Kerenski → Bolschewiken) und Chinas (→ warlord-Phase → Mao bzw. Chiang Kai-shek), Weimar (→ Notstandsgesetz, Hitler) und vor allem die aktuelle US-Geschichte studieren.”

    Quelle: https://archiv.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=233901

    Antworten
    • Dietmar Tischer
      Dietmar Tischer sagte:

      @ Johann Schwarting

      Sie wiederholen PENETRANNT eine Position, ohne auf Gegenargumente einzugehen.

      Das nenne ich Dogmatismus.

      Daher noch einmal eine BEGRÜNDETE Erwiderung:

      > „Alles, was ich ableite, ist: Systeme, die mit bewaffnetem Zwang arbeiten, müssen zu immer weiter sich verschlechternden Verteilung führen, …“

      Es ist nicht falsch, die Auffassung zu vertreten, dass ein Staat eine Abgabe braucht, um ihm zugewiesen „existenzielle“ Aufgaben, wie z. B. die Landesverteidigung zu erfüllen.

      Es ist aber eine FALSCHE Ableitung, wenn man daraus NOTWENDIGES Scheitern ableitet.

      Sie ist auch dann falsch, wenn man dieser Abgabe – durchaus richtig – einen „sanktionsbewehrten Zwang“ zuordnet.

      Wodurch ENTSTEHT Ungleichheit?

      Sie entsteht dadurch, dass Wertschöpfung so organisiert wird, dass einige das damit installierte bzw. betriebene System vorteilhafter für sich zu NUTZEN verstehen als andere.

      Wenn eine Mehrheit sich zu diesem System bekennt und NUR dazu, braucht es KEINEN Staat der „von sich aus“ irgendetwas ERZWINGEN muss – weder Tribut von anderen, noch vermehrt Steuern von seinen Bürgern.

      INSOWEIT muss der Staat NICHT sanktionsbewehrte Forderungen stellen.

      Er muss sie erst DANN stellen, wenn die Regierenden oder die sie wählenden Bürger ANSPRÜCHE an den Staat stellen, die dieser NUR noch mit sanktionsbewehrten Forderungen erfüllen kann – sei es, dass diese andere Staaten oder die eigenen Bürger betreffen.

      Ein Anspruch kann z. B. die Beseitigung von Ungleichheit sein.

      Da er nicht untereinander, d. h. systemkonform freiwillig erfüllt werden kann, kommt der Staat ins Spiel und der Mechanismus in Gang, den Sie aufzeigen.

      Da er erst DANN in Gang gesetzt wird, ist es FALSCH, die „erste sanktionsbewehrte Abgabe“ so FORTZUSCHREIBEN, dass diese als „ERSTE Ursache“ zur IMMERWÄHRENDEN Ursache wird.

      Nicht der Staat als Agent ist die Ursache für Verwerfungen aller Art, sondern es sind die Ansprüche, die NICHT ohne Staat erfüllbar sind, und aufgrund dessen – FOLGE! – der Staat mehr oder weniger legitimiert dazu VERANLASST wird, mit Zwang diese Ansprüche zu erfüllen.

      Die UNIVERSALISTISCHE Ursachenzuschreibung an den Staat ist der Fehler von Paul C. Martin.

      Es ist zwar RICHTIG, dass der Staat schon seit Jahrzehnten vermehrt immer stärkeren ZWANG ausübt.

      Das VERDECKT aber nur die falsche Ursachenzuordnung und VERHINDERT so, zu einer bzw. der richtigen zu gelangen.

      Die richtige liegt im SYSTEM, in dem der Staat NICHT der alleinige Treiber ist.

      Antworten
      • Alexander
        Alexander sagte:

        @Dietmar Tischer

        Die wichtigste Aufgabe eines Staates ist die Sicherung der Eigentumsrechte, die der Staat aus der Herrschaft als Generaleigentümer über seine Bürgern -gegen ihn- einrichtet.

        Sicheres EigentumsPfand ist Grundlage von privater Verschuldung, die von Bürgern nicht nur eingegangen wird um aus Markterlösen ihre existenziellen Bedarfe zu decken, sondern eben auch die fälligen Abgaben gegen den Generalteingetümer zu entrichten.

