Ungerechtes Deutschland? – Ein tieferer Blick auf die Daten

In meinem morgigen Podcast geht es erneut um das Thema der Ungleichheit. Geht es in Deutschland ungerecht zu oder nicht?

Anlass ist Hörerfeedback zu dieser Folge aus dem vergangenen Dezember:

Läuft Deutschland in die Verteilungsfalle?

Die aufgeworfenen Fragen werden morgen beantwortet. Heute, quasi zur Einstimmung noch mal grundsätzliche Überlegungen und neues Material zu dem Thema:

Bekanntlich sehe ich die immer lautere Diskussion zum Thema „Ungerechtigkeit“ skeptisch. Damit will ich nicht sagen, dass wir nicht mehr tun könnten, um Deutschland zu einem „gerechteren Land“ zu machen. Jedoch nehme ich immer öfter wahr, dass die Diskutanten sich gern die ihnen genehmen Zahlen nehmen, um das politisch gewünschte Ergebnis zu erreichen. Jüngstes Beispiel Marcel Fratzscher, der sofort, nachdem das vom ihm geleitete DIW die gute Nachricht übermittelt hat, dass die Lohnungleichheit in Deutschland abnimmt, betonte, dass das gar nicht bedeuten würde, dass es „gerechter“ zuginge, würden doch Hartz-IV-Empfänger, Studenten und Rentner nichts davon haben. Heißt übersetzt:

  • Weil wir immer mehr Rentner haben, werden wir immer ungerechter.
  • Weil wir immer mehr Menschen studieren lassen, statt sie in der dualen Ausbildung einen Beruf lernen zu lassen, werden wir ungerechter.
  • Weil wir Zuwanderern helfen und sie in Deutschland versorgen, werden wir ungerechter.
  • Weil wir die Zuwanderung nicht an unseren ökonomischen Interessen orientieren und deshalb überwiegend unqualifizierte Menschen anziehen, werden wir ungerechter.
  • Weil wir – vor allem auch wegen der Zuwanderung – mehr Kinder haben, werden wir ungerechter.

Das muss man sich erst mal so richtig gönnen. Weil wir objektiv gesehen besser dastehen, werden wir ungerechter. Und was folgt daraus: Klar, der Ruf dieser Ungerechtigkeit endlich ein Ende zu bereiten. Und wie das geschehen soll, kann man in den Wahlprogrammen nachlesen.

Haupttreiber sind – wie immer ist man versucht zu sagen – die Medien. SPIEGEL Online beweist es selbst. Schlagzeile: „Bürger empfinden Deutschland als extrem ungerecht“. Extrem!

SPIEGEL Online: „Bürger empfinden Deutschland als extrem ungerecht“, 5. März 2020

Dann heißt es:

  • „Kein Problem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik halten die Deutschen für dringender als die Ungleichheit zwischen Arm und Reich. (…) Drei von vier Befragten halten die materielle Ungleichheit in Deutschland für ungerecht. Nur 17 Prozent empfinden sie hingegen als gerecht. Dabei machen sie übrigens keinen Unterschied zwischen der Verteilung von Einkommen und Vermögen“ – bto: dramatische Ergebnisse. Wenn das so empfunden wird, muss es doch stimmen?
  • „(…) im Vergleich mit anderen Industriestaaten ist die Einkommensungleichheit in der Bundesrepublik eher unauffällig (EU-Staaten) oder sogar unterdurchschnittlich (OECD-Staaten) – die Vermögensungleichheit ist hingegen überdurchschnittlich ausgeprägt. In der Wahrnehmung der Deutschen sind sie jedoch gleich ungerecht.“ – bto: was natürlich zu der Frage führt, was denn die Wahrnehmung prägt.
  • „Aus der Sicht der meisten Deutschen ist die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen fünf Jahren größer geworden – wiederum sind rund drei von vier Befragten dieser Ansicht. 44 Prozent sehen sogar „eindeutig“, weitere 29 Prozent „eher“ eine Zunahme. Auch hier weichen Wahrnehmung und Statistik voneinander ab, wobei die aktuellsten Daten der OECD nur die Entwicklung bis zum Jahr 2017 umfassen – bis dahin war die gemessene Einkommensungleichheit im Vergleich zum Jahr 2015 allerdings leicht gesunken.“ – bto: Ebenso hier Frage, woher denn die Bürger diesen Eindruck bekommen?

Und die Antwort gibt der SPIEGEL selbst: „Doch wo begegnet den Menschen in Deutschland eigentlich die materielle Ungleichheit? (…) Mit 44 Prozent zählten die meisten die einzige Option dazu, bei der Ungleichheit nicht unmittelbar selbst wahrgenommen wird: ‘in den Medien.

Quelle: SPIEGEL Online

Kurzgefasst, Fratzscher und Co. wirken. Die Medien geben ihnen die Plattform, um sich die Fakten so auszusuchen, dass sie die politisch gewünschte Message verbreiten können. Beispiel ist die Kolumne von Fratzscher in der ZEIT, die nur ein Thema hat: Verteilungsfragen. Was für eine einseitige Ausrichtung. Der ZEIT geht es also nicht um die Schaffung von Wohlstand, sondern um die Verteilung. Da muss man schon jedes Mal erzählen, wie ungerecht es doch zugeht, denn wie sollte man sonst Verteilung rechtfertigen?

Natürlich gibt es auch andere (Ökonomen)-Stimmen. So Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW), der in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt, weshalb es eben keine Verschlechterung der Vermögensverteilung in Deutschland gibt.

Deutschlandfunk: „Hüther: Keine Verschlechterung der Vermögensverteilung“, 19. Dezember 2019

Die Fragen des Reporters sind so:

  • „Letzte Woche der Armutsbericht mit leichter Besserung, aber im Grunde bleibt aus Sicht des Paritätischen alles gleich. Das Armutsrisiko ist zu hoch in Deutschland, und das ist dann auch das Bild vieler Deutscher: Die Armen auf der einen, die Reichen auf der anderen Seite. Und die Reichen – auch davon sind viele überzeugt – werden immer reicher.“ – bto: Die eigentlich gute Nachricht wird sofort entwertet. Darüber hinaus wird – ohne jeglichen Bezug zu Fakten – behauptet, das Armutsrisiko „sei zu hoch“.
  • „Das Deutsche Institut für Wirtschaft sagt, zehn Prozent der Deutschen besitzen 56 Prozent. Frage also: Sind die Vermögen in Deutschland stabil ungerecht verteilt?“ – bto: Ungleich wird hier mit ungerecht gleichgesetzt.
  • „Bei der Arbeit, sagen Sie, da gibt es Chancengerechtigkeit. Wie schaut es denn bei der Bildung aus? Da hört man ja auch immer, gerade dieser Tage wieder, das genaue Gegenteil. Eigentlich haben nur diejenigen aus relativ wohlsituierten Familien richtig gute Bildungschancen in Deutschland.“ – bto: Das impliziert, nehmt denen das Geld weg, dann haben sie gleich schlechte Bildungschancen. Ich würde wetten, dass die schulischen Leistungen dieser Kinder in einem solchen Fall noch besser würden, weil die Familien noch mehr in das Humankapital investieren würden.
  • „Aber stimmt es nicht auch, dass wer nicht erbt, wer nicht das Haus erbt, nicht das Vermögen erbt, nicht die Firma erbt, dass der einfach kein Vermögen haben wird, weil wir nicht mehr in der Lage sind, das aus eigener Kraft aufzubauen in der jeweiligen Generation?“ – bto: Diese These kann man sogar aufstellen, aber dann ist doch die Schlussfolgerung diejenigen, die arbeiten zu entlasten!
  • „(…), wenn wir an die Superreichen denken, an wirkliche Millionäre, ist denen nicht zuzumuten, bei hohen Freibeträgen, dass die irgendwann dann auch mal ein, zwei Prozent ihres Vermögens ausgeben für die Allgemeinheit?“ – bto: was angesichts der durch das billige Geld getriebenen Vermögen und spiegelbildlich tiefen Renditen einer Substanzbesteuerung gleichkommt.

Dann ist es auch nicht verwunderlich, dass der Deutschlandfunk am Ende wie bei allen Interviews betont: Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.“ – bto: Denn das war schon bei der Fragestellung offensichtlich.

