„The euro was never necessary for European growth“

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Aus dem April 2014 und heute noch immer zutreffend. 

Nehmen wir an, Sie könnten zwischen zwei Anleihen wählen: auf der einen Seite ein wirtschaftlich starkes Land mit geringer Arbeitslosigkeit, relativ stabilen Staatsfinanzen und erheblichen Handelsüberschüssen, basierend auf einer starken industriellen Basis, auf der anderen Seite ein Land mit außer Kontrolle geratenen Staatsfinanzen, einer Wirtschaft in Depression, Rekordarbeitslosigkeit, chronischer Misswirtschaft und fehlender internationaler Wettbewerbsfähigkeit.

O. k., das zweite Land zahlt rund drei Prozent pro Jahr mehr als das erste. Dennoch würde kein vernünftiger Investor sein Geld im zweiten Land anlegen. Zu groß die Gefahr, das Geld nicht wiederzusehen, zu gering der Zinszuschlag für dieses Risiko.

Natürlich wissen Sie schon, um wen es hier geht. Um Deutschland und Griechenland. Pünktlich zur Europawahl ein gelungener PR-Coup der Politik. Griechenland hat sich einen – im Vergleich zu den Gesamtschulden – lächerlichen Betrag geliehen. Und die Investoren haben sich darauf gestürzt, weil sie spätestens seit der Ankündigung Mario Draghis, „whatever it takes“ zu tun, genau wissen, dass am Ende doch die starken Länder bezahlen. Deutsche Bonität zu griechischen Zinsen lautet die Devise. Nicht schlecht aus Sicht der Investoren. Weniger aus der Sicht der Steuerzahler.

Doch nicht nur Griechenland profitiert von der europäischen Rettungspolitik. Alle Krisenländer erfreuen sich historisch tiefer Zinsniveaus. Die zehnjährigen spanischen Staatsanleihen notieren faktisch wieder auf dem tiefsten Stand seit Einführung des Euro. Italien hat noch nie so wenig Zinsen gezahlt, seit es den Euro gibt. Dabei hat sich fundamental nur wenig getan. Die Gefahr ist vielmehr, dass die Regierungen das Preissignal des Marktes falsch verstehen: als Entwarnung. Frei nach dem Witz, dass Politiker die Medien belügen und danach glauben, was sie in der Zeitung lesen.

Die andere Gefahr ist, dass die Märkte weniger auf die Nominal- und mehr auf die Realverzinsung schauen. Und hier führt der anhaltende Rückgang der Inflationsraten zu durchaus hohen Realrenditen. Ein Abgleiten in die Deflation würde diesen Effekt noch weiter verstärken.

Kein Wunder, dass die Kommentatoren einhellig davor warnen, die Krise für überwunden zu erklären. Die Krise macht nur Pause.

Die Politik würde entgegnen, dass es sehr wohl Fortschritte gibt und zugleich betonen, dass der Euro Europa Frieden und Wohlstand gebracht hat. Es ist wieder mal „alternativlos“. Nur mit dem Euro geht es voran, und raus kommt man ja ohnehin nicht.

Die Briten stehen sicherlich nicht zu unrecht im Verdacht aus Eigeninteresse, den Euro kritisch zu sehen. Dennoch sind sie die besten Beobachter von Finanzmärkten und Volkswirtschaften. Roger Bootle hat den Wolfson-Preis gewonnen. Den Preis für die beste Idee, wie man die Eurozone geordnet wieder auflösen kann. Sein Forschungsinstitut Capital Economics gehört zu den besten. In einem neuen Buch setzt er sich mit der Eurozone auseinander, und in diesem Beitrag für The Telegraph fasst er die – erschreckenden – Fakten zusammen:

  • Die europäische Union ist ein ökonomischer Fehlschlag. Die Wachstumsraten liegen deutlich unter den Schwellenländern, aber auch denen anderer Industrieländer.
  • Ursache ist die schlechte Wirtschaftspolitik der Union und der einzelnen Staaten. Die Erwerbsbeteiligung und die Produktivität sind unzureichend, vor allem bedingt durch eine übermäßige Regulierung der Arbeitsmärkte (bto: Und die tiefen Zinsen dank EZB-Intervention reduzieren den Reformdruck in den Krisenländern, während Deutschland gleichzeitig die Reformen der Agenda 2010 umkehrt).
  • Keine Aussicht auf Reformen, außer es käme zu einem (Teil-) Zerfall der EU. Eine solche Krise würde den Freiraum schaffen, dass Richtige zu tun. Kurzfristig würde es sicherlich zu Turbulenzen führen. Mittelfristig könnte ein Zerfall des Euros hingegen der Auslöser für die dringend erforderlichen fundamentalen Reformen sein.
  • Vorbild: der Ausstieg von England aus dem Goldstandard im Jahre 1931. Die Zinsen sanken sofort, und die Abwertung des Pfundes stützte den Export. Die englische Wirtschaft konnte danach so schnell wachsen, wie selten in der Geschichte. (bto: Dabei handelt es sich natürlich um eine Währungsabwertung zulasten anderer, wie sie auch jetzt versucht wird. Hätte Deutschland einen ähnlichen Weg eingeschlagen, wäre der Welt viel Leid erspart geblieben.)
  • Heute würden die Länder der Europeripherie (eventuell inklusive Frankreich) unmittelbar wieder wettbewerbsfähig sein. Die Exporte würden wachsen und zu höherer Beschäftigung und mehr Steuereinnahmen führen. Zusätzlich könnten die dann wieder nationalen Notenbanken die Wirtschaft durch Quantitative Easing stimulieren.
  • Für die Exportländer wie Deutschland wäre dies natürlich ein Schock. Exporte würden fallen, die Importe steigen, die Arbeitslosigkeit steigen und die Preise fallen (wegen der geringeren Importpreise).
  • Das Realeinkommen der Arbeitnehmer in Deutschland würde dadurch wachsen (bto: für jene, die noch Arbeit haben und nach steigenden Kosten für Arbeitslosen-und Sozialhilfe). Dennoch erwartet Bootle mehr Konsumnachfrage.
  • Im Kern käme es damit zur Umverteilung von Einkommen von Unternehmen zu Arbeitnehmern, was die Gesamtnachfrage steigern dürfte und damit auch die deutsche Wirtschaftsleistung steigern würde. Wenn nötig, könnte der Staat die Wirtschaft zusätzlich beleben und die Bundesbank eine lockere Geldpolitik verfolgen, da der starke Außenwert der Mark die Inflation tief halten würde.
  • Deutschland würde damit zum Zustand vor der Einführung des Euro zurückkehren, der keineswegs so schlecht war. Von 1970 bis zur Einführung des Euro ist der deutsche Konsum um 2,5 Prozent pro Jahr gewachsen,  seit Einführung des Euro nur noch um 0,8 Prozent pro Jahr.
  • Angesichts der katastrophalen demographischen Aussichten braucht Europa dringend fundamentale Reformen, um das Wachstum zu stärken. Dazu gehört eine Reform der Union und eine Reduktion von Bürokratie und Regulierung.

Der Zerfall des Euros muss keine Katastrophe sein. Im Gegenteil könnte er der Auslöser für die dringend erforderlichen Reformen sein, so das Fazit von Bootle.

bto: Vermutlich sind einige Annahmen von Bootle zu optimistisch. Auf jeden Fall würde die Wiederherstellung von Wechselkursflexibilität die nötigen Anpassungen in Europa erleichtern. Schon vor einiger Zeit hatte ich auf eine andere Studie (aus dem gleichen Haus) verwiesen: Holland geht es besser ohne den Euro – was ist mit uns?

→ The Telegraph: „The euro was never necessary for European growth“, 29. April 2014

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