Der Kollaps einer Schlüsselindustrie

In der Metall- und Elektroindustrie sind seit 2019 rund 350.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Jeden Monat markieren weitere 10.000 verlorene Stellen den dramatischen Niedergang einer tragenden Säule der deutschen Wirtschaft und unseres Wohlstands.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist zum einen der technologische Umbruch in der Automobilindustrie – Elektroautos haben weniger Komponenten und benötigen entsprechend weniger Arbeitskräfte bei der Herstellung – und zum anderen wirkt sich der massive Verlust an Wettbewerbsfähigkeit des Standortes und der Unternehmen aus.

Vor allem China profitiert von deutlichen Kostenvorteilen bei Personal und Energie und ist zudem in vielen Bereichen technologisch inzwischen ebenbürtig oder sogar überlegen.

Konnten deutsche Unternehmen in der Vergangenheit Preisprämien realisieren und so die Nachteile bei Lohnstückkosten und Energie kompensieren und höhere Steuer- und Bürokratiekosten (er)tragen, so ist dies heute nicht mehr möglich.

Die Dimension des Anpassungsbedarfs ist erschreckend: Nach Daten des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall sind zwischen 2015 und 2025 die Arbeitskosten je Stunde um 41 Prozent gestiegen, die reale Stundenproduktivität aber nur um 17 Prozent. Kein Wunder, dass die Unternehmen mittlerweile seit mehreren Jahren eine negative Nettoinvestitionsquote ausweisen, also ihren Kapitalstock erodieren lassen.

Bisher haben die Firmen versucht, den Personalabbau zu bremsen und sozialverträglich zu gestalten. Nach Schätzungen sind aber beim aktuellen Niveau der Kapazitätsauslastung weitere 300.000 Arbeitsplätze akut gefährdet.

Dass die IG Metall in diesem Umfeld eine Lohnerhöhung von fünf Prozent für zwölf Monate fordert, ergänzt um eine Beschäftigungssicherung, eine soziale Komponente und Gewinnbeteiligungen in gut laufenden Firmen, kann man getrost als völlige Realitätsleugnung bezeichnen.

In den Bereichen, die auf Dauer nicht zu retten sind, beschleunigen solche Forderungen den Niedergang. In Bereichen, die noch eine Zukunft in Deutschland haben könnten, wird sie gefährdet, erhöht sich doch der Druck zur Verlagerung ins Ausland. Was die Branche wirklich braucht, sind deutlich sinkende Lohnstückkosten durch Lohnverzicht und Arbeitszeitverlängerung.

Die Gewerkschaft leugnet die Realität

Die Gewerkschaften sind mit ihrer Realitätsleugnung aber nicht allein. Die Politik hätte den Hebel in der Hand, durch Reformen, die diesen Namen verdienen, die Lohnstückkosten ebenfalls zu senken.

Stattdessen werden Beitragsbemessungsgrenzen angehoben und weitere Belastungen geplant. Nicht einmal eine auf günstige Preise setzende Energiepolitik wird erwogen. Statt der erhofften Steuererleichterungen zeigt sich nun auch die Union offen für die Erfassung von Betriebsvermögen bei der Erbschaftsteuer.

Klarer kann das Signal nicht sein: Gewerkschaften wie die Regierung unterschätzen die dramatische Dynamik des Absturzes in den einstmaligen Schlüsselindustrien Deutschlands. Oder sie nehmen es schulterzuckend hin.

Kommt es nicht sehr bald zu einem grundlegenden Kurswechsel in der Politik und einer Rückbesinnung der Gewerkschaften auf ihre frühere Rolle als konstruktiver Tarifpartner, droht ein Dammbruch.

Die Zahl der Stellenverluste dürfte dann rasch nach oben schnellen, denn schon jetzt sind zahlreiche Stellen gefährdet. Dabei gilt die Regel, dass ein verlorener Arbeitsplatz nicht wieder zurückkommt, sondern dauerhaft verloren ist.

Weniger gut bezahlte Arbeitsplätze bedeuten weniger Einnahmen für Staat und Sozialkassen, intensivierte Verteilungskonflikte und politische Spaltung.

Lieber heute gemeinsam Einschnitte definieren – wie längere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn oder Lohnverzicht bei gleicher Arbeitszeit –, als künftig vor dem Scherbenhaufen des Arbeitsplatzverlustes zu stehen. Das wäre angesichts der Lage eine vernünftige Politik.

→ handelsblatt.com: „Der Kollaps einer Schlüsselindustrie“, 12. Oktober 2026