Dollar: wie tief noch?

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Eine meiner Prognosen für 2017 war ein schwächerer Dollar. Allerdings hatte ich auch eine Gegenbewegung erwartet. Doch die kam nicht. Stattdessen hat sich die Abwertung des Dollars beschleunigt. Mittlerweile spekulieren wieder alle auf einen noch schwächeren Dollar, was eigentlich dafür spricht, dass Gegenteil zu erwarten. In den kommenden Wochen werde ich versuchen, etwas mehr Klarheit zu gewinnen und die Leser von bto daran teilhaben lassen, indem ich verschiedene Dinge, die ich lese, hier verlinke und kommentiere. Beginnen wir mit einer Einordnung in den theoretischen Rahmen, den ich bei BlackSummit gefunden habe:
Zunächst die graphische Zusammenfassung der letzten zwölf Monate im US-Dollar. Abwärts:
Source: FINANCIAL TIMES. Retrieved January 24, 2017.

„Which are the main factors that determine the value/strength of the currency against other major currencies?“
  • „First and foremost, the theory will tell us that other things being equal, the major factor would be interest rate differentials. If the interest rates in the US are higher (as they are) than let’s say in the EU, logically we could conclude that the dollar should strengthen against the euro.“ bto: So habe ich das auch mal gelernt, aber auch, dass man Wechselkurse nicht erklären kann. Gälte die Regel, wäre der Dollar deutlich stärker.
  • „Second, we should be looking at growth prospects. Again, the expectation for economic growth in the US surpasses that of the EU, UK, and Japan, and thus again we should conclude that the dollar logically should strengthen against the other major currencies.“ –  bto: Könnte auch sein, dass es die Veränderung der relativen Wachstumsraten zueinander ist, was gegen den US-Dollar spricht.
  • „Third, we should consider special circumstances that attract capital, such as legislation. Again, the recent tax legislation in the US that reduces corporate tax rates and especially the provision for profits repatriation should lead us to the conclusion that the dollar should strengthen against other major currencies.“ bto: was wiederum einleuchtet.
  • „Fourth, the higher oil prices advance the circulation of petrodollars which in turn should support a higher dollar index, especially when it is combined with higher US rates.“ bto: Oder der Ölpreis steigt, weil der Dollar schwach ist?
  • „Fifth, the fact that the ECB is still in more accommodative mode than the Fed should also contribute to the uplifting of the greenback.“ bto: Mal abgesehen davon, dass der Euro fern davon ist, eine gesunde und stabile Währung zu sein.
  • „Sixth, a weak dollar advances commodities and hence promotes international trade which further contributes to synchronized growth while allowing economic weaknesses (such as non-performing loans and collateral holes) to either be hidden or partially addressed.“ bto: schwacher Dollar = globaler Scheinboom. Das gefällt mir.
  • „Seventh, perceived credit inflation (expansionary policies) usually lead to currency weakness.“ bto: Ist das nicht schön. Wer schneller Schulden macht, hat eine schwächere Währung. Lasst uns Gas geben in Europa.
  • „Finally, political developments and the administration’s attitude towards the strength of the local currency are significant factors in determining the currency’s trajectory.“ bto: Ja, das haben wir natürlich schon, eine US-Regierung, die alles tut den Dollar zu schwächen.

„Our opinion is that despite the factors that under normal circumstances should have contributed to the strengthening of the dollar, it is experiencing weakness for the following reasons:“

  • „First, capital flows and international investments on behalf of US investors – given lower valuation abroad as well as the growth upswing in foreign markets keep the dollar down.“  bto: Die US-Investoren diversifizieren aus ihrem überbewerteten Markt in die Welt. Nicht falsch. Bedeutet übrigens übersetzt, dass es eine schlagartige Gegenbewegung geben kann, wenn die Börsen in den USA crashen.
  • „Second, the Trump administration’s protectionist attitude and tendency to suppress and talk down the dollar contributes significantly to dollar weakness.“ bto: was aber zu einer Reaktion der anderen Regionen führen wird.
  • „Third, expected credit inflation through infrastructure spending and higher US deficits is the de facto prolegomenon of currency weakness.“   bto: wobei die USA damit vermutlich besser fahren als wir hier in Europa.
  • „Fourth, the expectation at the beginning of the year that dollar weakness would reverse in 2018, had some investors taking long positions on the dollar and shortening other currencies. The covering of the shorts contributes to the dollar weakness we are observing in the last few days.“ bto: was allerdings oft vor Wendepunkten der Fall ist.
  • „Fifth, geopolitical developments and the absence of economic statecraft/diplomacy in the US allow other countries to diversify their reserves away from the US. This should be a source of major concern to US officials. Cheapening one’s currency is not prudent economic policy and rather becomes the source/cause of major problems down the road.“ bto: Naja, ich denke, der Abgesang auf den Dollar ist dann doch verfrüht. Waffen sind ein starkes Argument.