Blicken wir auf ein paar Highlights von Hüthers Antworten:

  • „(…) alle Verteilungsforscher sagen, dass sich die Einkommensverteilung seit 2005 nicht weiter verschlechtert oder überspannt hat, so gilt das auch bei allen Datenbetrachtungen für die Vermögensverteilung. Das heißt, die Betrachtung des Nettovermögens der Haushalte, das was sie auf der einen Seite an Geld, an Anlagen oder auch an Immobilien und sonstigen Realwerten haben, abzüglich der Schulden, die die Haushalte haben.“ – bto: Klartext, wir sind gleichbleibend „ungerecht“.
  • „(…), wenn man natürlich über 200 Jahre schaut, wie es Verteilungsforscher Piketty gemacht hat, kommt man schon zu anderen Bedingungen. Aber wir müssen ja schauen: Wo macht es Sinn, den Vergleich herzustellen, unter entsprechenden institutionellen Bedingungen, in einer Gesellschaft, in einer politischen Ordnung, in einer Wirtschaftsordnung. Da gilt seit dem Beginn des Jahrtausends, dass wir diese Stabilität haben.“ – bto: weshalb es eben mehr ein Thema der Wahrnehmung als der Fakten ist.
  • Hüther benennt auch die Ursachen: „Interessant ist aber, dass parallel zu dem, was wir hier machen mit den Analysen, auch andererseits gerade diskutiert wird. Die britische hierzulande öffentliche Zeitung „the economist“ hat genau das auch geschrieben: Illusionen über die Ungleichheit. Es ist gar nicht so, wie alle glauben, und deswegen ist die Frage, es wird immer wieder erzählt, es hat eine Eingängigkeit, und mir ist selbst mal passiert in einem Kreis mit Bischöfen, wo die gesagt haben, aber es steht doch überall anders. Da habe ich gesagt, ich kann ja die Fakten deswegen nicht daran anpassen, was überall geschrieben und erzählt wird.“ – bto: So ist es!
  • „Gerechtigkeit ist ja in einer offenen Gesellschaft verbunden mit der Frage, haben die Menschen die Chancen mitzumachen, haben sie die Möglichkeit, immer wieder einzusteigen und damit neue Chancen zu gewinnen. Wenn ich mir den Arbeitsmarkt anschaue, der zentrale Hebel für diese Frage, dann gilt das ganz eindeutig. Wir haben die höchste Erwerbsintegration im wiedervereinigten Deutschland, und das ist beachtlich (…)“ – bto: Wir haben allein schon deshalb weniger Ungerechtigkeit, weil mehr Menschen arbeiten.
  • Zur Bildung: „Wir haben immer noch eine relativ hohe familiäre Vorbedingung. Das ist aber eher die Frage, gibt es zuhause Bücher, wird zuhause gelesen, wie wird überhaupt mit Kultur umgegangen. Auf der anderen Seite ist das aber im internationalen Vergleich jetzt nicht besonders schlecht oder besonders schlimm. Wir haben in England, in Frankreich, auch in der Schweiz eine deutlich höhere Vorbestimmung durch den familiären Kontext, wie man es nennt.“ – bto: Und dass bei uns beispielsweise Migranten besonders schlecht abschneiden, liegt eben nicht an Diskriminierung oder zu wenig Geld, sondern am Bildungshintergrund.
  • „Und schließlich ist die Frage, was machen wir in der Bildungspolitik, und da kann man schon Kritik haben. Wir haben eigentlich nicht die Disziplin gehabt, auf den ersten PISA-Schock hin im Jahr 2000 konsequent zu handeln. 2009 ist mal ausgerufen worden, Bildungsrepublik Deutschland, damals von der Kanzlerin. Sie ist immer noch Kanzlerin, aber die Bildungsrepublik sind wir noch nicht geworden. Insofern: Die Nachhaltigkeit dieser Anstrengung – da haben Sie sicherlich einen Punkt –, die ist zu kritisieren. Sie fehlt!“ – bto: Klar, aber lieber über Ungleichheit jammern als über schlechte Bildungschancen.
  • „Wer in die Erwerbstätigkeit einsteigt, wer in seine Beschäftigungsfähigkeit, in seine Bildung investiert, für den ist alles offen. Der hat in diesem Land die Chancen, auch ein Vermögen aufzubauen. Es ist ja nicht so, dass alles nur vererbt wird, sondern dass wir hier auch immer eine Neusortierung haben, wenn Menschen neu anfangen, wenn sie unternehmerisch tätig sind, wenn sie Innovationen haben, wenn sie mit einem Start-up beginnen. Das ist immer an jedem Lebensanfang neu gesetzt, das auch zu tun und sich nicht nur von der Vergangenheit bestimmen zu lassen.“ – bto. Da bin ich nicht ganz überzeugt, weil wir a) eine Rekordabgabenbelastung haben, b) die Vermögenspreise wegen des billigen Geldes kräftig zulegten. Deshalb empfinden die Menschen die Ungleichheit auch stärker. Es ist schwerer, nach oben zu kommen.

Grund genug, das genauer anzuschauen. Basis ist ein Beitrag von Paul Hufe, Andreas Peichl und Marc Stöckli vom ifo Institut, der sich die Daten nochmals gründlich ansieht.

  • „Verfolgt man den Diskurs, so hat man den Eindruck, dass es um die Verteilungsgerechtigkeit in der sozialen Marktwirtschaft schlecht bestellt ist. Und in der Tat gibt es Entwicklungen, die es ernst zu nehmen gilt. Korrekt ist, dass hierzulande das reichste Prozent der steuerzahlenden Bevölkerung über rund 13 Prozent des gesamten Nationaleinkommens verfügt. Wenn man lediglich die arbeitende Bevölkerung betrachtet, dann zeigt sich, dass die Löhne der oberen Perzentile innerhalb der vergangenen 20 Jahre deutlich stärker gewachsen sind als jene der unteren Perzentile. Es gibt jedoch auch gegenläufige Entwicklungen. Wenn man in der Ungleichheitsberechnung beispielsweise auch den arbeitslosen Teil der Bevölkerung berücksichtigt, lässt sich in Folge der gefallenen Arbeitslosigkeit ein merkbarer Rückgang der Arbeitseinkommensungleichheit feststellen.“ – bto: was einleuchtet. Bedeutet noch weniger Arbeitslosigkeit mehr Einkommen. Und dies sollten wir uns wünschen und deshalb die gefallene Ungleichheit als positives Begleitzeichen sehen. Denn genau das ist es.
  • „(…) die Beurteilung der Ungleichheitsentwicklung (hängt) maßgeblich von der verwendeten Datengrundlage, den angewandten Messkonzepten sowie den betrachteten Zielvariablen ab. Interessieren wir uns nun für die Verteilung von Stundenlöhnen, monatlichen oder jährlichen Brutto- oder Nettoeinkommen, Konsumausgaben oder Vermögen? Analysieren wir die steuerzahlende, die arbeitstätige oder die gesamte Bevölkerung? Unterschiedliche Antworten auf jene Fragen führen zu unterschiedlichen Messungen und in der Folge auch zu Unterschieden in der politischen Bewertung.“ – bto: Das macht es den Medien und interessierten Wissenschaftlern auch so leicht, die Zahlen zu finden, die zur eigenen politischen Vorstellung passen. Nachdem wir wissen, wo die meisten Journalisten politisch zu verorten sind, wundert das Ergebnis – sichtbar an den oben gezeigten Umfragen – nicht.
  • „Ökonomisch betrachtet übernimmt Ungleichheit wichtige Funktionen in einer Marktwirtschaft. In Bezug auf die Arbeitsmärkte beispielsweise stellen Lohnunterschiede einen Anreiz für Investitionen in Humankapital dar. Sie weisen auf Angebotsengpässe hin und ermöglichen es, Menschen für Tätigkeiten in unterschiedlichen Arbeitsumfeldern angemessen zu kompensieren. Ein gewisses Maß an Ungleichheit ist daher sogar gewollt.“ – bto: Und es ist gerecht. Denn wer mehr Stunden arbeitet, mehr pro Stunde verdient, der soll auch mehr in Summe haben.
  • „Bei einer vollkommenen Gleichverteilung nimmt der Gini-Koeffizient einen Wert von 0 an. Der Maximalwert von 1 würde erreicht, wenn sich das gesamte Einkommen auf eine Person konzentrierte. Zudem beschränken wir alle Analysen auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 25 bis 59 Jahren. Somit vermeiden wir starke Verzerrungen, wie sie sich ergäben, wenn man Individuen einbezöge, die sich entweder noch in Ausbildung oder bereits in Rente befinden.“ – bto: Denn das führt – wie oben schon angesprochen – zu einer Verzerrung. Es bewirkt, dass wir, wenn wir „Gutes“ tun, damit die Ungleichheit verstärken.
  • „Die Ungleichheitsdebatte bezieht sich – oft aus Gründen der Datenverfügbarkeit – vorrangig auf das Konzept der Einkommensungleichheit. (…) Wenn jedoch eine Beurteilung der wirtschaftlichen Wohlfahrt abgeleitet werden soll, ist Vorsicht geboten, da die Markteinkommen die Umverteilungsmaßnahmen durch den Staat nicht einbeziehen. Jene Maßnahmen werden im verfügbaren Einkommen erfasst. Das verfügbare Einkommen entspricht dem Markteinkommen abzüglich von Steuern und Sozialabgaben sowie zuzüglich der erhaltenen Transferzahlungen. Das verfügbare Einkommen repräsentiert also das Einkommen, das für Konsum und Sparen zur Verfügung steht. Es macht einen großen Unter- schied, welches Einkommenskonzept man für die Analyse verwendet. So ist es möglich, dass die Ungleichheit der Markteinkommen steigt, während jene der verfügbaren Einkommen sinkt.“ – bto: Vor allem kann man wachsende Ungleichheit bemängeln, obwohl nach Umverteilung die Gleichverteilung zunimmt.

