Was tun mit dem Geld (12)? ‒ Wozu Gold?

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Am 2. Mai gab es einen Kommentar zu Gold in The Economist. Die Kernaussage ist simpel: Es gibt in der heutigen Zeit und Welt keinen Grund mehr Gold zu kaufen. Die Kernpunkte aus Sicht des Economist:

  • Eigentlich würde doch alles für Gold sprechen: steigende Schulden, Geldflut der Notenbanken, politische Unsicherheit. Dennoch liegt der Goldpreis ein Drittel unter dem Niveau von 2011.
  • Steigende Zinsen in den USA könnten den Preis noch weiter drücken. Damit steigen die Opportunitätskosten. Bliebe die Zinserhöhung aus, könnte es eine kurze Rallye geben, worüber sich vor allem die hoch verschuldeten Goldminen freuen dürften.
  • Goldfans betonen dabei die relative Stärke von Gold trotz eines gestiegenen US-Dollars, was steigende Preise in Euro und Yen bedeutet.
  • Die Nachfrage nach Gold gerade aus China und Indien bleibt stabil.
  • Dennoch ist Gold, so der Economist „in a rut“, was man als „in der Krise“ übersetzen kann.
  • Grund: Wer immer dem eigenen Geld misstraut ‒ und wer sollte das schon? J ‒ hat andere Möglichkeiten, sein Vermögen zu sichern: durch Anlage im Ausland, aber auch in Aktien, Immobilien und Kunst.

→ Economist: Buried, 2. Mai 2015

Starke Aussagen, vor allem von einem derart kompetenten und angesehenen Medium wie dem Economist. Doch was ist davon zu halten?

Peter Tenebrarum hat sich in seinem Blog mit den Argumenten des Economist auf – wie ich finde – interessante Art und Weise auseinandergesetzt. Hier seine Replik in den wesentlichen Punkten:

  • Der Economist hat in der Vergangenheit genau zum falschen Zeitpunkt Position bezogen. So mit der Prognose, der Ölpreis würde sich von zehn auf fünf US-Dollar pro Barrel verringern, im Jahre 1999. Kurz darauf begann der massive Anstieg des Ölpreises um immerhin 1400 Prozent. Fünf US-Dollar haben wir jedenfalls nicht gesehen. Für mich ist das nur eines der vielen Beispiele der Projektionen durch Verlängerung bestehender Trends. Zu Jahresanfang erwarteten alle einen deutlich stärkeren Dollar. Doch statt auf eins zu eins zu gehen, notiert er deutlich leichter.
  • In der Tat sind die Finanzmärkte unglaublich ruhig. Dies zeigt unter anderem der Financial Stress Index der St. Louis Fed:

FedIndex

Offensichtlich gibt es keinen „Stress“ im Finanzsystem, was zu der Frage führt, weshalb notiert Gold eigentlich noch bei 1200 US-Dollar? Sollte es jetzt – wo doch die Krise zu Ende ist – nicht deutlich tiefer stehen?

  • Obwohl die Menge an Notenbankgeld in den USA um 265 Prozent seit dem Jahr 2000 gestiegen ist, kam es zu keiner Inflation im eigentlichen Sinne. Angesichts der internationalen Überkapazitäten und dem immer noch großen Arbeitskräfteangebot ist auch keine (Hyper)inflation absehbar. Aber wir sind auf dem Weg dahin: Sobald die Schulden zu hoch sind, kommt es zu einer „Monetarisierung“ durch die Notenbanken, die zunächst nicht inflationär wirkt. Nach einiger Zeit überträgt sich die Preissteigerung von den Finanzassets jedoch in die Realwirtschaft. Selbst dann könnten Regierungen und Notenbanken die Inflation noch stoppen. Tun sie es nicht – wovon auszugehen ist – kommt es zu dem (auch von mir immer wieder angesprochenen) Vertrauensverlust in Geld. Dann kommt es zu einer Flucht aus Geld und wirklich zu einer Hyperinflation. Letztere spielen sich immer innerhalb weniger Monate ab – siehe Weimar.
  • Die Zinsentwicklung spielt sicherlich eine Rolle für den Goldpreis, vor allem wegen der Opportunitätskosten. Andererseits muss man festhalten, dass es dabei vor allem um den Real-, nicht den Nominalzins geht. Fallen die Preise, weil sich Inflation nicht einstellen will, so sind die Realzinsen positiv, egal wie tief der Nominalzins ist. Sonst bräuchten wir ja auch keine Negativzinsen!