„We expect the dollar to fluctuate between 1.18-1.25 against the euro for the next few months and thus international exposure could uplift portfolio earnings. However, we would not be surprised if in the second half of the year the dollar strengthens due to the Fed’s policies, the repatriation of profits (in the hundreds of billions) and the attractiveness of higher prospects in the US, which in turn may reduce the attractiveness of higher international exposure.“

bto: Ich denke, es könnte auch zu einem „Dollar-Run“ kommen, wenn die gute weltwirtschaftliche Lage sich ändert. Protektionismus, Krieg oder einfach nur ein Crash. Einfach so.

BlackSummit: „Dollar Weakness and Economic Developments: What are the Implications and Where Might it be Headed?“, 25. Januar 2017

11 Kommentare
  1. Wolfgang Selig says:

    Vielleicht trägt auch Deutschland seinen Anteil? Da die Groko Herrn Macron mehr oder weniger im Koalitionsvertrag einen Blankoscheck vor den eigentlichen Verhandlungen ausgestellt hat, gehen die Ängste vor einem kurzfristigen Zerfall der Eurozone nach der Italienwahl evtl. gerade zurück. Damit wäre die wesentliche Kapitalfluchtursache kurzfristig eingedämmt, natürlich zu Lasten Deutschlands. Das wäre aber natürlich nur eine Erklärung €/$ und nicht zu den $-Wechselkursen gegenüber Yen, Pfund, Franken, etc. Insofern liefert Hr. Dr. Stelter sicherlich das vollständigere Bild.

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  2. FX says:

    Allmählich ist der Euro fair bewertet.

    Da derartige Preisbewegungen immer zu einem Überschießen neigen, sehe ich noch Luft bis zu USd 1,30 bis USD 1,40 je Euro, je nach dem, wie sich Europa zukünftig weiter wirtschaftlich entwickelt und die EZB von den Nullzinsen wegkommt.

    Durch regelmäßige, beispielsweise monatliche Kontrolle der 200-Tage-Linie bei Währungspaaren wird man von solchen Entwicklungen nicht überrascht und trifft richtige Entscheidungen beim Umschichten, da aktuell Währungsgewinne wichtiger sind als Zinsen:

    https://www.boerse.de/devisen/Euro-Dollar/EU0009652759

    Nachdem Herr Draghi gesagt hat, daß 2018 mit keiner Zinserhöhung zu rechnen sei bedeutet dies im Umkehrschluß, daß 2019 die Zinsen im Euroraum angehoben werden.

    Vor dem Anleihenkaufprogramm der EZB betrug die Renditedifferenz zu deutschen Bundesanleihen 40 Basispunkte, nun sind es 200 Basispunkte und in Zukunft wieder Richtung 100 Basispunkte und weniger:

    https://www.bloomberg.com/markets/rates-bonds

    https://web.archive.org/web/20130105040053/https://www.bloomberg.com/markets/rates-bonds

    Anhand der heute erreichten Renditen sieht man auch, wie wirtschaftlich angeschlagen und kaputt Europa heute schon ist, sowie wie groß die Lügen von offizieller Seite (EU & EZB) sind.

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  3. Michael Stöcker says:

    Der Dollar hat traditionell gegenüber den anderen wichtigen Währungen schon immer abgewertet. Es ist das ungeheure Seigniorage-Privileg einer internationalen Reservewährung. Oder um es pointiert auszudrücken: Es ist die Fortführung der Sklaverei mit anderen Mitteln.