Abb. 1 Gini vor Umverteilung

Quelle: ifo

  • „Im Zeitverlauf ist eine U-förmige Entwicklung des Gini-Koeffizienten festzustellen. (…) Seit Mitte der achtziger Jahre ist ein deutlicher Trend hin zu einer steigenden Spreizung der verfügbaren Einkommen erkennbar. Diese Phase ist geprägt von einer Reduktion der Staatsausgaben, moderaten Steuersenkungen für Unternehmen sowie einer konsequenten Politik der Preisniveaustabilisierung der Deutschen Bundesbank. Zwischen 1987 und 1992 springt der Gini-Koeffizient für Westdeutschland von 0,244 auf 0,266 Punkte. Auch in der Folge, insbesondere ab Mitte der Nullerjahre, ist ein weiterer Anstieg der Ungleichheit zu beobachten.“ – bto: was übrigens im Gleichschritt mit der Welt und auch eine Folge des Eintritts von Osteuropa und China in den Weltarbeitsmarkt ist. Übrigens lohnt ein Blick auf die Skala. Es sieht dramatischer aus, als es ist. 

Quelle: ifo

  • „Abbildung 2 zeigt den Gini-Koeffizienten der Haushaltseinkommen jeweils vor und nach Steuern und Transfers für Gesamtdeutschland, basierend auf SOEP-Daten. Die grauen Balken stellen die Differenz der beiden Gini-Koeffizienten dar. Es zeigt sich, dass der Staat die Einkommensungleichheit durch Umverteilungsmaßnahmen deutlich senkt; im Beobachtungszeitraum beträgt die Differenz zwischen den Indizes für Markteinkommen auf Haushaltsebene und verfügbaren Haushaltseinkommen durchschnittlich 0,108 Punkte. Diese Differenz kann als die Fähigkeit des Wohlfahrtsstaates interpretiert werden, der Ungleichheit entgegenzuwirken.“ – bto: Und der Staat macht dies heute auch sehr konsequent.
  • „(Die) Ungleichheitsentwicklung ist in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich durch die Entwicklung der Markteinkommen getrieben. (…) Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass die umverteilende Wirkung des Wohlfahrtsstaates in den zurückliegenden 20 Jahren relativ konstant ist – mit einer leicht sinkenden Tendenz: Mitte der neunziger Jahre reduziert sich durch die Umverteilung der Gini-Koeffizient um rund 0,118 Indexpunkte, am aktuellen Rand beträgt die Differenz nur noch 0,103 Punkte.“ – bto: Die Markteinkommen sind nicht nur durch den intensiveren internationalen Wettbewerb unter Druck, sondern auch durch die Migration. Wir wissen aus anderen Studien, dass Migration sich besonders im unteren Lohnbereich dämpfend auswirkt.
  • „Bei der Betrachtung der Ungleichheitsentwicklung in Deutschland ist es weiterhin unabdingbar, die Entwicklung in der Gesamtbevölkerung von der Entwicklung in der arbeitenden Bevölkerung abzugrenzen. (…) Abbildung 4 zeigt die Entwicklung der Ungleichheit der individuellen Arbeitseinkommen, differenziert nach arbeitender und gesamter Bevölkerung. Von 2005 an ist ein Rückgang der Ungleichheit für die Gesamtbevölkerung zu erkennen, während die Ungleichheit der Beschäftigten auf einem gleichbleibend hohen Niveau verbleibt. Diese Differenz ist mit dem Beschäftigungsanstieg jener Zeit zu erklären, der die Einkommensverteilung am unteren Rand ergänzte. Somit vergrößerte sich die Spreizung der Arbeitseinkommen in der arbeitenden Bevölkerung, während in Gänze ein rückläufiger Trend der Ungleichheit zu beobachten war. Mit anderen Worten: Aufgrund von Zusammensetzungseffekten (vormals Arbeitslose beziehen zumeist niedrigere Löhne/Einkommen als schon Beschäftigte) steigt die Ungleichheit unter den Beschäftigten, während die Ungleichheit in der Gesamtbevölkerung sinkt, da Menschen ohne Einkommen (die Arbeitslosen) nun ein positives Einkommen beziehen.“ – bto: Hätte es diese Arbeitskraftreserve nicht gegeben, wären die Löhne im unteren Bereich deutlicher gestiegen und die Ungleichheit hätte abgenommen!

Kommen wir zur Vermögensverteilung:

  • „Andererseits ist es aber nicht unbedingt klar, was man überhaupt unter Vermögen versteht oder wie dessen Wert zu bemessen ist. Letzteres ist vor allem in Bezug auf die Rentenansprüche relevant. In Deutschland, einem Land mit verhältnismäßig gut ausgebauter staatlicher Altersvorsorge, können diese Ansprüche beachtlich sein und gleichzeitig die Anreize zur individuellen Vermögensbildung durch Ersparnis mindern. Wir berücksichtigen diese daher explizit und lassen sie in unsere Berechnung der Vermögensungleichheit einfließen.“ – bto: Wir kennen diesen Zusammenhang auch aus den skandinavischen Ländern. Interessanterweise hört man wenig davon, dass der Wert von Pensionsansprüchen bei der Berechnung einer etwaigen Vermögenssteuer berücksichtigt wird. Wie wichtig das gerade bei Politikern ist, wissen wir nicht erst, seitdem der Termin für die Neuwahlen in Thüringen feststeht.
  • „Über die gesetzliche Rentenversicherung sind rund 78 Prozent der Erwerbsbevölkerung versichert (Stand 2014). Auf dieses Vermögen hat man zwar nicht ohne Weiteres Zugriff, es stellt aber dennoch eine künftige Einkommensquelle dar. Weitere Ansprüche entstehen über Beamtenpensionen sowie aus der betrieblichen und privaten Altersvorsorge. Die Summe der diskontierten Rentenansprüche und des Nettovermögens bezeichnen wir als erweitertes Vermögen.“ – bto: Jeder Bürger sollte sein Vermögen jährlich ausgewiesen bekommen. Dann wäre das „Ungleichheitsthema“ gleich anders besetzt.
  • „Tabelle 1 zeigt die Ungleichheit der Vermögensverteilung in Deutschland im Jahr 2012, unterteilt nach verschiedenen Vermögenskomponenten. In der ersten Spalte findet sich der Gini-Koeffizient für die jeweilige Vermögenskomponente. Es zeigt sich, dass durch die Berücksichtigung von Rentenansprüchen die Ungleichheit der Nettovermögen (Gini von 0,73) spürbar sinkt (auf 0,53).“ – bto: Dies unterstreicht, wie verlogen die Vermögenssteuerdiskussionen sind, die von Pensionsberechtigten getrieben werden!