Der Hauptgrund dürfte jedoch darin liegen, dass der Markt in die Zukunft blickt. Da spielen die heutigen Zinsen nur eine untergeordnete Rolle. Alles, was schlecht ist für sogenannte Risikoanlangen wie Aktien, ist per Definition gut für Gold. Viele Leute halten Gold als „Versicherung“, sogar Leute wie Ray Dalio. Diese kaufen unabhängig von der aktuellen Stimmung. Als Kaufargument genügt ein Blick auf die Wirtschaftspolitik der heutigen Zeit: Immer mehr und immer billigeres Geld und Schulden sollten die Schuldenkrise bewältigen. Die westliche Welt ist in einem Zustand der „behaupteten Solvenz“ – ich sage: pleite.

Ein gigantisches „Vertrauensspiel“ ist im Gange. Die Mehrheit spielt mit und glaubt noch, dass Staatsfinanzen und Bankensystem stabil sind. Wir wissen, Leser von bto ohnehin, dass dies nicht zutrifft. Doch es wird der Zeitpunkt kommen, an dem die Mehrheit es nicht mehr glaubt bzw. glauben kann. Dann bekommen wir alle entweder eine „Behandlung à la Zypern“ (also Enteignung von Bankeinlagen) oder die Hyperinflation. Das Ergebnis ist letztlich das gleiche. Wie kann man sich dagegen absichern? Gold scheint eine gute Wahl zu sein.

  • Die (relative) Stärke von Gold bei einem starken Dollar ist in der Tat ein gutes Zeichen.
  • Dass Gold „in der Krise“ steckt, ist sicherlich eine Frage des Standpunktes. In Euro und Yen gerechnet, befindet es sich wieder in einem Bullenmarkt, also einer stabilen Aufwärtsbewegung (was spiegelbildlich eine Abwärtsbewegung der Währungen ist!). Doch auch in Dollar ist Gold seit dem Erscheinen der Economist-Kritik um 45 US-Dollar gestiegen.
  • Was die Alternativen zu Gold betrifft, so sind wohl zu recht Zweifel angebracht! Aktien sind nun wahrlich nicht mehr billig. Immobilien je nach Markt ebenfalls nicht und was moderne Kunst betrifft, so ist diese doch wohl wie kaum eine Anlageklasse von dem Vermögen der Superreichen getrieben und damit eng mit den Finanzmärkten korreliert. Gold wird vor allem auch dann nachgefragt, wenn es diese Vermögenswerte nicht sind. Gold ist Geld, keine Commodity. Hätten wir einen Währungswettbewerb, würde diesen zweifellos Gold gewinnen. (Dazu passt aus meiner Sicht sehr gut, dass Gold zu Wertaufbewahrung taugt, nicht aber um Vermögenszuwachs zu realisieren. Kostete im alten Rom eine gute Toga eine Unze Gold, so erhält man dafür heute einen guten Anzug. Kaufkrafterhalt, nicht Vermögenszuwachs ist das Thema von Gold.)

Fazit: Gold ist eine Versicherung, die in jedes Portfolio gehört. Zu viele haben ein Interesse daran, Gold nicht starkzureden. Jeder Anstieg des Goldpreises ist wie eine Erdbebenwarnung für das Weltfinanzsystem. Hätte der Economist den Abgesang auf das Gold auf der Titelseite gehabt, wäre es wohl ein starkes Kaufsignal. Doch auch so bleibt die Empfehlung: Wer es noch nicht hat, sollte anfangen, eine Position aufzubauen. Wer es schon hat, sollte es als das sehen, was es ist: eine Versicherung. Oder kündigen Sie Ihre Feuerversicherung, weil es fünf Jahre nicht gebrannt hat?

