The winner takes it all

Dieser Kommentar erschien in der Printausgabe von Cicero: 

Ende Mai stieg die Aktie von Amazon erstmals über die magische Grenze von 1000 US-Dollar. Gründer und Hauptaktionär Jeff Bezos soll alleine seit Jahresanfang um 19 Milliarden US-Dollar reicher geworden sein. Schätzungen zufolge entfielen letztes Jahr 50 Prozent des Umsatzzuwachses im US-Einzelhandel auf Amazon. Die Auswirkungen auf den traditionellen Einzelhandel sind verheerend. Seit Monaten befinden sich die Aktien der überwiegend stationären Anbieter mit eigenen Läden im Sturzflug, mehrere Einzelhandelskonzerne mussten ganz aufgeben. 2016 meldeten neun Ladenketten Konkurs an, in diesem Jahr sind es bislang zehn. Die Folge des Ladensterbens sind explodierende Leerstände in den bei den Amerikanern früher so beliebten Einkaufszentren. Dies löst eine weitere Abwärtsspirale aus: je mehr Läden leer stehen, desto geringer die Attraktivität des Einkaufscenters, was wiederum die anderen Geschäfte unter Druck setzt. Eine Welle an Konkursen dürfte auch hier die Folge sein. Die Kapitalmärkte haben dies mit fallenden Kursen für Immobilienaktien schon vorweggenommen.

Damit tritt eine Entwicklung ein, die schon in der ersten Interneteuphorie Ende der 1990er Jahre vorhergesagt wurde. Erst hat es länger gedauert als erwartet, dann kam es schneller und durchgreifender. Die Onlineanbieter rollen den Markt auf. Ihr Umsatz hat sich in den USA in den letzten 20 Jahren verzehnfacht.

Amazon ist nur ein Beispiel für den fundamentalen Wandel, den wir durchlaufen. Mehr als die Hälfte der Kursgewinne an der US-Technologiebörse NASDAQ entfallen in diesem Jahr auf nur fünf Werte. Neben bereits erwähntem Amazon sind dies Apple, Alphabet (früher Google), Facebook und Microsoft. Dahinter steht die Erwartung, dass es diese und andere Unternehmen wie Tesla sind, die vorhandene Industrien von der Energieerzeugung bis zum Automobilbau revolutionieren und bei der Gelegenheit die etablierten Anbieter hinwegfegen werden.

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte der letzten 300 Jahre, dass wir einen solchen Wandel durchlaufen. Schon Joseph Schumpeter sprach mit Blick auf die Forschungen seines russischen Kollegen Nikolai Kondratieff von langen Wellen der Konjunktur, die von grundlegenden Innovationen ausgelöst werden. Zunächst gibt es in der Zeit des Umbruchs von alter zu neuer Technologie eine Phase ökonomischer Stagnation mit Krisen, bevor sich die neuen Industrien durchsetzen und einen jahrzehntelangen Aufschwung begründen. So könnte es auch diesmal sein.

Was es für Kapitalanleger nicht leichter macht. Zum einen gibt es die Industrien, die unter Druck geraten und unter Umständen ganz verschwinden. Zum anderen gibt es Angreifer, von denen man nicht sicher weiß, wer erfolgreich sein wird. Der Niedergang kann länger dauern und profitabler sein, als man denkt, der Aufstieg länger dauern und teurer sein als erhofft.

Aus heutiger Sicht sind beide Gruppen zu teuer. Die Kapitalmärkte unterschätzen das zerstörerische Potenzial der neuen Technologien. Dabei ist der Absturz der deutschen Energiekonzerne Warnung genug. Ausgelöst wurde dieser zwar durch eine politisch motivierte, überstürzte Energiewende, mittlerweile sind erneuerbare Energien jedoch fast weltweit ohne Subventionierung wettbewerbsfähig. Stromkonzerne, Ölmultis, Automobilaktien und klassische Händler, um nur einige Beispiele zu nennen, sind angesichts dieser Bedrohung schlichtweg zu teuer und man sollte das Engagement reduzieren. Attraktiv sind diese Werte erst wieder, wenn das Management konsequent auf Kostensenkung und Effizienz setzt und die Ausschüttungen an die Aktionäre deutlich steigen.

Noch schwerer ist der Entscheid bezüglich der Gewinner von morgen. Viele neue Geschäftsmodelle tendieren zu „The winner takes it all“-Märkten. Facebook dominiert, Google dominiert, Amazon dominiert. In anderen Bereichen steht der Gewinner noch lange nicht fest, dennoch signalisieren die Bewertungen große Zuversicht. Tesla hat noch nie Geld verdient und ist dennoch wertvoller als Ford oder GM. Noch ist die Euphorie an den Börsen nicht mit der Blase Ende der 1990er-Jahre zu vergleichen. Die Märkte sind etablierter und die Geschäftsmodelle klarer. So empfiehlt sich der Aufbau einer Position in den Zukunftswerten trotz der hohen Bewertung. Es hat mehr den Charakter einer Option und auch der Absicherung für den Fall, dass der Umbruch doch schneller als gedacht erfolgt. Kommt es zu einer deutlichen Korrektur an den Börsen, was angesichts der erheblichen Risiken in der Welt und den sehr hohen Bewertungen jederzeit eintreten kann, empfiehlt sich eine deutliche Aufstockung bei den Zukunftswerten. Ein breites Portfolio wird die Gewinner sicherlich beinhalten.

3 Kommentare
  1. Tech - Blase sagte:

    Nach der Dot – Com – Bubble über 90% Verlust und während der Finanz- und Wirtschaftskrise vom Hoch 2007 ausgehend bis zu 50%:

    https://www.boerse.de/historische-kurse/Amazon-Aktie/US0231351067

    Ähnlich schätze ich das Verlustpotential in einer kommenden Krise ein bzw. wenn Investoren zukünftig von dem inzwischen alten und saturierten Unternehmen (Gründung 1994) die branchenüblichen Gewinne und Dividenden einfordern, die es anderswo (Alphabet, Facebook, etc.) bereits gibt.

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    • Wolfgang Selig sagte:

      Das sehe ich etwas anders. Im Jahr 2000 war Amazon eine Wette auf eventuelle künftige Umsätze. Heute gibt es die Gewissheit, dass diese Umsätze eingetreten sind. Die Frage ist nicht mehr, ob Amazon jemals marktführender Player wird, sondern wie groß der Abstand zum Rest sein wird und wer noch aus dem Markt ausscheiden wird.

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