        Der “spread” zwischen Marktunsicherheit (Rezession, globaler Wettbewerb) und der Vollversorgung für Staatsdiener beeinflusst das Wachstum des Staatsapperates zur Erfüllung zahlloser BürgerWünsche, geboren aus Marktunsicherheiten….

        Der “spread” klafft heute unendlich weit, wenn außer Risiken keine Renditen an Märkten zu erzielen sind -> für Private ohne Zugang zu staatlichen Monopolen (von Energie, Gesundheit bis sozialen Netzwerken). Vermögenspreisinflation ist nur Illusion von Gewinn, wenn die Basis überschritten ist.

        Selbstverständlich scheitert jeder Staat, wenn er seine Finanzierungsgrundlage überfordert und MMT ist ausdrücklich keine Lösung, wenn der Staat nicht(!) über die Zwangsmittel verfügt, seine internationalen Lieferanten gegen unbesichertes Geld zu bezahlen….

        Nullzins und Anleihekaufprogramme sind in dieser Hinsicht ein gaaaanz schlechtes Zeichen dafür, dass unser Hegemon allmählich gezwungen ist -unsere- Eigentumsrechte selbst zu hinterfragen, Stichwort Vermögensabgaben, Erbschaftssteuern, Mietpreisbremsen, Insolvenzaussetzung, Geschäftsverbot…etc….

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Alexander

        >Sicheres EigentumsPfand ist Grundlage von privater Verschuldung, die von Bürgern nicht nur eingegangen wird um aus Markterlösen ihre existenziellen Bedarfe zu decken, sondern eben auch die fälligen Abgaben gegen den Generalteingetümer zu entrichten.>

        Das ist FALSCHER Universalismus.

        Für die DDR und andere sozialistische Gesellschaften galt das NICHT.

        Ihre jeweilige Staatsmacht hat VERHINDERT, dass Bürger RECHTE über ihren unmittelbaren Bedarf hinaus an PRODUKTIVEN EIGENTUM erwerben konnten.

        Sie haben dies verhindert, weil sie den Bürgern produktives Eigentum VERWEHRT haben.

        Damit fällt Ihre Argumentation wie ein Kartenhaus zusammen.

        Allerdings:

        Die jeweilige Staatsmacht konnte ihre Bürger nicht auf ewig verar*****, d. h. ihnen sagen, dass sie an der Spitze der historischen Entwicklung zur konfliktfreien, weil rundum Ansprüche hinreichend erfüllenden Gesellschaft sind, wenn gleichzeitig das Schaufenster der Rückständigen auf der anderen Straßenseite prall gefüllt war.

        Kurzum:

        Die sozialistischen Staaten konnten SYSTEMBEDINGT, d. h. aufgrund ihrer zentralen Verwaltungswirtschaft, NICHT die ANSPRÜCHE ihrer Bürger erfüllen.

        Deshalb scheiterten sie – und eben NICHT aus debitistischen Gründen.

        Nochmals:

        SYSTEMDENKEN statt Dogmen nachbeten.

      • Alexander
        Alexander sagte:

        @Dietmar Tischer

        Die Eigentumsökonomie von Steiger / Heinsohn beruht allein auf Erkenntnis von Funktionsweisen unserer Kreditgeldsystemes, welche der BRD zum Nachkriegserfolg verhalfen und den sogenannten Mittelstand so bequem machten, wie heute zu besichtigen.

        Debitismus stellt dazu weitere Fragen im Bemühen den nächsten Schritt zu machen.
        Das Generalteigentum des ZdK der SED unserer lieben DDR zedierte Eigentumsrechte ideologisch NICHT auf Privateigentümer herab und überlebte sich durch Verlust an Vorfinanzierungskraft aus privater Verschuldung.

        Anstelle diesen Umstand anzuerkennen nörgeln Sie herum.

        Genau wie das Beispiel DDR zum Systemuntergang führte, dürfen Sie gerne erläutern, warum die EZB mit dem Bruch der Regeln von Eigentumsökonomie keinen Erfolg haben wird ….. und sich auch kein Beispiel an der BoC zu nehmen braucht.