Quelle: ifo

  • „Die zweite Spalte zeigt den Anteil der jeweiligen Vermögenskomponente am erweiterten Gesamtvermögen. Die privaten Nettovermögen weisen mit 40 Prozent zwar den größten Einzelanteil der betrachteten Komponenten auf; eine Vernachlässigung von individuellen Rentenansprüchen jedoch würde die Bewertung der Vermögensverteilung massiv verzerren. 60 Prozent des im SOEP gemessenen erweiterten Gesamtvermögens gehen auf Rentenansprüche und insbesondere auf Ansprüche aus den staatlichen Vorsorgeinstitutionen zurück.“ – bto: Das bewegt mich zu der Frage, weshalb hier noch kein Ökonom oder Politiker nach höherer Belastung ruft?
  • „Die dritte Spalte zeigt die Korrelation der einzelnen Vermögenskomponenten mit dem erweiterten Vermögen. Alle Komponenten sind positiv mit dem Gesamtvermögen korreliert. Das heißt, dass ein hohes Maß an Vermögen in einer der Komponenten tendenziell mit einem hohen Gesamtvermögen einhergeht. Mit Werten über 0,8 sind die Korrelationen für das Nettovermögen sowie für die privaten und betrieblichen Rentenvermögen am stärksten. Diese Beobachtung unterstreicht die umverteilende Wirkung der staatlichen Rentenkassen. Die staatlichen Rentenansprüche sind zwar positiv mit dem Gesamtvermögen korreliert, jedoch weit weniger als die Ansprüche aus privater Altersvorsorge.“ – bto. Das überrascht nicht. Denn wer einen gut bezahlten Job mit Pensionsansprüchen hat, hat oftmals auch weitere Vermögenswerte.
  • „Die vierte Spalte fasst die vorhergehende Diskussion zusammen, indem hier jeder der betrachteten Komponenten ein relativer Beitrag zur Gesamtheit der Ungleichheit der erweiterten Vermögen zugewiesen ist. Insgesamt kann beinahe die Hälfte der gemessenen Vermögensungleichheit in Deutschland (0,53 Gini-Indexpunkte) auf die ungleiche Verteilung von Nettoprivatvermögen zurückgeführt werden. Ein weiteres Drittel ist den privaten Vorsorgeinstitutionen, also den privaten und betrieblichen Rentenvermögen zuzuweisen. Lediglich 19 Prozent gehen auf Unterschiede der staatlichen Rentenansprüche zurück. Die Berücksichtigung dieser Rentenansprüche führt also zu einer erheblichen Reduktion der gemessenen Vermögensungleichheit in Deutschland.“ – bto. Das wäre doch mal etwas für Fratzschers Verteilungsfragen. Aber es ist ja nicht die Geschichte, die er erzählen will.

Dann geht es sehr interessant weiter, nämlich zum Thema Chancengerechtigkeit:

  • „Das Konzept der Chancengerechtigkeit, das ursprünglich der politischen Philosophie entstammt, findet häufig Verwendung. Mit dem Begriff ist gemeint, dass auf der einen Seite Erfolgsaussichten, wie beispielsweise auf schulische Bildung, Einkommen oder ein gesundes Leben, nicht von Faktoren abhängen dürfen, die sich dem persönlichen Einfluss entziehen. In der Literatur werden diese Faktoren als Umstände bezeichnet. Hierzu gehört das Elternhaus. Auch die vieldiskutierten geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede sind ein Beispiel hierfür. Da Menschen ihr Geschlecht zum Zeitpunkt der Geburt nicht frei wählen können, widerspricht die Existenz von Gender-pay-gaps dem Prinzip der Chancengerechtigkeit.“ – bto: Nun wissen wir aber, dass Frauen – gerade in freien Gesellschaften – überproportional Berufe und Ausbildungen wählen, die strukturell schlechter bezahlt werden. Ist das wirklich ein Verstoß gegen Chancengleichheit? Überzeugt mich nicht.
  • „Die Quasi-Vererbung des Bildungserfolgs oder die strukturelle Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund sind daher mit einer chancengerechten Gesellschaft nicht vereinbar.“ – bto: Aber wie gehen wir damit um, wenn beispielsweise Migranten der zweiten Generation unzureichende Sprachkenntnisse haben. Ist das die Schuld der Gesellschaft? Ist das Versagen der Schulen oder ist es unzureichende Integrationsanstrengung. Wenn wir mit Gunnar Heinsohn argumentieren, dass die Qualifikation der Zuwanderer sich auch im Schulerfolg ihrer Kinder niederschlägt, ist es dann richtig „fehlende Chancengerechtigkeit“ zu bemängeln?
  • „Eine zentrale Schwierigkeit liegt darin, die Chancengerechtigkeit messbar zu machen. Ausgangslage ist die Annahme, dass eine Zielvariable sowohl von Umständen als auch individueller Anstrengung abhängt. Hierbei wird explizit berücksichtigt, dass individuelle Anstrengung nicht unabhängig von Umständen existiert. So ist es beispielsweise plausibel anzunehmen, dass die persönliche Motivation, sich anzustrengen, stark von der Erziehung im Elternhaus abhängt. In diesem Sinne ist Anstrengung ein Nebenprodukt der Umstände, in die Personen hineingeboren werden. Die Ungleichheiten, die sich daraus ergeben, laufen zumindest teilweise dem Ideal der Chancengerechtigkeit zuwider.“ – bto: Ich finde, dieser Aspekt gehört hinterfragt.

So wurde kürzlich im Handelsblatt (aber auch woanders) berichtet, die Reichen und Erfolgreichen hätten einfach „nur Glück“ gehabt. Umkehrschluss: Wenn es nur Glück war, kann man ihnen ihr Einkommen und Vermögen auch hoch besteuern. Doch wie stichhaltig ist die Argumentation? Im Artikel wird gesagt, Bill Gates verdanke seinen Erfolg der Tatsache, dass er zu den wenigen (vielleicht 50) Jugendlichen seines Jahrgangs gehörte, die einen PC hatten. Es wird auch gesagt, dass seine Mutter den Chef von IBM kannte. Ist das hinreichend für Erfolg? Natürlich nicht, hätte Gates sich nicht dafür interessiert, hätte er nicht hart und clever gearbeitet, niemand würde ihn kennen. Es gibt unzählige Beispiele von Kindern, die trotz aller Bemühungen der Eltern keinen Erfolg hatten. Vermutlich – und da mag „Ungerechtigkeit“ liegen, gibt es weniger Fälle, die umgekehrt sind. Dies hat aber die Ursache nicht im Geld, sondern in anderen Faktoren, vor allem in der Bildungsnähe der Eltern. Damit ist es aber kein Thema für den Staat. Dieser muss Rahmenbedingungen setzen, zum Beispiel so gute Schulen, dass wer will, erfolgreich sein kann.

Doch schauen wir uns den Versuch von ifo an, die Chancengerechtigkeit zu messen:

Quelle: ifo

  • „Demnach ist die Ungleichverteilung von Chancen in Deutschland das Ergebnis einer komplexen Interaktion von Umstandsvariablen, aus der insgesamt 15 Bevölkerungstypen hervorgehen. Die ovalen Felder des Baumes zeigen die Umstandsvariablen, aufgrund derer die Bevölkerung in Typen zerfällt. Die rechteckigen Felder am unteren Rand der Abbildung zeigen das gruppenspezifische durchschnittlich verfügbare Haushaltseinkommen der jeweiligen Typen sowie deren jeweiligen Bevölkerungsanteil. Die Gruppe jener Menschen, die aus einem Elternhaus mit einem als Fachkraft oder Manager tätigen Vater stammen, deren Mutter nicht berufstätig war und deren Vater einen hohen oder mittleren Bildungsabschluss aufweist, ist demnach der von den Umständen am meisten begünstigte Typ (Typ 1). Die Repräsentanten dieses Typs erzielten 2010 ein durchschnittliches Einkommen von 29.574 Euro und machten 5,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Personen mit gleichen Umstandscharakteristika, deren Vater als Servicemitarbeiter, Techniker oder Bürokraft tätig war (Typ 2), verfügten über ein geringeres Einkommen von durchschnittlich 26.350 Euro.“ – bto: Auch das ist nur eine Umstandsbeschreibung. Es sind immer noch sehr heterogene Gruppen, die da enthalten sind. Gerade bei mangelnder Motivation zum Spracherwerb ist das eine erhebliche Hürde. Zugleich wird man nicht allein durch Zuwanderung qualifizierter. Nicht zufällig haben Länder mit einem Punktesystem wie Kanada in Summe bessere schulische Leistungen der Kinder der Migranten. 
  • „Aus dem Regressionsbaum wird ersichtlich, dass die wichtigsten Umstandsvariablen in Deutschland die Bildung sowie die berufliche Tätigkeit des Vaters sind. Doch auch der Migrationshintergrund spielt eine große Rolle. So unterscheidet sich das durchschnittliche Haushaltseinkommen von Personen aus Zweiverdienerhaushalten mit einem mindestens durchschnittlich gebildeten Vater, der als Service-, Büro-, Technik- oder Fachkraft arbeitet, signifikant von allen, deren Vater in Deutschland geboren wurde (Typ 3) oder einen Migrationshintergrund hat (Typ 4). Erstere Gruppe verdient mit 25.718 Euro im Durchschnitt 13 Prozent mehr als Einwandererkinder der zweiten Generation.“ – bto: Das wiederum hat mit dem Bildungsniveau zu tun. Deutschsprachige Eltern mit geringerem Bildungsstand werden immer noch Kinder haben, die sprachlich und kulturell integrierter sind.
  • „Auf Basis der dargestellten Unterschiede lässt sich eine Messzahl für Chancenungerechtigkeit erreichen, indem man den Gini-Koeffizienten für die Verteilung des durchschnittlichen Typeinkommens berechnet. Dieser betrug in Deutschland im Jahr 2010 0,070 Gini-Punkte. Wenn man diesen Wert mit der gesamten Ungleichheit im genannten Zeitraum (0,276 Gini-Punkte) skaliert, dann erhält man eine relative Zahl für das Ausmaß der Chancenungerechtigkeit. Demnach können im Jahr 2010 25 Prozent (0,070/0,276) der Ungleichheit auf Umstände zurückgeführt werden, die sich dem individuellen Einflussbereich entziehen. Gemäß unserer Berechnung wiese eine chancengerechte Verteilung der Haushaltseinkommen also einen Gini-Koeffizienten von 0,207 (0,276–0,070) auf.“ – bto: Es wäre interessant zu sehen, wie diese Ungleichheit aussähe, wenn man es auf die Einkommen vor Umverteilung bezogen hätte. Denn dann hätten wir messen können, ob man mit der Umverteilung diese Chancenungleichheit kompensiert. Ich habe dazu Herrn Professor Peichl per Mail befragt und er meinte, dass es das Ergebnis nicht beeinflussen würde, ob man auf die Einkommen vor/nach Umverteilung blickt. 
  • „Was bedeuten diese Zahlen nun für unsere Schlussfolgerungen in Bezug auf die Gerechtigkeit in Deutschland? Die obigen Berechnungen legen nahe, dass der überwiegende Teil der beobachteten Ungleichheit unabhängig von den betrachteten individuellen Umstandsvariablen ist. Ist die weitverbreitete Sorge um die Ungleichverteilung des Einkommens also normativ unbegründet? Eine solche Schlussfolgerung steht unter folgenden Vorbehalten. Erstens bezieht sich die Zahl von 25 Prozent auf Einkommen nach Umverteilung durch Steuern und Transferleistungen. Das heißt, selbst nach staatlichen Interventionen durch einen vergleichsweise generösen Wohlfahrtsstaat widerspricht noch mindestens ein Viertel der beobachteten Ungleichheit dem Ideal der Chancengerechtigkeit.“ – bto: Kann man das sagen? Es hätte doch sein können, dass der Unterschied bei den Markteinkommen höher war und durch Umverteilung überkompensiert wurde?
  • „Zweitens verfügen wir lediglich über unvollständige Informationen über die Umstände, in die Menschen hineingeboren werden. Beispielsweise stellt die EU-SILC keine Informationen über Erziehungsstile oder Arrangements zur Kinderbetreuung bereit, obwohl diese Variablen den späteren Lebenserfolg stark beeinflussen. Wenn eine vollständige Beschreibung der individuellen Hintergrundvariablen nicht zur Verfügung steht, sind die oben dargelegten Maße als untere Grenze für das Ausmaß an Chancenungerechtigkeit zu interpretieren.“ – bto: Wobei sich hier wieder die Frage stellt, wie weit es sich um „Ungerechtigkeiten“ handelt und ob es nicht selbst verschuldete Dinge sind. Man könnte auch die These formulieren, dass ein stark umverteilender Staat den Anreiz nimmt, selbst mehr zu tun und damit das befördert, was er eigentlich vorgibt, zu bekämpfen.

Bevor ich zum Fazit komme, noch der Hinweis auf eine weitere Studie von Professor Peichl und Kollegen vom ifo Institut. Brandneu und voller Formeln und Zahlen. Darin versuchen sie den Anteil „gerechter Ungleichheit“ und den Anteil „ungerechter Ungleichheit“ zu ermitteln. Ungerecht ist dabei alles, was mit der Bildung der Eltern, dem Beruf der Eltern, dem Geschlecht und der Rasse zu tun und auch Armut. Die Ergebnisse sind – soweit ich sie verstehe – interessant.

Ergebnisse:

  • Deutschland ist keineswegs ein besonders ungerechtes ungleiches Land.
  • Der Anteil der „unfairen“ Ungleichheit liegt bei unter zehn Prozent.
  • Rasse und Migrationshintergrund spielen keine Rolle
  • Geschlecht spielt keine Rolle.
  • Die Armutsquote spielt eine Rolle, wobei wir immer fragen müssen, wie diese denn definiert ist.
  • Entscheidend sind Bildungsstand und Beruf der Eltern.

Das zeigt, dass es schwer ist, Kinder bildungsferner Schichten so auszubilden, dass der Nachteil aus dem Elternhaus kompensiert werden kann. Wenn das überhaupt möglich ist. Ich hätte einen höheren Anteil des Faktors „Migrationshintergrund“ erwartet. Es kann aber sein, dass dieser sich eben in Bildung und Beruf der Eltern niederschlägt.

Mehr dazu hier: → ifo: „Measuring Unfair Inequality: Reconciling Equality of Opportunity and Freedom
from Poverty“, März 2020/a>

So oder so würde ich aus diesem Punkt die Schlussfolgerung ziehen, dass Deutschland wahrlich kein besonders ungerechtes Land ist.

Zurück zum ausführlich besprochenen ifo-Papier:

  • „Als Fazit lässt sich festhalten, dass es Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut geht. (…) Je nach Einkommenskonzept und Datenquelle sehen wir (teilweise) einen Anstieg der Einkommens- und Konsumungleichheit auch in den zurückliegenden Jahren. Die gemessenen Vermögen (ohne Rentenansprüche) sind sehr ungleich verteilt. Hier ist die Politik gefordert.“ – bto: Warum? Wie gleich muss es denn sein? Denn die Rentenansprüche sind sehr wertvoll, wie wir gesehen haben.
  • „Im Kontext der Einkommensungleichheit sollte sich die Politik in Deutschland darauf konzentrieren, die im Abgaben- und Transfersystem vorhandenen Hürden für mehr Arbeitsangebotsanreize abzubauen und im Bildungssystem für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen. Eine Reform des Steuer- und Transfersystems sollte dieses als Gesamtheit umfassen und zu einem integrierten System von Steuern, Transfers und Sozialabgaben führen.“ – bto: Da kann man nur zustimmen, vor allem, weil wir alles tun sollten, um Menschen in Arbeit zu bekommen.
  • „Einer höheren Besteuerung von Kapital und Vermögen sind im internationalen Steuerwettbewerb enge Grenzen gesetzt. Deshalb wäre es zur Bekämpfung von Vermögensungleichheit wichtiger, den Vermögensaufbau für die breite Masse der Bevölkerung zu erleichtern und zu fördern.“ – bto: und zwar vor allem über eine höhere Quote an Immobilienbesitz. Hier wirkt die Politik der letzten Jahrzehnte – sozialer Wohnungsbau, Mietenregulierung, Mieterschutz – ähnlich wie die Rentenansprüche – gegen mehr Vermögensbildung der Bevölkerung und verstärkt damit die Ungleichheit.

De Gruyter: „Ökonomische Ungleichheit in Deutschland – ein Überblick“, 2018

Mein Fazit:

Ich bleibe bei meiner Auffassung, dass wir weniger ein Problem mit ungleicher Einkommens- als mit der Vermögensverteilung haben. Bei den Einkommen ist die Umverteilung schon so erfolgreich, dass der Gini auf international sehr tiefen Werten liegt. Wenn überhaupt ist zu kritisieren, dass diese Umverteilung die Mittelschicht massiv trifft und damit die Vermögensungleichheit begünstigt – auch wegen der fehlenden Anreize zur privaten Vermögensbildung durch staatliches Pflicht-Rentensystem und Subventionierung Mieten.

