Geld löst das europäische Wachstumsproblem nicht
Die EU fordert mehr Geld. Gemäß Vorschlag der EU-Kommission soll der sogenannte Mehrjährige Finanzrahmen (MFR) für die Jahre 2028 bis 2034 einen Umfang von nahezu zwei Billionen Euro umfassen – ein Anstieg um 60 Prozent. Zwar betont Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer State-of-the-Union-Rede (SOTEU 2026) am 16. September 2026 die Vollendung des Binnenmarktes, Bürokratieabbau und günstigere Energiepreise als Kernhebel für mehr Wettbewerbsfähigkeit, aber die Umsetzung macht klar, wohin die Reise gehen soll: in Richtung einer Union, die durch zentrale Steuerung und mehr Brüssler Bürokratie strategische Autonomie und bessere Wettbewerbspositionen erreichen soll. Ein beherztes “weiter so” also, statt der dringend erforderlichen Kurskorrektur.
Dabei ist der Verlust an Wohlstand in den letzten Jahrzehnten immer offensichtlicher. In einer aktuellen Studie haben die Ökonomen Cesare Buiatti, Joao Duarte und Luis Felipe Sáenz fünf Jahrzehnte europäischer und amerikanischer Produktivitätsentwicklung analysiert (Studie „Europe Falling Behind: Structural Transformation and Labor Productivity Growth Differences Between Europe and the U.S.“). Erreichte Europa 1970 rund 72 Prozent der US-Produktivität pro Stunde, lag es 1995 beinahe gleichauf. Seither dreht sich der Trend um und Europa erreicht nur noch rund 86 Prozent des US-amerikanischen Niveaus.
Die Ursache liegt darin, dass zu viele Arbeitskräfte aus produktiven Sektoren in weniger produktive Sektoren wandern – vor allem in nicht-progressive Dienstleistungen wie Gesundheit, Bildung und öffentliche Verwaltung. Diese Umschichtung der Arbeit hat in Europa das jahresdurchschnittliche Produktivitätswachstum um 1,04 Prozentpunkte reduziert, in den USA nur um 0,19 Prozentpunkte. Ein besonders trauriges Beispiel ist dabei leider Deutschland. Nach Daten des Statistischen Bundesamts legte der öffentliche Sektor hier seit 2019 um 1,3 Millionen Beschäftigte zu, während die Industrie gleichzeitig rund 650.000 Stellen abbaute. Die logische Folge davon ist ein Verlust an Wohlstand, der die Finanzierung des Sozialstaats erschwert und Verteilungskonflikte befeuert.
Die Draghi-Kommission hat eine Konzentration auf Wachstumsindustrien wie Business Services, Technologie und Finanzen vorgeschlagen. Aber würde das etwas an der Situation ändern? Nur bedingt. Denn selbst wenn es den Europäern gelänge in den Dienstleistungen das US-Produktivitätsniveau zu erreichen, würde trotzdem eine Lücke bleiben, weil die Umschichtung von Arbeit in unproduktive Sektoren weiterläuft. Auch mehr Exporte helfen nicht oder nur wenig, wie die Autoren der Studie in einem separaten Modell zeigen.
Was Europa braucht, sind Reformen, die die Produktivität über alle Sektoren hinweg anheben. Dazu gehören Deregulierung, Arbeitsmarktflexibilität, tiefere Kapitalmärkte, funktionierende Bildung, wettbewerbsfähige Energiepreise und ernsthaft weniger Bürokratie. Aber mehr als Lippenbekenntnisse sind diesbezüglich von der EU-Kommission nicht zu erwarten. Schließlich will die EU-Kommission 2500 zusätzliche Beamte einstellen und die wollen beschäftigt sein.
Der wichtigste Hebel zu mehr Wohlstand in der EU kostet allerdings weder Geld, noch erfordert er mehr Bürokratie und Beamte. Gemeint sind die impliziten Hürden innerhalb des EU-Binnenmarktes. IWF und EZB rechnen vor, dass sie mittlerweile so hoch sind, dass sie Zöllen von rund 44 bis 67 Prozent entsprechen. Und diese Zahlen wurden noch vor der unsäglichen EU-Verpackungsverordnung, die für viele kleine Unternehmen einem Exportverbot in andere EU-Länder gleichkommt, erhoben.
Die Vollendung des Binnenmarkts wäre der entscheidendste Beitrag der EU zu mehr Wachstum und Wohlstand. Statt auf immer mehr Geld und zusätzlich Beamte zu setzen und den EU-Einfluss immer weiter auszubauen, müsste er schrumpfen und die EU sollte sich um das kümmern, was für das Wachstum wirklich zählt.
→ handelsblatt.com: „Geld löst das europäische Wachstumsproblem nicht“, 21. September 2026

