Der Nobelpreis legt das Versagen der Politik offen
Die Wirtschaftswissenschaften entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als praxisrelevanter, als man gemeinhin denkt. Das gilt auch – oder gerade – für die Forschungen, die mit einem Alfred-Nobel- Gedächtnispreis geehrt werden.
In der vergangenen Woche wurden mit den US-Amerikanern Robert Hall und Michael Woodford die diesjährigen Preisträger ausgezeichnet. Auf den ersten Blick haben ihre Forschungen wenig miteinander zu tun. Hall erhielt den Preis für seine Forschungen zur Konsumbereitschaft und Woodford für seine Arbeiten zur Geldpolitik.
Gemeinsam ist ihren Arbeiten allerdings die Bedeutung von Erwartungen. Erwarten Menschen beispielsweise dauerhaft höhere Einkommen, erhöhen sie bereits frühzeitig ihren Konsum. Nehmen sie hingegen heutiges Mehreinkommen als nicht nachhaltig wahr oder befürchten sie gar infolge heutiger Zahlungen künftig ein geringeres Einkommen, sparen sie mehr, statt zu konsumieren.
Auch in der Geldpolitik spielen die Erwartungen eine erhebliche Rolle. Erwarten Unternehmen und Haushalte beispielsweise in Zukunft eine höhere Inflation, erhöhen sie zeitnah die Preise, konsumieren mehr und fordern höhere Löhne. Die Folge: Die Erwartung tritt ein. Die Notenbanken müssen deshalb genau darauf achten, mit ihrer Geldpolitik so viel Glaubwürdigkeit zu erzeugen, dass die Inflationserwartungen tief und stabil sind.
Womit wir bei der aktuellen wirtschaftspolitischen Relevanz angekommen sind. Deutschlands Wirtschaft steckt in ihrer größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Jeden Monat gehen 15.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren, die Wettbewerbsfähigkeit, vor allem gegenüber China, hat deutlich abgenommen, und der einzige Sektor, der seit Jahren wächst, ist der Staat. Die Nettoinvestitionen liegen nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey bei null und damit weit unter dem Niveau anderer Länder. Das Potenzialwachstum beträgt rund 0,4 Prozent, und bereits 2028 dürfte das Wachstum nach der kurzen schuldenfinanzierten Scheinblüte wieder auf dieses Niveau sinken.
Es geht weiter bergab
Die rationale Erwartung in diesem Umfeld ist: Es geht weiter bergab. Die Unternehmen halten sich mit Investitionen noch mehr zurück und die Haushalte sparen noch mehr – gerade auch mit Blick auf die Altersvorsorge in der jetzt immer rascher alternden Gesellschaft. Das Wachstum wird noch mehr zurückgehen.
Folgt man den Erkenntnissen von Hall, liegt die Antwort auf diesen Niedergang nicht in weiteren Konjunkturprogrammen oder noch mehr Umverteilung, sondern in der Schaffung von Rahmenbedingungen, die glaubhaft die Erwartungen von Unternehmen und Haushalten verändern. Damit ist nicht die übliche Forderung der Politik gemeint: Bürger und Unternehmen sollten doch endlich positiv in die Zukunft blicken.
Nein, es sind echte Reformen gemeint, aus denen Bürger wie Unternehmen glaubhaft auf eine bessere Zukunft schließen können. Möglich wären sie vor allem durch eine Zurücknahme des überbordenden Staates. In Sicht sind sie aber nicht.
Doch auch in der Geldpolitik zeigt sich, dass eine Politik betrieben wird, die die Erwartungen von Unternehmen und Haushalten nachhaltig in die falsche Richtung verschiebt. Die immer höhere Staatsverschuldung in vielen Ländern und die weithin fehlende politische Bereitschaft, die Schulden unter Kontrolle zu bekommen, lassen eine baldige finanzielle Dominanz erwarten. Die Notenbank wird dazu missbraucht werden, die Finanzierung des Staates zu günstigen Zinsen zu sichern, zulasten der Einhaltung des Inflationsziels.
Allein schon die sich abzeichnende Alternativlosigkeit dieses Eingreifens der Notenbank – Staatsbankrotte dürfte es im Euro-Raum aus politischen Gründen nicht geben – wird dazu führen, dass Unternehmen wie Private in Zukunft eine höhere Inflation erwarten und entsprechend handeln werden. Die logische Folge ist eine noch höhere Inflation.
Beide Entwicklungen, der weitere wirtschaftliche Niedergang des Landes und die Rückkehr der Inflation, haben dieselbe Ursache. Sie liegt im Unvermögen der Politik, einen Kurswechsel zu einer finanziell nachhaltigen Wachstumspolitik zu vollziehen. Die Verantwortlichen scheitern an der Aufgabe, den Widerstand gegen Reformen durch eine glaubwürdige Zukunftserzählung zu überwinden. Oder sie probieren es nicht einmal.
→ handelsblatt.com: „Der Nobelpreis legt das Versagen der Politik offen“, 20. Oktober 2026