        Schon länger frage ich mich über die Sollbruchstellen in China, weil der chinesische Reaktor durch nichts im Zaum gehalten wird als die kommunistische Partei und ihre totalitäre Gesellschaftsordnung. Darüber hinaus AnlageBlasen……

      • Horst
        Horst sagte:

        “Das Generalteigentum des ZdK der SED unserer lieben DDR zedierte Eigentumsrechte ideologisch NICHT auf Privateigentümer herab und überlebte sich durch Verlust an Vorfinanzierungskraft aus privater Verschuldung.”

        Das ist ein sehr interessanter Aspekt: Die Privaten in der DDR waren nicht verschuldet.

        Sollte es daher nicht heißen: … und überlebte TROTZ DES Verlustes an Vorfinanzierungskraft aus privater Verschuldung (relativ) lange?

        “Sie haben dies verhindert, weil sie den Bürgern produktives Eigentum VERWEHRT haben.”

        Was ist produktives Eigentum? Kapital? Sollte es gleichzusetzen sein, unterstelle ich, die Quote derer, die nicht über KAPITAL verfügen, liegt bei Exploration auf das Gesamtsystem Kapitalismus pendelt sich auf einem ähnlich (hohen) Niveau ein.

      • Richard Ott
        Richard Ott sagte:

        @Horst

        “Das ist ein sehr interessanter Aspekt: Die Privaten in der DDR waren nicht verschuldet.”

        Zumindest nicht wesentlich.

        Aber wozu auch? Was hätte man sich in der DDR auf Kredit (in DDR-Mark…) denn Schönes kaufen können? Einen Porsche oder ein Eigenheim sicher nicht.

        Sozialistische Planwirtschaft funktioniert halt grundlegend anders als Marktwirtschaft, ich verstehe nicht, was es da so kontrovers zu diskutieren gibt.

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        >Was ist produktives Eigentum?>
        Produktionsstätten (Fabriken) sind das Paradebeispiel.

        Es können aber auch landwirtschaftliche Maschinen oder Flugzeuge sein.

        Ein Individuum konnte all dies konnte im Sozialismus nicht erwerben – es war Staatseigentum.

        Die Bürger der DDR waren nicht nur verschuldet, sondern sie KONNTEN sich daher NICHT verschulden für derartiges Sachkapital.

        Deshalb ist es UNSINNIG in DIESEM System mit dem Debitismus etwas erklären zu wollen.

        Ein ganz ANDERER Aspekt:

        Die DDR war am Ende auch Pleite.

        Das hatte aber nicht mit dem sozialistischen System INTERN, d. h. seiner für sich betrachteten Funktionalität zu tun.

        Sondern:

        Um den VERGLEICH mit dem Wohlstandsniveau der kapitalistischen Länder nicht sofort zu verlieren, mussten die DDR im Ausland kaufen. Die dafür erforderlichen Devisen hatte sie nicht. Sie musste sich daher im Ausland verschulden. Das hat ihr wirtschaftlich letztlich das Genick gebrochen.

        Auch hier:

        Wenn UNGLEICHHEIT – egal, ob sie im internen oder externen Vergleich erfahrbar ist – nicht beseitigt werden kann, also ANSPRÜCHE nicht erfüllt werden können, ist der betreffende Staat gefährdet.

        Das gilt für Systeme mit einer Eigentumsökonomie genauso wie für jene, in denen es diese nicht gibt.

        Deshalb ist der Debitismus als UNIVERSELLER Erklärungsansatz UNTAUGLICH.

      • Alexander
        Alexander sagte:

        @Horst

        Welcher Vorteil entsteht für den Generaleigentümer aus seiner Gnade Privatleuten eine EigentumsIllusion zu gewähren, neben den Einnahmen aus Abgaben auf Ertrag und “Grundsteuer” (z.B.) des Eigentums?