    Kurzfristige Wechselkurse lassen sich in der Tat nicht prognostizieren, da Währungen auch wegen einer fehlenden Finanztransaktionssteuer Gegenstand massiver Spekulation sind. Dessen sollten sich alle Freunde einer Auflösung des Euro bewusst sein. Es wäre ein Freudenfest für alle Währungsspekulanten und zugleich die Hölle für die Bundesbank. Gegen große Währungsräume kann man zwar auch spekulieren, aber die realen Schwankungen fallen viel geringer aus, da kein einzelner Spekulant über so viele Mittel verfügt, eine Währung in die Knie zu zwingen.

    Tendenziell erreichen die USA ihr Inflationsziel ein wenig besser als Euroland. Von daher spricht das Inflationsdifferential für einen auch mittelfristig schwächeren Dollar. Also genau die Politik, die die USA auch schon früher gegenüber DM und CHF gefahren sind. Insofern wird das Zinsdifferential durch das Inflationsdifferential überkompensiert und der scheinbare Widerspruch – dass der Dollar eigentlich aufwerten müsste – löst sich auf.

    LG Michael Stöcker

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    • FX says:

      Das ist so eine Art offizielle Verlautbarung, wie Sie es beschreiben.

      Meine Erklärung mit Handlungsempfehlung für Investoren lautet:

      Als Bewohner der Eurozone sind die roten Zahlen unten im Schaubild für Sie Rendite, wenn Sie in Zeiten der Euroabwertung in den US-Dollar wechseln.

      Die grünen Zahlen sind auch Rendite für Sie, weil Sie irgendwann unterbewertete US-Werte mit nun mehr kaufkräftigen Euros erwerben können.

      https://www.boerse.de/historische-kurse/Euro-Dollar/EU0009652759

      Als für jedermann anwendbares Instrument zur Entscheidungsfindung empfehle ich die 200-Tage-Linien Strategie zzgl. 3% Toleranzschwelle, d. h. Sie tauschen die Währung, wenn die grüne 200-Tage-Linie die Währungskurskurve schneidet.

      Mangels sonstigen Investitionsmöglichkeiten und zur Vermögenssicherung ggf. noch die jeweils erhältlichen, sicheren Zinsen mitnehmen, also diese von Staatsanleihen.

      Auf keinen Fall für ein geringes Renditeplus Anleihen schlechter Bonität oder engem Markt aufgrund geringem Anleihenvolumen erwerben. Dann lieber das Geld auf dem Konto belassen ausschließlich bei systemrelevanter, internationaler Großbank.

      Regelmäßige, mindestens monatliche Kontrolle der 200-Tage-Linie!

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    • Alexander says:

      @Michael Stöcker
      Ohne Finanztransaktionssteuer sind Währungen Gegenstand massiver Spekulation? Das ist schlimm? Doch nur für Etatisten, wenn ihren Hirngespinsten preisliche Grenzen gesetzt werden. So erklärt sich auch der Wunsch nach:

      >Gegen große Währungsräume kann man zwar auch spekulieren, aber die realen Schwankungen fallen viel geringer aus..

      Zuwiderhandlungen werden durch neue Steuern >eliminiert<, gerne in Kombination mit Erbschaftssteuer und Negativzins. Bargeldverbot und Kapitalverkehrskontrollen hätten Flucht und Hortung wirksam verhindern können. ….alles in allem ein Gruselkabinett aus dem vergangenen Jahrhundert.

      Wer solche Ideen in die Welt setzt, hatte unter den bisherigen nicht zu leiden.

      "Die Prozesse werden sich fortsetzen, und wie in jeder Schicksalslage werden alle Versuche, sie aufzuhalten und in die Ausgangslinie zurückzukehren, sie eher fördern und beschleunigen. " (Ernst Jünger, der Waldgang)

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  4. Dietmar Tischer says:

    Ich glaube, dass die hier genannten determinierenden Faktoren zu der Aussage berechtigen:

    Wir wissen nicht, wie sich der US-Dollar kurz- bis mittelfristig im Verhältnis zu den anderen Währungen verhält.