Bei den Vermögen haben wir es vor allem mit zwei Ursachen zu tun: der geringen Eigentumsquote an Immobilien und dem hohen Anteil an Familienunternehmen hierzulande, über die wir uns freuen sollten! Ansatzpunkte, dies zu ändern, sind Entlastung der unteren Einkommen, Instrumente zur sicheren Vermögensbildung und mehr Eigentum an Immobilien.

Dass das Bildungssystem trotz guter finanzieller Ausstattung im internationalen Vergleich so schlecht ist, liegt an der ideologischen Ausrichtung, die Masse vor Klasse stellt. Siehe die Flut an Einser-Abiturienten!

Kommentare (23) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Wolfgang sagte:

    Ich glaube, dass ihn Ihrer Analyse ein Fehler steckt:

    Sie rechnen zukünftige Rentenforderungen zum Vermögen (nicht nur Pensionen, oder?). Dann müssten Sie aber auch die noch zu erwartenden Pflichtbeiträge davon abziehen. Da die Verzinsung dieser „Investition“ sehr gering sein dürfte, denke ich, dass das Rentensystem unser Vermögen eher schmälert als vergrößert.

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    JürgenP sagte:

    Chancengleichheit hängt ab von einer „[…] Reform des Steuer- und Transfersystems […] als Gesamtheit […] zu einem integrierten System von Steuern, Transfers und Sozialabgaben [… ].“

    Genau so ist es.

    Es fragt sich nur, welches „integrierte System“ die größtmögliche Chancengleichheit bietet.

    Bevor nun wieder über Sachinhalte diskutiert wird, sollte die Frage der Strukturierung eines funktionsfähigen Systems von Steuern, Transfers und Sozialabgaben geklärt werden. Wie ist es strukturiert, auf welche Lebensdauer soll es ausgelegt werden, welche Systemgrenzen werden gesehen, wie geht das System mit „Betriebsunfällen“ um, wie erfolgt die Anpassung an Veränderungen von äußeren Umständen, wie wird mit laufenden Prozessen und Strukturen umgegangen usw.usw.?

    Vielleicht sollten wir uns mal ein Beispiel an der Systemgestaltung „Infektionsschutz“ nehmen, weil’s gerade so schön passt:
    – auf das Überleben der größtmöglichen Zahl von Betroffenen ausgerichtet;
    – zeitlich unbegrenzt wirksam;
    – mit dem Präventions- und Minimierungsprinzip arbeitend,
    – mit Profis an den systemrelevanten Schaltstellen, die selbst unwissende Politiker einnorden können;
    – mit verschiedenen Betriebsmodi,
    – mit eingeübten Prozessen, schnell reagierend,
    – im internationalen Erfahrungsaustausch
    – hochwirksam, im Zweifel mit massiven (temporären) Durchgriffsrechten, die von Betroffenen und Gerichten auch verstanden werden;
    – chancenerhöhend + risikomindernd (wer sich an Empfehlungen hält),
    und frei von idiologischen Quacksalbereien.

    Wenn das Ziel der Reform des Steuer- und Transfersystems „Chancengleichheit“ sein soll, so muss es nicht zwangsläufig „Einkommens- und Vermögensgleichheit“ bedeuten. Es könnte auch „Risiko- und Chancengleichheit“ als Zielstellung haben. Unendliche Diskussionen darüber sind programmiert und führen nur zu suboptimalen Ergebnissen (Kompromissen).

    Deswegen sollen die „Lebensfähigkeit“ als Primärziel vorangestellt werden, die des Individuums und des Gesamtsystems. Für ein solches sozio-ökonomisches System gibt es schon sehr hilfreiche invariante Strukturmuster, so dass die Diskussion nicht bei Null anfangen müsste.

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    Gerd Krause sagte:

    „Ungerechtes Deutschland? – Ein tieferer Blick auf die Daten“
    Um das in unserer Bevölkerung tief empfundenen Gefühl der Ungerechtigkeit („Drei von vier Befragten halten die materielle Ungleichheit in Deutschland für ungerecht“) zu erklären, reicht auch „ein tieferer Blick auf die Daten“, meinen Ansicht nach, nicht aus.
    Ich denke, daß die in unserem System fest zementierten 2 Klassensysteme (Altersversorgung und Gesundheitsversorgung), die fundamentale Bereiche unserer Lebenswirklichkeit berühren, einen nicht unwesentlichen Anteil an diesem Grundgefühl haben.
    Das Nebeneinander von gesetzlicher Rentenversicherung (45 Jahre Maloche im Niedriglohnsektor produziert Armutsrentner) und den üppigen Pensionen von Beamten, Staatbediensteten, Palamentariern etc. läßt sich auch mit Transferleistungen nicht aus der Welt schaffen. Die Schweizer machen das besser.
    Ebenso befördert die Trennung von gesetzlich und privat Krankenversicherten (gesetzlich Versicherte müssen Wochen auf einen Facharzttermin warten und Privatversicherte kommen sofort ran) das Gefühl der Ungerechtigkeit. Die Holländer haben ihr 2 Klassensystem, vielleicht auch deshalb, abgeschafft.

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    Dietmar Tischer sagte:

    > Drei von vier Befragten halten die materielle Ungleichheit in Deutschland für ungerecht. Nur 17 Prozent empfinden sie hingegen als gerecht. Dabei machen sie übrigens keinen Unterschied zwischen der Verteilung von Einkommen und Vermögen“ – bto: dramatische Ergebnisse. Wenn das so empfunden wird, muss es doch stimmen?>

    Selbstverständlich stimmt es.

    Denn wenn etwas für ungerecht gehalten wird, d. h. nicht so IST, wie es sein SOLLTE, dann ist das zwar Meinung, aber auch ein SACHVERHALT, an dem es nichts zu rütteln gibt.

    Natürlich kann man dem entgegensetzen, was FAKT ist, in Zahlen des Istzustands und der Entwicklung über die Zeit.

    Diese Zahlen – signifikant gemessene gesellschaftliche Realität abbildend – bezeichnen Ungleichheit, an der auch nicht zu rütteln ist.

    Also:

    Meinungs-Sachverhalt (UNGERECHTIGKEIT) vs. Fakten-Realität (UNGLEICHHEIT).

    Ist es logisch-zwingend, dass sich der Meinungs-Sachverhalt ändern MUSS, weil die Fakten-Realität SO ist, wie sie ist?

    Überhaupt nicht.

    Die Aufdeckung von ILLUSIONEN über die Ungleichheit, d. h. der Nachweis fehlenden Wissens oder falscher Vorstellungen, kann den Meinungs-Sachverhalt NICHT zwingend ändern.

    Selbst bei Gini-Werten von 0,0000 … 1, also minimaler Ungleichheit, wäre die Meinung, dass in Deutschland materielle UNGERECHTIGKEIT herrsche, NICHT angreifbar.

    Man kann sie als uneinsichtig, abwegig oder realitätsfremd und dgl. abtun, aber NICHT als falsch bezeichnen. Grundsätzlich nicht: Denn normative Aussagen, d. h. Werturteile sind keine Sachaussagen und somit durch solche nicht widerlegbar.

    Das schließt aber nicht aus, zu fragen:

    Warum ist das Meinungsbild hierzulande so, wie es ist?

    Der normative Befund „Ungerechtigkeit“ bei drei von vier Befragten hat als realen HINTERGRUND das hohe deutsche Wohlstandsniveau UND die spürbare Eingriffswirkung des Staats.

    Damit fällt die SCHAFFUNG von Wohlstand aus der Betrachtung.

    Denn Wohlstand – die Voraussetzung, das normative Unbehagen, d. h. Ungerechtigkeit durch Umverteilung abzubauen zu können – ist ja GEGEBEN.

    >Beispiel ist die Kolumne von Fratzscher in der ZEIT, die nur ein Thema hat: Verteilungsfragen. Was für eine einseitige Ausrichtung. Der ZEIT geht es also nicht um die Schaffung von Wohlstand, sondern um die Verteilung.>

    Es ist KONSEQUENT von Fratzscher und der ZEIT, nicht die Schaffung, sondern die Umverteilung von Wohlstand zu thematisieren.

