Die Debatte über KI verläuft naiv, einseitig und in Teilen fehlgeleitet

Am 1. April 2026 gab es in der Sendung „Wissen vor Acht“, direkt vor der Tagesschau, einen Beitrag mit dem Titel „Wie klimaschädlich ist Künstliche Intelligenz?“. Fünf Minuten lang erklärte Eckart von Hirschhausen in der ARD den Zuschauern, wie schmutzig die neue Technologie sei. Originalton: „KI und Klimaschutz, das geht nicht gut zusammen.“ Die Empfehlung: Statt KI sollten wir lieber das eigene Gehirn benutzen.

Es war kein Aprilscherz. Der Beitrag lief im Hauptprogramm, wurde am 3. April wiederholt und am 8. April erneut gesendet. Er findet sich noch immer in der Mediathek.

Während in den Vereinigten Staaten der Energiebedarf von KI-Rechenzentren binnen drei Jahren rund zehn Prozent des gesamten Energiebedarfs betragen wird, während China in der industriellen KI-Anwendung längst die USA, Deutschland und Japan überholt hat, während die amerikanischen KI-Unternehmen OpenAI und Anthropic Finanzierungsrunden über je 100 Milliarden Dollar abschließen – debattieren wir die Klimabilanz von ChatGPT-Prompts.

So legitim die Diskussion über den Stromverbrauch von KI und damit verbundene CO₂-Emissionen auch sein mag, der Verzicht auf einen Hinweis, dass es sich bei KI um die womöglich wichtigste Zukunftstechnologie handelt, unterstreicht, wie naiv, einseitig und in Teilen fehlgeleitet die Debatte hierzulande (nicht nur) medial geführt wird.

Nach Berechnungen der St. Louis Fed entfielen in den ersten drei Quartalen 2025 etwa 42 Prozent des gesamten US-BIP-Wachstums auf KI-Investitionen. Ohne den durch KI ausgelösten Bauboom wäre die amerikanische Wirtschaft bereits in der Stagnation. Goldman Sachs prognostiziert Hyperscaler-Investitionen von 533 Milliarden Dollar allein 2026.

Und Europa? Selbst eine Verdopplung der EU-Rechenzentrumskapazität bis 2040 würde nach Berechnungen von Oxford Economics nur 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte pro Jahr zum BIP hinzufügen. Die Internationale Energieagentur erwartet bis 2030 einen Stromzuwachs für Rechenzentren von 45 Terawattstunden in der EU – gegenüber 250 Terawattstunden in den USA. Das Verhältnis von eins zu fünf ist entgegen der Auffassung der Redaktion von „Wissen vor Acht“ kein Indikator für eine bewusste Nutzung von KI zur Eindämmung des Klimawandels.

Es ist Ausfluss von Regulierung, Energiemangel und zu langsamer Adaptierung und damit des nachhaltigen Rückfalls Europas. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass in der Folge die Produktivitätsgewinne aus KI in Europa um mehr als 30 Prozent niedriger ausfallen.

Nicht wenige Beobachter vergleichen den KI-Boom mit der industriellen Revolution. Deutschland verpasste diese zunächst, konnte dann aber durch eine konzertierte Aktion Großbritannien nicht nur einholen, sondern auch überholen. Wie wichtig das für unseren heutigen Wohlstand ist, lehrt eine bemerkenswerte Untersuchung der Rockwool Foundation.

Die Forscher haben die regionale Verteilung von Dampfmaschinen in deutschen Landkreisen 1875 mit den Löhnen von heute korreliert. Das Ergebnis: Eine Standardabweichung mehr Dampfadoption damals – das waren 4,6 Maschinen je 1000 Beschäftigte – bedeutet 2,3 bis 3,7 Prozent höhere Löhne heute. Eineinhalb Jahrhunderte später. Die Erkenntnis der Autoren: „Frühe Adoption transformativer Technologien wie KI kann lang anhaltende Konsequenzen haben.“ Gute wie schlechte.

Die von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eingesetzte und hochrangig besetzte KI-Kommission hat im April ihren Abschlussbericht vorgelegt. Die Empfehlungen überraschen nicht. Die Experten fordern unter anderem eine deutliche Senkung der Energiekosten: Wer KI-Rechenzentren ansiedeln will, braucht zuverlässige, bezahlbare Energie. Wer beides verweigert – Atom und billiges Gas –, der bekommt keine Rechenzentren. Ebenso wichtig sind die Mobilisierung von Kapital und die Deregulierung, um Innovation überhaupt erst zu ermöglichen. Die heutigen Regeln erschweren es neuen, europäischen Wettbewerbern und erleichtern es den meist US-amerikanischen Marktführern, ihre Position zu festigen.

Johannes Reck, Mitgründer und CEO von Get Your Guide und Mitglied der KI-Kommission, stellt nüchtern fest: „Wir sind ein Stück weit digitale Kolonie.“ Höchste Zeit, das zu ändern. Genau dabei sollten wir der Empfehlung von „Wissen vor Acht“ folgen und natürlich unsere eigenen Gehirne nutzen. Aber nicht statt, sondern mit KI.