Stille Vermögens­inflation – die zweite Rechnung kommt

Im ersten Quartal 2026 sind die Preise für das Vermögen deutscher Haushalte gegenüber dem Vorjahr um 2,6 Prozent gestiegen. Das klingt unspektakulär, ist es aber nicht. Die Entwicklung der Vermögen der Deutschen wird regelmäßig durch das Flossbach von Storch Research Institute untersucht.

Der sogenannte Vermögenspreisindex misst, wie sich die Preise für das ändern, was die Haushalte besitzen: Immobilien, Aktien, Anleihen, Betriebsvermögen. Immobilien stellen mit einem Anteil von 65 Prozent den größten Vermögensposten der Deutschen.

Die Vermögenspreise in Deutschland haben seit 2005 um 75 Prozent zugelegt, während die Reallöhne nur um 15 Prozent gestiegen sind. Die Preise für Immobilien in den Metropolen haben sich teils verdoppelt, Aktien in den USA versechs- bis versiebenfacht. Auch die offizielle Inflation lag trotz des Inflationsschubes in Folge der Coronakrise unter der Preissteigerungsrate für Vermögenswerte.

Dieser Anstieg wurde nie als das bezeichnet, was er ist, nämlich eine Vermögenspreisinflation. Sie floss nicht in die Statistiken der Notenbanken ein, sie taucht in keinem Wahlprogramm auf.

Wer eine Immobilie besitzt, spricht von „Wertzuwachs“, nicht von Inflation. Wer keine besitzt, der verlor real Kaufkraft und wusste nicht, warum. Es war die stille Umverteilung der letzten zwei Dekaden.

Und jetzt verdoppelt sich das Problem für Deutschland. Denn anders als in Skandinavien, in den USA oder in Südeuropa hat die Breite der Bevölkerung von dieser Vermögenspreisinflation kaum profitiert. Die Wohneigentumsquote liegt bei rund 40 Prozent – eine der niedrigsten Europas.

Die Aktienquote am Bruttovermögen ist in den letzten Jahren zwar gestiegen und liegt bei 20 Prozent, aber immer noch weit unter den Werten in Großbritannien und den USA. Der typische deutsche Haushalt hält Geld auf dem Girokonto, im Tagesgeld, in Lebensversicherungen und Bausparverträgen. In allem, was von der Vermögenspreisinflation nicht profitiert hat.

Die Wirkungen der Demografie kehren sich um

Die entscheidende Wende zeigt der Blick auf die Gegenwart. Die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan haben schon 2020 dargelegt, was jetzt sichtbar wird: Die beiden deflationären Angebotsschocks der letzten Jahrzehnte – der Eintritt Chinas und Osteuropas in den Welthandel und die massive Zunahme weiblicher Erwerbstätigkeit – sind ausgelaufen. Sie erlaubten es den Notenbanken über Jahrzehnte, eine zu lockere Geldpolitik zu betreiben, ein wesentlicher Faktor für die Inflation bei den Vermögenswerten.

Die positiven Wirkungen der Demografie kehren sich jetzt um. Löhne, Rohstoffe und Dienstleistungen werden strukturell teurer. Die Inflation kommt damit von der Vermögens- auf die Realseite.

Für die Deutschen bedeutet das ökonomisch das Schlechteste aus zwei Welten. Die Vermögenspreisinflation, an der sie kaum partizipiert haben, verliert an Kraft – Immobilienpreise stagnieren oder korrigieren, weil höhere Zinsen die Bewertung drücken. Zugleich trifft die zurückkehrende Verbraucherpreisinflation die deutschen Sparformen mit voller Wucht. Wer sein Vermögen als verzinsliche Forderung hält, verliert jetzt nicht mehr (nur) gegenüber den anderen Vermögenswerten, es droht eine weitaus deutlichere Entwertung der Kaufkraft.

Vor allem dann, wenn die Zinsen künstlich unter der Inflationsrate gehalten werden. Und genau das wird passieren. Die gegenwärtige Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, und auch ihre Nachfolger werden die Finanzierung der hochverschuldeten Euro-Staaten nicht durch hohe Zinsen gefährden.

Die politische Antwort darauf lautet nicht Vermögensteuer und nicht Umverteilung des Bestands. Wer heute für höhere Substanzsteuern trommelt, kommt 15 Jahre zu spät und wählt das falsche Werkzeug. Die richtige Antwort heißt Vermögensbildung: eine echte Aktienrente, die private Vermögensbildung der breiten Mitte fördert. Ein Immobilienerwerb, der durch niedrigere Erwerbsnebenkosten unterstützt, statt durch Grunderwerbsteuer bestraft wird.

Eine steuerliche Behandlung von Aktiengewinnen, die Langfristanlage tatsächlich belohnt. Und ein Bildungssystem, das ökonomische Grundkenntnisse vermittelt, damit private Vorsorge überhaupt eine Chance hat.

Und die Notenbanken? Sie sollten endlich anerkennen, dass Vermögenspreisinflation eine Form der Preisinstabilität ist. Solange nur der Warenkorb zählt, wiederholt sich das Muster im nächsten Zinszyklus. Wer nichts hat, verliert. Wer viel hat, gewinnt weiter. Die Debatte über soziale Kohäsion beginnt hier, nicht bei der Erbschaftsteuer.

Die kommenden Jahre werden die Rechnung präsentieren. Deutschland hat die Wahl, ob es zweimal verliert oder ob es endlich mit dem beginnt, was es jahrzehntelang versäumt hat: seine Bürger zu Vermögensbesitzern zu machen.

→ handelsblatt.com: „Stille Vermögensinflation – die zweite Rechnung kommt, 17. August 2026