„Hurra! Die Schulden wachsen“

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Mario Draghi hatte gestern sichtlich gute Laune. Nicht mal die kleine Protestaktion konnte sie trüben. Alles spricht dafür, dass 2015 und vielleicht auch 2016 gute Jahre für Europa werden. Draghis Ausblick war deutlich positiver als in den vergangenen Jahren. Kreditnachfrage und -vergabe ziehen deutlich an. Die Wirtschaft belebt sich und die Kapitalmärkte boomen. Seit der Ankündigung des Kaufprogramms der EZB legten EuroStoxx, Dax und CAC 40 über 20 Prozent zu, die Börse in Mailand sogar 27 Prozent. Kein Grund also zum Verzagen, kein Grund von den Regierungen Reformen einzufordern. Nützlich wären sie natürlich schon, aber Draghi hat sie schon deutlicher gefordert als gestern.

Auch in Berlin herrscht beste Laune. Passend zum Frühlingsbeginn werden die Konjunkturforscher noch optimistischer. Die deutsche Wirtschaft wird deutlich wachsen und es spricht viel dafür, dass auch 2016 ein gutes Jahr wird. Die Eurokrise scheint überwunden und für Griechenland wird sich schon eine Lösung finden ‒ und wenn nicht, dann wird auch ein Ausstieg der Griechen keine größeren Probleme für die Eurozone bereiten.

Schwaches Fundament

Wir sollten uns über die Erholung freuen. Aber nicht den Fehler machen, die Krise für erledigt zu halten. Vieles spricht dafür, dass der Preis, den wir für diesen Boom zu zahlen haben, ein hoher sein wird. Dies zeigt ein Blick auf die Gründe für die wirtschaftliche Belebung:

  • Nach sieben Jahren Krise gibt es in den meisten Ländern Europas einen erheblichen Nachholbedarf an Konsum und Investitionen. Nachdem die ersten Sanierungsbemühungen vollbracht sind und die Schulden im Privatsektor zum Teil gesenkt wurden, haben Private und Unternehmen wieder etwas mehr finanziellen Spielraum.
  • Die Politik des billigen Geldes der EZB führt zu mehr Kreditnachfrage und die Banken sind mehr gewillt, wieder Kredite zu geben. Abzulesen ist dies an der wachsenden Geldmenge M3, die seit einigen Monaten wieder deutlich expandiert. Zugleich werden die Schuldner entlastet.
  • Die von der Geldpolitik geförderte Abwertung des Euros hat den gewünschten Erfolg im Export. Die Eurozone als Ganzes wird immer mehr zu einer Region mit einem Handelsüberschuss mit dem Rest der Welt.
  • Der Verfall des Ölpreises wirkt ‒ trotz des schwachen Euros ‒ wie eine Steuersenkung für Unternehmen und Private. Das verfügbare Einkommen wächst.
  • Schließlich wird weniger gespart, was man zum Beispiel am neuen Budget des italienischen Staates sehen kann.

Zusammenfassen könnte man es so: Der tiefe Ölpreis ist ein Glücksfall, den man realistischerweise nur als temporär ansehen sollte. Alles andere ist die Fortsetzung genau jener Politik, die uns erst in die Krise gebracht hat: billiges Geld und mehr Schulden. Endet der Aufschwung, wird die Eurozone vor einem noch größeren Schuldenberg stehen als heute. Und der Druck auf die Gläubiger, einem Forderungsverzicht zuzustimmen, und auf die EZB, die Schulden doch zu monetarisieren, wird weiter steigen. Deutschland in der Falle.

Wie bereits vor einigen Wochen an dieser Stelle gezeigt, ist es keinesfalls richtig, dass wir Deutschen die großen Profiteure des Euros sind. Profitiert hat der Exportsektor, es hat aber nicht zu einem breiten Wohlstandszuwachs geführt. Nun profitiert die deutsche Wirtschaft überproportional vom europäischen Spiel auf Zeit: Die Finanzierungskosten sind günstig und erleichtern Herrn Schäuble die schwarze Null. Der gering verschuldete Privatsektor kann nun endlich günstig Schulden machen und die Immobilienpreise steigen deutlich an. Der schwache Euro macht deutsche Waren auf den Weltmärkten noch attraktiver, der Exportweltmeister eilt von Rekord zu Rekord.

Der Preis, den wir alle für diesen Boom bezahlen müssen, wird hoch sein. Deutlich höher als die in dieser Woche berechneten 190 Milliarden an Zinsverlusten für deutsche Sparer seit Krisenbeginn. Denn Exportweltmeister sind wir nicht nur mit Waren, sondern auch mit Forderungen. Das Ausland kann nur so viel bei uns einkaufen, weil wir ihm im Gegenzug Kredit geben, also unsere übermäßige Ersparnis exportieren. In der Vergangenheit war dies keine gute Strategie, wie die Schuldenkrise zeigt, und es spricht nichts dafür, dass es heute eine bessere Strategie ist.

Im Gegenteil wächst der Druck unserer Partner, uns solidarisch zu zeigen. Noch gehen die Vorstöße in die Richtung, höhere Investitionen und Löhne in Deutschland zu fordern, wie zuletzt der ehemalige US-Notenbankpräsident Ben Bernanke. Beim nächsten Abschwung ‒ und der ist bei einem auf Schulden gebauten Aufschwung nur eine Frage der Zeit ‒ wird man uns eine ganz andere Rechnung präsentieren.

Als größtem Gläubiger in Europa, der zudem hohe Handelsüberschüsse erzielt habe, indem er Kaufkraft aus anderen Ländern abzog, so die zu erwartende Argumentation, wäre es wohl das mindeste, an einer Umschuldung mitzuwirken. Dann platzt unsere Konjunkturblase im Umfeld einer weiterhin deutlich unter dem Niveau von 2007 liegenden Eurozone. Und wir werden uns fragen: Wo ist der Wohlstand nur hin, den wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben.

→ manager-magazin.de: „Hurra! Die Schulden wachsen“, 17. April 2015

2 Kommentare
  1. Maria Zielske says:

    Lieber Herr Dr. Stelter,

    eine Frage. Sie sagen:

    „Die Politik des billigen Geldes der EZB führt zu mehr Kreditnachfrage und die Banken sind mehr gewillt, wieder Kredite zu geben. Abzulesen ist dies an der wachsenden Geldmenge M3, die seit einigen Monaten wieder deutlich expandiert.“

    Warum benutzen Sie das Wachstum der Geldmenge M3 als Schätzgröße für das Wachstum der Kredite?

    Kann M3 nicht auch einfach durch QE wachsen, wenn die EZB langfristige Staatsanleihen von Privatinvestoren kauft und dadurch neue Einlagen (M1) generiert?

    In dem Fall wäre doch M3 gewachsen, aber kein neuer Kredit entstanden? Oder liege ich falsch?

    Viele Grüße

    Maria Zielske

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Liebe Frau Zielske,

      da haben Sie recht. Allerdings wurde in dem Beitrag auf eine steigende Kreditnachfrage und -vergabe aufgrund von Umfragen verwiesen. Ich denke, dies dürfte in der Tat der Fall sein. Aber wie gesagt: Ein gutes 2015 ist nicht die Lösung der Krise. Man könnte das Momentum dazu nutzen, wird man aber erfahrungsgemäß nicht.

      Vielen Dank für Ihr Interesse,

      DSt

      Antworten

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