Das Nadelöhr in der Energiewende, das Berlin übersieht
Die Öl- und Gaspreise steigen, Diesel droht knapp zu werden, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Medien und Politiker betonen, dass die Reaktion auf den Energiekostenschock nur eine Beschleunigung der Energiewende sein könne. Diese – so das Versprechen – diene nicht nur dem Klimaschutz, sondern schaffe auch geopolitische Unabhängigkeit.
„Je mehr erneuerbare Energie wir produzieren, desto weniger sind wir auf andere Länder angewiesen“, erklärte schon der frühere Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Robert Habeck (Grüne). Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) spricht von „Freiheit vor dem Würgegriff fremder Mächte und geopolitischer Krisen“. Was auf den ersten Blick einleuchtet, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.
Im Gegenteil dürfte die Klima- und Energiepolitik der vergangenen Jahre nicht nur die Abhängigkeiten erhöht haben, sondern auch die Anfälligkeit. Beispiel: Diesel. Der Dieselpreis ist infolge des Irankriegs deutlich mehr gestiegen als Rohöl. Die Ursache liegt darin, dass wir in Europa in den vergangenen Jahren mit Blick auf die angestrebte Abkehr von fossilen Brennstoffen die Raffineriekapazitäten deutlich reduziert haben. Investitionen in rein fossile Großanlagen wurden politisch nicht mehr gefördert und durch strenge Umweltauflagen sowie steigende CO2-Preise wirtschaftlich unattraktiver gemacht.
Stattdessen verließ man sich auf Importe, vor allem aus Russland. Nun, da zahlreiche russische Raffinerien schwer beschädigt oder lahmgelegt sind, fehlen diese Mengen auf dem Weltmarkt. Der Konflikt im Nahen Osten führt dazu, dass Rohöl die verbleibenden Raffinerien oft nur über Umwege oder gar nicht erreicht. Das Problem liegt also nicht am fehlenden Öl selbst, sondern am Nadelöhr seiner Verarbeitung.
Was für Diesel gilt, gilt für die ganze Energiewende. Nach dem Atomausstieg bleiben neben Stromimporten nur Kohle- und Gaskraftwerke, um die Versorgung zu sichern. Das mag in Summe zu weniger Brennstoffimporten führen, ist jedoch nicht dasselbe wie eine unabhängige Energieversorgung. Im Gegenteil treibt die Abhängigkeit von Gasimporten die Strompreise erheblich.
Im Würgegriff fremder Mächte
Auch die Fähigkeit, Anlagen zu bauen, Ersatzteile zu liefern und Schäden zu reparieren, gehört zu den Voraussetzungen für die „Freiheit vor dem Würgegriff fremder Mächte“. Der frühere Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, Sir Richard Dearlove, hat im September in seiner viel beachteten Rede vor der Global Warming Policy Foundation (GWPF) davor gewarnt, Energiepolitik auf Klimaziele zu reduzieren.
Mit Blick auf die – im Vergleich zu Deutschland – weit fortgeschrittene Deindustrialisierung Großbritanniens stellt er fest: „Unsicherer Zugang zu Ausrüstung und Ersatzteilen, etwa Generatoren und Transformatoren, ist eine schwerwiegendere und dauerhaftere Gefahr als ein vorübergehender Gasmangel.“ Und weiter: „Wir haben nur noch sehr wenig Industrie, die es zu schützen gilt, und wir können Industrien, die bei uns nicht mehr existieren und sich aber in ausländischen Rechtsräumen außerhalb unseres Zugriffs befinden, nicht wiederaufbauen.“
Diese Erkenntnis sollten wir in Deutschland dringend beherzigen. Noch haben wir industrielle Kapazitäten und Kompetenzen. So erhöht Siemens Energy die Kapazität seiner Transformatorenfertigung in Nürnberg um rund 50 Prozent. Verfügbar auf Abruf sind die Geräte deshalb nicht. Siemens Energy nannte im Juni 2026 Lieferzeiten von 18 bis 36 Monaten für Hochspannungstransformatoren.
Der Verband kommunaler Unternehmen fordert deshalb strategische Reserven unter anderem für Transformatoren, Schaltanlagen und Spezialkabel. Das Argument: „Angesichts langer Produktionszeiten und internationaler Lieferketten ist eine rein marktgetriebene Beschaffung in Krisenlagen nicht ausreichend.“
Aber auch so ist die Abhängigkeit von China im Bereich der Energiewende bereits enorm und das Land ist systematisch dabei, die Abhängigkeit zu erhöhen, indem europäische Anbieter aus dem Markt gedrängt werden, demnächst wohl auch bei Windkraftanlagen.
Dies führt zu einem Dilemma: Entweder man akzeptiert die Abhängigkeit oder aber die ohnehin schon sehr teure Energiewende wird endgültig unbezahlbar, wenn man nur auf europäische Zulieferer setzt. Wer wirklich geopolitische Unabhängigkeit erreichen will, kommt nicht drumherum, auf die eigenen Vorkommen an Kohle und Gas zu setzen und den historischen Fehler des Atomausstiegs zu korrigieren.
→ handelsblatt.com: „Das Nadelöhr in der Energiewende, das Berlin übersieht“, 5. Oktober 2026

