Die Zinswende sprengt die Schuldenillusion
Während sich die geldpolitische Welt vergangene Woche beim Notenbankenforum im amerikanischen Jackson Hole traf, erlebte sie in Echtzeit einen Zinsschock. Die 30-jährige US-Rendite hatte am Montag zuvor mit 5,31 Prozent den höchsten Stand seit dem Vorabend der Finanzkrise 2007 markiert.
Deutsche 30-Jährige liegen bei 3,76 Prozent, dem höchsten Stand seit 2011. Japanische 30-Jährige haben in ihrer 27-jährigen Geschichte erstmals die Vier-Prozent-Marke gerissen. Britische Gilts rentieren so hoch wie zuletzt 1998.
Wer hätte das gedacht? Vor wenigen Jahren noch erschienen Artikel, die behaupteten, wir würden ewig tiefe Zinsen haben. Journalisten warfen gar die Frage auf, weshalb es überhaupt einen positiven risikofreien Realzins geben solle. Geschrieben wurden diese Artikel unter dem Eindruck von Zinsen, die seit fast 40 Jahren strukturell immer tiefer sanken, zuletzt befördert durch die Geldpolitik zur Überwindung der Folgen der Finanz- und Euro-Krise.
Oft zitiert wurde eine Studie des Wirtschaftshistorikers Paul Schmelzing zur Entwicklung der Realzinsen über einen Zeitraum von 700 Jahren. Schmelzing zeigte darin auf, dass die Zinsen in der Tat über die Jahrhunderte hinweg immer tiefer gesunken sind. Sie wurde damals von vielen als Bestätigung des Konsens vom ewig tiefen Zins gelesen.
Diese Lesart war jedoch unvollständig. Schmelzing identifizierte seit dem Jahr 1311 neun Phasen deutlich sinkender Realzinsen, inklusive jener, die in den 1980er-Jahren begann. Acht dieser Phasen endeten abrupt: Nach dem Tiefpunkt stiegen die Zinsen im Durchschnitt um 315 Basispunkte binnen 24 Monaten – in zwei Fällen um mehr als 600 Basispunkte. Ausgelöst wurden diese Trendwenden durch geopolitische oder demografische Katastrophen: Schwarzer Tod, Dreißigjähriger Krieg, Zweiter Weltkrieg.
Wer die Studie gelesen hatte, wusste also, dass auch der tiefe Zins der neunten Phase nicht ewig dauern würde. Und so kam es dann auch: Vom Tiefpunkt bei 0,98 Prozent im August 2020 ist die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe um 433 Basispunkte gestiegen, die der deutschen um rund 370 Basispunkte. Wer 2020 dem Konsens der „risikolosen“ Bonds und ewig tiefer Zinsen vertraute, hat real mehr als die Hälfte seiner Ersparnisse verloren.
Doch auch für die Schuldner, allen voran die Staaten, wird die Zinswende zum Problem. Die durchschnittliche Schuldenquote der sieben größten Industriestaaten ist von 74 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2000 auf 123 Prozent gestiegen. Ein immer größerer Teil des Staatshaushalts fließt nun in den Schuldendienst.
Zugleich erweist sich die Politik in wichtigen Ländern wie den USA, Japan und Frankreich als unwillig, die Staatsausgaben einzuschränken, was die Defizite auf immer neue Höchststände treibt. Bis 2040 erwartet der IWF einen Schuldenstand von 130 bis 150 Prozent. Kein Wunder, dass nach einer Studie der University of Southern California Bond-Investoren, Wähler und Personen mit Finanz- oder Wirtschaftsstudium das Risiko einer US-Staatsschuldenkrise innerhalb von zehn Jahren im Durchschnitt auf knapp 50 Prozent beziffern.
Kein Wunder auch, dass die Politik versucht, das Problem zu unterdrücken. So hat die US-Regierung Japan bei der Stützung des Yen geholfen, um sicherzustellen, dass keine US-Staatsanleihen verkauft werden, was den Zinsanstieg beschleunigt hätte.
Kurz darauf erklärte das US-Finanzministerium, langlaufende Anleihen zurückzukaufen, was die Märkte jedoch nicht nachhaltig beeindruckte. In Frankreich fordert derweil der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon, dass die Banque de France die französischen Staatsschulden in ihrer Bilanz einfach annulliert.
So weit wird es vorerst nicht kommen. Klar ist aber, dass die Notenbanken immer mehr in die Rolle des Staatsfinanziers rutschen werden, verbunden mit Maßnahmen zur Einschränkung des freien Kapitalverkehrs. Wer glaubt, die neuen Regelungen der EU zur Eröffnung von Konten außerhalb der Euro-Zone dienten wirklich dem Konsumentenschutz, ist naiv. Es sind kleine Schritte auf dem Weg zu Kapitalverkehrskontrollen, die zwingend implementiert werden müssen, wenn man die Staatsschuldenkrise unterdrücken will.
→ handelsblatt.com: „Die Zinswende sprengt die Schuldenillusion“, 31. August 2026