    Die verwundbare Stelle dieser Position wird aber auch benannt:

    EINSEITIGE Ausrichtung.

    Denn es ist klar, dass mit zunehmender Umverteilung die Schaffung von Wohlstand tendenziell abnimmt.

    Denn Umverteilung bewirkt mehr Konsum, nicht mehr Investitionen.

    Daher müsste die Kritik an den Umverteilungs-Ideologen lauten:

    Zunehmende Umverteilung lässt das Wohlstandsniveau zumindest stagnieren, relativ sogar sinken, d. h. die VORAUSSETZUNG, mehr umverteilen zu können, entfällt mehr und mehr.

    Daran könnte auch ein allmächtiger Staat nichts ändern.

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    • Avatar
      Richard Ott sagte:

      @Herr Tischer

      „Es ist KONSEQUENT von Fratzscher und der ZEIT, nicht die Schaffung, sondern die Umverteilung von Wohlstand zu thematisieren.“

      Es ist auch völlig schlüssig. Nur die wenigsten Leser der ZEIT schaffen selbst Wohlstand, aber viele verteilen ihn um oder profitieren von solchen Umverteilungsmaßnahmen.

      In der Zeitschrift „Wild und Hund“ finden Sie ja auch keine veganen Kochrezepte.

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    Horst sagte:

    „Instrumente zur sicheren Vermögensbildung und mehr Eigentum an Immobilien.“

    Ich bin sehr gespannt auf den morgigen Podcast, insbesondere darauf zu erfahren, wie in einem freien Marktumfeld, fern staatlicher Versorgungssysteme, eine sichere Vermögensbildung via Schaffung geeigneter Instrumente erreicht werden kann und wie ganz praktisch eine höhere Eigentumsquote erzielbar werden soll.

    ad Bildungssystem und gute finanzielle Basis: Ich empfehle Ihnen, lieber Stelter, den Besuch einer oder mehrerer öffentlichen Schulen. Kommen sie zurück von diesen Ausflügen, freue ich mich zu hören, ob Sie nach wie vor sicher sind, dass in Anbetracht der teils desolaten Zustände, nicht nur in baulicher Hinsicht, sondern auch hinsichtlich der Personalausstattung, die finanzielle Ausstattung unseres Bildungssystems im internationalen Vergleich, wie von Ihnen genannt, gut ist.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter sagte:

      Sehr geehrter Horst, ich wüsste nicht, wo ich das behauptet habe: “ Kommen sie zurück von diesen Ausflügen, freue ich mich zu hören, ob Sie nach wie vor sicher sind, dass in Anbetracht der teils desolaten Zustände, nicht nur in baulicher Hinsicht, sondern auch hinsichtlich der Personalausstattung, die finanzielle Ausstattung unseres Bildungssystems im internationalen Vergleich, wie von Ihnen genannt, gut ist.“ Dazu: 1. Ich kenne das aus eigener Erfahrung und habe mit Flucht aus dem System reagiert 2. Ich habe nicht behauptet, dass die Schulen gut sind, im Gegenteil! Das Versagen der Schulen ist der entscheidende Grund für Ungleichheit. 3. Ich habe nicht geschrieben, dass wir genug Geld ausgeben. In der Tat liegen die Ausgaben in Deutschland unter OECD Schnitt. 4. Ich betone aber, dass es nicht nur Geld ist. Denn die Ungarn haben deutlich bessere Leistungen in Mathematik und geben weniger Geld aus.

      Zu dem Thema Vermögen bilden, lesen Sie doch bitte den Verlinkten Artikel. Natürlich löst das nicht das Problem jener, die gar nichts haben (das sind aber überwiegend Junge und Zuwanderer, die sich was aufbauen können) aber es macht die Mittelschicht vermögender. Auch das reduziert Ungleichheit.

      MfG DSt

      Antworten
      • Avatar
        Dieter Krause sagte:

        @ Daniel Stelter
        Das zeigt, dass es schwer ist, Kinder bildungsferner Schichten so auszubilden, dass der Nachteil aus dem Elternhaus kompensiert werden kann. Wenn das überhaupt möglich ist. Ich hätte einen höheren Anteil des Faktors „Migrationshintergrund“ erwartet. Es kann aber sein, dass dieser sich eben in Bildung und Beruf der Eltern niederschlägt.

        Bildungshintergrund ist viel entscheidender als Migrationshintergrund – aber auch die angeborene Intelligenz! Kinder iranischer Akademiker integrieren sich in Deustchland sehr schnell (mit schneller Erlernung der deutschen Sprache). Ein überdurchschnittlich intelligentes Kind aus einer bildungsfernen Familie benötigt dann aber andere Bezugspersonen (Lehrer?), die seinen Bildungshunger fördern, damit es aus seinem bildungsfernen Milieu wirklich ausbrechen kann.

      • Avatar
        Gast sagte:

        Es gibt Berufe, bei denen es keine Leistungskontrolle gibt: Lehrer zum Beispiel. Niemand kann die Kündigung eines Lehrers veranlassen, weil er/sie den Lernstoff nicht binnen bestimmter Zeit an seine Schüler je nach Begabung weitergibt. Das ist weder gut für die Schüler noch für die Lehrer.

      • Avatar
        Horst sagte:

        Zitat D.S.: „Dass das Bildungssystem trotz guter finanzieller Ausstattung im internationalen Vergleich so schlecht ist, liegt an der ideologischen Ausrichtung, die Masse vor Klasse stellt. Siehe die Flut an Einser-Abiturienten!“

        Es sei denn, Sie rekurrieren auf die gute gesamt-wirtschaftliche (finanzielle) Ausstattung.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Ist doch in Ordnung gegen Dr. Stelter anzutreten, aber da müssen Sie mehr liefern, wenn Sie einen Fuß auf den Boden bekommen wollen.

        Ist doch nicht so schwer, geben Sie sich einfach etwas Mühe.

        Klar ist jedenfalls:

        Er liegt völlig daneben mit „ideologischer Ausrichtung“.

        Was er nicht begreift:

        Der internationale Vergleich MISST das FALSCHE, nämlich nicht das, auf das es für viele bei UNS ankommt auf dem Weg zum Abitur:

        Möglichst angenehm und schmerzfrei das Tor für die Wärmehallen der Nation (Unis) geöffnet zu bekommen, um dann nach ein paar weiteren Jahren mit Sub-Exzellenz in den Staatsdienst abzubiegen.

        Das Bildungsziel Gott sei Dank nicht aller, aber zu vieler ist es, in amtlich garantierte SICHERHEIT zu gelangen.

        Dies mit Einser -Noten zu erreichen, ist nun wirklich nicht Ideologie, zumal wenn das Lehrpersonal, das bereits diese Sicherheit genießt, dabei wohlwollend hilft.

        Es ist lediglich die Wahrnehmung von Chancen, die eine saturierte Gesellschaft wie unsere bietet.

        Wenn es schon derartig attraktive Chancen gibt, muss man sie auch wahrnehmen.

        Oder etwa nicht?

      • Avatar
        Horst sagte:

        “Möglichst angenehm und schmerzfrei das Tor für die Wärmehallen der Nation (Unis) geöffnet zu bekommen, um dann nach ein paar weiteren Jahren mit Sub-Exzellenz in den Staatsdienst abzubiegen.„

        Es liegt in der Natur der Psychologie aller Lebewesen, den Weg zu wählen, auf dem mit dem geringsten Widerstand zu rechnen ist.

        In diesem Fall sind Menschen demzufolge keine Ausnahme in aller Regel, Heranwachsende noch viel weniger aufgrund eines noch nicht vollständig ausgebildeten Verstandes, Der ständig sich auf der Suche befindet nach Orientierung, Halt und Stabilität.

        Das durfte bei Ihnen vor 60 Jahren nicht anders gewesen sein, als Sie sich in dieser Alterskohorte befanden. Unterschied zu heute: Der von so vielen heiß geliebte freie Markt bietet nicht mehr in demjenigen Umfang eine Kontinuität der Arbeitsplatzsicherheit wie in früheren Zeiten. Daher ist es aus Sicht der jungen Menschen und unter Bezugnahme der genannten Punkte mehr als verständlich, sich für diesen Weg zu entscheiden.

        Und in Anbetracht der sehr geringen Geburtenraten in Deutschland, ist es sogar förderlich, dass es zumindest im öffentlichen Dienst überwiegend noch sicherer Arbeitsverhältnisse gibt, die ein vollständiges Absacken der Geburtenraten verhindern.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Das mit dem ausgebildeten Verstand junger Leute lassen wir mal.