    Mittel- bis langfristig wird der Trend m. A. n. jedoch in Richtung „schwächer“ laufen.

    Das wird der Fall sein, weil die USA wie gehabt WEITERHIN über ihre Verhältnisse leben, d. h. sich ihre Defizite von anderen finanzieren lassen wollen.

    Die Fiskalpolitik von Trump mit nicht gegenfinanzierten Defiziten des US-Haushalts in Billionen-Höhe weist darauf hin.

    Es gibt kein Gesetz, dass verlangen würde, einer Währung auf EWIG den Status „Reservewährung der Welt“ einzuräumen.

    Dieses Privileg wird nicht geschenkt, sondern muss verdient werden.

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      • Alexander says:

        >Ersetzen Sie „verdient“ durch erzwungen – dann wird ein Schuh draus ..

        Zitat Aussenministerin Hilary Clinton: https://www.youtube.com/watch?v=FmIRYvJQeHM
        Zitat Peter Scholl-Latour: https://www.youtube.com/watch?v=xcRewTT2n68

        >bto: Ich denke, es könnte auch zu einem „Dollar-Run“ kommen, wenn die gute weltwirtschaftliche Lage sich ändert. Protektionismus, Krieg oder einfach nur ein Crash. Einfach so.

        Genau.

      • Dietmar Tischer says:

        Das Privileg, über die Reservewährung der Welt zu verfügen, wird nicht durch Zwang erworben – und auch nicht gesichert.

        Nicht bei den großen Wirtschaftsräumen, die es mittlerweile mit EU und China gibt.

        Die USA war WIRTSCHAFTLICH stark geworden und hat zudem ihre LIBERALITÄT bewahrt, was sie nach WKII in eine so einzigartige Position gebracht hatte, dass ihrem Dollar der Status „Reservewährung der Welt“ zukommen MUSSTE.

        Durch TEURE Kriege hat sich die USA wirtschaftlich GESCHWÄCHT (Afghanistan, Irak), ohne in diesen Ländern oder anderswo so viel Einfluss gewonnen zu haben, dass die Ausgaben für die Kriege kompensiert werden konnten.

        Daher hat Obama sich aus dem Syrienkrieg herausgehalten. Er brauchte das Geld für innenpolitische Projekte, insbesondere Sozialprogramme.

        Trump beschleunigt die Schwächung des Landes mit Steuererleichterungen, die aller Voraussicht nach keinen Konsum- und/oder Investitionsboom auslösen werden, sowie mit einem Investitionsprogramm in die Infrastruktur, das vor allem die Inflation anheizen wird, weil schon nahezu Vollbeschäftigung besteht, und obendrauf auch noch mit drastisch steigenden, den Haushalt belastende Militärausgaben – unterm Strich eine gigantisch zunehmende Staatsverschuldung und extrem wachsende Haushaltsdefizite, ohne damit das annähernd nachhaltiges Wirtschaftswachstum generieren zu können, mit dem die Defizite ausgeglichen werden könnten.

        Wird diese Politik konsequent durchgezogen, schwächt sie u. a. die Akzeptanz des US Dollars als Reservewährung, was letztlich nicht überschaubare Folgen hätte, „Befreiungskriege“ nicht ausgeschlossen.

        Hier eine Einschätzung, die m. A. n. in der Tendenz richtig ist:

        http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/donald-trump-und-die-republikaner-usa-in-der-schuldenmisere-a-1193409.html

  5. Thomas says:

    Im Kontext vielleicht auch interessant: China und der $ – Status Quo:
    https://www.investopedia.com/articles/investing/040115/reasons-why-china-buys-us-treasury-bonds.asp

    Und wenn’s stimmt: Quasi „forward guidance“ von China, dass sie demnächst weniger US Treasuries kaufen werden.
    https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-01-10/china-officials-are-said-to-view-treasuries-as-less-attractive

    Und da Totgesagte bekanntlich länger leben, noch mit einem Augenzwinker zum Abschluss ein kurzer Artikel aus dem Jahre 2007: „According to this op-ed article from France’s Le Monde, the dollar has truly been dethroned, and now it’s time to confront the consequences of a brave new monetary world.“
    http://themoderatevoice.com/the-end-of-king-dollar/

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