        Der EigentümerBürger verschuldet sich für Renovierungs- Erhaltungs- oder Erweiterungsinvestitionen, schöpft aus Pfändern Kaufkraft/Arbeit/Erträge anderer Bürger und befeuert durch seine existentiellen Ausgaben Neuverschuldungsrunden…..allein um seine Illusion von Eigentum vielleicht zu “vererben”. Selbstverständlich innoviert der verschuldete Bürger und versucht seine Fähigkeiten zu steigern, um neben seiner Verschuldungsfähigkeit auch die Tilungsfähigkeit zu erhalten….

        Alle Bemühungen von Bürgern dienen somit dem Vermögen des Generaleigentümers/Machtmonopolisten, weshalb sich seine Gnade weit mehr rentiert – als alles und jeden zu bevormunden.

        Die liebe DDR scheiterte an aufgebrauchter Substanz = dem Verlust an verschuldungsfähigen Pfändern. Sie konnte mit ihrem geschöpftem Geld keine der weltweiten Innovationen einkaufen und verlor den Anschluß…..
        Selbstverständlich hätte die liebe DDR länger durchgehalten, wenn sie weniger Atombunker/Rüstung/sozialistische Transfers und mehr für den substantiellen Erhalt investiert hätte…….man war überfordert richtige Entscheidungen zu entwickeln=Klumpenrisiko von Monopolen… während private Schuldner Überstunden kostenlos leisten um begangene Dummheiten noch 1x aus zu bügeln….

        Eigentum ist die Lösung auf alle Probleme und sein Untergang das Ende jenes systemischen Durchganges, bis ein neuer Generalunternehmer klügere Entscheidungen trifft….

    • ruby
      ruby sagte:

      Das Ende von Geldwäsche für Waffenhandel, Drogenhandel, Glücksspiel, Prostitution, Kinderhandel, Pädophälie, Migrationsentwurzelung, Regimechanges, Terroranschlägen in internationalen Maßstäben und Dimensionen
      https://youtu.be/oY5AvyayUw4
      Ein friedliches 2021 und menschliche Jahrtausende stehen vor uns.

      Antworten
  3. foxxly
    foxxly sagte:

    dies ist ein sehr komplexes und auch ein gesellschaftlich vielleicht, emotionales thema. da sind soviel daten und befindlichkeiten, bzw. stellung und abhängigkeiten drinn, dass es drauf an kommt wer ein gutachten oder äußerung abgibt, – entsprechend ist jedes ergebnis zu bekommen, auch das gegenteil davon.

    herr hüter zb. würde auch dann noch von einer gerechtigkeit und gleichverteilung schwadronieren, wenn 1 mann komplett alles besitzen würde, – und alle anderen für diesen mann arbeiten “dürfen”!

    fakt ist, dass viel reichtum in wenigen händen schon mal eine schlechte voraussetzung für eine stabile gesellschaftsform, ist.
    fakt ist, dass einseitiger reichtumsverteilung, der zins- und gewinnanteil in einen produkt immer höher wird, welche die klein- und mittelschicht in einem immer höher werdenden anteil mit-erwirtschaften müssen.
    fakt ist, dass immer mehr menschen heute, selbst mit einem relativ guten einkommen sich kaum noch eine immobilie kaufen und bezahlen können.
    fakt ist, dass das kreditgeldsystem reichtum systemisch begünstigt, – und so automatisch für eine umverteilung von unten nach oben sorgt, nahezu auch in dieser exponentiellen art und weise.
    fakt ist auch, dass der staat mit den einseitigen steuersystem, die mittel- und unterschicht benachteilig, zb mit dem bestehen der beitragsbemessungsgrenzen zur sozialversicherung.
    auch mit der teilung in privat und gesetzlich versicherten, sowie den branchen-privilegien wie zb. ärzte, anwälten, unternehmen und angestellte, – werden die ungleichverteilungen im exonentialen tempo größer.

    fazit: wir haben ein massives problem mit der verteilung, da hilft auch kein schönreden.
    es wäre aber total falsch, daraus einen sozialismus das wort zu reden. NUR, mit dieser entwicklung wird der boden dazu bereitet!

    die hohen mieten sind wohl einer der hauptgründe für den umverteilungsmechanismus. je weniger ein immoblieneigentum haben, desto schneller geht die umverteilung nach oben.

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