        Früher haben junge Menschen – mit oder ohne ausgebildeten Verstand – mehr auf Ihre Eltern gehört als sie es heute tun. Die Eltern haben damals Ihre Kinder ganz sicher nicht so sehr zu einer „Staatsausbildung“ motiviert, sondern mehr auf die Chancen in der wachsenden „freien Wirtschaft“ verwiesen. Etwas anders war es meiner Erinnerung nach bei jungen Frauen, die sehr oft Lehrerinnen werden wollten, weil Akademikerinnen damals, in den 60er Jahren, in der Privatwirtschaft eher als Exoten angesehen wurden, denn als gleichwertige Leistungsträger.

        Ich will das nicht weiter vertiefen, ist O.T.

        Aber es passt zu dem, was Sie sagen:

        >Unterschied zu heute: Der von so vielen heiß geliebte freie Markt bietet nicht mehr in demjenigen Umfang eine Kontinuität der Arbeitsplatzsicherheit wie in früheren Zeiten.>

        Da gebe ich Ihnen Recht.

        Es mag ein wesentlicher oder sogar der wesentliche Grund dafür sein, dass junge Menschen heute mehr Sicherheit suchen als ihre Alterskohorte es früher tat.

        Ich habe die jungen Leute von heute mit ihrem Sicherheitsbedürfnis nicht kritisiert, sondern nur darauf verwiesen, dass man mit Blick darauf den Ideologie-Verdacht von Dr. Stelter kontern könnte.

        >Und in Anbetracht der sehr geringen Geburtenraten in Deutschland, ist es sogar förderlich, dass es zumindest im öffentlichen Dienst überwiegend noch sicherer Arbeitsverhältnisse gibt, die ein vollständiges Absacken der Geburtenraten verhindern.>

        Habe noch nie gehört, dass die Geburtenrate von Frauen im Öffentlichen Dienst höher ist als die von Frauen, die in der Privatwirtschaft tätig sind.

        Haben Sie eine Quelle, die den in Ihrer Aussage angedeuteten Sachverhalt anhand empirischer Untersuchungen belegen kann?

      • Avatar
        Horst sagte:

        https://www.dbb.de/fileadmin/pdfs/2018/zdf_2018.pdf

        Eine solche Studie habe ich leider nicht zur Hand. Meine Aussage kann ich daher nur mit denjenigen Beobachtungen abgleichen, die ich in meinem privaten Umfeld vornehme.

        Hier gilt: verbeamtet/öffentlicher Dienst 2 Kinder und mehr, freie Wirtschaft weniger als 2 Kinder.

        Ausnahme: Freie Berufe, sehr oft ebenfalls mehr als 2 Kinder.

        Sicher, meine Beobachtung ist nicht repräsentativ sein. Erstaunlich jedoch, da ich sie so oft vornehme, ist für mich die hohe Korrelation zwischen Status im Beruf und Anzahl der Kinder.

        Darüber hinaus wäre zu bedenken, dass, eine solche statistische Erhebung, diese auch nur ein verzerrtes Bild daneben würde da es vielmals genügt, dass der Partner/Ehemann dem Beamtenstatus, bestenfalls in einer hohen Besoldungsstufe, zuzuordnen ist.

        Auf Seite 20 der beigefügten Studie jedenfalls, finden Sie ein Indiz, hier in Höhe der Besoldung/Zuschläge bei mindestens zwei Kindern. Meiner Ansicht nach wird mit diesem Zuschlag durchaus eine Motivation geschaffen, mindestens zwei Kinder, damit also 0,6 Kinder mehr je Familie, in die Welt zu setzen.

      • Avatar
        Alexander sagte:

        @Dietmar Tischer

        1793 entdeckte C.K.Sprengel die Fremdbestäubung der Blumen. Seine Beobachtung wurde erst nach der Erkenntnis durch C. Darwin 1862 wiederentdeckt.

        Eigentumsökonomie ist nicht der zentrale Lehrstoff für BWL/VWL sondern gilt als „originelle Theorie“ (vgl. FAZ). Der abgeleitete Debitismus ist heterodox und wird abgelehnt.

        Tatsachenwahrheit schert sich nicht um Studien, Empirie oder Lehrmeinungen. Forschung sollte das nie vergessen. Dennoch glauben viele Mitbewohner Tatsachen erst, wenn irgendein Gelehrter bestätigt was man mit einfacher Beobachtung (außerhalb eigenen wünschens) sehen kann.

        Natürlich beeinflusst gefühlte Sicherheit die Fertilität der Damenwelt, deshalb stirbt die Selbstständigkeit aus (*) und prosperiert abhängige Karriere in volkseigenen Betrieben…..die Krise ab 2020 wird das einmal mehr bestätigen.

        (* wo kein Risiko herrscht sind Rücklagen unerwünscht. D.h. Umsicht wird steuerlich bestraft, was sich direkt auf die Krisenstärke auswirken muss. Jede Rezession seit 1945 ließ den privaten Sektor schrumpfen und den staatsabhängigen wachsen, der Zusammenhang mit Wahlverhalten ist noch nicht erforscht…)

      • Avatar
        Thomas M. sagte:

        @Horst und Hr. Tischer [Kinderzahlen abhängig von ÖD/freier Wirtschaft]

        Dazu hätte ich auch gerne einmal repräsentative Zahlen. Es ist genau auch meine Beobachtung im privaten Umfeld, dass die Paare, bei denen wenigsten einer im ÖD [„Beamten-Konzern“ geht auch] ist, i.d.R. 2 Kinder haben, die anderen 0 oder 1.

        Es liegt meines Erachtens an Jobsicherheit, Teilzeit-Vereinbarkeit, durch den Job erforderte Mobilität und vor allem auch Leistungsdruck (z.B. messbar dadurch wie einfach es ist, kurzfristig auszufallen oder einmal am Stück ein oder mehr Wochen zu fehlen), wieviele Kinder in die Welt gesetzt werden.

        Auf dem Papier sind die Rechte zwar gleich, aber die Praxis, inwieweit man die Rechte ohne (befürchtete oder reale) negative Konsequenzen in Anspruch nehmen kann, ist völlig unterschiedlich. Mein Modell: Psychischer Druck und ungewisse berufliche Zukunft -> weniger Kinder.

      • Avatar
        Wolf Palmer sagte:

        Lieber Herr Dr.Stelter,
        anstatt Ihre wertvolle Zeit auf Entgegnungen unqualifizierter Beiträge der ach so schlauen Leser Ihres Blogs zu verschwenden, sollten Sie die Kommentarfunktion abschalten.

        Schreiben Sie lieber ein neues Buch und verfassen Leitartikel in seriösen Medien, so wie Sie das auch jetzt wieder im Manager-Magazin getan haben.

        Sie sind ein Meinungsmacher 1.Qualifikation.

        Diejenigen, die hier immer wieder Unsinn verzapfen, gehören nicht dazu.

      • Avatar
        Thomas M. sagte:

        @Hr. Palmer: Eine wirklich ernst gemeinte Frage: Halten Sie Ihre eigenen Beiträge für qualitativ hochwertig? Mich interessiert Ihre Sicht tatsächlich – auch wenn Sie sich denken können, was ich bzgl. der Qualität denke – sonst würde ich die Frage ja nicht stellen.

        Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob „Meinungsmacher“ nicht einen abwertenden Beiklang hat. Positiv am unermüdlichen Tun des Herrn Dr. Stelter ist für mich, dass er Fakten zu seinen Meinungen liefert (und seine Meinungen vermutlich auch auf Fakten basierend bildet).

        Insofern sehe ich seinen Gesamtbeitrag als einen in der Tradition der Aufklärung. Es gibt eine Reihe von gelernten und in der Breite der deutschen Bevölkerung nicht hinterfragten Meinungen / Einstellungen, die dringend reformbedürftig sind.

        Aus Wikipedia zum Thema Aufklärung: „Der Gebrauch des englischen Verbs „to enlighten“ und des Partizips „enlightened“ war seit dem 17. Jahrhundert üblich. Sie bedeuten „Verständnis schaffen“ und „aufgeklärt“ im Sinne von „über eine Sache erhellend informiert“.“

        Erhellend informiert: Das trifft es sehr gut, finde ich!

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