→ Acting Man Blog: Economist on Gold – A Dissection, 16. Mai 2015

5 Kommentare
  1. Karl says:

    „Fallen die Preise, weil sich Inflation nicht einstellen will, so sind die Realzinsen negativ egal wie tief der Nominalzins ist“ … nein, die Realzinsen gehen bei Deflation in Richtung positiv.
    Was tun mit dem Geld? Z. B. in verwertbare WEITERBILDUNG investieren, das wäre vielleicht noch eine Ergänzung in dieser interessanten Serie.

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  2. Julian Konopka says:

    Sehr geehrter Dr. Daniel Stelter,

    seit über einem halben Jahr lese ich regelmäßig Ihren Blog und habe „Die Krise“ und „Die Billionen-Schuldenbombe“ mit großem Gewinn gelesen, dafür erstmal herzlichen Dank!

    Aktuell lese ich auf Empfehlung einer in Gold und Goldminen stark engagierten Vermögensverwalterin das Buch von Dimitri Speck „Geheime Goldpolitik“ mit guten Kritiken des Handelsblatts, von Marc Faber und eines ehemaligen Bundesbankdirektors. Darin meint der Autor Kursanomalien bei Gold durch Zentralbankmanipulationen seit 1993 zu entdecken und weist dies entlang von gemittelten Chartverläufen sowie Hinweisen aus inzwischen veröffentlichten FED-Protokollen nach. Schon 1993 soll es um befürchtete Inflationserwartungen als Merkmal eines steigenden Goldpreises gegangen sein, der einen fundamentalen Umschwung in der Anlegerpsychologie hin zu Sachwerten bewirken hätte können. Wahrscheinlich kennen Sie seine Analysen, ansonsten kann man sie auch in seinen Kolumnen auf den Goldseiten nachlesen: http://www.goldseiten.de/profil/40–Dimitri-Speck

    Mich würde Ihre Meinung zu diesem Thema interessieren, da auch der von mir hochgeschätzte Prof. Max Otte auf seinem Anlegerseminar die Möglichkeit der Manipulation zu bedenken gibt, während Robert Halver von der Baader Bank ganz offen im Deutschen Anlegerfernsehen davon ausgeht, dass „König Papiergeld“ keine anderen Götter neben sich duldet.

    Verschwörungstheorien oder nach Ihren Erkenntnissen gut begründet?

    mit freundlichen Grüßen,
    Julian-Gabriel Konopka

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  3. OK says:

    Wann hat schon jemals ein größeres Finanzmedium das derzeitige Geldsystem fundamental kritisiert und, anstelle von Überlegungen, wo gerade mehr an Nominalverzinsung zu holen ist, die Krisenfestigkeit und den Werterhalt der privaten Vermögen thematisiert? Die meisten Menschen bevorzugen, wie ja im obigen Artikel auch angeführt, das sichere Gefühl, dass „es schon irgendwie geregelt wird“. Von wem? Egal. Wie? Keine Ahnung. Oder noch schlimmer, Prinzip Merkel „Uns geht es gut“ und so kann es doch einfach bleiben, oder nicht? Und wenn dann der Economist (sinnvollerweise) schreiben würde, dass alle am besten 10% Gold halten sollten und nach einem halben Jahr die Welt trotzdem noch nicht untergegangen ist und der Goldpreis vielleicht, Gott bewahre, sogar gefallen ist, dann hätte er ewig den Ruf eines unseriösen Panikmachers in der Bequemlichkeitsgesellschaft.

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  4. Henry Meltemi says:

    Ich zitiere aus meinem Buch „Wirtschaft und Finanz für meinen Sohn“ (ISBN 978-3-8370-6890-0, 2016), Seite 60:
    Eine purpurumsäumte Senatorentoga kostete im Alten Rom eine Unze Gold. Heute bekommt man für die gleiche Unze immer noch einen Maßanzug in Savile Row. Dieselbe Unze Gold unterhielt einen römischen Haushalt einen Monat lang, heute noch genauso im Notfall einen modernen Haushalt.

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